Bischof Marx: Schutz und Erhalt der Artenvielfalt, Ausdruck des verantwortungsvollen Um­gangs mit der Schöpfung

Erklärung zur 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt

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BONN, 20. Mai 2008 (ZENIT.org).- Zu Beginn der 9. UN-Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkom­mens über die biologische Vielfalt, die gestern mit Delegierten aus 191 Ländern in Bonn begonnen hat, unterstützt die Deutsche Bischofskonferenz die Bemühungen der Staatengemeinschaft, den Schutz der biologischen Vielfalt auf eine breite Basis zu stellen.

In einer heute in Bonn veröffentlichten Erklärung weist der Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, Erzbischof Dr. Reinhard Marx (München), auf die christliche Motivation für die Bewahrung des Naturerbes hin: „Für Christen sind Schutz und Erhalt der Artenvielfalt Ausdruck des verantwortungsvollen Um­gangs mit der Schöpfung, die allen Menschen durch Gott anvertraut ist.“ Das Prinzip der Nachhaltigkeit stelle aus christlicher Perspektive einen Wegweiser zeitgemäßer Schöpfungsverantwortung dar.

Wir veröffentlichen die Erklärung von Erzbischof Marx im Wortlaut.

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Vom 19. bis 30. Mai 2008 findet in Bonn die 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkom­mens über die biologische Vielfalt statt, bei der mehr als 5000 Teilnehmer über Maßnahmen zum Erhalt der biologischen Vielfalt beraten werden. Die deutschen Bischöfe unterstützen nachdrücklich die Bemühungen der internationalen Staatengemeinschaft, den Schutz der biologischen Vielfalt auf eine breite Basis zu stellen.

Das ökologische Gleichgewicht und die biologische Vielfalt sind durch die Zerstörung von Lebensräumen, vor allem durch die Übernutzung natürlicher Ressourcen und den Klimawan­del, besonders bedroht. Zum Erhalt der genetischen Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten sowie zur Bewahrung der Lebensräume sind im Hinblick auf ökologische, intergenerationelle, und globale Gerechtigkeit gesellschaftliche Initiativen und politische Abkommen auf nationaler und internationaler Ebene vonnöten.

Für Christen sind Schutz und Erhalt der Artenvielfalt Ausdruck des verantwortungsvollen Um­gangs mit der Schöpfung, die allen Menschen durch Gott anvertraut ist. Hierin liegt die christliche Motivation für die Bewahrung des Natur­erbes.

Nicht zuletzt vom Schutz der Biosphäre hängt die künftige Entwicklung des gesamten Lebens auf der Erde ab. Orientierung für die Umsetzung dieser ethischen Pflicht in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt das Prinzip der Nachhaltigkeit, das aus christlicher Perspektive einen Weg­weiser zeitgemäßer Schöpfungsverantwortung darstellt. Biodiversität zählt zu den für die Weltgemeinschaft unverzichtbaren Gütern, die es im Sinne dieses Prinzips auch für die kom­menden Generationen zu bewahren gilt.

Ein nachhaltiger Umgang mit biologischer Vielfalt stellt insbesondere die Entwicklungs- und Schwellenländer vor große Herausforderungen: Während sie über eine hohe Biodiversität ver­fügen, fehlt es ihnen zugleich an technologischen und finanziellen Ressourcen zu deren Erhalt. Oft gelingt es ihnen nur bedingt, die Ressource Artenvielfalt ökonomisch gewinnbringend selbst zu nutzen. Vor diesem Hintergrund begrüßen die deutschen Bischöfe das Anliegen der Vertragsstaatenkonferenz, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Ländern mit großen ge­netischen Ressourcen eine gerechte Teilhabe an dem daraus erwirtschafteten Gewinn sichern und einen fairen Interessenausgleich bei der Nutzung der biologischen Vielfalt gewährleisten. Hier sind Solidarität und das Bemühen um globale Gerechtigkeit gefordert.

Der Schutz der Artenvielfalt und ein auf Nachhaltigkeit ausgerichteter Umgang mit ihr erfor­dert eine gemeinsame Übernahme der Verantwortung auf nationaler, europäischer und globaler Ebene. Einige wichtige Projekte zum Erhalt ökologisch wertvoller Lebensräume für Pflanzen, Tiere und Menschen wurden bereits national und international auf den Weg gebracht. Die For­derung nach Übernahme von Verantwortung richtet sich nicht nur an die Politik, sondern auch an die Wirtschaft und alle gesellschaftlichen Akteure, auch an die Kirche. Als Eigentümer von Wäldern und landwirtschaftlichen Flächen stehen Diözesen, Kirchengemeinden und Ordensgemeinschaften in der Verantwortung, einen nachhaltigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität zu leisten.

Die 9. Vertragsstaatenkonferenz bietet zahlreiche Chancen, konkrete und verbindliche Vor­gaben für eine Zukunft in globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit zu schaffen. Wir ermutigen die Teilnehmer der Vertragsstaatenkonferenz, alle Anstrengungen zu unternehmen, damit ein gerechtes und verantwortungsvolles Neben- und Miteinander von Mensch und Natur ermöglicht wird.

Erzbischof Dr. Reinhard Marx

Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen
der Deutschen Bischofskonferenz

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]