Bischof Kurt Koch: Versuchung als Chance zur Umkehr

Bischofswort zur Österlichen Bußzeit 2007

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BASEL, 17. März 2007 (ZENIT.org).- In seinem Pastoralschreiben zur Fastenzeit 2007 ruft der Basler Bischof Kurt Koch zur „Freiheit im Umgang mit den Dingen unserer Welt“, zur „Freiheit zum Machtverzicht“ und zur „Freiheit zum Erwarten-Können“ auf.



Die Versuchung sei eine Gelegenheit zur Umkehr, schreibt der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz an die Gläubigen seiner Diözese. Die Fastenzeit ist in seinen Augen vor allem dazu da, immer mehr einen Lebensstil zu pflegen, der dem Vaterunser entspricht. Das Herrengebet zeige uns nämlich, „was Beten heißt“. Es erinnere jeden daran, dass es beim Beten „um die Einordnung unseres Lebens und unserer Wünsche und Bestrebungen in die Ziele Gottes mit seiner Welt, in seinen universalen Heilswillen geht“.

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Liebe Schwestern und Brüder!

Am Beginn der Österlichen Bußzeit konfrontiert uns das heutige Evangelium gleich mit drei Versuchungen, und zwar mit solchen, die Jesus am eigenen Leib in der Wüste erfahren hat. Es ist das elementare Bedürfnis nach Nahrung, das zum Ansatzpunkt für die Versuchungen wird. Besonders in die Augen fallend ist, dass es der Heilige Geist ist, der Jesus in die Wüste der Versuchungen führt. Sie müssen deshalb auch etwas Grundlegendes für unser christliches Leben besagen. Dies leuchtet freilich erst auf, wenn wir bedenken, dass sich hinter den Versuchungen elementare Urwünsche von uns Menschen verbergen, die ernst genommen werden wollen.

Menschliche Versuchungen nach Besitz, Macht und Ansehen

Der grundlegendste Antrieb von uns Menschen ist der Urwunsch nach Verwurzelung, Beheimatung und deshalb Besitz. Denn der Mensch sehnt sich danach, seinen Platz in der Welt zu haben, zu einer Gemeinschaft zugehörig zu sein und Besitz sein eigen zu nennen. Dieser Urwunsch kann aber in die Versuchung umschlagen, indem er maßlos wird und alles in Besitz nehmen will. Der Mensch wird dann zu einem Menschen allein des Habens, so dass ihm die Welt nur noch als Ware begegnet, die er besitzen und gebrauchen kann. Dies ist die typische Haltung des Konsumismus, die heute weit verbreitet ist und zu der auch Jesus versucht worden ist:

Der Teufel versucht, den fastenden und deshalb hungrigen Jesus zu überreden, er solle doch befehlen, dass aus den Steinen in der Wüste Brot wird. Er will ihn dazu verleiten, sich in Selbstmächtigkeit am Leben zu erhalten, statt in Armut Gott selbst und dessen Willen seine Speise sein zu lassen. Doch Jesus beweist seine Freiheit im Umgang mit den weltlichen Dingen. Er hungert zwar, aber nicht nach selbst fabriziertem Brot, sondern nach dem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Denn er weiß, dass der Mensch nicht nur vom Brot lebt, sondern in erster Linie vom Lebensbrot, das nur Gott geben kann und das er uns schenkt in der Feier der Eucharistie. Sie ist das immerwährende Brotwunder Jesu, das bis zum Ende der Zeit unausschöpfbar dauern wird.

Ein zweiter Antrieb in uns Menschen ist der Urwunsch nach Wachstum und Freiheit und deshalb nach Macht. Dies ist der Wunsch, etwas machen zu können und Einfluss auf andere Menschen zu gewinnen, also der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Auch dieser menschliche Urwunsch kann zur Versuchung werden, wenn der Mensch seine Freiheit dahingehend missversteht und verwirklicht, dass er tun kann, was ihm gerade gefällt, wenn er also seine Freiheit nur für sich selbst, seine Wünsche und seine Lust einsetzt. So ausgeübte Macht und Freiheit geht aber immer zu Lasten der anderen, die in ihrer Freiheit beschnitten und gleichsam zum „Material“ der Freiheit anderer heruntergestuft werden. In diese Versuchung zum Machtmissbrauch ist auch Jesus geführt worden:

