Bischof Koch analysiert aktuelle Lage der Kirche in der Schweiz

Oft gehörte und wiederholte Behauptungen halten einer eingehenden Analyse nicht stand

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SOLOTHURN, 12. März 2009 (ZENIT.org).- Bischof Kurt Koch unternimmt in seiner jüngsten Stellungnahme zur aktuellen Lage der katholischen Kirche in der Schweiz den Versuch, eine sachgerechte Antwort auf viele Polemiken zu geben, die immer wieder in der Öffentlichkeit vorgetragen und mit denen immer wieder falsche Sachverhalte suggeriert werden: Es gebe einen Bruch zwischen dem Papst und den Bischöfen in der Schweiz, einen Bruch zwischen den Bischöfen in der Schweiz und den Katholiken sowie einen Bruch zwischen der Kirche vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil...

Diese behaupteten Brüche haben, wie Bischof Koch in seiner eingehenden Analyse zeigt, kein wirkliches Fundament.

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Die vielen Reaktionen, die ich auf meinen Brief an die Gläubigen erhalten habe und für die ich an dieser Stelle herzlich danke, haben mir gezeigt, dass viele Katholiken dankbar dafür gewesen sind, im öffentlichen Stimmengewirr von Meldungen, Meinungen und Auseinandersetzungen auch die Stimme des Bischofs zu hören.

In der Zwischenzeit ist wiederum so viel geschehen, dass ich es für angezeigt halte, mich nochmals in der Öffentlichkeit vernehmen zu lassen. Ich will vor allem jene Fragen und Sorgen zum Ausdruck bringen, die mich beschäftigen und von denen ich überzeugt bin, dass wir sie nur gemeinsam angehen können, um im gegenwärtigen Streit um das Zweite Vatikanische Konzil Wege in die Zukunft zu finden.

Uneingeschränkte Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils?
Ich beginne mit einem Phänomen, das auf den ersten Blick erfreulich ist, sich aber bei näherem Zusehen doch als zwiespältig erweist: Schon lange nicht mehr hat man sich in der katholischen Kirche in der Schweiz so deutlich auf das Lehramt berufen wie in den vergangenen Wochen.

Das große Ereignis des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde in Erinnerung gerufen und mit höchstem Lob versehen. Es wurde eine Petition lanciert, bei der man sich mit der Unterschrift für die „uneingeschränkte Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils“ einsetzen konnte.

In Luzern fand am 8. März eine „nationale Demonstration“ statt, wobei mit dieser ärgerlich inklusiven Sprache nur die Deutschschweiz und die anderen Sprachregionen mitgemeint waren.

Diese wollte in erster Linie „für eine Kirche“ eintreten, „die sich auf der Basis des II. Vatikanischen Konzils und der Synode 72 weiter entwickelt“. In der Zeitung der Theologiekurse wurde im Editorial sogar die Frage gestellt, ob es „entgegen aller katholischen Lehrtradition nunmehr möglich werden“ solle, „innerhalb der Kirche ein Konzil und dessen Beschlüsse ausdrücklich abzulehnen“, da solches Verhalten „doch bis anhin unweigerlich die Exkommunikation nach sich“ gezogen habe.

Über soviel Lehramtstreue kann man sich eigentlich nur freuen. Die Freude verwandelt sich aber zumindest in Nachdenklichkeit, sobald man feststellt, dass alle diese Forderungen an andere gerichtet sind: an die Pius-Bruderschaft, an die Bischöfe und vor allem an Papst Benedikt XVI., denen man offensichtlich unterstellt, dass sie nicht besonders lehramtstreu sind.

Wie sähe es aber aus, wenn man diese Postulate zunächst an sich selbst richten würde: Wer kann dann von sich behaupten, er stehe „uneingeschränkt“ und ohne Reserve hinter dem Zweiten Vatikanischen Konzil? Haben denn diejenigen, die dies so lautstark fordern, keine Fragen an das vergangene Konzil?

