Bischof Kurt Koch: Brief zur schwierigen Situation in der Kirche heute

Für den Papst und die Kirche beten

| 3001 klicks

SOLOTHURN, 6. Februar 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Schreiben, dass der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz, Bischof Kurt Koch (Basel), den Gläubigen angesichts der kritischen Medienberichterstattung über Papst und Kirche und der um sich greifenden Verwirrung und Verunsicherung geschrieben hat.

„Die Integrität von Papst Benedikt, das Papsttum und unsere Kirche als ganze haben einen schweren Schaden erlitten, den auch Sie in den alltäglichen Begegnungen zu spüren bekommen haben. Es ist mir deshalb ein Anliegen, Ihnen persönlich zu sagen, dass ich wie Sie unter dieser Situation leide, und Ihnen mitzuteilen, wie ich die Situation heute sehe. Ich will einfach versuchen, das Vorgefallene in einem größeren Kontext zu verstehen.“

* * *

 

Brief an die Gläubigen

zur schwierigen Situation in der Kirche heute


Bischof Kurt Koch


Liebe Schwestern und Brüder


In den vergangenen Tagen und Wochen dürfte es Ihnen ähnlich ergangen sein wie mir: Nach der Bekanntgabe der Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft durch Papst Benedikt XVI. am 24. Januar sind wir mit einer Flut von Informationen, Meldungen und Gegenmeldungen, Kommentaren und Stellungnahmen nicht nur zum Akt der Aufhebung der Exkommunikation, sondern auch und vor allem zu der ungeheuerlichen Leugnung des Holocaust durch Bischof Williamson überschüttet worden, so dass es kaum mehr leicht gefallen ist, Orientierung zu gewinnen und sich zurecht zu finden. In den zurückliegenden Tagen hat sich die öffentliche Kritik immer mehr auf die Person unseres Papstes konzentriert. Auch einzelne Theologen haben dem Papst massive Vorhaltungen gemacht und damit zumindest insinuiert, das Geschehene passe irgendwie zu ihm. Die Integrität von Papst Benedikt, das Papsttum und unsere Kirche als ganze haben einen schweren Schaden erlitten, den auch Sie in den alltäglichen Begegnungen zu spüren bekommen haben. Es ist mir deshalb ein Anliegen, Ihnen persönlich zu sagen, dass ich wie Sie unter dieser Situation leide, und Ihnen mitzuteilen, wie ich die Situation heute sehe. Ich will einfach versuchen, das Vorgefallene in einem größeren Kontext zu verstehen.

1. Die Aufhebung der Exkommunikation bedeutet
keine Änderung des rechtlichen Status der Pius-Bruderschaft

Am 27. Januar habe ich mich in meiner Verantwortung als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz in einem Communiqué ganz klar von den dummen und beleidigenden Äußerungen von Bischof Williamson distanziert, unsere jüdischen Mitbürger und Bürgerinnen um Entschuldigung für diese Irritationen gebeten und unmissverständlich darauf hingewiesen, dass die Aufhebung der Exkommunikation in keiner Weise eine Rehabilitierung oder eine Versöhnung mit den vier Bischöfen bedeuten kann, sondern nur die Öffnung einer Türe, um die Bereinigung der offenen und strittigen Fragen in Angriff zu nehmen.


Trotzdem wurde in verschiedenen Medien immer wieder von Aufnahme in die Kirchengemeinschaft, von Begnadigung und von Rehabilitierung gesprochen. Davon kann aber gemäß dem Kirchenrecht der katholischen Kirche bei der Aufhebung einer Exkommunikation noch nicht die Rede sein. Ich will dies an einem geschichtlichen Beispiel verdeutlichen: Als am 7. Dezember 1965 Papst Paul VI. die Exkommunikation über die orthodoxe Kirche von Konstantinopel im Jahre 1054 und am gleichen Tag Patriarch Athenagoras die umgekehrte Exkommunikation aufgehoben haben, war die Kirchengemeinschaft noch keineswegs erreicht. Dieser Schritt hat es aber ermöglicht, dass während über vierzig Jahren ein intensiver ökumenischer Dialog geführt werden konnte, der nun die Besiegelung der Kirchengemeinschaft am Horizont aufscheinen lässt.


