Bischof Küng: Die Gottesmutter und ihr Platz in der christlichen Familie

Interview mit dem österreichischen Familienbischof

| 1623 klicks

SANKT PÖLTEN, 1. Januar 2007 (ZENIT.org).- Der christlichen Familie steht ein ganz klares Ziel vor Augen: „bei Jung und Alt Christus hervorzubringen“. Und bei diesem Unterfangen ist die Gottesmutter Maria „Vorbild und Fürsprecherin schlechthin“. Das bekräftigt der österreichische Familienbischof Klaus Küng im ZENIT-Interview zum heutigen Hochfest, an dem zugleich der Weltfriedenstag begangen wird.



Zu Jahresbeginn gibt der Hirte von Sankt Pölten den Familien den Rat, sich zu vernetzen. „Dann wird auch für die Jungen die Chance groß, selbst den Weg zu einem christlichen Leben zu finden.“

Außerdem weist Bischof Küng auf die gegenseitige Ergänzung von Eheleuten und zölibatär Lebenden hin: „Eheleute und Familien brauchen das Vorbild von
Menschen, die aus Liebe zu Gott zu Enthaltsamkeit, Opfer und Hingabe bereit sind, und zölibatär Lebende können von der Erfahrung Verheirateter, ihrer Hingabe und Opferbereitschaft ebenfalls sehr viel lernen. Oft finden sie bei ihnen zudem Freundschaft und Wärme.“

ZENIT: Welche Rolle spielt Maria im Leben der christlichen Familie?

Bischof Küng: Eine vielfältige. Als Mutter Gottes ist sie Ruhepol und gehört zur Mitte der christlichen Familie, denn jede christliche Familie hat als Ziel, bei Jung und Alt Christus hervorzubringen. Bei diesem Bestreben ist Maria das Vorbild und die Fürsprecherin schlechthin. Sie ist aber auch als „Braut des Heiligen Geistes“, „Sitz der Weisheit“ und „Mutter des guten Rates“, ebenso als „Trösterin der Betrübten“ und „Hilfe der Christen“ eine wichtige Zuflucht.

Sie wird weiters als „Mutter der Schönen Liebe“ verehrt, und genauso als schmerzhafte Mutter. Man könnte die ganze Lauretanische Litanei aufzählen und käme so auf viele Aspekte, die die vielfältige Rolle Mariens im Leben einer christlichen Familie bewusst machen.

Johannes Paul II. hat sie als „Königin der Familie“ bezeichnet. Das fasst alles zusammen. Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass der Rosenkranz auch heute zu den beliebtesten Gebeten im Kreis der Familie zählt und dass gemeinsame Wallfahrten für eine Familie eine große Bedeutung haben können.

ZENIT: Was können junge Ehepaare und Familien heute von der Heiligen Familie von vor 2000 Jahren lernen?

Bischof Küng: Maria und Josef sind ganz offen für die Pläne Gottes. Sie denken nicht nur an sich selbst, ihre eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse. Sie leben für Jesus und vertrauen in die Vorsehung Gottes. Das Haus von Nazareth ist die beste Schule der Liebe und der Hingabe in einer Familie.

ZENIT: Papst Benedikt schreibt zum heutigen Weltfriedenstag: Jede Maßnahme, die zur Schwächung der Familie beiträgt, richtet sich im Letzten gegen den Frieden. Wie können Verheiratete, aber auch Unverheiratete zur Stärkung der Familie beitragen?

Bischof Küng: Man braucht sich nur in den sozialen Einrichtungen unserer Wohlstandsländer umzusehen, um zu erkennen, wie wahr es ist, was der Heilige Vater sagt. In der Geschichte von Drogenabhängigen, Alkoholkranken, Depressiven, Obdachlosen und auch Krimineller stößt man immer wieder auf das Gleiche: desolate Familienverhältnisse in der Kindheit, Vernachlässigung der Kinder, Zerbrechen der Beziehungen, sexueller Missbrauch. Die Erfahrungen sind dieselben im Osten und im Westen, im Norden und im Süden. Was kann man tun, um eine positive Veränderung zu erreichen?

Jeder kann ein Anfang sein. Braut- und Ehepaare müssen den Mut fassen, ihre Familien in allen Aspekten mit großer Achtung voreinander, aber doch auch konsequent christlich zu gestalten.

Mutter Theresa hat gesagt: Eine Familie, die betet, bleibt beisammen. Neben Gebet sind vor allem die Sakramente eine wichtige Quelle für ein friedliches Miteinander.

Freilich ist auch ein entsprechendes Bemühen erforderlich. Die christlichen Familien brauchen Hilfen und Anregungen. Da hat die Kirche eine riesige Aufgabe: die Ehevorbereitung sowie die Ehe- und Familienbegleitung müssen zeitgemäß aufgebaut werden, wobei die christlichen Eheleute nicht nur Empfänger der kirchlichen Verkündigung über Ehe und Familie sind, sondern nach geeigneter Ausbildung auch wichtige Träger.

Eine große Hilfe ist es, wenn sich christliche Familien untereinander vernetzen. Dann wird auch für die Jungen die Chance groß, selbst den Weg zu einem christlichen Leben zu finden. Diese Vernetzung geschieht in Pfarren, manchmal überpfarrlich, nicht selten in Gemeinschaften, Erneuerungsbewegungen und ähnlichem.

In den letzten Jahrzehnten zeigt sich außerdem, dass sich Eheleute und zölibatär Lebende gegenseitig gut ergänzen. Eheleute und Familien brauchen das Vorbild von
Menschen, die aus Liebe zu Gott zu Enthaltsamkeit, Opfer und Hingabe bereit sind, und zölibatär Lebende können von der Erfahrung Verheirateter, ihrer Hingabe und Opferbereitschaft ebenfalls sehr viel lernen. Oft finden sie bei ihnen zudem Freundschaft und Wärme.

ZENIT: Wodurch zeichnen sich wahre Friedensstifter aus?

Bischof Küng: Durch Fähigkeit zum Gespräch; insbesondere Zuhören-Können ist notwendig. Dabei ist von großer Bedeutung, beim anderen das Positive wahrzunehmen und das Gemeinsame herauszustellen. Auch hinter Protest und Aggression verbirgt sich in der Regel ein berechtigtes Anliegen, das es zu erkennen gilt. Zu verhindern sind ungerechte Verallgemeinerungen und Stellvertreterkriege, aber ebenso wichtig ist die Unterscheidung des Wichtigen vom weniger Wichtigen.

Oft ist es  unerlässlich, die tragischen Folgen von Streit und Krieg aufzuzeigen. Gewalt bringt keine Lösung, sondern neue Verwundungen, die meist noch mehr Streit und Krieg auslösen. Die Beseitigung von Ungerechtigkeiten, aber auch die Aufarbeitung von Verwundungen durch Versöhnung und Vergebung sind  unerlässlich. Ein Friedensstifter muss all das berücksichtigen. Er benötigt viel Geduld und ein großes Herz.

[Das Interview führte Dominik Hartig]