Bischof Scheuer: „Ökumene, das ist gemeinsames Zeugnis"

Predigt zum Abschluss der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen

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WIEN/INNSBRUCK, 31. Januar 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer am 23. Jänner 2009 beim Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich anlässlich der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen in der altkatholischen Heilandskirche in Wien gehalten hat.

Bischof Scheuer rief die Christen mit einem Verweis auf den seligen Franz Jägerstätter zum gemeinsamen Glaubenszeugnis auf. Ein Christ könne kein „Eigenbrötler und auch kein Selbstversorger" sein, betonte er. Schon die Ur-Idee Gottes mit seiner Schöpfung heiße „Communio", und das sei deshalb so, „weil Gott selbst Communio ist, einer als Communio, als engste Gemeinschaft der Liebe dreier Personen".

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Das Wort aus dem Buch des Propheten Ezechiel ist in die geschichtliche Situation der Teilung des Landes hinein gesprochen. Geteilte Länder wie Korea, sie stehen für schmerzliche Erfahrungen. Die Teilung ist geographisch, auch ideologisch und wirtschaftlich. Das hat massive Auswirkungen auf das Leben- und Beziehungsgefüge der Menschen. Natürliche Lebensbande können nicht geknüpft werden, verwandtschaftliche Beziehungen sind zerrissen, kulturelle Ströme verstopft, wirtschaftlicher Austausch und Handel kaum möglich. Das was einmal beisammen war, lebt sich auseinander. Man wird sich fremd, weil es keine gemeinsamen Zeiten und Räume mehr gibt. So bekommt auch die Heimat oder das Heimatgefühl einen Riss.

Freilich, das lässt sich nicht eins zu eins auf die Glaubenseinheit übertragen. Denn Einheit und Gemeinschaft unter Christen ist nicht einfach naturhaft vorgegeben oder machbar. Die Verbindung durch die gemeinsame Familie, die Verwandtschaft von Fleisch und Blut, die gemeinsame soziale Herkunft oder auch bloße Sympathie und Freundschaft wären zu wenig. Im Evangelium wird die biologische Verwandtschaft inklusive der Beziehung Jesu zu seiner Mutter Maria massiv relativiert. Die Grenzen nationaler Einheit und von rassischer Zusammengehörigkeit werden von Jesus auf den je größeren Gott (Deus semper maior) und den je kleineren Gott (semper minor) gesprengt. So sind die Kriterien der Einheit andere: „Der Ausschluss des Schwachen und Unansehnlichen, des scheinbar Unbrauchbaren aus einer christlichen Lebensgemeinschaft kann geradezu den Ausschluss Christi, der in dem armen Bruder an die Tür klopft, bedeuten." Zudem ist die Sprache der Einheit „ein Volk" oder „ein Reich" durch die dämonische Erfahrung mit dem Nationalsozialismus massiv verdorben. Einheit ist nicht gleich Einheit.

Und doch: ein Christ ist kein Christ. Ein Christ kann kein Eigenbrötler und auch kein Selbstversorger sein. Die Ur-Idee Gottes mit seiner Schöpfung heißt „Communio", und zwar deshalb, weil Gott selbst Communio ist, einer als Communio, als engste Gemeinschaft der Liebe dreier Personen. Die Schöpfung als Bild und Abglanz Gottes trägt communionale Züge und ist auf eine communionale Vollendung hin angelegt. Christen sind wir wesentlich in Gemeinschaft und in Beziehung. Wohl ruft Jesus seine Jünger aus den verwandtschaftlichen Beziehungen von Fleisch und Blut heraus, aber nicht um sie zu isolieren, sondern um sie in eine neue Familie einzuführen. Koinonia/communio meint participatio/Teilhabe, Teilhabe an den von Gott geschenkten Gütern des Heils: Teilhabe am Heiligen Geist, am neuen Leben, an der Liebe, am Evangelium, an der Eucharistie. Wirkliche Einheit ist nicht machbar, sie muss durch Vertrauen, Verständnis, Einsatz füreinander und durch Liebe wachsen. Frieden und Vergebung müssen gewagt und gestiftet werden.