Ich jedenfalls könnte mich davon nicht ausnehmen; denn auch für mich gibt es in den Texten des Konzils problematische Punkte, die vertieft angegangen werden müssten. Müsste man nicht eingestehen, dass da recht vollmundig geredet worden ist und man die Goldene Regel nicht auf sich selbst angewendet hat?

Teilweise ist sogar die Grenze der Ehrlichkeit überschritten worden. Wenn ich mir beispielsweise die kategorische Einschärfung der Religionsfreiheit in den vergangenen Wochen vor Augen halte und mich zugleich daran erinnere, mit welcher Vehemenz Hans Küng zusammen mit anderen so genannt liberalen Katholiken vor wenigen Jahren für die Aufrechterhaltung des Bistumsartikels, des letzten aus dem Kulturkampf stammenden konfessionellen Ausnahmeartikels, in der Schweizerischen Bundesverfassung gekämpft hat, kann ich solches Verhalten nur als Rückfall in das 19. Jahrhundert verstehen.

Glücklicherweise hat das Schweizer Volk in der Abstimmung ein sensibleres Verständnis von Religionsfreiheit an den Tag gelegt als der Weltethiker Küng.

Es waren zwar vereinzelt auch Stimmen zu hören, die in ihrer Selbstsicherheit inzwischen verunsichert worden sind. Einzelne Mitglieder der Bewegung „Wir sind Kirche“ beispielsweise haben sich die Mühe gemacht, in die Texte des Konzils zu schauen, und haben nachher erklärt, man könne nicht die Anerkennung des Konzils fordern, wenn man an den Postulaten des Kirchenvolksbegehrens festhalten wolle.

Wieder andere haben betont, sie meinten natürlich nicht die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern den „Geist“ des vergangenen Konzils, ohne genau angeben zu wollen, worin denn dieser „Geist“ bestehe. Wer sich aber nur auf den „Geist“ und nicht auf die Entscheidungen des Konzils beruft, steht erst recht in Gefahr, Steinbruchexegese nun nicht wie früher hinsichtlich der Heiligen Schrift, sondern im Blick auf das Konzil zu betreiben.

Die Vermutung ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, dass das Zweite Vatikanische Konzil teilweise gleichsam wie eine Stopfgans behandelt wird, in die jeder nach Belieben seine Wünsche, Vorstellungen und Postulate hineinlegen kann.

Über die Postulate, die an der so genannten „Kirchendemonstration“ in Luzern erhoben wurden, kann man gewiss miteinander ins Gespräch kommen, sie aber als notwendige Konsequenzen aus dem vergangenen Konzil nachzuweisen und sie als allein mögliche Interpretation des Konzils zu behaupten, dürfte nur schwer gelingen.

Hinzu kommt noch eine tiefer liegende Frage: Wenn es zur Katholizität eines katholischen Christen gehört, die Beschlüsse eines Konzils anzunehmen, wie dies eingefordert worden ist, stellt sich natürlich sofort die Gegenfrage ein: Gilt dies nur für das Zweite Vatikanische Konzil, oder gilt es nicht auch von allen anderen Konzilien?

Müsste dann nicht auch ein Katholik exkommuniziert werden, der das Erste Vatikanische Konzil ablehnt? Wie steht es mit den altkirchlichen Konzilien, die das Menschsein und Gottsein Jesu Christi gelehrt haben? Wie steht es mit dem Trienter Konzil, das die Spendung der Sakramente eindeutig an die Priesterweihe gebunden hat? Ist es da nicht recht einseitig, nur die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils, und zwar „uneingeschränkt“, zu fordern?

Denn der Katholik ist verpflichtet, alle Ökumenischen Konzilien seit Beginn der Kirche anzunehmen. Wenn man die Frage so stellt, dürften die Fronten nicht mehr so klar sein, wie sie in den vergangenen Wochen in der Öffentlichkeit erschienen sind.

Wo liegt in dieser Hinsicht dann der Unterschied zwischen der Pius-Bruderschaft, die erklärt, sie anerkenne alle Konzilien der Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, und jenen Gruppierungen, die die Ansicht vertreten, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil seien die bisherigen Konzilien überholt und es habe ein neuer Weg begonnen?

