Bischof Küng: „Es geht um die Erkenntnis unserer Wurzeln, unserer Hoffnung, unserer Zielsetzung“

Interview mit dem österreichischen Familienbischof zum bevorstehenden Papstbesuch

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SANKT PÖLTEN, 1. September 2007 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. „wird uns darin bestärken, uns als Christen – jeder an seinem Platz – zum Glauben zu bekennen und unser Leben entsprechend zu gestalten“, kündigt der Sankt Pöltner Diözesanbischof Klaus Küng im Gespräch mit ZENIT an.



Der österreichische Familienbischof erhofft sich vom Besuch des Heiligen Vaters in Österreich (7. – 9. September) vor allem eine Erneuerung der Erkenntnis: „Wir müssen beten“. Wenn keine Beziehung zu Gott vorhanden ist, sei es nämlich „unmöglich, dass die Geheimnisse des Glaubens verstanden werden“.

Die Vermittlung der Geheimnisse des Glaubens und die Sorge um geistliche Berufungen zählen nach Worten von Bischof Küng zu den zentralen Anliegen des Papstes, der nicht müde werde, „die Aufmerksamkeit auf Christus zu lenken“.

Bischof Küng: „Wir sollten uns in den nächsten Tagen innerlich bereit machen: Bei diesem Besuch des Heiligen Vaters und der gemeinsamen Wallfahrt nach Mariazell geht es um unser Land, um Europa, um die Erkenntnis unserer Wurzeln, unserer Hoffnung, unserer Zielsetzung.“

ZENIT: Der bevorstehende Papstbesuch wird mit Sicherheit ein katholisches und österreichisches Großereignis werden. Wie kann er darüber hinaus für jeden Gläubigen in diesem Land Erneuerung bedeuten?

Bischof Küng: Wir erhoffen uns durch diese Reise des Heiligen Vaters einen ganz kräftigen Impuls für unser Land, gerade im Sinne der Glaubenserneuerung.

Er hat uns schon im „Ad limina“-Besuch sehr stark eine Erneuerung der Katechese empfohlen, weil aufgrund des Rückgangs der Glaubenspraxis in der Bevölkerung die Weitergabe des Glaubens schwieriger geworden ist. Wir müssen neue Wege gehen. Das wird sicher ein wichtiger Punkt sein.

ZENIT: Sind diese neuen Wege schon beschritten worden?

Bischof Küng: Wir bemühen uns darum, den Glauben in den Schulen (im Religionsunterricht), aber auch in den Pfarren und in den Familien wirklich weiterzugeben.

Die Eltern müssen ganz fest mittun, damit die Kinder auch Rückhalt haben beziehungsweise die Familien selbst als Zelle der Kirche und Keimzelle der Gesellschaft aus dem Glauben leben.

ZENIT: Wo sehen Sie in ihrer Diözese und in ganz Österreich diesbezüglich Aufbrüche?


Bischof Küng: Ich glaube, dass eigentlich an vielen Orten gebetet wird – auch mit diesem großen Verlangen, dass es zur Erneuerung komme. Eine besondere Bedeutung haben hier die Wallfahrten: die Monatswallfahrten oder auch die Wallfahrten nach Mariazell. Die Wallfahrten am Jakobsweg haben ebenfalls sehr stark zugenommen.

Die Wallfahrt des Heiligen Vaters und so vieler Menschen hat auch einen Vorbildcharakter.

ZENIT: Sie erhoffen sich also eine Erneuerung der Wallfahrtstradition?


Bischof Küng: Eine Erneuerung des Gebetes, beziehungsweise die Erneuerung der Erkenntnis: „Wir müssen beten. Wir müssen um den Heiligen Geist bitten.“

Das ist auch eine Grundvoraussetzung für die Katechese. Wenn keine Beziehung zu Gott vorhanden ist, wird es ganz schwer, ja ich möchte sagen unmöglich, dass die Geheimnisse des Glaubens verstanden werden.

Damit verbunden ist auch das Verlangen zu hören. Das ist ganz grundlegend: dass wir uns öffnen gegenüber dem Evangelium. Und auch hier ist es, glaube ich, so, dass eine große Bereitschaft da ist, dem Heiligen Vater zuzuhören. Er hat ja ein besonderes Charisma, die tiefen Wahrheiten so zu vermitteln, dass sich der einzelne angesprochen fühlt.

Das wird auch dazu führen, dass die Sakramente neu als große Hilfen zur Bewältigung der Herausforderungen des Lebens entdeckt werden, so dass man Gott wirklich durch Christus sucht und findet.

ZENIT: Was Sie hier ansprechen, lässt an das Motto dieser Apostolischen Reise denken: „Auf Christus schauen“.

Bischof Küng: Richtig. Das ist wie ein Grundzug im Pontifikat Benedikts XVI: Dass er nicht müde wird, die Aufmerksamkeit auf Christus zu lenken, und dass Christus selbst ganz im Vordergrund steht – vergegenwärtigt und verdeutlicht in der Eucharistie, aber auch im Wort Gottes.

Dieses Motto ist wie ein Grundakkord, der in allen Bemühungen des Papstes und der Kirche hörbar wird.

ZENIT: Der Heilige Vater kommt zwar nicht in Ihre Diözese, aber immerhin nach Heiligenkreuz.