Nicht anders ist die Aufhebung der Exkommunikation über die vier Bischöfe zu verstehen. Was war diesem Schritt vorausgegangen? Als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt worden war, haben die Bischöfe der Pius-Bruderschaft ihn gebeten, den Dialog mit Rom wieder aufzunehmen, und sie haben die doppelte Forderung gestellt, dass der Papst den Ritus der Heiligen Messe in der Form von 1962 wieder allgemeiner zulasse und dass er die im Jahre 1988 vollzogene Exkommunikation wieder aufhebe. Beide Forderungen hat Papst Benedikt XVI. nun erfüllt. Er ist damit zugegebenermaßen sehr weit gegangen. Aber ich denke, dass er sich den barmherzigen Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn als Vorbild genommen hat. Bekanntlich hat dieser nicht zunächst Vorbedingungen gestellt, sondern ist auf den verlorenen Sohn zugegangen, als dieser Umkehrbereitschaft signalisiert hat. Genauso hat der Papst die gewiss große Hürde der Exkommunikation weggenommen, um den Weg des Dialoges beginnen zu können, wie auch der Vatikan in seiner Erklärung vom 4. Februar festgehalten hat: „Die Aufhebung der Exkommunikation hat die vier Bischöfe von einer schwerwiegenden kanonischen Strafe befreit, hat aber nicht die juridische Lage der Bruderschaft St. Pius X. geändert, die sich gegenwärtig keiner kanonischen Anerkennung in der katholischen Kirche erfreut. Auch die vier Bischöfe haben, auch wenn ihre Exkommunikation aufgehoben ist, keine kanonische Funktion in der Kirche und üben in ihr kein berechtigtes Amt aus." Die Aufhebung der Exkommunikation stellt also nur einen allerersten Schritt für einen möglicherweise langen Weg der Versöhnung dar.

2. Das Zweite Vatikanische Konzil steht nicht zur Disposition

Bereits bei der Generalaudienz vom 28. Januar hat Papst Benedikt XVI. von den Bischöfen „echte Treue und echtes Anerkennen des Lehramtes und der Autorität des Papstes und des II. Vatikanischen Konzils" gefordert. Und in seiner Stellungnahme vom 4. Februar hat der Vatikan nochmals betont: „Für eine künftige Anerkennung der Bruderschaft St. Pius X. ist die volle Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes der Päpste Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. sowie Benedikt XVI. eine unerlässliche Bedingung."

Wer Papst Benedikt, sein theologisches Denken und seine bisherige Verkündigung als Papst kennt, wird diese konsequente Haltung nicht überraschen. Denn es kann nicht zweifelhaft sein, dass er das Zweite Vatikanische Konzil in Frage oder zur Disposition stellen könnte; er selbst benützt es immer wieder als Referenzpunkt, an dem er sich orientiert. Bereits als Kardinal ist er mit den Verhandlungen mit Erzbischof Lefebvre beauftragt gewesen und hat auch damals die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils gefordert. Auch als Papst hat er deutliche Zeichen in diese Richtung gegeben. Sie wurden freilich in der Öffentlichkeit zumeist in der umgekehrten Richtung gedeutet.


Mit seinem Apostolischen Schreiben „Summorum pontificum" im Jahre 2007 hat er die Feier der Heiligen Messe in der Form von 1962 allgemeiner zugelassen und ist damit gewiss der ersten Forderung der Bischöfe der Pius-Bruderschaft entgegengekommen. Er hat ihnen aber zugleich das stärkste Argument aus der Hand genommen, das schon Erzbischof Lefebvre geltend gemacht hatte, dass mit der Messreform nach dem Konzil eine neue Kirche mit einer neuen Messe entstanden sei. Diesem Argument hat der Papst kategorisch mit der Überzeugung widersprochen, dass es in der katholischen Kirche nicht zwei Riten gebe, sondern nur zwei Formen des einen Ritus, dass Priester, die in der Form des Ritus von 1962 zelebrieren, „selbstverständlich die Zelebration nach den neuen liturgischen Büchern nicht ausschließen" können (1), und dass folglich mit der Zulassung der beiden Formen die Autorität des Zweiten Vatikanischen Konzils in keiner Weise in Frage gestellt sei. (2)