Das Konzil als Bruch oder in Kontinuität?
Der tiefste Punkt in den gegenwärtig arg polarisierten Auseinandersetzungen über das Konzil kommt freilich erst an den Tag, wenn man nach den inhaltlichen Gründen für die jeweiligen Positionen fragt.

Der eigentliche Grund, warum die Pius-Bruderschaft das Zweite Vatikanische Konzil nicht annehmen will, besteht darin, dass in ihrer Sicht in diesem Konzil Lehren vertreten werden, die neu seien und keinen Anhalt an der Tradition der Kirche hätten.

Sie verstehen deshalb das Konzil als Bruch mit der ganzen Tradition der Kirche. Genauso verstehen - freilich im umgekehrten Sinn - auch nicht wenige Katholiken, die sich auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen, dieses kirchliche Großereignis im vergangenen Jahrhundert.

Voll zu Tage liegt diese Neuinterpretation des Konzils als Bruch mit der Tradition bei Hans Küng, der zum lautstarken Exponenten dieser Bewegung geworden ist. Wer sich die Mühe macht, seine zwei voluminösen Bände von Lebenserinnerungen zu lesen, wird auf Hunderten von Seiten feststellen, wie er wirklich zu diesem Konzil steht: Küng diagnostiziert beim Konzil schon einen „Geburtsfehler“, der darin bestanden haben soll, dass es dem Konzil nicht gelungen sei, „die institutionell-personelle Machtstruktur der zentralistischen Kirchenleitung im Geist der christlichen Botschaft entscheidend zu verändern“ (Umstrittene Wahrheit, 42).

Und im Rückblick beurteilt Küng die Kirchenversammlung als „Konzil mit seinen Kompromissen, Halbheiten und Mehrdeutigkeiten“. Er erklärt emphatisch, das Konzil selbst habe dazu aufgefordert, nicht beim Konzil stehen zu bleiben, sondern über es hinauszugehen.

Von daher will Küng sein weiteres Schaffen als „kritisch-konstruktive Weiterführung“ des Konzils verstanden wissen (Umstrittene Wahrheit, 186). Damit ist auch die These Karl Rahners, das Konzil sei nur der Anfang von etwas Neuem, zu Ende gedacht.

Vollends Klartext hat Küng in seinem Interview in „Le Monde“ gesprochen, in dem er Papst Benedikt XVI. vorwirft, dass er das Zweite Vatikanische Konzil nicht als „Bruch“ erkennen könne, sondern es in Einklang mit der Tradition interpretiere, was ihn in die Nähe der Pius-Bruderschaft bringe.

Küng selbst versteht das Konzil als Bruch, weil als „Integration des Paradigmas der Reformation und der Moderne in die katholische Kirche“. Da die Moderne wesentlich Traditionsbruch ist, muss auch das modernitätsverträgliche Konzil Bruch mit der Tradition sein. Treffsicherer hätte Küng seine erkenntnisleitenden Interessen nicht mehr formulieren können; und hier endlich vernimmt man, was seine Anhänger unter „uneingeschränkter Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils“ wirklich verstehen.

Das Konzil als Bruch mit der Tradition der Kirche also hüben wie drüben! Erst wenn man sich diese den Lefebvre-Nachfolgern und den Küng-Anhängern gemeinsame Beurteilung des Konzils vor Augen führt, kann man auch die Heftigkeit verstehen, mit der der Kirchenstreit seit Wochen in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Erneut bestätigt sich die alte Weisheit: les extrèmes se touchent, und erfahrungsgemäß muss man hinzufügen: et se battent.
Angesichts dieser beiden Extrempositionen hat Papst Benedikt XVI. einen sehr schweren Stand. In seiner ersten Weihnachtsansprache an die Mitglieder der römischen Kurie am 22. Dezember 2005 lehnte er die „Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches“ ausdrücklich ab und betonte die „Hermeneutik der Reform“.

