Bischof Kapellari: Umkehr zur Liebe Gottes

Interview mit dem Grazer Diözesanbischof

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GRAZ, 28. Februar 2007 (ZENIT.org).- „Wenn Jesus im Evangelium von Umkehr spricht, dann meint er damit vor allem das Eintreten in eine personale Beziehung oder die Heilung einer Beziehung, die gestört worden ist. Es geht um das Innewerden der bedingungslosen, allen menschlichen Leistungen zuvorkommenden Liebe Gottes“, unterstrich Dr. Egon Kapellari, Diözesanbischof von Graz-Seckau, als er mit ZENIT über die Fastenzeit sprach.



Wohin wir uns ständig bekehren sollten? „Wir sind gerufen, durchsichtig zu werden für die universale Barmherzigkeit Gottes, die an den Grenzen der Tauschgerechtigkeit und Nützlichkeit nicht Halt macht.“

Ein besonderes Anliegen ist es dem 71-jährigen Hirten, seines Zeichens Stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, dass die Menschen in diesen Tagen „entschiedene Freunde des menschlichen Lebens in all seinen Dimensionen“ werden mögen: „Freunde des geborenen und des noch nicht geborenen, des entfalteten und des behinderten, des schuldlos leidenden und des schuldig gewordenen, des irdischen und des ewigen Lebens.“

ZENIT: Braucht der heutige Mensch die Fastenzeit überhaupt noch? Was will sie ihm sagen?

-- Bischof Kapellari: Dass jedem Menschen Zeiten der Besinnung, Einkehr und Konsumaskese gut tun. Dass Zeiten, in denen man bewusst einfacher und aufmerksamer als sonst lebt, als heilsam erfahren werden, muss wohl nicht lange argumentiert werden.

Die christliche Fastenzeit – Aschermittwoch und Ostern stehen auch in profanen Kalendern – wird daher auch in einer größeren Öffentlichkeit, die über den Kreis der kirchlich engagierten Christen weit hinausreicht, durchaus wahrgenommen. Zeitschriften und TV-Sendungen befassen sich mit dem Thema „Fasten“, wobei in einer üppigen Wohlstandsgesellschaft dem gesundheitlichen Aspekt besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aber auch Wünsche nach Selbstfindung, nach mehr Lebensqualität, nach geistiger Entschlackung, nach spiritueller Vertiefung kommen oft recht deutlich ins Spiel. All dass kann zum Fasten im christlichen Sinn hinführen.

Beim christlichen Fasten geht es um ein Freiwerden für die Begegnung mit Jesus Christus, der uns nach einem Wort im Johannesevangelium „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) schenken will.

ZENIT: „Umkehr“ ist ein Wort, das man weder gern in den Mund nimmt noch gern hört, das aber doch auch eine positive Seite hat – oder etwa nicht?

-- Bischof Kapellari: Vielleicht kommt die Abwehr gegenüber einer Umkehr davon, dass damit schnell moralische Leistungen assoziiert werden.

Wenn Jesus im Evangelium von Umkehr spricht, dann meint er damit vor allem das Eintreten in eine personale Beziehung oder die Heilung einer Beziehung, die gestört worden ist. Es geht um das Innewerden der bedingungslosen, allen menschlichen Leistungen zuvorkommenden Liebe Gottes.

In der Gleichniserzählung vom verlorenen und wieder gefundenen Sohn (vgl. Lk 15,11-32) zeigt Jesus, wie Gott auf den Menschen, der sich mitunter erst spät und schmerzhaft eines Irrweges bewusst wird, wartet und sich über seine Heimkehr unsagbar freut. Der erste Johannesbrief fasst die Grunderfahrung des Christseins so zusammen: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen“ (1 Joh 4,16). Eine solche Erfahrung kann im Menschen ungeheure Energien freisetzen, ihn dann auch große Mühen auf sich nehmen lassen, weil das eigene Leben und das der Mitmenschen in ein neues Licht gerückt werden: „Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben“ (1 Joh 4,11).

ZENIT: Wozu soll man in der Fastenzeit „umkehren“? Soll man einfach nur ein lieber Mensch werden, der nirgends aneckt?

-- Bischof Kapellari: Es ist durchaus positiv, wenn jemand sich bemüht, ein anständiger Mensch – oder wie Sie sagen: ein „lieber Mensch“ – zu sein. Nicht nur in einer Zeit, in der viele durch querulantes Verhalten Aufmerksamkeit suchen, ist es gut, wenn Menschen sich bemühen, mit anderen gut auszukommen. Das gilt prinzipiell auch für Christen. Darum kann Paulus schreiben: „Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12, 17b-18).

Jesus ermutigt aber seine Jünger, nicht bei dieser Anständigkeit stehen zu bleiben, sondern nach einer „größeren Gerechtigkeit“ zu trachten. So hören wir ihn im 6. Kapitel des Lukasevangeliums predigen: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,32-36).

Damit ist schon gesagt, wohin wir uns ständig bekehren sollen. Wir sind gerufen, durchsichtig zu werden für die universale Barmherzigkeit Gottes, die an den Grenzen der Tauschgerechtigkeit und Nützlichkeit nicht Halt macht. So sollen wir zum Beispiel entschiedene Freunde des menschlichen Lebens in all seinen Dimensionen sein: Freunde des geborenen und des noch nicht geborenen, des entfalteten und des behinderten, des schuldlos leidenden und des schuldig gewordenen, des irdischen und des ewigen Lebens. Ein solches Engagement, das niemandem Verständnis und Liebe verweigern will, kann auch missverstanden werden und auf Widerstand stoßen. Christen streben diesen Widerstand nicht an, müssen aber damit rechnen.

ZENIT: Worin besteht das „Geheimnis“ der Fastenzeit?

-- Bischof Kapellari: Sie soll uns menschlicher machen, indem sie uns näher zu Christus führt.

Durch das Gebet, Fasten und Taten der Barmherzigkeit vertiefen wir uns in das große Geheimnis von Ostern: „Christus liebte die Seinen, die in der Welt waren, und er erwies ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ (Joh 13,1). Wir wollen hellhörig werden für die Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu: Kein Menschenleben ist so dunkel, so sinnlos, so sündhaft verfahren und gottverlassen, dass es nicht doch von Gottes Liebe berührt, umfangen und endgültig geheilt werden könnte. Bekehrt euch zu dieser Liebe!