Einheit und Konflikt in der Ökumene

„Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung." (Apg 4,32f.) Beim Hören dieser idealen Zustände kommen rasch der Frust über die gegenwärtigen Zustände, die Enttäuschung über die real existierende Kirche(n), die Aggression gegenüber den verantwortlichen Personen und Institutionen, auch die Enttäuschung über den Zustand des ökumenischen Gesprächs. Wenn wir die Apostelgeschichte insgesamt lesen und von ihr her unsere kirchlichen Erfahrungen deuten, so kommen viele Parallelen: „Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, so dass sie [Paulus und Barnabas] sich voneinander trennten." (Apg 15,39). Wenn wir die Zeugnissen der ersten Gemeinden genauer anschauen, so gibt es da Machtfragen, Drangsale, Konflikte, Auseinandersetzungen, Eifersucht, Neid, Zu kurz Kommen, Kleiderfragen, Ritusstreitigkeiten, Genderthemen, Probleme mit der Gemeindeordnung, mit der Prophetie, Auseinandersetzungen um Ehe und Ehebruch, um Geld und Solidarität, Glaubensfragen usw. Es gibt Tratsch auf dem Areopag (Apg 17,21), dann wird Mut zugesprochen (Apg 16,40), da gibt es das Stärken der Brüder (Apg 18,23).

Unsere konkreten Kirchen, auch unser ökumenisches Miteinander sind wie die Urgemeinde und die ersten Gemeinden des Paulus eine höchst gemischte Gesellschaft. Da gibt es Behinderungen, Belastungen, Kränkungen und Machtverhältnisse im Miteinander. Da ist die Sehnsucht nach Einheit und da sind eingeschränkte Beziehungen oder gar Beziehungslosigkeit in der Realität. Die Verzerrungen und Behinderungen sind bei Paulus Material der Communio. Er rühmt sich seiner Schwächen (2 Kor 12,9; 1 Kor 1,18-31). Es wäre gerade die Herausforderung, mit den Licht- und mit den Schattenseiten, mit den Rosen und Neurosen beziehungsreich umzugehen.

Zurzeit mehren sich die Stimmen, die in der Ökumene vom Ziel einer Einheit, die sich einem gemeinsamen Glauben verpflichtet weiß und eben darin auch sichtbare, erfahrbare Einheit ist, mehr und mehr abrücken. Ist diese Zielvorgabe wirklich so schnell abzuschreiben? Es ist klar, dass die Vorgabe „sichtbare Einheit" näher definiert werden muss. Gemeint ist keinesfalls uniformistische Einheitlichkeit, mit der man das ökumenische Ziel der Einheit im Glauben konterkarieren kann. Aber Ziel allen ökumenischen Bemühens sollte nach römisch katholischem Verständnis eine Einheit sein, die sich im gemeinsamen Bekennen des apostolischen Glaubens, im Verständnis der Sakramente (vornehmlich der Eucharistie und der Taufe) und im Verständnis des kirchlichen Amtes eins weiß.

Es gibt Stimmen, die behaupten: Die Ökumene, sonderlich die Konsensökumene, sei an ihr Ende gelangt. Zumindest könne es so wie bisher nicht weitergehen. Das geht bis zur Ansicht, die Kirchen seien angesichts ihrer konkreten konfessionellen Struktur prinzipiell ökumeneunfähig. Etwas moderater äußern sich jene, denen die bisher in theologischen Gesprächen erreichten Annäherungen ausreichend sind für eine „Einheit in versöhnter Verschiedenheit".

Eine andere Spannung in der Sicht von Ökumene sieht so aus: Da sind auf der einen Seite die ökumenischen Fachleute, die um die theologischen Kontroversprobleme wissen und diese redlich aufzuarbeiten suchen. Auf der anderen Seite gibt es eine Mentalität, die diese Fragestellungen aus der Geschichte als bedeutungslos ansieht. Man verweist auf das Desinteresse im säkularen Umfeld an solchen Fragen, auch das Desinteresse bei Kirchenmitgliedern und fordert eine Art „Hauruck-Ökumene". Man meint, die Gemeinsamkeit der Kirchen ohne größere Mühe, ohne eigene Umkehr und Buße, ohne geistige und geistliche Anstrengung mit Beschlüssen und Aktionen herbeiführen zu können, sei es „von oben" oder „von unten". Dieser „ökumenische Pragmatismus" sieht überhaupt keine Probleme mehr. Er regelt alles nach eigenem Geschmack, ohne sich um irgendwelche kirchliche Vorgaben zu scheren, nach dem Motto: „Was gehen uns die Streitigkeiten von gestern an!"