Bereits in seiner ersten programmatischen Weihnachtsansprache an die Mitglieder der römischen Kurie am 22. Dezember 2005 hat der Papst sehr grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Interpretationen des Konzils unterschieden. Die eine bezeichnete er als Interpretation im Sinn der Diskontinuität und des Bruches, dergemäß bewusst über die Konzilstexte hinausgegangen werde, um den so genannten „Geist des Konzils" in die Zukunft hinein weiter zu schreiben. Die zweite nannte er Interpretation im Sinne der Reform, der Erneuerung der Kirche in bleibender Verbundenheit mit der Tradition. Für Papst Benedikt versteht es sich von selbst, dass das Zweite Vatikanische Konzil keinen Bruch in der Kirchengeschichte darstellt, dass es sich vielmehr um eine Erneuerung der Kirche in Kontinuität mit der Tradition handelt. Diese eindeutige Verbindung von Treue und Dynamik in der Interpretation des Konzils war eine klare Aussage nicht nur in progressistischer, sondern auch in traditionalistischer Richtung, die freilich in der Beurteilung des Konzils als Bruch gar nicht so weit auseinander liegen, wie es auf den ersten Blick scheint.

Schließlich wies für mich auch die Datierung der Aufhebung der Exkommunikation in die Richtung der notwendigen Anerkennung des Konzils als Voraussetzung für die Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft. Den Tag vor dem Ende der Gebetswoche für die Einheit der Christen und vor dem 50. Jahrestag der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils habe ich dahingehend gedeutet, dass mit der Aufhebung der Exkommunikation ein Weg auf Einheit hin eröffnet wird, den die Pius-Bruderschaft nur zusammen mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehen kann.

Die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die Bischöfe der Pius-Bruderschaft muss sich dabei besonders auf jene Lehren richten, die von letzteren immer wieder bestritten werden, hinter denen aber Papst Benedikt überzeugt steht: die Erklärung der Religionsfreiheit, die bereits der Theologe Joseph Ratzinger als „das Ende des Mittelalters, ja das Ende der konstantinischen Ära in der Peterskirche" beurteilt hat (3); die Hinwendung der katholischen Kirche zur Ökumene, die der Papst stets als besonderes Anliegen seines Pontifikates bezeichnet hat; und vor allem die in der Erklärung über die nichtchristlichen Religionen zum Ausdruck gebrachte heilsgeschichtliche Sicht des Judentums, die der Papst in verschiedenen Begegnungen mit jüdischen Autoritäten als „Meilenstein auf dem Weg der Versöhnung zwischen den Christen und dem jüdischen Volk" gewürdigt hat (4).

3. Antisemitismus hat in der Kirche keinen Platz

Es erfüllt mich deshalb mit tiefer Trauer, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen konnte, der Papst distanziere sich nicht in genügender Weise von antisemitischen Äußerungen aus den Reihen der Pius-Bruderschaft und die Leugnung des Holocaust habe in der katholischen Kirche einen legitimen Platz. An den vielen positiven Äußerungen des Papstes zum Judentum, der bereits die sympathische Zuwendung von Papst Johannes Paul II. zu den jüdischen Geschwistern theologisch begleitet hat (5), hat der leider entstandene Eindruck keinen Anhalt ebenso wenig wie an den vielen Zeichen einer besonderen Wertschätzung der Juden: Den ersten Brief als Papst schrieb er dem Rabbiner von Rom; er begegnete den Juden in der geschichtsträchtigen Synagoge von Köln und im vergangenen Herbst lud er zum ersten Mal einen Rabbiner ein, um vor der Bischofssynode zu sprechen. Deutlicher könnte die judenfreundliche Sprache des Papstes nicht sein.

Bei der Generalaudienz vom 28. Januar hat sich Papst Benedikt klar von jeder Leugnung oder Reduzierung des Grauens des Holocaust distanziert, und in der Erklärung vom 4. Februar hält der Vatikan unmissverständlich fest: „Die Stellungnahmen von Bischof Williamson zur Shoah sind absolut inakzeptabel und sind vom Heiligen Vater klar zurückgewiesen worden... Bischof Williamson wird, um zu bischöflichen Funktionen in der Kirche zugelassen zu werden, auch auf absolut unzweideutige und öffentliche Weise auf Distanz zu seinen Stellungnahmen zur Shoa gehen müssen - Stellungnahmen, die der Heilige Vater im Moment der Aufhebung der Exkommunikation nicht kannte."