Demgemäß versteht er das Konzil nicht als „Bruch“ mit der Tradition und damit als Beginn einer neuen Kirche, sondern als „Reform“, nämlich als Erneuerung im Sinne der Re-Form der einen Kirche unter Wahrung ihrer grundlegenden Kontinuität, um die „Form“ der Kirche von ihren Quellen und damit vom Ursprünglichen her zu erneuern.

Diese Verbindung von Treue zur Tradition und dynamischer Erneuerung vertritt Papst Benedikt XVI. keineswegs einseitig gegenüber den „Progressisten“, wie der emeritierte Tübinger Theologe Peter Hünermann dem Papst zu Unrecht vorhält. Papst Benedikt bringt dieselbe Überzeugung vielmehr auch gegenüber den „Traditionalisten“ zur Geltung, wenn er in seinem Schreiben an die Bischöfe anlässlich der Veröffentlichung seines Apostolischen Schreibens über die römische Liturgie in ihrer Gestalt vor der 1970 durchgeführten Reform betont: „In der Liturgiegeschichte gibt es Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch“, und daraus folgert: „Um die volle communio zu leben, können die Priester, die den Gemeinschaften des alten usus zugehören, selbstverständlich die Zelebration nach den neuen liturgischen Büchern im Prinzip nicht ausschließen.“

Sowohl an die Traditionalisten als auch an die Progressisten richtet der Papst dieselbe Zumutung, nicht zwischen einer vorkonziliaren und nachkonziliaren Kirche in dem Sinn zu scheiden, dass mit dem Konzil eine neue Kirche entstanden wäre (dies wäre Reformation), sondern das Konzil als Erneuerung der einen Kirche in bleibender Kontinuität mit der Tradition zu sehen und zu leben (dies ist Reform). Indem der Papst beide Seiten zum Konzil zurückrufen will, versucht er eine Versöhnung der höchst polarisierten Kirche in einer gesunden Mitte.

Kein Gegensatz zwischen Konzil und Papst Benedikt XVI.
Weil man diese Zumutung des Papstes an beide Strömungen rechts und links (um diese unmöglichen Wörter zu gebrauchen) weithin nicht wahrnehmen will, sondern beide Seiten für sich in Anspruch nehmen, die allein wahre Interpretation des Konzils zu vertreten, ist in den vergangenen Wochen in der Öffentlichkeit ein heilloser Gegensatz zwischen dem Konzil und Papst Benedikt XVI. vertreten worden, der weder dem Konzil noch dem Papst gerecht wird.

Wenn die „Kirchendemonstration“ in Luzern am 8. März gegen „die Politik des Vatikans“ protestiert hat, „die auf eine dogmatisch verengte, autoritäre und weltfremde Kirche“ hinausläuft, dann ist dies jedenfalls nicht die Kirche, wie Papst Benedikt sie wünscht. Er ist weder ein verkappter Traditionalist, noch will er die Kirche hinter das Konzil zurückführen.

Einen Gegensatz zwischen dem Konzil und Papst Benedikt kann man nur dann behaupten, wenn man die Beurteilung des Konzils als Bruch und als Reformation als die allein gültige Interpretation des Konzils beansprucht.

Dann freilich würde man den Bischöfen der Pius-Bruderschaft vollends Recht geben. Papst Benedikt aber interpretiert das Zweite Vatikanische Konzil wie alle anderen Konzilien, nämlich bei allem Neuen, das sie gebracht haben, in bleibender Kontinuität mit der Tradition der Kirche stehend, wie es seit jeher der katholischen Hermeneutik entspricht. So versteht sich aber auch das Zweite Vatikanische Konzil selbst, wie die vielfältigen Rückbindungen an die Tradition zeigen.

Natürlich kann man auch das Zweite Vatikanische Konzil nicht als Schlusspunkt verstehen, nach dem es keine weiteren Entwicklungen mehr geben könnte. Denn das Konzil selbst hat in seiner dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung den Entwicklungsgedanken als besondere Weise der katholischen Identität – meines Wissens erstmals lehramtlich - definiert.

Insofern kann man die erste Forderung an der „Kirchendemonstration“ in Luzern nach einer „Kirche, die sich auf der Basis des II. Vatikanischen Konzils und der Synode 72 weiter entwickelt“, als prinzipiell berechtigt verstehen.

