Bischof Kurt Koch: Das österliche Geheimnis von Papst Benedikt XVI

Gastbeitrag des Bischof von Basel

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BASEL, 16. April 2006 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. wurde an einem Karsamstag geboren und sogleich am Morgen mit dem eben geweihten Osterwasser getauft. Dieses Ereignis, dass er der erste Täufling des neuen Wassers sein durfte, hat er selbst in seinen Erinnerungen im Glauben gedeutet: "Dass mein Leben so von Anfang an auf diese Weise ins Ostergeheimnis eingetaucht war, hat mich immer mit Dankbarkeit erfüllt, denn das konnte nur ein Zeichen des Segens sein." Zugleich hat er darauf hingewiesen, dass es nicht Ostersonntag, sondern eben Karsamstag gewesen ist, dass dieser Tag aber dem Wesen des menschlichen Lebens gemäß ist, "das noch auf Ostern wartet, noch nicht im vollen Licht steht, aber doch vertrauensvoll darauf zugeht". Nun aber darf der Heilige Vater in diesem Jahr seinen 79. Geburtstag am Osterfest feiern. Ich sehe darin nicht nur eine liebenswürdige Aufmerksamkeit Gottes, sondern auch ein schönes Zeichen dafür, dass sein ganzes Wirken schon bisher und jetzt in seinem Pontifikat noch mehr unter einem österlichen Notenschlüssel steht.



Dies zeigt sich zunächst in der grundlegenden Bedeutung der Taufe im Glaubenszeugnis des Papstes. Sie ist für ihn nicht einfach ein Ritus, sondern im Prozess der Christwerdung ein notwendiger Vorgang der Umkehr und der Reinigung des Lebens. Gerne vergleicht der Papst die Taufe mit der Ehe: Wie die Namensgemeinschaft, die die Ehe zwischen zwei Menschen stiftet als Ausdruck der Verknotung ihres beiderseitigen Lebens, so bedeutet die Taufe, dass sich ein Mensch unter den Namen Jesu Christi stellt, so dass das Leben Jesu Christi unser Leben durchdringt und sich mit ihm gleichsam "vermählt", damit sein Leben zum Richtmaß unseres Lebens werden kann. Dieses Glaubenszeugnis ermutigt viele, ihre Taufe nicht als Last zu empfinden, sondern in Freude stolz auf sie zu sein.

Der österliche Notenschlüssel des Wirkens des Papstes ist überhaupt in seiner glaubensstarken Verkündigung zu vernehmen, mit der er unermüdlich in die Herzmitte des christlichen Glaubens hineinführt und damit eine Erneuerung des Glaubens von innen her fördert. In meisterhafter und zugleich einfacher Art hat der Papst dies vor allem gezeigt mit seiner Enzyklika über die christliche Liebe, in der er die beiden Leitworte meditiert, die sein ganzes Denken seit jeher auszeichnen, dass der christlich offenbare Gott Logos und Liebe ist. Da nach seiner Glaubensüberzeugung die Liebe die wahre Vernunft und die wahre Vernunft die Liebe ist, erweisen sich Liebe und Vernunft als der Grund und das Ziel alles Wirklichen, nach dem die Menschen aller Zeiten fragen. Seine Enzyklika Deus caritas est zeigt so sehr schön sein Grundanliegen, das ihn als Papst bewegt und das in der wahren Reform der Kirche aus den Wurzeln des Glaubens und durch Konzentration auf das Wesentliche besteht.

Diese Konzentration auf das Wesentliche ist auch der Antrieb seines Einsatzes für das ökumenische Anliegen. Dass Benedikt XVI. die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi sehr am Herzen liegt, hat er bereits in seiner ersten Ansprache vor den wahlberechtigten Kardinälen in der Sixtina ausgesprochen. Dabei betrachtet er auch den gesamten ökumenischen Weg im Licht der Liebe Gottes und deshalb in der Überzeugung, dass die wahre Liebe gerade nicht die rechtmäßigen Unterschiede vernichtet, sondern sie in einer höheren Einheit harmonisiert, die nicht von außen aufgezwungen, sondern von innen her geformt wird.

Eine solche mystagogische Hineinbegleitung in die innerste Mitte des Glaubens und der Kirche kann nur in jener Demut geschehen, die der Papst in seiner Homilie in der Heiligen Messe zu seiner Amtseinführung öffentlich dadurch bezeugt hat, dass er kein Regierungsprogramm im weltlichen Sinn vorlegen wollte, sondern vielmehr betont hat: "Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte." In der Tat steht oder fällt die Kirche gerade heute damit, dass sich nicht nur der Papst, sondern alle Glieder der Kirche vom Herrn führen lassen, damit er selbst die Kirche führen kann.

Dem Inhalt der Verkündigung des Papstes entspricht auch sein beeindruckend bescheidenes Auftreten. Darin lebt er uns das Geheimnis der Osternacht vor: Wie der Karfreitag laut und von Schlägen und Hämmern geprägt ist, so macht auch vieles, was heute in der Kirche zerbricht, unendlichen Lärm, wie so viele kirchenpolitische Auseinandersetzungen dokumentieren. Wie aber die Auferstehung des Herrn still vor sich geht und der Tod unvermerkt – in der Osternacht – in Leben umgewandelt und dadurch die Wand zwischen der Ewigkeit und unserer irdischen Lebenswelt durchlässig wird, so geht auch die wahre Reform der Kirche still vor sich – wie bereits in der Geschichte der Kirche die stillen Reformer die Heiligen gewesen sind. Dieser Erneuerung der Kirche, die den in unseren Breitengraden arg gesunkenen Grundwasserspiegel des Glaubens anzuheben vermag, ist das Leben und Wirken von Papst Benedikt gewidmet. Angesichts des heute in aller Öffentlichkeit ausgefochtenen Streits zwischen einer "Kirche von unten" und einer "Kirche von oben" ist der leidenschaftlich-gelassene Einsatz von Papst Benedikt XVI. für eine "Kirche von innen" eine Wohltat, die aufatmen lässt, weil sie im österlichen Licht der Auferstehung leuchtet.

Als Kardinal hat der heutige Papst geschrieben, dass ein Papst nur dann seiner Sendung entspricht, wenn er auf keinen Fall Christus voran-gehen will in der Annahme, aus seiner eigenen Logik heraus müsse er den Weg festlegen, den doch nur der Herr bestimmen kann. Die Sendung des Papstes bestehe vielmehr darin, dass er Christus allein nach-folgen will. Was Kardinal Ratzinger gefordert hat, dies löst Papst Benedikt XVI. nun ein. Und in der Art und Weise, wie er es tut, dürfen wir in ihm einen authentischen und glaubwürdigen "Stellvertreter Christi" – im besten Sinn dieses Wortes – wahrnehmen.

Dafür sei ihm an seinem ersten Geburtstag im Papstamt aufrichtig gedankt, verbunden mit herzlichen Segenswünschen für sein weiteres petrinisches Wirken und mit der erneuten Zusicherung seiner Unterstützung mit unserem Gebet. Der Auferstandene sei unserem Heiligen Vater Licht und Freude, damit er uns weiterhin hilft, selbst immer mehr österliche und für die Taufe dankbare Menschen zu werden. Denn Christus ist auferstanden. Halleluja!