Wenn einzelne Theologen in den vergangenen Tagen meinten darauf hinweisen zu müssen, das Verhältnis des Papstes zu den anderen Religionen und zum Judentum sei theologisch verkrampft und ungeklärt, dann sind dies Fragen, die in einer wissenschaftlichen Diskussion erörtert werden können. Wenn sie jetzt aber ins Feld geführt werden, insinuieren sie - gewollt oder ungewollt -, der Papst stehe eigentlich nicht zu seinen eigenen Aussagen und Zeichenhandlungen. Eine solche Insinuation ist in der gegenwärtigen Situation genauso fatal wie der Zusammenfall der Aufhebung der Exkommunikation mit der Veröffentlichung der unhaltbaren Aussagen Williamsons. Als verletzend muss ich es werten, wenn Journalisten wiederholt an die Mitgliedschaft des jungen Ratzinger in der Hitlerjugend erinnern. Wer die Lebenserinnerungen von Papst Benedikt gelesen hat, weiß, dass er in einer Familie aufwachsen durfte, in der die Nazi-Ideologie von allem Anfang an durchschaut wurde: „Mein Vater litt darunter, dass er nun einer Staatsgewalt dienen musste, deren Träger er als Verbrecher ansah". Sein Vater sah deshalb mit einer unbestechlichen Hellsicht, „dass ein Sieg Hitlers nicht ein Sieg Deutschlands sein würde, sondern ein Sieg des Antichristen, der apokalyptische Zeiten für alle Gläubigen, und nicht nur für sie, heraufführen müsste." (6) Papst Benedikt hat auch nie verschwiegen, dass er seine priesterliche Berufung seinem Widerstand gegen den nationalsozialistischen Nihilismus verdankte. Ich frage mich, warum ausgerechnet ein solcher Mensch und Katholik von antisemitischen Zwischentönen nicht frei sein sollte.

Papst Benedikt hat in seinen bald vier Jahren des Pontifikates sehr deutlich gezeigt, dass Antisemitismus mit dem christlichen Glauben schlechterdings nichts zu tun haben kann. Es darf auch nicht vergessen werden, dass diese positive Einstellung zum Judentum bereits im Pontifikat von Papst Pius XI. vorbereitet worden ist, der den Antisemitismus als eine „abstoßende Bewegung" verurteilt hat, „an der wir Christen keinerlei Anteil haben können", und der, als Hitler im Jahre 1938 Rom besuchte, die Stadt verlassen und sich nach Castelgandolfo mit der Begründung zurückgezogen hat, es sei eine sehr „traurige Tatsache", dass in der Stadt der Märtyrer und Päpste ausgerechnet am Fest des heiligen Kreuzes „das Zeichen eines anderen Kreuzes aufgepflanzt" werde, das „nicht das Kreuz Jesu Christi" sei. Zu erinnern ist auch an das Pontifikat von Papst Pius XII., der vom antichristlichen Geist des nationalsozialistischen Judenhasses überzeugt gewesen ist und bekannt hat, dass dem Geist nach wir Christen alle Semiten seien. Insofern nehmen gewisse Bischöfe und andere Vertreter der Pius-Bruderschaft nicht einmal ihren eigenen Grundsatz ernst, dass sie zum Lehramt der katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil stehen.


4. Ist der Preis für die Bemühung um Einheit nicht zu groß?

Eine Frage bleibt, die Sie sich vielleicht auch stellen: Wäre es nicht am besten gewesen, wenn der Papst Bischof Williamson gleich wieder exkommuniziert hätte? Wäre uns da vieles nicht erspart geblieben? Ich verfüge diesbezüglich auch nicht über mehr Informationen als Sie, liebe Schwestern und Brüder. Ich kann nur Vermutungen äußern. Meine Vermutung geht dahin, dass der Papst überzeugt ist, dass auf diesem Weg der Akt der Aufhebung der Exkommunikation nachträglich eine Bedeutung bekommen hätte, die er ihm nicht gab und die er nach katholischem Kirchenrecht nicht haben kann, und dass er sich damit seine Verantwortung zu leicht gemacht hätte. Nach den vielen weiteren Dummheiten, die sich einzelne Bischöfe und andere Vertreter der Pius-Bruderschaft auch nach der Aufhebung der Exkommunikation geleistet haben - der Papst sei dies vor seinem Ableben noch schuldig gewesen, die Pius-Bruderschaft vertrete die wahre katholische Kirche und sie werde den Papst bekehren -, und die nicht anders gedeutet werden können als Schlag ins Gesicht des Papstes, hätte er allen Grund gehabt, sich von dieser Gemeinschaft wieder zu distanzieren.