Nur wäre man dann auch zur Rechenschaft darüber verpflichtet, wie man diese „Basis“ genauerhin versteht, wohin weiter entwickelt werden soll und wer dies legitimerweise tun kann: der Einzelne für sich, eine Pfarrei, eine Ortskirche allein oder in Gemeinschaft mit der universalen Kirche und in Verbundenheit mit dem Papst.

Auf der anderen Seite kann und darf dieses Postulat aber nicht dahingehend missverstanden werden, dass das Konzil gleichsam nur als Startpiste betrachtet wird, um von seinem Boden abzuheben, den freien Flug zu ermöglichen und sich von der Tradition der Kirche abzukoppeln.

Im Licht dieser Überlegungen dürfte auch besser verstanden werden können, dass die Hand zur Versöhnung, die Papst Benedikt XVI. der Pius-Bruderschaft entgegengestreckt hat, mitnichten ein Verrat am Zweiten Vatikanischen Konzil ist.

Ich bedaure deshalb die vielen Verdächtigungen und Verurteilungen, die über Papst Benedikt in einer Gemengelage von Ängsten, Enttäuschungen und alten Vorurteilen in den vergangenen Wochen ausgesprochen worden sind, die zu einem großen Teil nicht nur ungerecht, sondern auch verletzend sind – ganz zu schweigen von den üblichen Grobianismen, die sich der Weltethiker Hans Küng wieder geleistet hat, wenn er dem Papst das Ansinnen unterstellt, er mache die Kirche zu einer Sekte und von ihm sei überhaupt nichts mehr zu erwarten. Und wenn er dem Papst schon unterstellen will, er sei nicht so viel in der Welt gereist wie er, dann sollte er wenigstens wissen, wie absurd solche damit verbundenen Verdächtigungen sind.

Denn er hätte dann wenigstens zur Kenntnis nehmen können, dass, während bei uns Meldungen von so genannten „Kirchenaustritten“ als Schlagzeilen in den Medien stehen, die Katholikenzahl weltweit im Steigen begriffen ist und dass selbst die Zahl der Priester in Afrika und Asien im vergangenen Jahr über zwanzig Prozent gestiegen ist.

Dass der Papst Versöhnung auch mit der Pius-Bruderschaft, die nach dem Konzil ins Schisma gegangen sind, wünscht und in diesem Sinn auf sie zugegangen ist, ist nicht nur die Pflicht dessen, der in besonderem Maße im Dienst der Einheit steht, sondern dies ehrt ihn auch. Seine Geste der Versöhnung mit anderen Maßstäben messen zu wollen als an seiner Sorge um die Einheit der Kirche, bedeutet, ihn gründlich zu verkennen.

Seine Treue zum ganzen Konzil zu verdächtigen, ist realitätsfern; ist er doch einer der wenigen noch lebenden Konzilstheologen und orientiert er sich in seinem Lehramt als Papst stets am Zweiten Vatikanischen Konzil. Papst Benedikt XVI. auch nur in die Nähe antisemitischer Einstellungen zu bringen, ist geradezu als absurd zu bezeichnen.

Weitere Irritationen
Über das tragische Zusammenfallen der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft mit der Veröffentlichung der unerträglichen Leugnung des Holocaust durch einen dieser Bischöfe ist in den vergangenen Wochen genug gesagt worden; ich möchte darauf nicht mehr zurückkommen.

Mit seiner Ansprache an die Mitglieder der Conference of Presidents of Major American Jewish Organisations am 12. Februar hat Papst Benedikt XVI. selbst ein derart unmissverständlich klares Wort gesagt, dass es nur noch bösartig sein kann, ihm noch immer dieses tragische Zusammenfallen anlasten zu wollen. Wörtlich sagte der Papst: „Der Hass und die Verachtung gegenüber Männern, Frauen und Kindern, die in der Shoah zum Ausdruck kamen, waren ein Verbrechen gegen Gott und gegen die Menschheit. Das sollte jedem klar sein, besonders jenen, die in der Überlieferung der Heiligen Schriften stehen, nach denen jeder Mensch als Abbild Gottes geschaffen ist, ihm ähnlich (vgl. Gen 1, 26-27).

