Bischof Walter Mixa über Weihnachten: \"Eine größere Hingabe der Liebe Gottes zu uns Menschen kann es überhaupt nicht geben\"

Interview mit dem Bischof von Augsburg

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MÜNCHEN, 23. Dezember 2005 (ZENIT.org).- \"Die Menschwerdung Gottes ist ohne die liebende Hingabe im Leiden und Sterben Jesu nicht zu denken\", betont Bischof Dr. Walter Mixa von Augsburg in diesem Interview mit Michael Rabb von \"Kirche in Not\". \"Krippe und Kreuz gehören zusammen! Dadurch fordert uns Gott heraus, dass wir uns nicht nur an den materiellen Gütern festkrallen. Im Gegenteil: Wir sollen unser Leben neu nach seiner Liebe ausrichten und das Böse überwinden.\"



Das Gespräch über die Weihnachtsbotschaft, die den Menschen befreit, wird am 25. Dezember2005 um 8.00 Uhr in voller Länge auf Radio Horeb und Radio Maria Österreich zu hören sein.

Herr Bischof, die katholische Kirche hat ja Weihnachten \"erfunden\". Aber etwas Ähnliches scheint es schon vorher gegeben zu haben. Man hat die Wintersonnenwende oder irgendwelche Sonnengötter gefeiert. Was unterscheidet das christliche Weihnachtsfest von seinen Vorläufern?

Bischof Mixa: Die Menschen haben sich schon immer nach etwas Größerem gesehnt. Die Wintersonnenwende bringt auch eine Hoffnung zum Ausdruck: Die Tage werden länger und das Licht breitet sich wieder mehr aus. Diese Erfahrung des Menschen und seine Sehnsucht nach mehr Licht und nach Leben hat die Christenheit später auf das wahre und bleibende Licht bezogen, auf Jesus Christus. Deshalb hat die frühe Christenheit den Geburtstag von Jesus, obwohl wir nicht genau wissen, wann Jesus geboren ist, auf diese Tage der Wintersonnenwende gelegt. Damit bringen wir zum Ausdruck, dass es ein Licht der Liebe und des Lebens gibt, das uns von Gott in seinem Mensch gewordenen Sohn geschenkt ist. Diesem Sohn, dessen Geburt ein Stern angezeigt hat, gehen die Weisen aus dem Morgenland entgegen. In Jesus finden sie, was sie von Gott ersehnt und erwartet haben: die Nähe Gottes zu uns Menschen.

Die Kirche knüpft hier also an alte Sehnsüchte der Menschen an, die möglicherweise geahnt haben, dass einmal etwas Großes kommen wird: Jesus Christus. Wenn jetzt aber ein Außerirdischer an irgendeinem Adventstag durch eine deutsche Stadt bummeln würde, käme er kaum auf die Idee, dass es an Weihnachten um Jesus Christus geht – den findet er im Adventstrubel nicht. Stattdessen sieht er einen dicken Mann mit rotem Mantel, weißem Bart und Rentieren. Was hat dieser Weihnachtsmann mit Weihnachten zu tun?

Bischof Mixa: Überhaupt nichts. In diesem Weihnachtsmann sehe ich eine verstümmelte Gestalt des heiligen Nikolaus. Der heilige Nikolaus ist eine Lichtgestalt vor Weihnachten. Er hat als Bischof von Myra in der heutigen Türkei den Glauben an Jesus Christus überzeugend durch Taten der Liebe gelebt und verkündet. Er hat sich besonders um ausgenutzte und ausgebeutete Kinder und Jugendliche gekümmert. Daher ist das Gedenken an den heiligen Nikolaus bis auf den heutigen Tag wach geblieben.

Und das ist bei uns mittlerweile verschmolzen mit einer Reklamefigur von Coca-Cola ...
Bischof Mixa: Ja, der heilige Nikolaus ist durch diesen Weihnachtsmann zu einer Persiflage geworden, die mit ihm selber und auch mit Weihnachten gar nichts mehr zu tun hat.

Viele Leute wissen dennoch, dass Weihnachten einen religiösen Hintergrund hat. Deswegen sind auch die Weihnachtsmessen gut besucht, sogar mehr denn je. An Heiligabend wird dort das Evangelium von der Geburt Christi im Stall von Bethlehem vorgelesen. Man sagt dazu auch \"Weihnachtsgeschichte\". Doch welche Qualität hat diese \"Geschichte\"? Ist es eine ähnlich rührselige Geschichte, wie sie das Fernsehen in den Adventstagen gerne zeigt?