Ebenso scheint mir eine Ökumene, die als Subjekt des Handelns allein auf eine isolierte „Basis" setzt, zum Scheitern verurteilt, wie eine Ökumene, die von einer isolierten „Kirchenobrigkeit" her denkt. Wirklicher Fortschritt in der Annäherung der Kirchen setzt die innere Einheit der kirchlichen Autoritäten mit dem Denken, Beten und Handeln der Gläubigen voraus.

Meist denkt man sich die Ökumene als einen Weg, der mehr oder weniger kontinuierlich auf die vor uns liegende Einheit zuläuft. Dabei übersieht man, dass unterschwellig oder manchmal auch ganz offen in wichtigen Bereichen des kirchlichen Lebens und Glaubensbewusstseins Entwicklungen eintreten, die die Kirchen auseinanderdriften lassen. Als Beispiele verweise ich auf manche Entwicklungen im Bereich ethischer Grundüberzeugungen. Auch im Blick auf politische Optionen sind jene Fliehkräfte nicht zu unterschätzen, die uns als Kirchen bei Stellungnahmen zu scheinbar nichttheologischen Fragen und Entwicklungen in der Profangesellschaft auseinanderdriften lassen.

Wie kommen wir in der Ökumene weiter?

Es gilt ernst zu machen mit der Tatsache, dass wir in der getrennten Christenheit mehr haben, was uns untereinander verbindet, als was uns trennt. Josef Ratzinger hatte 1986 die Formulierung gebraucht, man müsse „die bestehende Einheit operativ machen". Diese Anregung hat eine doppelte Stoßrichtung: Zum einen müssen Unterschiedlichkeiten im Sinne des differenzierten Konsenses miteinander versöhnt werden, also als sich nicht gegenseitig ausschließende, wohl aber komplementär ergänzende Aspekte der gemeinsamen Einsicht in das Mysterium Christi verstanden werden. Dies hat in vorbildlicher Weise die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung" versucht.

Zum anderen hat diese Option natürlich auch den Sinn, unnötige und vom Zentrum des Glaubens wegführende Ausformungen konfessionellen Eigenlebens zurück zu schneiden. Nicht alles, was in der kirchlichen Frömmigkeitspraxis und in der Ausgestaltung kirchlichen Lebens uns zugewachsen ist, muss bewahrt werden.

Damit hängt eng zusammen: Die Ökumene braucht die je eigene Umkehr und Buße der Christen und der Kirche insgesamt. Man könnte auch vom ökumenischen „Dialog der Bekehrung" (Ut unum sint Nr. 35) sprechen. Ohne Selbstevangelisierung der Kirchen hat die Ökumene keine tragfähigen Grundlagen.

Für die ökumenische Arbeit sind „vertrauensbildende Maßnahmen" wichtig. Wir müssen damit rechnen, dass es immer wieder durch menschliche Schwäche, Unaufmerksamkeit aber auch durch echte Schuld zu Rückschlägen in der ökumenischen Annäherung kommt. Um solche Phasen durchstehen zu können, bedarf es eines angehäuften Kapitals an Vertrauen, das nicht erst in diesen kritischen Phasen, sondern schon im Voraus zu bilden ist. Zu diesem Vertrauensfundus gehört auch die Bereitschaft, sich freimütig auf Dinge aufmerksam zu machen, die für den ökumenischen Partner belastend sind. Mehr freilich noch gehört dazu, jene Möglichkeiten der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Zeugnisses auszuschöpfen, die uns heute schon möglich sind.