Es steht außer Frage, dass jede Verleugnung oder Schmälerung dieses schrecklichen Verbrechens untragbar und ganz und gar inakzeptabel ist.“ Im Blick auf diese Ansprache hat Rabbiner David Rosen dankbar anerkannt: „Kein fairer jüdischer Beobachter kann vom Papst mehr verlangen als das, was er gesagt hat.“ Wenn ein Jude so urteilt, sollten auch wir Katholiken diese Angelegenheit ad acta legen.

Dass dieses tragische Zusammentreffen zu einer großen Solidarität von vielen Katholiken mit den Juden geführt hat, ist nicht nur verständlich, sondern auch erfreulich, zeigt sie doch, wie gefestigt die jüdisch-katholischen Beziehungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil geworden sind. Nicht verstehbar ist für mich aber die Tatsache, dass diese Solidarisierung mit den Juden bei nicht wenigen Katholiken zu einer Entsolidarisierung mit dem Papst geführt hat., die nahe an einen Bruch mit ihm herangeführt hat.

Einzelne Seelsorgende haben sich auch vom Bischof entsolidarisiert, indem sie im Pfarrblatt oder in einem Communiqué verlauten ließen, die Empörung über das Handeln des Papstes sei verständlich, die wahre und lebendige Kirche sei aber die Pfarrei und die Gläubigen sollten sich durch Aussagen der Kirchenleitung und durch das „Handeln von oben“ nicht irritieren lassen und nicht aus der Kirche austreten, denn es gehe von den Kirchensteuern ohnehin nichts nach Rom und Solothurn.

Abgesehen davon, dass man sich fragen kann, ob es bei der Kirchengliedschaft in erster Linie um das Geld geht, ist es ein alarmierendes Zeichen, dass man meint, so genannte Kirchenaustritte nur auf dem Weg verhindern zu können, dass man das katholische Kirchenverständnis verrät und dass in schwierigen Situationen, in denen erst recht Zusammenstehen in der Kirche angesagt wäre, Entsolidarisierung stattfindet. Das Kirchenbild, das damit vertreten wird, dürfte zudem nur ganz wenig Anhalt am Zweiten Vatikanischen Konzil haben.

Auch in ökumenischer Hinsicht kann und will ich aus meiner Seele keine Mördergrube machen. Es hat mich in meiner ökumenischen Sensibilität sehr verletzt, dass christkatholische Gemeinden die schwierige Situation, in die unsere Kirche geraten ist, als Gelegenheit wahrgenommen haben, für ihre Kirche in Zeitungen zu werben.

Denn die seit langer Zeit bewährte ökumenische Lebensregel heißt, dass man an den Freuden und Leiden der anderen Kirchen Anteil nimmt. Wenn man hingegen nach der Devise handelt: „Der anderen Kirche geht es schlecht, also ist dies eine gute Chance, für uns zu werben“, dann ist dies Proselytismus der unfeinsten Art.

Man stelle sich nur einmal vor, welcher Sturm der Entrüstung nicht nur in unserer Kirche, sondern auch in der Ökumene entfesselt würde, wenn römisch-katholische Bischöfe so handeln würden!

Dieses Handeln von Christkatholiken ist umso weniger verständlich, als sie im vergangenen Jahrhundert in derselben Situation gestanden sind wie die Pius-Bruderschaft heute. Denn die Christkatholiken haben die Entscheidungen des Ersten Vatikanischen Konzils als eine derartige Neuerung beurteilt, dass sie sie als Bruch mit der Tradition verstanden haben und deshalb, wie sie sagten, bei der „alten Kirche“ bleiben wollten, weshalb sie außerhalb der Schweiz auch den Namen „Altkatholiken“ tragen.