Der Teufel führt Jesus auf einen Berg, er zeigt ihm alle Reiche der Erde und verspricht ihm, ihm alle zu geben, wenn er sich vor ihm niederwirft und ihn anbetet. Er versucht Jesus, sich alle Macht der Welt anzueignen, um gewaltsam sein eigenes Reich durchsetzen zu können, statt in gehorsamer Erwartung Gottes Reich anbrechen zu lassen. Jesus aber verweigert sich dem verführerischen Griff nach der Macht über die Reiche dieser Welt. Er baut vielmehr auf die scheinbare Ohn-Macht Gottes in dieser Welt, die sich in seinen Augen freilich als die größte Macht der Welt erweisen wird, nämlich als Macht der Liebe. Er macht sich stark für den Vorrang Gottes und seiner Anbetung: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen.“ Denn Jesus weiß, dass überall dort, wo Gott groß gemacht wird, der Mensch gerade nicht klein gemacht wird, sondern an der Größe Gottes Anteil gewinnt.

Der dritte große Antrieb im Leben des Menschen ist der Urwunsch nach Zuwendung und Anerkennung und deshalb nach Ansehen. In uns Menschen lebt die Sehnsucht, einmalig und – im besten Sinn des Wortes – originell sein zu dürfen. Aber auch dieser menschliche Urwunsch nach Ansehen kann maßlos werden, und zwar vor allem dann, wenn Menschen das Gelingen und den Sinn ihres Lebens von der Erfüllung dieses Wunsches nach Ansehen und Prestige total abhängig machen. Dann entsteht die Versuchung, den Menschen zu einem anonymen und geheimnislosen Bündel von steuerbaren Bedürfnissen zu erniedrigen, wie dies auch Jesus erfahren musste:

Der Teufel stellt Jesus oben auf den Tempel in Jerusalem und befiehlt ihm, sich hinabzustürzen. Dies ist die Versuchung, sich in einer prächtig-mächtigen Show einem breiten Publikum zu präsentieren, um bei den Menschen anzukommen. Jesus aber beweist sein Warten-Können auf das An-Sehen, das ihm nur Gott geben kann. Er verzichtet auf die mächtige Show, weil ihm der Applaus der Menschen nichts, das Ansehen Gottes hingegen alles bedeutet. Jesus hat sich nicht von der Tempelzinne gestürzt. Er hat Gott nicht versucht und ist nicht in die Tiefe gesprungen. Stattdessen hat er am Kreuz den Hinabstieg in die Tiefe des Todes gewagt, und zwar als Akt der Liebe von Gott her für uns Menschen.

Die eine Grundversuchung

Die biblische Versuchungsgeschichte zeigt, dass Jesus die Urversuchungen von uns Menschen am eigenen Leib erfahren hat, dass er aber in der Überwindung dieser Versuchungen auch die menschlichen Urwünsche neu zum Leuchten gebracht hat, und zwar in einer unerhörten Freiheit: in der Freiheit im Umgang mit den Dingen unserer Welt, in der Freiheit zum Machtverzicht und in der Freiheit zum Erwarten-Können. Dies sind die drei entscheidenden christlichen Grundhaltungen, die den gläubigen Umgang mit den menschlichen Urwünschen ausmachen und die in der heutigen Welt höchst aktuell sind.

Sie gelten freilich nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern sind auch Grundvoraussetzungen für eine menschliche Politik und Wirtschaft. Daran werden wir vom Fastenopfer, dem großen Hilfswerk der Schweizer Katholiken und Katholikinnen in der Fastenzeit, erinnert, gerade mit seinem diesjährigen Thema: „Wir glauben. Arbeit muss menschenwürdig sein.“ Dazu werden wir auch von der kirchlichen Soziallehre herausgefordert, zumal in diesem Jahr, in dem wir den 40. Jahrestag der großen Enzyklika „Über die Entwicklung der Völker“ („Populorum progressio“) von Papst Paul VI. und den 20. Jahrestag der Enzyklika „Über die soziale Sorge der Kirche“ („Sollicitudo rei socialis“) von Papst Johannes Paul II. begehen. Beide großartigen Texte laden uns ein, uns als mutige Verteidiger der Würde des Menschen zu bewähren, indem wir auch heute darauf verzichten, Gott zu versuchen und auf die Probe zu stellen. Denn Gott wird auch heute – wie bei den Versuchungen Jesu – auf die Probe gestellt überall dort, wo die Würde des Menschen, des Ebenbildes Gottes, mit Füssen getreten wird in grausamen Kriegen, aber auch in Elend, Armut und Unterdrückung.