Schließlich möchte ich ausdrücklich die Notwendigkeit ansprechen, in einigen besonders die Praxis des ökumenischen Miteinanders betreffenden Problemfeldern verantwortbare Regeln zu entwickeln. Kardinal Walter Kasper hat von der Aufgabe gesprochen, nach „Einzelfallgerechtigkeit" zu suchen. Es braucht weitere seelsorgliche Hilfen für konfessionsverschiedene bzw. -verbindende Ehen, Hilfen, die sowohl mit unserem kirchlichen Selbstverständnis, als auch mit der konkreten Situation dieser Paare in Einklang stehen.

Ökumene des Zeugnisses

„Das Leben lebt nicht." So setzt Theodor Adorno sein Motto an den Beginn seiner Minima moralia. Und: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen." Gibt es ein „richtiges" Leben in schwierigen Verhältnissen? Kann Ökumene gelingen, wenn die Euphorie ermüdet ist? Jede Zeit ist eine Zeit der Gnade und des Zeugnisses. Ökumene ist gerade heute auch eine Ökumene der Märtyrer: Es stimmt, was der orthodoxe Metropolit von Sankt Petersburg, Benjamin, der im Jahre 1922 das Martyrium erlitt, am Abend vor seiner Hinrichtung notierte: „Die Zeiten haben sich geändert. Es hat sich die Möglichkeit ergeben, aus Liebe zu Christus Leiden auf sich zu nehmen." Paul Schneider verweigerte bei einem Fahnenappell anlässlich des Führergeburtstages am 20. April 1938 den Hitlergruß verweigerte mit der Begründung: „Dieses Verbrechersymbol grüße ich nicht!" Er wurde öffentlich mit Stockschlägen bestraft und in eine Einzelzelle des Arrestgebäudes („Bunker") gesperrt. Am Ostersonntag soll er sich trotz größter Schmerzen an den Gitterstäben seiner Zelle hochgezogen und den tausenden von Häftlingen draußen auf dem Appellplatz zugerufen haben: „Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben!". Weiter kam er nicht. Massive Stockschläge ließen den „Prediger von Buchenwald" wieder verstummen.

Der selige Franz Jägerstätter hat sich die innere Freiheit in der Diktatur und im Gefängnis bewahrt: „Besser die Hände gefesselt als der Wille", schreibt er in seinen Aufzeichnungen. Er hat den richtigen Weg gefunden im falschen.

Ökumene, das ist gemeinsames Zeugnis: „Vor der ganzen Welt sollen alle Christen ihren Glauben an den einen dreifaltigen Gott, an den Mensch gewordenen Sohn Gottes, unsern Erlöser und Herrn, bekennen und in gemeinsamem Bemühen in gegenseitiger Achtung Zeugnis geben für unsere Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Da in heutiger Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle Menschen ohne Ausnahme zu gemeinsamem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die an Gott glauben, am meisten aber alle Christen." (UR 12) Zeugnis im diakonischen, caritativen und auch im politischen Bereich. Denn Ökumene, Christus-Gedächtnis im Geist hat eine zutiefst diakonische, caritative Dimension. 1998 hat der Ökumenische Rat der Kirchen eine Dekade zur Überwindung von Gewalt unter den Geschöpfen ausgerufen (2001-2010). Das Antlitz Jesu erscheint wieder in all den geschundenen Lebewesen, die unter Formen der lebensvernichtenden Gewalt leiden. Die schöpfungstheologisch begründete Ethik, der Schrei nach Gerechtigkeit, die Sorge um den Erhalt der Lebensmöglichkeiten, der Widerstand gegen Gewalt gehören zum innersten Auftrag der Ökumene.

Beten um Einheit, das darf zuallererst und zuletzt verbunden sein mit dem Dank an Gott: Das ökumenische Miteinander vermittelt eine Ahnung vom großen Reichtum des konfessionell geprägten Glaubenslebens. In allen Unterschieden und auch Spannungen ist es ein gegenseitiges Geben und Empfangen des gemeinsamen Betens und Feierns, des Hörens auf die Schrift, des Lernens vom Anderen. In der Ökumene des Lebens, d. h. im diakonischen Handeln, im missionarischen Wirken und in den Feiern des Glaubens wird die Verbundenheit gelebt.


Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

[Von der Diözese Innsbruch veröffentlichtes Original]