Bischof Müller von Regensburg über die Botschaft des Papstes in seinen Enzykliken

"Auch Christus ist nicht vom Kreuz gestiegen"

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ROM, 12. April 2005 (ZENIT.org).- In seinem Nachruf auf Papst Johannes Paul II., der in der Nacht zum Barmherzigkeitssonntag am 2. April zum Vater heimgekehrt ist, unternimmt Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg einen Streifzug durch die Enzykliken des Heiligen Vaters. So entsteht er ein facettenreiches Bild von der Persönlichkeit des Papstes aus Polen, der "im Leben und Sterben, in Gesundheit und Krankheit, in jugendlicher Frische und der Gebrechlichkeit im Alter immer ein Zeuge des leidenden und verherrlichten Christus" gewesen sei, ein "heiligmäßiger Christ in der Nachfolge Jesu".



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"Auch Christus ist nicht vom Kreuz gestiegen." Johannes Paul II. hat sich wie kein Anderer so mit Christus verbunden gewusst. Sein Wirken als Pontifex ist mit der ersten Enzyklika "Redemptor hominis" bereits geprägt gewesen von einer inneren und unverbrüchlichen Verbindung mit Jesus Christus. Ausgerichtet auf den Herrn und Erlöser wurde seine irdische Pilgerreise zu einem Hoffnung gebenden Zeichen der Universalität der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. "In ihm allein ist Heil und es ist uns kein anderer Name gegeben unter dem Himmel, durch den wir selig werden" (Apg 4,12). Es sind zwei Dimensionen seines päpstlichen Wirkens, die uns immer wieder so fasziniert haben: Sein Wirken in der Welt und sein Schauen auf Christus.

Sein unermüdlicher Einsatz für ein Leben in der Vernunft Gottes, hat sich stets stärker erwiesen als die politisch-ideologischen Heilslehren, die nur von Menschen ersonnen sind. Die Vernunft Gottes, das WORT, das unser Fleisch angenommen hat (Joh 1,14) die vertrauensvolle Hingabe an den Schöpfer und Vollender des Menschen hat uns immer wieder die Machtlosigkeit menschlicher Organisationen vor Augen geführt, die den Wesensbezug des Menschen zu Gott verschwiegen oder bekämpft haben.

Unvergessen werden die Bilder sein, die Johannes Paul II. mit den politischen Machthabern der Welt zeigen und denen er gerade in den bedrohlichen Zeiten bevorstehender Kriege das Gebot der Versöhnung und der Liebe predigte. Seine Botschaft war nicht politisch innerweltlicher Natur. Sie ist erwachsen aus der Verantwortung gegenüber dem Zeugnis der Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist. Vor Pilatus, dem irdischen Machthaber, offenbart Jesus das Geheimnis seiner Person und Sendung: "Ja, ich bin ein König. Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme" (Joh 18,37).

Damit sind auch die Themen angesprochen, die den Alltag der Menschen beschreiben: Die tägliche Arbeit, mit der sich Johannes Paul II. in der Enzyklika "Laborem exercens" (1981) und in "Sollicitudo rei socialis" (1987) beschäftigte. So ist die Arbeit nicht nur ein Produktionsfaktor, der sich in den Dienst der Wirtschaftlichkeit und der Effizienz zu stellen hat, sondern ein Bestandteil wahren Menschseins. Auch hier spiegelt sich die enge Verknüpfung von Christus und den Menschen, der Christologie und der Anthropologie in der Botschaft des Papstes wieder.

Sein "politisches Handeln" ist jedoch nicht einfügbar in die Politik, die zur Durchsetzung ihrer Interessen auf Mittel zurückgreift, die in den zeitbedingten gesellschaftlichen Formen auch stets nur zeitlich begrenzte Entscheidungen treffen kann. Die in den Enzykliken geäußerte Lehre der Kirche ist eine bleibende, jede Veränderung überdauernde Kraft, deren Autorität und Verbindlichkeit in Jesus Christus begründet liegt. Das zeigt sich im überzeitlichen Engagement der Kirche für die Not der Armen, der Unterdrückten und Behinderten, die keinen Anwalt in der Menschheitsfamilie haben – außer der Kirche.

Neben den großen Texten zur wirtschaftlichen und politischen Realität finden wir auch die großen Antworten zum Verhältnis der Vernunft zum Glauben. Seit der Aufklärung wird die Unvereinbarkeit von Vernunft und Offenbarung konstruiert. Der Glaube ist in das persönlich subjektive Empfinden verdrängt worden und seiner Öffentlichkeit und Vernünftigkeit beraubt. Ist seitdem die Welt besser und vernünftiger geworden?

Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika "Fides et ratio" (1998) den Zusammenhang von Vernunft und Glaube mit folgenden Worten umschrieben: "Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, dass er Ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen könne" (Einleitung).

Vernunft und Glaube sind keine gegensätzlichen Pole der menschlichen Wirklichkeit, sondern aufeinander zugeordnete Wege zu Gott und zum eigenen Menschsein. Allein die Frage "Wer bin ich?" setzt ein rationales Denken in Gang, das aber seinen eigentlichen Ursprung in der Erkenntnis der Abhängigkeit von Gott besitzt. Unser Glaube strebt eben nach der geistigen Durchdringung und die rationale Erkenntnis führt uns immer mehr in das Geheimnis unseres Glaubens. Die Offenbarung kann nicht vor das Tribunal der begrenzten menschlichen Vernunft gezogen werden. Sie bietet der Vernunft erst den Raum zu sich selbst und damit zum Ziel der Wahrheit zu finden, die allein Gott ist. Alle Wahrheit der menschlichen Vernunft hat in Gott ihren Ausgangspunkt, Stütze, Inhalt und Ziel.