Erst damit leuchtet der tiefere Sinn der Versuchungsgeschichte ein. Denn der Teufel leitet seine Verführungen jeweils mit dem Wort ein: „Wenn du Gottes Sohn bist.“ Unwillkürlich werden wir dabei an dasselbe Wort der Spötter unter dem Kreuz Jesu erinnert: „Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz“ (Mt 27,40). Dies ist eindeutig ein Wort der Verhöhnung Jesu. Zugleich enthält dieses Wort die Herausforderung an Jesus, er solle, wenn er glaubwürdig sein wolle, den Beweis für seinen Anspruch antreten. Diese Beweisforderung ist die eigentliche Versuchung, die hinter den drei Versuchungen steht. Es ist die Versuchung, sich selbst, die eigenen Bedürfnisse und die Wünsche des Augenblicks für wichtiger zu nehmen als den lebendigen Gott. Jesus aber macht sich stark für den Vorrang Gottes in seiner Sendung und auch in unserem Leben.

Betender Umgang mit den Versuchungen

Von daher ist es kein Zufall, dass Jesus die drei Urversuchungen, die er selbst erfahren hat und denen wir Menschen ständig ausgesetzt sind, auch zu den Grundanliegen seines eigenen Gebetes gemacht hat: Jesus heißt uns, darum zu beten, dass Gottes Name geheiligt und unsere Versuchung nach Ansehen und Prestige unterlaufen werde. Jesus lädt uns ein, darum zu beten, dass Gottes Reich komme und unsere Versuchung nach Macht und Herrschaft beendet werde. Und Jesus ermutigt uns, darum zu beten, dass Gottes Wille geschehe und unsere Versuchung nach Besitz und egoistischer Eigensüchtigkeit unterbrochen werde.

Das Herrengebet bringt es damit an den Tag, was Beten heißt. Es zeigt, dass es christlichem Gebet um die Einordnung unseres Lebens und unserer Wünsche und Bestrebungen in die Ziele Gottes mit seiner Welt, in seinen universalen Heilswillen geht. Das Vaterunser setzt gerade nicht bei unseren Wünschen und Sehnsüchten ein, sondern mit den elementaren Bitten für Gott selbst: dass sein Name geheiligt werde, dass sein Reich komme und dass sein Wille geschehe. Indem das Herrengebet uns herausfordert, uns in erster Linie um Gott zu kümmern, mutet es uns aber keineswegs zu, unsere eigenen Wünsche und Bestrebungen zu vergessen. Vielmehr folgen auf die drei Bitten für Gott die ebenso elementaren Bitten für uns Menschen: für das tägliche Brot, für die unerlässliche Vergebung, für die Bewahrung vor der stets gegenwärtigen Versuchung und für die Erlösung vor dem uns immer wieder bedrohenden Bösen.

Das Herrengebet ist deshalb das Urgebet von uns Christen; es ist, wie der Kirchenlehrer Tertullian treffend gesagt hat, Summe des ganzen Evangeliums. Christsein heißt, ein Leben lang das Vaterunser lernen. Dazu lädt uns in besonderer Weise die Österliche Bußzeit ein, die uns realistisch die Grundversuchungen von uns Menschen vor Augen führt, uns aber helfen will, mit unseren Urwünschen in einer gläubigen Grundhaltung so umzugehen, dass die Versuchungen zu Chancen der Umkehr werden können, wie es sich auch im Leben Jesu gezeigt hat. Von daher wird es nicht mehr erstaunen, dass es der Heilige Geist gewesen ist, der Jesus in die Wüste der Versuchungen geführt und ihn darin begleitet hat. Bitten wir in der kommenden Fastenzeit den Heiligen Geist, dass er auch uns zur Umkehr bewegt und uns den Vorrang Gottes in unserem eigenen Leben lehrt, für den Jesus mit seinem Leben und Sterben eingestanden ist. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine Geist-volle Österliche Bußzeit in der Hoffnung auf das österliche Fest des Lebens in Fülle.

Mit herzlichen Segenswünschen

+ Kurt Koch
Bischof von Basel


Solothurn, Fastenzeit 2007

[Vom Bistum Basel veröffentlichtes Original]