Bischof Mixa: „Ewiges Leben beginnt schon hier und jetzt in dieser innersten Verbundenheit mit Jesus Christus“

Der Hirte des Bistums Augsburg im Gespräch über den Auferstehungsglauben der Kirche

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AUGSBURG, 29. März 2007 (ZENIT.org).- Der Augsburger Diözesanbischof Dr. Walter Mixa ging im Gespräch mit Michael Ragg vom weltweiten katholischen Hilfswerk Kirche in Not für die Fernsehsendung „Spirit – Leben mit Stil“ auf den Osterglauben der Kirche ein. Der Hirte äußerte sich zur Glaubwürdigkeit der christlichen Auferstehungshoffnung, zur Abwertung des Lebens durch die Lehre von der Wiedergeburt und die mögliche Auferstehung mitten im Leben.



Das Interview wird in der Karwoche in voller Länge auf Bibel TV, EWTN und K-TV ausgestrahlt. Es kann auch als DVD oder Hör-CD unentgeltlich bei „Kirche in Not“ bestellt werden.

Herr Bischof, Ostern ist für viele ein schönes Frühlingsfest mit zusätzlich geschenkten Urlaubstagen. In den Kirchen hören wir dagegen eine ziemlich grausame Geschichte von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi, eine Geschichte, deren Wahrhaftigkeit immer wieder angezweifelt wird, zuletzt etwa in dem Film „Das Jesus-Grab“. Wie ernst müssen wir die biblische Erzählung vom Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi eigentlich nehmen?

Bischof Mixa: Die Literaturwissenschaft lehrt uns: Es gibt in der frühen Literatur kein Buch, das so nahe am Urheber der Botschaft steht wie die Schriften des Neuen Testamentes. Es handelt sich um zeitnahe Aussagen über Jesus. Wenn wir das etwa mit Sokrates vergleichen – Platon hat ja dessen Lehre und dessen Aussagen aufgeschrieben und weitergegeben – so sind diese Aussagen viel später schriftlich festgehalten worden, als eben die Aussagen über Jesus und die Erfahrung, die mit Jesus gemacht worden ist.

Dennoch könnte es sich um einen Propagandatext der frühen Christenheit handeln.

Bischof Mixa: Würden Sie sich etwas Schönes ausdenken und dafür in den Tod gehen? Würden Sie dafür große Benachteiligungen im alltäglichen Leben in Kauf nehmen, also Gefängnis, Folter und einen grausamen Tod? Also ich glaube, dass das für eine erfundene Geschichte niemand machen würde. Fast alle Apostel und viele führende Christen der ersten Jahrhunderte sind dafür den Märtyrertod gestorben.

Dass heute viele Menschen der Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu kritisch gegenüberstehen ist ja nicht verwunderlich, wenn die Bibel berichtet, wie skeptisch selbst die Apostel waren. Haben sie denn mit so etwas wie Auferstehung überhaupt gerechnet?

Bischof Mixa: Die Apostel haben natürlich nicht mit der Auferstehung Jesu gerechnet. Damals galt noch das Wort: Verflucht der Gepfählte! Wer, wie Jesus, aufgehängt worden ist, von dem glaubte man, dass Gott ihn in Stich gelassen habe.

Nach dem Leiden und Sterben Jesu haben sich die Apostel sehr schnell zurückgezogen und auch versteckt, damit sie nicht von den Gegnern Jesu noch aufgespürt werden konnten. Sie spürten die Gefahr, dass ihnen das gleiche Schicksal widerfahren könnte wie Jesus Christus. Das war für die Apostel ein Zeichen dafür, dass die Sache Jesu, die so gut sie angefangen hatte, in einer Katastrophe geendet hat. Dieses Leiden und Sterben brandmarkte ihn als Scharlatan, als Lügner. Daraufhin haben sich die Apostel sehr schnell zurückgezogen, fast könnte man sagen versteckt, damit ihnen nicht das gleiche Schicksal widerfährt, wie ihrem Meister, Jesus.

Als dann die ersten Nachrichten kamen – Jesus ist ja zuerst Frauen erschienen – wollten die Apostel das auch nicht glauben und sagten: Das ist ja nur so ein Weibergeschwätz. Was hat sie denn schließlich überzeugt?