Auch wenn es in inhaltlicher Hinsicht damals um andere Fragen als bei der Pius-Bruderschaft heute ging, handelt es sich doch um denselben Vorgang. Wir alle wissen aber, dass in den vergangenen mehr als hundert Jahren unsere beiden Kirchen viele Schritte aufeinander zu gemacht haben, so dass wir im allgemeinen in einem ökumenischen Miteinander zusammenleben.

Vielleicht kann auf diesem Hintergrund die Entscheidung von Papst Benedikt, mit dem Beginn eines Weges der Versöhnung mit der Pius-Bruderschaft nicht hundert Jahre zu warten, sogar als wegweisend betrachtet werden.

Ernstfall des Dialogs
Die Annäherung zwischen den Christkatholiken und uns konnte aber nur gedeihen, weil wir uns gegenseitig Zeit gegeben haben. Müssten wir nicht aus dieser geschichtlichen Erfahrung lernen und der Pius-Bruderschaft auch Zeit lassen, um jenen geduldigen Dialog zu beginnen, wie ihn Papst Benedikt XVI. gewünscht hat?

Dies bedeutet, dass wir nicht mit maximalen Höchstanforderungen auf sie zugehen dürfen, wenn der Dialog überhaupt eine Chance haben soll, dass wir vielmehr auch die Fragen, die sie an das Konzil stellen, ernst nehmen, ohne das zur Disposition zu stellen, was nicht verhandelbar ist. Dabei sollte auch im Blickfeld bleiben, dass es nicht allein um die vier Bischöfe geht, sondern um ca. 600´000 Menschen, die römisch-katholisch sein wollen, aber mit unserer Kirche im Schisma leben.

Und wer kann denn so genau wissen wollen, ob diese Menschen alle genauso so denken wie Verantwortliche der Pius-Bruderschaft? Oder sollte man einen Dialog nur deshalb nicht beginnen, weil die Ausgangsbedingungen schlecht sind? Zudem zeigt ein Blick in die Geschichte, dass es oft lange gedauert hat, bis Konzilsentscheidungen rezipiert und umgesetzt worden sind.

Die Weisungen des Trienter Konzils hinsichtlich der Priesterausbildung beispielsweise mussten in verschiedenen Gegenden lange warten, bis sie realisiert worden sind; und in Frankreich wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein weiterhin im gallikanischen und noch nicht im tridentinischen Ritus Liturgie gefeiert. Auch das Zweite Vatikanische Konzil harrt auch in der Kirche in der Schweiz noch in vielen Punkten der Umsetzung und Realisierung.

Es ist für mich ferner schwer nachvollziehbar, dass die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft durch den Papst zum Anlass für eine große Demonstration genommen wird, mit der man „für Meinungsvielfalt und Dialog innerhalb der Kirche“ demonstriert und zugleich gegenüber der Pius-Bruderschaft jeden Dialog verweigert.

Muss man dies so verstehen, dass Meinungsvielfalt nur in der einen Richtung, nämlich der progressiven, gefordert wird, während gegenüber der traditionellen Seite nicht einmal jene Öffnung akzeptiert wird, die der Papst vorgenommen hat? Dann freilich würde ein Eindruck verstärkt, den ich satt langer Zeit habe, dass in der katholischen Kirche in der Schweiz das inflationär verwendete – und von den Dialog-Postulatoren nach meiner Erfahrung oft nicht in die Tat umgesetzte - Wort „Dialog“ in traditionalistischer Richtung beinahe Nulltoleranz, in progressistischer Richtung jedoch „anything goes“ bedeutet. Dass in dieser einseitigen Optik Papst Benedikt XVI. von vorneherein auf die traditionalistische Seite gestellt wird, hängt dann aber mehr vom Standpunkt der Betrachter als vom Standort des Papstes selbst ab.

Von daher muss ich noch ein Problem ansprechen, das mich sehr bedrängt. Angesichts der harten und teilweise brutalen Abweisung der Geste des Papstes gegenüber der Pius-Bruderschaft in dem Sinne, dass man gleichsam eine „reine Kirche“ sein und nicht von solchen Extremisten „beschmutzt“ werden will, quält mich die Frage, welche Botschaft damit der heutigen Gesellschaft gegeben wird.