Bischof Küng: Auch Mariazell ist ganz nahe. Er fliegt sicher über die Diözese.

ZENIT: Mit seinem Besuch in Heiligenkreuz erweist Benedikt XVI. dem Priesterstand eine ganz besondere Ehre.

Bischof Küng: Ich glaube, das ist auch eines der zentralen Anliegen des Heiligen Vaters und unseres Landes: geistliche Berufungen. Dass die Menschen von heute die Bedeutung des Priesters entdecken. Wenn sie sie entdecken, werden auch viele junge Menschen ihre Bereitschaft erwägen.

Zudem glaube ich, dass das große Anliegen des Heiligen Vaters die Vermittlung der Geheimnisse des Glaubens ist. Da kommt der Theologischen Hochschule eine ganz zentrale Bedeutung zu, weil dort die Verkünder ausgebildet werden. Deshalb handelt es sich hierbei immer auch um ein zentrales Anliegen für die Neuevangelisierung eines Landes.

ZENIT: Kardinal Schönborn hat kürzlich auf die lebenswichtige Rolle der Familien für die Gesellschaft hingewiesen. Gesunde Familien sind sicher auch eine Voraussetzung für mehr Berufungen.

Bischof Küng: Das ist richtig. Ich glaube, dass ein christliches Land nur möglich ist, wenn es christliche Familien gibt. Für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, aber auch für die Erneuerung der Kirche ist die Familie der Weg.

Natürlich ist Christus der Weg, aber die Familie ist grundlegend für die Geburt Christi im Einzelnen, für das Wohlbefinden, für die Weitergabe des Glaubens, für die Reifung der Persönlichkeit, für die gesunde Entwicklung auch im Sinne der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, sich hinzugeben und zu lieben.

ZENIT: Mit welchen pastoralen Mitteln will die Kirche den Familien helfen und sie als Lebensprinzip des Menschen vorschlagen?

Bischof Küng: Wir sind derzeit sehr um eine Erneuerung der Ehevorbereitung bemüht. Gleichzeitig ist die Begleitung der Familien durch die Pfarren und auch durch Spezialisten ein ganz großes Anliegen.

Die Familien benötigen heute Unterstützung, um ein christliches Leben entwickeln zu können. Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, damit diesbezüglich bessere Voraussetzungen für sie geschaffen werden.

ZENIT: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Kommen des Heiligen Vaters hinsichtlich der österreichischen Gesellschaft?

Bischof Küng: Ich hoffe, dass der Heilige Vater uns durch sein Vorbild und seine Verkündigung ermutigen wird, in Christus unsere Hoffnung zu suchen.

Er wird uns darin bestärken, auf unserem Weg der Verkündigung des Glaubens in dieser unserer Zeit mutig voranzuschreiten und das Evangelium möglichst klar und deutlich zu verkünden. Er wird uns darin bestärken, uns als Christen – jeder an seinem Platz – zum Glauben zu bekennen und unser Leben entsprechend zu gestalten.

ZENIT: Welcher Impuls wird vom Papstbesuch in Mariazell 2007 für Europa ausgehen?

Bischof Küng: Ich würde sagen, dass unsere Probleme die Probleme Europas sind: die demographische Frage, die Krise der Familie, der Wert des Lebens, der Schutz des Sonntags. All das sind Fragestellungen, die ganz Europa betreffen.

Ich bin überzeugt davon, dass der Heilige Vater das, was er uns sagen wird, den Politikern und dem Diplomatischen Corps, das ihn gleich am ersten Tag empfangen wird, vielleicht noch einmal besonders deutlich sagen wird. Und das wird auch für ganz Europa bedeutungsvoll sein.

Ich glaube, dass der Heilige Vater gerade im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesellschaft ohne Gott in den letzten Jahren oft sehr deutliche Worte gesprochen hat, und zwar in dem Sinn, dass Christus die eigentliche Hoffnung für die Menschen ist.

Wenn der Egoismus regiert, dann wird es finster im Leben, dann scheitern die Beziehungen, dann kommt es zu Lebenskrisen, weil der Mensch, der sich selbst sucht, in Isolierung und Einsamkeit gerät. Christus hilft uns, diesen Teufelskreis zu überwinden und die Perspektive für ein Ziel zu gewinnen, das unser Leben lebenswert macht. Mit Christus gelingt es, den Teufelskreis der Egozentrik zu zerbrechen und unsere Bestimmung zu leben: lieben zu lernen.

Wir sollten uns in den nächsten Tagen innerlich bereit machen: Bei diesem Besuch des Heiligen Vaters und der gemeinsamen Wallfahrt nach Mariazell geht es um unser Land, um Europa, um die Erkenntnis unserer Wurzeln, unserer Hoffnung, unserer Zielsetzung. In einem Gebet aus der Feder Papst Benedikt XVI. wird die Bitte an Maria ausgesprochen: „Zeige uns Jesus, führe uns zu ihm. Lehre uns ihn kennen und ihn lieben, damit auch wir selbst wahrhaft Liebende und Quelle lebendigen Wassers werden können inmitten einer dürstenden Welt.“ Ich hoffe, dass diese Bitte ein Stück weit in Erfüllung geht.