Bischof Kurt Koch: „Sterbehilfe ist Hilfe beim Sterben und nicht Hilfe zum Sterben“

Interview mit dem Vorsitzenden der Schweizer Bischofskonferenz

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BASEL, 15. Juli 2008 (ZENIT.org).- Die Schweizer Bischöfe haben vor kurzem davor gewarnt, die gewerbsmäßige Beihilfe zum Selbstmord durch falsche Maßnahmen indirekt zu legitimieren. Die angedachte Einführung von minimalen Sorgfalts- und Beratungspflichten bei so genannten Suizid-Organisationen sei der falsche Weg, betonten die Hirten in einer gemeinsamen Erklärung.

Gegenüber ZENIT bekräftigt ihr Vorsitzender, Bischof Kurt Koch (Basel): „Menschenwürdige Sterbehilfe muss darin bestehen, den Sterbenden im Übergang zu seiner letzten Lebensphase zu begleiten, so dass er an der Hand und keineswegs durch die Hand eines Mitmenschen sterben kann: Sterbehilfe ist Hilfe beim Sterben und nicht Hilfe zum Sterben.“

Der Sinn dafür, „dass das Leben nie nur selbstbestimmt, sondern immer auch fremdbestimmt und abhängig ist“, müsse heute neu geschärft werden.

ZENIT: Herr Bischof, Sie und Ihre Amtskollegen haben kürzlich mit eindringlichen Worten darauf hingewiesen, dass organisierte und gewerbsmäßige Beihilfe zum Selbstmord verboten werden sollte. Wie ist es in der Schweiz um das „Geschäft“ mit dem Tod bestellt? Ist es tatsächlich so auf dem Vormarsch, wie es den Anschein hat?


Bischof Kurt Koch: Beihilfe zum Suizid ist in der Schweiz seit langer Zeit straffrei, sofern sie nicht aus eigennützigen Zwecken erfolgt. Dies zu überprüfen ist freilich nicht leicht. Die Sterbehilfe-Organisationen „Exit“ und vor allem „Dignitas“ sind in jüngster Zeit in die öffentliche Diskussion geraten wegen der Benutzung von Autos als Orte des Sterbens und wegen der Verwendung von Helium. Hinzu kommt, dass immer mehr Sterbewillige aus dem Ausland in die Schweiz reisen, so dass die Bevölkerung sich um diesen „Sterbetourismus“ Sorgen macht.

Generell fällt auf, dass man in Deutschland das Problem der organisierten Suizidbeihilfe viel grundsätzlicher angeht als in der Schweiz, die hier offensichtlich viel pragmatischer denkt: Während der Bundesrat bisher keinen Handlungsbedarf gesehen hat, will die neue Bundesrätin Widmer-Schlumpf minimale Sorgfalts- und Beratungspflichten für die Suizid-Organisationen einführen. Bei diesem Weg besteht allerdings die große Gefahr, dass der Staat die Suizid-Organisationen nicht nur – wie bisher – duldet, sondern ihnen auch eine staatliche Legitimation zubilligt. Denn die Erfahrung – auch und gerade bei der gesetzlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs – zeigt, dass Legiferieren immer auch Legitimieren einschließt. Deshalb halten wir Schweizer Bischöfe diesen Weg für untragbar, weil wir jeden Versuch ablehnen müssen, die gewerbsmäßig betriebene Suizidbeihilfe staatlich zu legitimieren.

ZENIT:
Auch wenn das Wort „Menschenwürde“ oft im Mund geführt wird, scheint das Bewusstsein dafür mitunter getrübt zu sein oder ganz zu fehlen. Was macht es uns so schwierig, die Würde und damit die Größe und Unantastbarkeit jedes Menschen, auch die des Ungeborenen oder die des Sterbenden, zu erfassen und zu achten?

Bischof Kurt Koch: Das Problem besteht darin, dass heute alle von „Menschenwürde“ reden, darunter aber etwas Verschiedenes verstehen.