Denn der Umgang mit Menschen, die jene Grundüberzeugungen, die für uns elementar wichtig sind, nicht teilen, ist ja nicht nur ein kirchliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich frage mich besorgt, wie wir als Kirche uns inskünftig für gesellschaftliche Außenseiter einsetzen und glaubwürdig jenen politischen Parteien, die bestimmte Gruppierungen aus der Gesellschaft exkommunizieren wollen, ins Gewissen reden können, wenn wir selbst nicht nur Menschen aus der Kirche exkommunizieren, sondern sogar auf jener Exkommunikation beharren, die der Papst selbst aufgehoben hat. Hat uns nicht gerade der Papst ein Beispiel gegeben, dass wir zunächst in der Kirche leben müssen, was wir von der Gesellschaft erwarten und fordern? Mir will scheinen, dass Papst Benedikt XVI. auch hinsichtlich dieser sozialethischen Problematik ein feineres Sensorium hat. Denn die Ethik des konkreten Handelns ist noch allemal wichtiger als die Ethik deklamotorischer Anklagen.

Den bewährten katholischen Weg weiterhin gehen
Dies sind die – gewiss unbequemen - Fragen, die sich mir stellen und über die ich laut nachdenken will. Ich formuliere sie aus der tiefen Sorge heraus, dass es nach den heftigen Auseinandersetzungen in den vergangenen Wochen, die eine tief polarisierte Kirche in der Schweiz – wie bereits in den siebziger Jahren – erneut sichtbar gemacht haben, an der Zeit wäre, uns gemeinsam den angeschnittenen Fragen zu stellen, miteinander ins Gespräch zu kommen und die wichtigsten Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils zu lesen, um von daher gemeinsame Wege in die Zukunft zu suchen. Denn in die Zukunft führt nur ein gemeinsamer Weg im geduldigen Ringen um die Einheit der Kirche, das seit jeher das Kennzeichen der römisch-katholischen Kirche ist.

Ein Blick in die Ökumene könnte uns weiterhelfen: Während die reformatorischen Kirchen viele Probleme und Spannungen mit Spaltungen und der Errichtung von neuen Kirchen zu lösen versucht haben, so dass uns ein großes Pluriversum von reformatorischen kirchlichen Gemeinschaften begegnet, hat die römisch-katholische Kirche immer wieder versucht, die unterschiedlichen Strömungen und Tendenzen in der einen Kirche zusammenzuhalten, und zwar so gut und so lange, wie es geht. Dass auf diesem Weg die Spannungen und Konflikte nicht kleiner und nicht weniger werden, versteht sich von selbst. Doch wer wirklich katholisch glaubt und denkt – wie es Papst Benedikt XVI. tut und mit seiner Geste der Versöhnung erneut bewiesen hat - , für den kann es nur diesen in der Geschichte der Kirche immer wieder bewährten Weg geben, auf dem man in leidenschaftlicher Geduld um die Einheit der Kirche ringen muss: um die Einheit in der Pfarrei, im Bistum, in der Schweiz und auch zwischen der Ortskirchen in der Schweiz und der Universalkirche in Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus. Denn ohne Verbundenheit mit dem Papst kann man nicht römisch-katholisch sein. In diesem Sinn darf auch ich für mich in Anspruch nehmen, „unheilbar katholisch“ zu sein.

Dass zu diesem Ringen um die Einheit auch das Gebet um den Heiligen Geist gehört, muss sich für jeden Katholiken, auf welcher Seite auch immer er steht, von selbst verstehen. Denn der Dialog ist erst dann beendet, wenn man nicht mehr miteinander beten kann. Deshalb laden wir Schweizer Bischöfe zu einer Wallfahrt nach Einsiedeln am Pfingstmontag ein, um das Anliegen der Einheit der Kirche im Gebet vor Gott zu tragen. Und wir laden alle ein, sich dieses Anliegen auch in der Österlichen Bußzeit anzueignen, in der wir stehen und die dazu in besonderer Weise herausfordert.

+ Kurt Koch
Bischof von Basel

Solothurn, 11. März 2009

[Von der Schweizer Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]