Bischof Mixa: Im Gegensatz zu diesen \"Geschichten\" hat sich ja die Weihnachtsgeschichte tatsächlich ereignet. Sie ist eine ganz ernste und mit unserem Leben verbundene Geschichte. Ich werde nie meine erste Reise ins Heilige Land vergessen. Dort besuchten wir unter anderem Nazareth, den Ort der Begegnung des Engels Gabriel mit Maria, der die Menschwerdung Gottes angekündigt hat. Genau dort hat unser jüdischer Reiseführer gesagt, als wir auf die Verkündigungskirche geschaut haben: \"Meine lieben Herren, bis jetzt waren wir an verschiedenen Orten unseres gemeinsamen Glaubens. Doch hier sind wir nun an einem Ort, da kann ich nicht mehr mitgehen. Für mich als gläubigen Juden ist es eine Gotteslästerung, anzunehmen, dass die Allheiligkeit Gottes sich in der Menschwerdung seines Sohnes mit dem Dreck und dem Blut dieser Erde verbunden hat. Das ist für uns Juden eine Gotteslästerung; so etwas können wir nicht annehmen.\"

Das ist ja auch nicht einfach zu verstehen, wenn man sich einen großen mächtigen Gott vorstellt, der die ganze Welt geschaffen hat, und dann wird dieser Gott Mensch. Und er kommt nicht groß und mächtig und mit einem Gefolge, sondern lässt sich als kleines Kind in einer armseligen Krippe zur Welt bringen. Wie geht das zusammen?

Bischof Mixa: Darin erkenne ich die unglaublich große Vornehmheit der Liebe Gottes. Gott zwingt uns nicht, seine Liebe zu uns anzunehmen, sondern er lässt uns die persönliche Entscheidung. Wenn Gott jetzt in einem Lichtereignis gekommen wäre, das uns in die Knie zwingen würde, dann könnten wir gar nicht anders, als uns von diesem Lichtereignis blenden zu lassen und zu sagen: Ja, das ist wirklich wahr, daran muss ich glauben!

An einem Kind kann ich vorbeigehen, ein Kind ist politisch und gesellschaftlich unbedeutend. Aber ein Kind kann mir auch Hoffnung geben, weil es ein neues Leben ist; es kann die Arme nach mir ausstrecken und damit zum Ausdruck bringen: \"Ich mag dich.\" Das ist die totale Hingabe der Liebe Gottes in Jesus Christus.

Im Philipper-Hymnus, dem ältesten Christuslied, heißt es: Obwohl er Gott wahr, hat er an seinem Gottsein nicht festgehalten, sondern er hat sich entäußert und erniedrigt; er ist Mensch geworden und gehorsam geworden bis zum Tod am Kreuz. Das ist das Geheimnis der Liebe Gottes: der große Gott – hineingetaucht in den Dreck und das Elend dieser Erde und unwiderruflich verbunden mit unserem Fleisch und Blut. Eine größere Hingabe der Liebe Gottes zu uns Menschen kann es überhaupt nicht geben.

Die Kirche hat gerade in den letzten Jahrzehnten besonders die Barmherzigkeit Gottes betont. Braucht unsere Zeit gerade diese Vorstellung des \"barmherzigen\" Gottes?

Bischof Mixa: Der Mensch hat zu jeder Zeit diese Botschaft vom barmherzigen Gott gebraucht. Der Heilige Franz von Assisi hat schon im 13. Jahrhundert mit Ochs und Esel das Geburtsfest Jesu Christi gefeiert. Weihnachten ist in der Christenheit immer als ein Fest der totalen Zuwendung und Hingabe der sich schenkenden Liebe Gottes zu uns Menschen gefeiert worden. Bedenken wir das Wort Barmherzigkeit! Im Lateinischen heißt es \"misericordia\". Gut übersetzt heißt das: sich aus ganzem Herzen der Misere, der Not des Menschen annehmen. Das hat Gott getan in der Menschwerdung seines Sohnes. Er konnte sich nicht mehr entäußern als in diesem Kind.

Das heißt, ein barmherziger Gott ist also noch mehr als ein \"lieber Gott\", der einfach nur lieb auf die Erde schaut und die Menschen machen lässt, was sie wollen. Da steckt doch mehr drin in dieser Barmherzigkeit…

Bischof Mixa: Da steckt vor allem drin: Gott will uns herausfordern mit dieser sich hingebenden Liebe. Es gibt bemerkenswerte Krippendarstellungen, bei denen wir sehen, wie das Kind in der Krippe von Maria und Josef umgeben ist, dann vielleicht noch die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland. Doch schemenhaft ist im Hintergrund der Krippe das Kreuz zu sehen. Die Menschwerdung Gottes ist ohne die liebende Hingabe im Leiden und Sterben Jesu nicht zu denken. Krippe und Kreuz gehören zusammen! Dadurch fordert uns Gott heraus, dass wir uns nicht nur an den materiellen Gütern festkrallen. Im Gegenteil: Wir sollen unser Leben neu nach seiner Liebe ausrichten und das Böse überwinden. Es muss auch heute noch von einem richtenden Gott gesprochen werden, denn richten bedeutet: das Rechte aufzeigen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden.

