Bischof Manfred Scheuer: „Umkehr ist Geschenk von Gott“

Interview mit dem Innsbrucker Diözesanbischof

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INNSBRUCK, 9. März 2007 (ZENIT.org).- Im ZENIT-Gespräch über die Fastenzeit hebt der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer hervor, dass die Umkehr, zu der jeder Christ berufen ist, ein Geschenk Gottes ist.



„Letztlich ist es die Liebe, die Liebe Gottes, die von der Sünde als ‚incurvatio in seipsum‘ [‚Verschlossenheit im eigenen Ich‘, Anm. d. Red.] befreit. So vollzieht sich Umkehr auch und gerade im Gebet.“

Der 51-jährige Bischof aus Haibach in Oberösterreich, der in der Österreichischen Bischofskonferenz für die Bereiche Caritas und Pax Christi zuständig ist, kommt auch auf das Geheimnis dessen zu sprechen, der ganz im Sinn der Botschaft von Papst Benedikt XVI. für die Fastenzeit gegen „jede Form der Verachtung des Lebens und der Ausbeutung der menschlichen Person“ aufzutreten versteht.

„Ein Geheimnis eines solchen ‚Kämpfers‘ kann darin liegen, sein Leben zu ordnen. Ohne ein gewisses Maß an Askese, an Selbstbeherrschung, ohne Beschränkung von Bedürfnissen und Wünschen ist weder eine Rücksicht auf das eigene Wohl noch auf die Rechte anderer möglich.“

ZENIT: „Umkehr“ ist ein Wort, das man weder gern in den Mund nimmt noch gern hört, das aber doch auch eine positive Seite hat - oder etwa nicht?

-- Bischof Scheuer: Umkehr ist Geschenk von Gott, nicht eigene Leistung. Der christliche Glaube steht jenseits der Alternativen von reiner Passivität und Aktivismus; er ist weder reiner Kampf noch bloße Vertröstung. Die Hoffnung auf die endgültige Überwindung des Bösen, auf die volle Gerechtigkeit, in der auch die unschuldigen Opfer versöhnt sind, ist nicht innergeschichtlich vom Menschen durch eine Leistung zu schaffen oder zu machen. Versuche von Endlösungen führten und führen immer zu einer noch größeren Verstrickung in das Böse. Solche Versuche geraten in einen Teufelskreis.

Der Glaubende leistet nüchtern Widerstand (vgl. 1 Petr 5,8) und betet um Erlösung vom Bösen (vgl. Mt 6,13). Die Hoffnung richtet sich auf Gott und seine Verheißung, dass nichts, keine Macht und kein Böses von der Liebe Gottes in Christus Jesus zu trennen vermag (vgl. Röm 8,39). In dieser Hoffnung versucht er, sachgemäß, differenziert und nüchtern vom Bösen zu reden.

In den ignatianischen Exerzitien sind Selbsterkenntnis, Reue und Umkehr, aber auch Wahl und Entscheidung ein dialogischer Vorgang. Selbstfindung im Glauben ist ein dialogischer Prozess der bedingungslosen Annahme, der Vergebung, der Umkehr, des Loslassens und des Hörens. Es braucht die Einübung in das gute Sehen, die Einübung in die Dankbarkeit. Es braucht die
Erkenntnis: Ich bin ein Sünder (vgl. 1 Joh 3), das Erkennen der Sünde in ihrer Tiefenschicht, die Verhaltensänderung und die Bitte um Vergebung.

Letztlich ist es die Liebe, die Liebe Gottes, die von der Sünde als „incurvatio in seipsum“ [„Verschlossenheit im eigenen Ich“, Anm. d. Red.] befreit. So vollzieht sich Umkehr auch und gerade im Gebet.

ZENIT: Wozu soll man in der Fastenzeit „umkehren“? Soll man einfach nur ein „lieber“ Mensch werden, der brav ist und nirgends aneckt?

-- Bischof Scheuer: Ziel des geistlichen Weges in der benediktinischen Spiritualität ist es, „in der Gegenwart Gottes zu wandeln.“ Auch ignatianisch ist die Liebe zur Wirklichkeit und die liebende Aufmerksamkeit für die Gegenwart zentral.

„Sehen, wie ich vor Gott, unserm Herrn, stehe, vor den Engeln, vor den Heiligen, die für mich eintreten“ (Exerzitienbuch 232). „Schauen, wie Gott in den Geschöpfen wohnt“ (Exerzitienbuch 235).

Die Entwicklung der Wachheit und der Aufmerksamkeit, die Wahrnehmung durchaus im Sinne der Sinneswahrnehmung, das Dasein in der Gegenwart sind ein Weg der Überwindung des Bösen, das sich in der Flucht vor der Wirklichkeit, in Abstumpfung und Müdigkeit, in der blinden Angst, in der resignativen Verweigerung zeigt.

Übungen in dieser Richtung sind das Verweilen beim Atem wie auch das Jesusgebet.

In der menschlichen Gestalt Jesu leuchtet die Wahrheit und Herrlichkeit Gottes auf (vgl. Joh 1,14); er ist der Weg zum Vater (vgl. Joh 14,6), er ist der treue und wahrhaftige Zeuge (vgl. Offb 3,14). Ziel der Umkehr ist die Nachfolge Jesu.