Aber wäre damit das Problem wirklich gelöst gewesen? Trotz aller Tragik und trotz des großen Schadens, der für unsere Kirche entstanden ist, gehe ich davon aus, der Papst dürfte aufgrund folgender Überlegungen gehandelt haben: Weil wir erstens aus der Psychologie wissen, dass der Fundamentalismus ein erz-reaktives Phänomen ist, das sich durch Ablehnung erst recht bestätigt weiß, wären viele fundamentalistische Tendenzen in der Pius-Bruderschaft noch verstärkt worden. Dass sie jetzt an die Öffentlichkeit gekommen sind und dass der Papst Bischof Williamson zum öffentlichen Widerruf der größten Dummheit verpflichtet hat, hat zumindest den Vorteil, dass jetzt die Pius-Bruderschaft Farbe bekennen muss, ob sie zum Zweiten Vatikanischen Konzil steht und die schwere Sünde des Antisemitismus öffentlich zu bekennen bereit ist.

Der Weg dahin dürfte jedenfalls beschwerlich werden - wenn die Pius-Bruderschaft ihn nicht bereits selbst verspielt hat. Wie lange dieser Weg werden könnte, kann man an der Tatsache ablesen, dass die Pius-Bruderschaft noch im Oktober 2008 eine lange Auseinandersetzung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ins Internet stellte und in die Aufforderung münden ließ: „Rom muss die verheerenden Zeitbomben des II. Vatikanischen Konzils entschärfen und vollkommen beseitigen. Dafür zu arbeiten und zu beten ist Pflicht eines jeden aufrechten Katholiken. Der verheerende Konzilsgeist muss niedergerungen, der Spalt, durch den der Rauch Satans in die Kirche eingedrungen ist, sofort geschlossen werden. Inzwischen gilt es, heldenhaft unter dem Kreuz der Ausgrenzung auszuharren."

Hinzu kommt eine zweite Überlegung. Ich gehe davon aus, dass der Papst bei der Aufhebung der Exkommunikation nicht nur an die vier Bischöfe, sondern auch an die 600.000 Gläubigen und über vierhundert Priester gedacht hat, die sich der Pius-Bruderschaft zugehörig wissen, und dass er die Verantwortung des Guten Hirten gespürt hat, den verlorenen Schafen nachzugehen. Papst Benedikt hat sich gewiss von jener Überzeugung leiten lassen, die er bereits in seinem Begleitschreiben zum Motu proprio so ausgesprochen hat: „In der Rückschau auf die Spaltungen, die den Leib Christi im Lauf der Jahrhunderte verwundet haben, entsteht immer wieder der Eindruck, dass in den kritischen Momenten, in denen sich die Spaltung anbahnte, vonseiten der Verantwortlichen in der Kirche nicht genug getan worden ist, um Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewinnen; dass Versäumnisse in der Kirche mit schuld daran sind, dass Spaltungen sich verfestigen konnten. Diese Rückschau legt uns heute die Verpflichtung auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um all denen das Verbleiben in der Einheit oder das neue Finden zu ihr zu ermöglichen, die wirklich Sehnsucht nach Einheit tragen."

Ich gehe weiter davon aus, dass bei der großen Zahl von Menschen, die sich der Pius-Bruderschaft zugehörig wissen, die Motive ihrer Zugehörigkeit sehr verschieden sind, und dass die Aufhebung der Exkommunikation - wie bereits deren Verhängung im Jahre 1988 - zu einer notwendigen Scheidung der Geister in der Pius-Bruderschaft führen wird, so dass die einen den Weg in die Kirche finden und die anderen noch mehr in ihren letztlich unkatholischen Positionen verharren werden.