Wer erinnert sich in diesen Tagen der Trauer und des Schmerzes nicht auch besonders an den unermüdlichen Einsatz Johannes Paul II. für das Leben – von seinem Beginn im ersten Augenblick der Empfängnis bis zum letzten Atemzug des natürlichen Todes. In "Evangelium vitae" (1995) setzte er noch einmal Maßstäbe für den Umgang mit dem Leben. Unantastbarkeit, Freiheit und Würde, Respekt sind dem Leben aus sich selbst heraus zu Eigen. Niemals darf sich der Mensch zum Herrn des Lebens aufspielen, denn die daraus resultierende Gefahr liegt in der Manipulierbarkeit und in der grausamen Geringschätzung des Rechts auf Leben.

Die Ökumene ist Johannes Paul II. immer besonders am Herzen gelegen. Zuletzt in der Enzyklika "Ut unum sint" (1995). Sein Appell, sich dem Aufruf Jesu Christi zu stellen und für die Einheit der Kirche zu arbeiten ist unüberhörbar. Ökumene wird am meisten gefördert, wo sie sich dem Anspruch der Wahrheit stellt. Der Relativismus ist der größte Feind der Ökumene und nichts anders als menschliche Besserwisserei gegenüber dem menschgewordenen Wort, dem einzigen Sohn des Vaters – "voll der Gnade und Wahrheit" (Joh 1,14).

Die Einheit der Kirche Christi, die schon verwirklicht ist in der Einheit der katholischen Kirche in Gemeinschaft mit den Bischöfen und mit dem Papst als Prinzip und Fundament ihrer Einheit, ist offen für die volle Gemeinschaft aller Christen in ihr. Die katholische Kirche bewahrt ihre Lehridentität und anerkennt zugleich die Elemente der Wahrheit und Heiligung außerhalb ihrer, die als der Kirche Christi eigene Gaben zur vollen sichtbaren Einheit mit der katholischen Kirche hindrängen (vgl. Lumen gentium, 8).

"Totus tuus": Seinen Wahlspruch hat er in überzeugender Weise auch vorgelebt und wurde dadurch für uns alle zum Vorbild in unserer Lebensgestaltung. Christsein ist eine Entscheidung, die unser Leben in all seinen Facetten und Formen umgreift. Bereits seine erste Enzyklika "Redemptor hominis" hat den Weg vorgezeichnet, den sein Wirken beschreiten wird. Jesus Christus ist der Erlöser des Menschen. Und die Erkenntnis des Bezogenseins auf Jesus Christus ist auch der Zugang zur Erkenntnis wahren Menschseins, das sich in der Hinordnung auf Gott seiner eigenen Dimension bewusst wird.

Schauen wir voller Dankbarkeit zurück auf die fast 27 Jahre von Papst Johannes Paul II. so finden wir diese Ausrichtung auf Jesus Christus selbst in seiner letzten Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" (2003) noch einmal bestätigt. Im letzten Abendmahl hat Christus selbst uns seinen Leib und sein Blut geschenkt und uns im Sakrament der Eucharistie zur Kirche gestaltet. Christus und die Kirche gehören zusammen.

Es zeugt nicht von einem tiefen Verstand und einem weiten Herzen, wenn manche Kommentatoren, den Papst für seinen Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit loben, der die Bewahrung und Entfaltung des katholischen Glaubens als konservativ und damit als unvereinbar mit dem Mainstream der öffentlichen Meinung in einer Mediokratie lästern. Auch der Nachfolger Johannes Pauls II. wird an der katholische Lehre über die dem Mann vorbehaltene Priesterweihe, die Unauflöslichkeit der Ehe, die Unmöglichkeit einer Interkommunion festhalten, weil die Kirche in Treue zu der ihr überlieferten Offenbarung, die allein das lebendige Lehramt der Kirche letztverbindlich auslegen kann, niemals von Gottes Offenbarung abweichen wird.

Johannes Paul II. ist selbst im Tod zum Zeugen für die Botschaft des Lebens geworden. Seine Zuversicht, seine unauslöschliche Hoffnung auf ein Leben in der Anschauung Gottes, ist keine Vision, keine Erfindung von uns Menschen, sondern die Wirklichkeit des Glaubens. Der Herr des Lebens wird ihm alles vergelten, was er für die Kirche, für uns getan hat. Der Apostel Petrus, dessen Nachfolger der Papst ist, stellte sich den Bischöfen und Priestern vor als Mitpriester und "Zeuge der Leiden Christi, der auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird" (1 Petr 5,1).

Als Jesus nach seiner Auferstehung von den Toten dem Apostel Petrus das universale Hirtenamt über seine Kirche übertrug, sagte er zu Petrus: "Amen! Amen! das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Wort sagte er: Folge mir nach!" (Joh 21,18f.).

Johannes Paul II., dem die Schlüssel des Himmelreiches und die Binde- und Lösegewalt von Jesus selbst übertragen worden ist, war im Leben und Sterben, in Gesundheit und Krankheit, in jugendlicher Frische und der Gebrechlichkeit im Alter immer ein Zeuge des leidenden und verherrlichten Christus. Er war der Fels, auf den unüberwindlich von den Mächten des Todes die Kirche Jesu gebaut (Mt 16,18) ist und zugleich ein heiligmäßiger Christ in der Nachfolge Jesu. Sein Leben und Wirken als Papst war allein dem Auftrag Jesu verpflichtet: "Du aber stärke deine Brüder" (Lk 22,32).

Das ist die Mission des Papsttums bis ans Ende der Zeiten.

[Deutsches Original, herausgegeben vom Bischöflichen Ordinariat Regensburg]