Geistliches Leben kommt so aus dem Hören auf das Wort Gottes, das Jesus in Person ist. Die Betrachtung der „Geheimnisse des Lebens Christi unseres Herrn“ ist für Ignatius von Loyola im Exerzitienbuch ein Weg, auf dem „der Schöpfer und Herr selbst sich seiner frommen Seele mitteilt.“ Ziel der Umkehr ist es schließlich, aus der Verbundenheit mit Jesus die Sendung zum Aufbau der Kirche und des Reiches Gottes zu realisieren.

ZENIT: Der Papst ruft dazu auf, gerade in der Fastenzeit zu einem „Kämpfer“ zu werden, und zwar gegen „jede Form der Verachtung des Lebens und der Ausbeutung der menschlichen Person“. In welchen Bereichen geschieht das in Österreich? Wo ist der Christ aufgerufen, engagierter aufzutreten?

-- Bischof Scheuer: Geringschätzung und Verachtung des Lebens finden wir in unserer Gesellschaft und unserem Land in unterschiedlichsten Bereichen und Formen. Hier sind wir gerade als Christen dazu aufgefordert, Zeichen für die Würde menschlichen Lebens zu setzen und Zeugen gelingenden Lebens zu sein.

Christen sind Freunde des Lebens, des geborenen und des ungeborenen Lebens, des entfalteten und des behinderten Lebens, des jungen und des alten Lebens, des irdischen und des ewigen Lebens. Gerade am Beginn und am Ende ist die Würde des menschlichen Lebens vielfach bedroht.

Überwindung des Bösen ist auch der Einsatz und das Engagement gegen Unrecht und Ausbeutung. Was sich verändern lässt, ist auch zu verändern. Erlöste Praxis schließt die Gestaltung der kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Strukturen mit ein. Die Christen haben die Aufgabe, ihre Hoffnung „in den Strukturen des Weltlebens auszudrücken“ (LG 35) Hier soll „die Erneuerung der Welt in gewisser Weise wirklich vorausgenommen“ werden (LG 48).

ZENIT: Was ist das Geheimnis eines solchen „Kämpfers“, der sich in den kommenden 40 Tagen auch besonders um die Verlassenen und Einsamen kümmern soll?

-- Bischof Scheuer: Im Umgang mit dem Bösen haben die Wüstenväter einen großen Erfahrungsschatz gesammelt. Wenn ein Mönch durch Erfahrung die Dämonen kennen lernen und sich mit ihrer Technik vertraut machen will, dann beobachte er die Gedanken, beachte ihre Dauer, ihr Nachlassen, ihre Zeiten, und welche Dämonen dieses oder jenes tun, welcher Dämon welchem anderen folgt.

Dann sind von Christus die Gründe davon zu erfragen. Denn die Dämonen können jene nicht ertragen, die mit Wissen an die Praxis herangehen. Das Wissen um die Dämonen nimmt ihnen schon ihre Gefährlichkeit. Das Wissen ist aber Ergebnis einer langen und ehrlichen Beobachtung seiner selbst.

Ein Geheimnis eines solchen „Kämpfers“ kann darin liegen, sein Leben zu ordnen. Ohne ein gewisses Maß an Askese, an Selbstbeherrschung, ohne Beschränkung von Bedürfnissen und Wünschen ist weder eine Rücksicht auf das eigene Wohl noch auf die Rechte anderer möglich. Ohne eine der Fassungskraft angemessene Herzens- und Geistesbildung ist die Bewältigung des Bösen nicht einmal für Schwachsinnige zu haben (Albert Görres).

Einlasstore des Bösen sind nicht selten physische, psychische oder auch spirituelle Überforderung oder eine chaotische Lebensführung. Ohne Natur und Gnade gegeneinander auszuspielen, weiß Ignatius um die Bedeutung von anthropologischen Grundkonstanten wie um die Leiblichkeit, um die Bedeutung von Raum und Zeit, um die Wichtigkeit von Prioritäten. Und er kennt die Wichtigkeit von Übung und Training.

Sicher ist eine Übung noch kein Gebet, sicher ist Askese nur eine Stufe vor der so genannten zweiten Bekehrung. Gelingen wird immer Gnade sein.

Die Bewältigung des Bösen ist nicht so sehr die Negation der Negation. Vielmehr geschieht sie durch tätige Nothilfe.

Eine Strategie gegen die Habsucht ist das „agere contra“ in der Freigebigkeit. Auch gegenüber den Versuchungen der Traurigkeit, der „Akedia“, der Resignation oder des Stolzes empfehlen die Wüstenväter die konkrete Hinwendung zu Notleidenden und den Besuch bei Mitmenschen (Michael Schneider). So gilt als schlichter aber unersetzbarer Rat zur Bewältigung des Bösen: „Tu etwas für deine Mitmenschen, für Gott und für dich selbst, und tu es gern!“

Schließlich werden die Armen unsere Anwälte oder Kläger sein (vgl. Mt 25,42). Das letztlich entscheidende Böse liegt ja in versäumten Hilfeleistungen, in Unterlassungssünden.