Bischof Mixa: Tatsächlich war von Weibergeschwätz die Rede. Die Apostel meinten, die Frauen würden sich nicht mit der Realität abfinden können. Petrus und Johannes haben nur festgestellt, dass das Grab leer war. Sie vermuteten, dass der Leichnam weggenommen worden sei.

Sehr sympathisch empfinde ich den Apostel Thomas, der sagte: „Ihr könnt mir erzählen, was Ihr wollt, das könnt ihr von mir aus glauben. Ich glaube das nicht. So lange ich nicht meine Finger in seine Nagelwunden lege, so lange ich nicht meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Er musste Jesus erst selbst begegnen. Thomas sprach dann das wohl kürzeste Glaubensbekenntnis: „Mein Herr und mein Gott.“ Und Jesus erwiderte: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“

Die Kirche hat von Anfang an gesagt: Wenn dieser Jesus auferstanden ist, dann bedeutet das, dass wir alle mindestens die Chance zur Auferstehung haben. Warum eigentlich?

Bischof Mixa: Jesus ist wirklich durch seine Menschwerdung uns Menschen in allem gleich geworden ist, ausgenommen die Sünde. Und damit ist er uns auch gleich geworden in der Erfahrung von geistigen und seelischen Leiden. Jesus war Mensch, keine Phantomgestalt. Wenn er das grausame Leiden und Sterben erlitten hat und von den Toten auferstanden ist, dann gilt auch für uns die Chance, von den Toten aufzustehen. Wir leben im Heute und Morgen mit Jesus, aber auch über den Tod hinaus.

Nun glauben ja Umfragen zufolge die meisten Menschen, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht. Wenn man dann aber näher nachfragt, wie sie sich das vorstellen, dann sprechen doch sehr viele von einer Art Wiedergeburt: Der Mensch kommt als anderer Mensch, als Tier, als Pflanze, irgendwie wieder auf die Erde. Was unterscheidet diese Vorstellung von Wiedergeburt von der christlichen Auferstehungshoffnung?

Bischof Mixa: Diese Vorstellung von Seelenwanderung und Wiedergeburt ist ein absoluter Irrtum und in sich unchristlich. Unser Auferstehungsglaube nimmt den Einzelnen in seiner Daseinsform absolut ernst. Das heißt: Ich mit meinem Denken, ich mit meiner Sehnsucht auch nach Geborgenheit, einer zuverlässigen Liebe, einem sinnerfüllten und bleibenden Leben, ich mit meinen Gedanken und Sehnsüchten bin einmalig. Mein Leben ist einmalig und unwiederholbar.

Gefällt vielleicht deshalb so vielen Menschen diese Idee von der Wiedergeburt, weil man sich damit um Entscheidungen herummogeln kann?

Bischof Mixa: Diese These von Seelenwanderung und Wiedergeburt verdrängt die Ernsthaftigkeit und Einmaligkeit des jetzigen Lebens und unsere Verantwortung vor Gott. Viele versuchen wohl den Entscheidungen auszuweichen, um sich nicht der gegenwärtigen Situation stellen und sich fragen zu müssen, was sie aus ihrem jetzigen Leben machen. Jeder von uns muss sich bewusst sein, dass, wenn dieses Leben zu Ende geht, jeder vor Gott hin treten wird. Und dann legt jeder Rechenschaft ab über Gut und Böse in seinem Leben.

Das heißt, wer die Auferstehung ernst nimmt, nimmt das Leben ernst. Jetzt wird vielleicht mancher sagen: „So etwas wie Tod, das gibt es auch schon im Leben. Ich fühl mich erstarrt, in Gewohnheiten gefangen, nicht mehr lebendig.“ Gibt es denn so etwas wie eine Auferstehung auch mitten im Leben?

Bischof Mixa: Das gibt es ganz sicher. Und das sagt ja auch Jesus: „Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Leben. Wer an mich glaubt, der wird den Tod nicht schauen in Ewigkeit.“

Oder denken Sie an die Eucharistie-Botschaft: „Ich bin das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Und er wird den Tod nicht schauen in Ewigkeit.“ Ebenso tröstlich ist die Aussage: „Wie ich vom lebendigen Vater gesandt worden bin, durch den Vater lebe, so wird, welcher mich isst, durch mich leben.“

Das heißt, ewiges Leben beginnt schon hier und jetzt in dieser innersten Verbundenheit mit Jesus Christus. Deshalb konnte auch Paulus sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus, der Herr, lebt in mir.“

Auferstehung hat ja mit „Aufstehen“ zu tun. Jesus hat ja auch immer wieder Menschen geheilt und ihnen oft gesagt: „Steh auf!“ Aber wir wissen ja, es fällt uns nicht immer so leicht. Welche Hilfen hat der Glaube, hat die Kirche parat, um dann auch wirklich aufstehen zu können?