Trotzdem bleibt die Frage: Ist der Preis für dieses Mühen um Einheit nicht zu groß? Ich habe Verständnis für alle, die so denken. In der gegenwärtigen Situation ist es sehr schwierig, das Positive sehen zu können. Aber ich bin überzeugt, dass die Geschichte Papst Benedikt darin Recht geben wird, bis zum Äußersten gegangen zu sein, um die Spaltung, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (wie übrigens nach verschiedenen Konzilien) eingetreten ist, zu heilen. Das Gelingen dieses Weges müssen wir Gott überlassen; aber ich hoffe darauf - wider alle Hoffnung.

Schließlich ist in verschiedenen Stellungnahmen die Hoffnung geäußert worden, dass nun die Hand der Versöhnung auch in eine andere Richtung ausgestreckt werden möge, vor allem in die Richtung einzelner Befreiungstheologen. Exkommunikation und Lehrverurteilung liegen zwar nicht auf derselben Ebene. Doch auch in dieser Hinsicht könnte die Zeit reif sein. Wenn ich die ganze Problematik richtig überschaue, bezogen sich nicht wenige kritische Vorhaltungen des Lehramtes gegen einzelne Befreiungstheologen auf eine zu unkritische Übernahme des Marxismus und die etwas vorschnelle Angleichung des sozialistischen Denkens an die biblische Reich-Gottes-Botschaft. Dass diesbezüglich Papst Johannes Paul II, der den Staatssozialismus am eigenen Leib erfahren musste, und Kardinal Ratzinger, der in einer anderen Diktatur groß werden musste, eine besondere Sensibilität hatten, kann man verstehen. Doch nach der Wende von 1989, mit der das kommunistische System mit seiner ganzen Unmenschlichkeit zu Tage getreten ist und auch die Befreiungstheologen vieles neu sehen dürften, könnte die Zeit für eine neue Verständigung reif sein. Mir will scheinen, dass Papst Benedikt mit seiner Teilnahme an der Eröffnung der fünften Generalversammlung des Episkopates von Lateinamerika und der Karibik in Aparecida im Mai 2007 einen guten Anfang gesetzt hat, auf dem man weiterbauen könnte.


5. Das Gespräch - und das Gebet muss weitergehen

Liebe Schwestern und Brüder, dies sind meine Gedanken, die ich nach langem Erwägen niedergeschrieben habe und die ich Ihnen anbiete. Ich muss freilich zugleich hinzufügen, dass ich über die konkreten Vorgänge und Hintergründe nicht über mehr Informationen als Sie verfüge. Damit muss ich ein Problem ansprechen, das im Vatikan dringend und wirksam angegangen werden muss, nämlich eine offensichtlich viel zu wenig vorhandene Koordination zwischen den verschiedenen Verantwortungsträgern im Vatikan. Denn es ist schwer nachvollziehbar, dass im Vatikan niemand von den unhaltbaren Aussagen in der Pius-Bruderschaft Kenntnis gehabt hat.

Hinzu kommt erschwerend eine sehr restriktive Informationspolitik. Zum ersten Mal habe ich von einer möglichen Aufhebung der Exkommunikation drei Tage zuvor in Paris gehört, wo die Präsidien der Bischofskonferenzen von Deutschland, Frankreich und der Schweiz zu ihrem jährlichen Treffen versammelt waren. Freilich wusste niemand etwas Genaues. Wir Präsidenten der drei mit der Aufhebung der Exkommunikation unmittelbar betroffenen Bischofskonferenzen wurden nicht vorinformiert, sondern mussten am Veröffentlichungstag auf die Mittagsstunde warten, um mehr Bescheid zu wissen. Da wurde nichts anderes bekannt gegeben als das Dekret des Präfekten der Bischofskongregation (ohne jede weitere Erklärung) und eine Mitteilung, dass die Äußerungen von Bischof Williams „völlig inakzeptabel" sind. Wenn man bedenkt, von welcher Brisanz die Aufhebung der Exkommunikation (auch abgesehen von den unhaltbaren Äusserungen von Bischof Williamson) in der Öffentlichkeit sein wird - und da erscheint allein ein Dekret: Eine solche Informationspolitik muss zum Wohl der Kirche und zum Heil der Seelen dringend revidiert werden; und einen derartigen medialen Supergau, den wir jetzt erleben mussten, darf es nicht mehr geben!