Gott ist also Mensch geworden, um uns von den materiellen Gütern zu dem zu führen, was wirklich zählt. Aber wenn wir uns das heutige Weihnachtsfest anschauen, dann hat man den Eindruck, es sei gerade ein Fest des Materiellen. Fragt man nach dem Sinn des Festes, erhält man oft die Antwort, es sei das Fest des Schenkens. Was hat das Schenken aus christlicher Sicht mit Weihnachten zu tun?

Bischof Mixa: Das Schenken hat eine große Bedeutung. Es kommt aus dem gläubigen Bewusstsein, dass der unsichtbare Schöpfergott uns sich nicht deutlicher schenken konnte als in der Menschwerdung seines Sohnes. Weil Gott uns mit seinem eigenen Sohn beschenkt, sollen auch wir uns aus diesem Geschenk der Liebe heraus gegenseitig Liebe, Zuneigung und Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Ich glaube allerdings, dass das stark am Materiellen ausgerichtete Schenken in den letzten Jahren eher abgenommen hat. Heute schenkt man wieder kleiner und bescheidener: \"Schau, das habe ich dir mitgebracht! Damit will ich dir zeigen, dass ich dich mag und dass du mir etwas bedeutest.\"

Weihnachten wird ja auch das Fest der Familie genannt. Kann man als Single nicht Weihnachten feiern?

Bischof Mixa: Jeder Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, jeder braucht den anderen. Es ist das Ideal – und das ist wichtig –, dass wir eine Mutter und einen Vater haben. Wer nicht mit der Familie feiern kann, dabei ist ja auch an alte Menschen zu denken, die keine Angehörigen mehr haben, sollte sich mit guten Freunden und Bekannten verabreden und gemeinsam Weihnachten feiern. Wenn ich jemanden in meinem Bekanntenkreis kenne, der allein ist, dann kann ich ihn oder sie vielleicht auch zu mir einladen und sagen: \"Kommen Sie, feiern Sie doch mit uns!\"

An Weihnachten wird den Menschen in der Kirche gesagt, dass Gott Mensch geworden sei, um die Menschen zu \"erlösen\". Wovon muss er uns denn erlösen?

Bischof Mixa: Ich sage statt des theologischen Fachworts \"Erlösung\" lieber \"Befreiung\". Der Mensch ist der Gefahr ausgesetzt, nur um sich selbst zu kreisen. Durch den Glauben an Jesus, durch das Hören der Botschaft, werde ich davon befreit. So überschätze ich mich nicht selbst, sondern erkenne: in diesem oder jenem Bereich läuft es gut, aber in anderen Bereichen müsste ich an mir arbeiten und disziplinierter sein. Jesus macht mir klar, dass ich von Gott geliebt bin und befreit mich dadurch zu einem bewussten und positiven Leben. Gott hat mein Menschsein in der Menschwerdung seines Sohnes angenommen. Durch diese Verbundenheit mit dem Gekreuzigten weiß ich, dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern die sieghafte Liebe Jesu Christi. Daher befreit er mich und führt mich zu einem bewussten, reichen Leben; er nimmt mich auf in die Gemeinschaft mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Als Bischof sind Sie ja in diesen Tagen viel beschäftigt. Wie bereiten Sie sich eigentlich auf Weihnachten vor?

Bischof Mixa: Ich gehe noch am Morgen des Heiligabends in den Beichtstuhl, um das Sakrament der Buße zu spenden. Am Nachmittag gehe ich zumindest noch anderthalb Stunden in den Wald und mache mir meine Gedanken über den kommenden heiligen Abend. In der frischen Luft der Natur komme ich innerlich zur Ruhe. Das kann ich sehr empfehlen. In meinem Haus bete ich am späten Nachmittag mit meinen Hausgenossen die Vesper und die Psalmen. Das schafft eine innere Ruhe und die Erfahrung, was wichtig und was weniger wichtig ist. Anschließend kommen wir zum Abendessen zusammen und tauschen unsere Geschenke aus. Bevor ich zur Mitternachtsmesse gehe, ziehe ich mich noch einmal zurück. Ich brauche persönlich noch einmal Ruhe, um mich zu sammeln, um danach in einer innerlich freien und überzeugten Weise die Heilige Messe feiern und predigen zu können.