Im öffentlichen Bewusstsein ist die Selbstbestimmung des Menschen über sein eigenes Leben immer mehr zum eigentlichen Inhalt der Menschenwürde geworden. Sie ist in der heutigen Gesellschaft derart zum höchsten Wert avanciert, dass Menschen auch die Art und Weise und den Zeitpunkt ihres Sterbens selbst bestimmen möchten.

In der Tat ist zwar der Tod das Einzige im Leben, das wir uns selbst geben können. In Vergessenheit ist dabei aber weithin geraten, dass die Voraussetzung dafür das Leben ist, das wir uns freilich nicht selbst geben, das wir vielmehr nur empfangen können.

Es gilt deshalb, wieder neu einsichtig zu machen, dass zur Menschenwürde auch gehört, dass das Leben nie nur selbstbestimmt, sondern immer auch fremdbestimmt und abhängig ist. Ein menschenwürdiges Sterben besteht deshalb vor allem darin, dass der Mensch sich selbst in seiner Hinfälligkeit annehmen und auch seine Grenzen bejahen kann. Und menschenwürdige Sterbehilfe muss darin bestehen, den Sterbenden im Übergang zu seiner letzten Lebensphase zu begleiten, so dass er an der Hand und keineswegs durch die Hand eines Mitmenschen sterben kann: Sterbehilfe ist Hilfe beim Sterben und nicht Hilfe zum Sterben.

ZENIT: Wie können wir leidende Menschen so begleiten, dass sie neuen Mut schöpfen und nicht
mehr den Weg zu Suizid-Organisationen machen? Was ist die „Fülle des Lebens“, nach der wir uns alle sehnen? Finden wir sie nicht tatsächlich erst nach diesem Leben?

Bischof Kurt Koch: Die Erfahrung und wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass der Wunsch nach Suizidbeihilfe nur in seltenen Fällen einem freien Willensentscheid entspringt, sondern zumeist vom Druck der Umstände her aufkommt: vom Druck der Schmerzen, vom Gefühl der Sinn- und Aussichtslosigkeit und auch von der Rücksichtnahme auf die Belastung der Angehörigen, und dass umgekehrt der Suizidwunsch in den Hintergrund rückt, sobald die Schmerzen gelindert werden und die Ängste vor dem Sterben und der Ungewissheit nach dem Tod ehrlich besprochen werden können.

Eine solche umfassende Hilfe bietet heute auf der einen Seite die Palliativmedizin, die die quälenden Auswirkungen des Leidens des Sterbenden einzudämmen vermag. Ihr Ausbau stellt nicht nur eine politisch besondere Priorität dar, sie stellt sich vielmehr auch als der richtige Weg heraus, auf dem eine humane Gesellschaft mit den sterbenden Menschen in ihrer Mitte umgehen sollte.

Die beste Medizin kann aber auf der anderen Seite die menschliche Zuwendung zu den schwerkranken und sterbenden Menschen nicht ersetzen. Auf dieser Ebene ist die Kirche in besonderer Weise gefordert, indem ehrenamtlich tätige Gläubige Menschen an ihren Sterbebetten begleiten und Priester die Sterbesakramente spenden und so die sterbenden Menschen auf ihre endgültige Begegnung mit Gott vorbereiten. Denn die christliche Hoffnung über den Tod hinaus ist nicht nur eine wesentliche Hilfe im Leben, sondern auch im Sterben.

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Ansprache bei der Begegnung mit den Autoritäten und dem Diplomatischen Korps in der Wiener Hofburg im September 2007 mit Recht betont, dass die richtige Antwort auf das Leben und Sterben des Menschen „Zuwendung, Sterbebegleitung – besonders auch mit Hilfe der Palliativmedizin – und nicht 'aktive Sterbehilfe'“ ist. Dafür muss sich die Kirche stark machen und mutig gegen den heutigen Strom schwimmen.

[Das Interview führte Dominik Hartig]