Bischof Mixa: Für mich ist die Beichte eine ganz entscheidende Hilfe. Im Empfang des Bußsakramentes weiß ich mich von Gott angesprochen: „Ich meine Dich, ich sage Du zu Dir.“ Und das, was falsch war, das ist weggenommen. Dadurch wird mein Selbstbewusstsein erneuert.

Durch die Liebe und Kraft Gottes bekomme ich die neue Möglichkeit, meinen Weg besser und hoffnungsvoller einzuschlagen. Es gäbe weniger Traurigkeit, Depressivität und Mangel an Lebensfreude, wenn die Menschen wieder mehr beichten würden.

Die Beichte ist damit sozusagen ein Hausmittel der Kirche. Ähnlich verhält es sich ja mit der Feier des Sonntags, den die Kirche ja als ein kleines Osterfest begreift. Doch der Charakter des Sonntag als Tag der Freiheit, des Durchatmens und der „Auferstehung“ sieht sich durch Kauf-, Auto-, Möbelhäuser und andere angegriffen, die ihn für größeren wirtschaftlichen Erfolg nutzbar machen wollen ...

Bischof Mixa: Und ich bin der Überzeugung, dass die gar nicht auf den Gedanken kämen, den Sonntag zu vermarkten, wenn wir als Christen den Sonntag richtig feiern würden. Aber wenn wir den Sonntag nützen, um auszuschlafen, einen Tagesausflug zu unternehmen oder einer Freizeitgestaltung zu frönen, aber den Tag nicht als Möglichkeit zur Gottesbegegnung verstehen, dann gibt es natürlich viele, die sagen, die Christen nehmen ihren Sonntag überhaupt nicht mehr ernst.

Wir müssen wieder erkennen, dass es den Sonntag nur gibt, weil es das Christentum gibt. Der Sonntag gehört Gott. Und der Sonntag gehört uns.

Wie ändert sich das Leben eines Menschen, wenn er den Sonntag ernst nimmt?

Bischof Mixa: Der Mensch findet dadurch zu hoffnungsvolleren Gedanken, er setzt sich mit der Frage auseinander, welchen tieferen Sinn das eigene Leben hat. Das wird natürlich durch die Feier der Heiligen Messe immer wieder angeregt. Und da sind auch wir Priester gefordert.

Wir müssen ganz und gar davon wegkommen, nur einen Ritus zu feiern, damit er vollzogen ist. Wir müssen mit Leib und Seele, mit Herz und Sinn, den Gottesdienst, so feiern, dass erfahrbar wird: Hier spricht Christus zu uns, hier ist Jesus Christus mit seiner Liebe in Leiden und Sterben am Kreuz, mit seinem Leben in der Auferstehung ganz und gar für uns da.

Eine Art Auferstehung ist auch das allmorgendliche Aufstehen. Wie kann man denn jeden Tag so leben, den Abend, den Morgen, dass das tägliche Aufstehen zu einer „Auferstehung“ wird?

Bischof Mixa: Mein Ratschlag lautet: Machen Sie nach dem Erwachen einfach das Kreuzzeichen über Ihren Leib. Sagen Sie: „Danke, lieber Gott, für diese gute Nacht. Segne und beschütze mich und alle, die mir an diesem Tag anvertraut sind.“

Nehmen Sie sich zum Abend hin die Zeit zur Gewissens-Erforschung. Heute gibt es auch das Wort vom liebenden Nachdenken. Stellen Sie sich die Fragen: Wie war der Tag? Was war gut? Was konnte ich wirklich durch meinen persönlichen Einsatz Gutes hervorbringen? Was hat mich gefreut? Wo sind auch Defizite? Wo habe ich Kummer und Sorgen, die nicht bewältigt sind? Hierzu muss der Mensch aber auch bereit sein. Von nichts kommt nichts.