Hier liegt auch der Grund, dass ich nicht früher in umfassender Weise reagieren konnte. Ich musste mir selbst zuerst ein Bild über die ganze Problematik machen. Das Ergebnis meiner Überlegungen biete ich Ihnen jetzt an, weil es zu meiner Verantwortung als Bischof gehört, Sie in dieser schwierigen Situation nicht allein zu lassen, sondern zu helfen, so gut wie ich es eben vermag. Ich nehme für mich zudem nicht in Anspruch, alles richtig zu sehen und zu werten. Es ist einfach mein Versuch, Realitäten und Zusammenhänge aufzuzeigen, die in der öffentlichen Diskussion entweder ausgeblendet oder nur verkürzt zur Darstellung kommen. Wenn Sie die Situation anders einschätzen, wäre ich schon dankbar, wenn Sie meine Überlegungen wenigstens als eine andere Sicht erwägen würden.

Ich gebe gerne zu, dass ich mit einem Vertrauensvorschuss über Papst Benedikt geschrieben habe. Doch ohne Vorverständnis wird wohl kein Mensch urteilen können. Einem Katholiken steht es gut an, zunächst mit einem positiven Vorzeichen hinzuschauen. Ich tue dies aber auch in meiner Überzeugung, dass man nur glaubwürdig gegen geschehenes Unrecht wie die Holocaustleugnung ankämpfen kann, wenn man dabei nicht neue Ungerechtigkeit schafft oder zumindest in Kauf nimmt, wie dies in den letzten Tagen auch gegenüber Papst Benedikt geschehen ist. Denn Vieles, was in den vergangenen Tagen über Papst Benedikt in der Öffentlichkeit gesagt worden ist, war bösartig. Zudem bin ich überzeugt, dass die seit dem Konzil vergangenen vierzig Jahre über unsere Kirche und auch über unseren Papst unendlich viel mehr aussagen als die in der Öffentlichkeit umstrittene Frage, wie oft und auf welche Weise sich der Papst zu entschuldigen habe.

Mein Brief ist lang geworden, wofür ich Sie um Verständnis bitte. Doch so kann zumindest ansatzhaft deutlich werden, dass die Fragen, die jetzt im Raum stehen, sehr komplex sind, und dass wir uns nicht mit kurzen Schlag-Zeilen begnügen dürfen. Dass das Anliegen Papst Benedikts, eine ihn als Pastor besonders belastende Spaltung zu überwinden, nun so viel Zwiespalt und Uneinigkeit hervorgerufen hat, dürfte auch zu den Zeichen der Zeit gehören, die wir im Glauben zu deuten haben: Hominum confusione, sed Dei providentia" und damit in der Hoffnung, dass Gott auch heute auf krummen Zeilen gerade schreiben wird.

Allen, die in diesen schwierigen Tagen trotz aller Zweifel und Verunsicherungen treu zur Kirche und zu Papst Benedikt gehalten und ihn im Gebet mitgetragen haben, möchte ich herzlich danken. Alle aber möchte ich jetzt einladen, die schwierige Situation unserer Kirche vor Gott ins Gebet zu nehmen und ihn zu bitten, dass er uns hilfreiche Wege in die Zukunft weisen möge.


Mit lieben Grüßen und herzlichen Segenswünschen


+ Kurt Koch

Bischof von Basel

Solothurn, 6. Februar 2009


------------------------------------------------------------------------------
(1) Brief des Heiligen Vaters Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe anlässlich der Publikation des Apostolischen Schreibens Motu proprio „Summorum pontificum" über die römische Liturgie in ihrer Gestalt vor der 1970 durchgeführten Reform.
(2) Dieser Weg vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis zum Moto proprio „Summorum pontificum" 2007 ist eingehend beschrieben bei Ch. Geffroy, Benoît XVI. et „la paix liturgique" (Paris 2008).
(3) J. Ratzinger, Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode (Köln 1965) 31-32.
(4) Benedikt XVI., Ansprache vor den Oberrabbinern Israels am 15. September 2005.
(5) J. Kardinal Ratzinger, Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund (Urfeld 1998).
(6) J. Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen (Stuttgart 1998) 17 und 31.

[Von der Schweizer Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]