Bischof Kapellari: Über die Quellen wahrer Freude

Hirtenbrief für die Fastenzeit 2008

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GRAZ, 8. März 2008 (ZENIT.org).- Der Grazer Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari erklärt in seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief, was man zur Einübung in ein entschlosseneres Christ-Sein tun kann: „Wer sich auf ein vertieftes Beten, Fasten und Teilen einlässt, der wird erfahren, dass dies nach manchen Anfangsschwierigkeiten Freude bringt: Freude, die mehr ist als Spaß.“

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Der vierte Sonntag der Fastenzeit heißt mit seinem alten lateinischen Namen auch Sonntag Laetare: Das bedeutet „Freue dich!“. Wir sind eingeladen zur Vorfreude auf das Osterfest, und am Beginn der Eucharistiefeier steht daher dieser trompetenhafte Ruf. Freude kann man sich nicht befehlen lassen, man kann aber Quellen suchen, die Freude schenken. Die tiefste und reichste Quelle der Freude ist für einen wirklich glaubenden Christen der Dreieinige Gott selbst, dessen Licht uns in Jesus Christus aufgegangen ist.

Jeder Mensch braucht viel Freude, wenn er nicht nur kümmerlich leben soll. Viele begnügen sich aber auf der Suche nach Freude mit bloßem Spaß. Das ist vielleicht ausreichend lustig, solange jemand jung, reich und schön ist. Aber spätestens dann, wenn tiefgreifende Lebenskrisen aufkommen, ist Spaß kein Lebensmittel mehr, das wirklich ausreicht. Als Christen brauchen und sollen wir nicht Spaßverderber sein. Wir haben wirklich auch Grund zum Lachen. Der tiefste Grund dafür ist aber nicht ein glückliches Temperament und Schicksal, sondern der christliche Osterglaube. Er sagt, dass das Böse und der Tod in dieser Welt nicht das letzte Wort haben werden.

Das Gold der Freude liegt aber für einen Christenmenschen nicht sozusagen auf der Straße. Er muss immer wieder danach graben wie ein Schatzgräber. Diese Überwindung von Oberflächlichkeit nennen wir „Einübung ins Christentum“. Das Wort Übung hat z.B. im Sport und in der Musik sein unbestrittenes Recht. Im religiösen Leben der Christenheit Mittel- und Westeuropas hatte das Wort Übung in den letzten Jahrzehnten bei vielen Christen keinen guten Klang. Man rückte religiöse Übung in die Nähe von Dressur und hatte es dann leicht, sie abzulehnen oder als überflüssig zu erklären. Unser Leben, auch das religiöse Leben, braucht aber einen Rhythmus, eine Abwechslung zwischen Spontaneität und Übung.

Im Rundblick auf die Kirche in Österreich und ganz Europa sehen wir einerseits sehr viel Positives, andererseits gibt es auch viele Schwächen. Es gibt unzählige Lebenskeime, aber auch viele Todeskeime. Auch die Zivilgesellschaft unseres Landes mit ihrer Lebenskultur, ihrer Kulturszene und ihrer Politik steht in einer Spannung zwischen Aufbruch und Verfall. Die Beispiele für einen solchen Verfall würden eine lange Liste ergeben. Ich verzichte hier auf eine Aufzählung und möchte lieber auf das hinweisen, was jeder von uns tun kann, um etwas zum Besseren zu verändern.

In einem bekannten Gebet heißt es: „Gott, erneuere deine Kirche und fange bei mir an.“ Wir können Kirche und Gesellschaft mindestens insofern erneuern, als wir selbst Verantwortung übernehmen und versuchen, mit kleinen Schritten ein besserer Mensch und Christ zu werden. Auch viele kleine Schritte ergeben ja einen Weg.

Was können wir alle zur Einübung in ein entschlosseneres Christ-Sein tun? Die Heilige Schrift macht dazu im Buch Tobit (11,8) drei einfache Vorschläge. Dort heißt es: „Es ist gut, zu beten und zu fasten und barmherzig und gerecht zu sein.“

1. Das Beten
In diesem kurzen Hirtenbrief kann ich nur wenig über das große Thema Gebet sagen. Ich mache nur zwei Vorschläge: Nehmen Sie sich täglich etwas Zeit für eine betende Hinwendung zu Gott. Tausende Texte und Bilder können Ihnen dabei helfen. Gehen Sie dabei aber nach Möglichkeit wenigstens für einige Minuten in eine unserer Pfarr- oder Klosterkirchen. Werden Sie still vor dem Tabernakel in diesem stillen Raum, wo Gott gegenwärtig ist, wo er Ihnen entgegen wartet. Und nehmen Sie sich am Sonntag eine Stunde Zeit für Gott und für Ihre Mitchristen, indem Sie die Heilige Messe mitfeiern. Wer hier Zeit spart, der verliert auf längere Zeit viel Segen.

2. Das Fasten
Fasten ist ein Sich-Zurücknehmen, damit ein Raum entsteht, in welchem andere Menschen und schließlich Gott bei uns, mit uns wohnen können. Für viele Menschen ist die Versuchung zur Gier sehr groß. Wenn man ihr einfach nachgibt, wird man früher oder später sicher unglücklich. Das Fasten ist ein Heilmittel gegen diese Gier. Es geht dabei nicht nur oder vor allem um eine Einschränkung bei Essen, Trinken oder Rauchen, sondern positiv gewendet um eine Stärkung der Kraft zur Solidarität, ja zur Liebe. Fasten stärkt die Fähigkeit zum Teilen von Geld, Zeit und Aufmerksamkeit.

3. Das Teilen
Damit ist schon der dritte Vorschlag der Heiligen Schrift für eine tiefere Einübung ins Christentum angesprochen. Er lautet, wie schon gesagt: „Es ist gut, barmherzig und gerecht zu sein.“ Die von der Kirche selig gesprochene Mutter Teresa von Kalkutta hat gesagt: „Man muss helfen, bis es weh tut.“ Das ist keine Aufforderung, sich selbst zu quälen, sondern eine Herausforderung zum Besten, das ein Mensch zuwege bringen kann, nämlich Barmherzigkeit, Solidarität.

Liebe katholische Christen in der Steiermark!
Wer sich auf ein vertieftes Beten, Fasten und Teilen einlässt, der wird erfahren, dass dies nach manchen Anfangsschwierigkeiten Freude bringt: Freude, die mehr ist als Spaß. Wenn viele von uns diesen dreifachen Rat der Heiligen Schrift entschlossen annehmen und leben, dann wandelt sich unspektakulär auch das Klima im Land zum Besseren: das religiöse, soziale, kulturelle und politische Klima. Jeder von uns kann dafür etwas tun. Tun wir etwas! Darum bitte ich Sie und wünsche Ihnen allen Gottes Segen.


       + Egon Kapellari
         Diözesanbischof


Graz,  am Sonntag Laetare
 2. März 2008

[Von der Diözese Graz-Seckau veröffentlichtes Original]