Bischöfe schlagen Alarm: Dramatische Situation im Kongo

Appelle an heimische Bevölkerung, Regierung und die internationale Gemeinschaft

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Von Stefan Beig

KINSHASA, 26. Februar 2009 (ZENIT.org).- „Seid wachsam! Friede in Gerechtigkeit und Wahrheit" - so lautet der Titel der neuesten Botschaft der Bischöfe der Demokratischen Republik Kongo, die im Rahmen der kürzlich in Kinshasa abgehaltenen Bischofskonferenz erarbeitet wurde. Das Schreiben widmet sich aktuellen Sorgen des Landes und enthält Empfehlungen für „die Menschen, die Regierung und die Internationale Gemeinschaft".

Bereits vorangegangene bischöfliche Schreiben standen ganz im Zeichen der menschlichen Tragödien im Osten und Nordosten des Kongo. Im neuen Brief bekräftigt die kongolesische Bischofskonferenz ihre Solidarität mit dem leidenden Volk und ihr anhaltendes humanitäres Engagement im Friedensprozess. Man wolle - wie bisher - die Weltöffentlichkeit auf das Drama des Volkes im Kongo aufmerksam machen, das „uns als Bürger und Seelenhirten beunruhigt."

Besonders kritisiert wird das nur „langsame Vorankommen" bei der Schaffung einer nationalen kongolesischen Armee. Damit sei das Land gezwungen, „auf ausländische Einheiten zurückzugreifen". Die Bevölkerung sei über die Anwesenheit fremder Truppen besorgt: „Die Menschen sind vom Krieg erschöpft und beunruhigt über die Anwesenheit ausländischer Soldaten, sie wünschen keine weitere Verlängerung ihre Präsenz", so die Bischöfe. „Man fragt sich, was diese Truppen im Land tun und welches Mandat sie genau haben; welche Form und welchen Inhalt die Vereinbarungen haben, die den Zutritt zu unserem Land ermöglichen, und wie lange diese Präsenz in der Demokratischen Republik Kongo noch andauern wird."

Mit Ruandas Soldaten gegen die Hutu-Milizen
Seit einigen Wochen sind im Ost-Kongo Soldaten aus Uganda und Ruanda stationiert um gemeinsam mit der kongolesischen Armee die wütenden Rebellengruppen zu bekämpfen. Im Kongo ist die Dauer der Militäroperationen Gegenstand heftiger Debatten. Die kongolesische Regierung gab bekannt, dass die ausländischen Soldaten bis Ende Februar zurück gezogen werden sollen, die Regierungen in Kampala und Kigali wünschten hingegen einen Aufschub des Rückzugs der eigenen Truppen.

Die Streitkräfte Ruandas und Kongos haben im vergangenen Jahrzehnt zwei Kriege gegeneinander geführt. Mitte Januar einigten sie sich überraschend auf die gemeinsame Operation „Umoja Wetu" (Unsere Einigkeit) um die ruandischen Hutu-Milizen der Forces Démocratiques de la Libération du Rwanda (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas, FDLR) zu bekämpfen. Über den Feldzug der Koalition ist nur wenig bekannt. Ruanda preist die gemeinsame Aktion als „überwältigenden Erfolg", das Militärbündnis habe „95 Prozent seiner operativen Ziele" erreicht, das Hauptquartier und fast die gesamte Befehlsstruktur der Hutu-Milizen sei zerstört worden, mehr als 3.000 ruandische Flüchtlinge wollten jetzt in ihre Heimat zurück. Experten schätzen, dass sich noch immer über 5000 FDLR-Milizionäre und mehr als 20.000 ruandische Zivilisten in den Provinzen Süd- und Nord-Kivu befinden.

In dieser Woche kündigte Ruanda tatsächlich an, mit dem Truppenabzug aus dem Kongo zu beginnen. Als „Augenwischerei" bezeichnete die Ankündigung der in Deutschland lebende FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka. Er hält es für möglich, dass ruandische Soldaten in kongolesischen Uniformen in den Kivu-Provinzen bleiben. Die kongolesisch-ruandische Operation sei ein Fehlschlag gewesen. Während es den FDLR-Kämpfern gelungen sei, 74 ruandische und kongolesische Soldaten zu töten, habe die FDLR nur neun tote oder vermisste Kämpfer zu beklagen. Auch planten nicht 3.500, sondern höchstens 300 ruandische Flüchtlinge die Rückkehr in ihre Heimat.

Die kongolesische Regierung kündigte inzwischen an, ihren Feldzug gegen die FDLR auch nach dem Abzug der ruandischen Truppen fortzusetzen. Nun fordern die kongolesischen Bischöfe das Parlament auf, „Mittel zu ergreifen, die eine Kontrolle der laufenden Militäroperationen ermöglichen, damit sicher gestellt wird, dass diese zum wahren Frieden beitragen und die nationale Souveränität und die territoriale Integrität des Landes geschützt werden". Auch die Regierung erinnert die Bischofskonferenz daran, dass „die Reform unserer Armee eine dringende Priorität sein muss", da „das Fehlen einer staatlichen Armee den Frieden im Land gefährdet." Zur Lösung der Frage der FDLR fordert die Bischofskonferenz die Internationale Staatengemeinschaft zur Zusammenarbeit mit den kongolesischen Behörden auf.

Mit Ugandas Soldaten gegen die Lord's Resistance Army
Zur Lösung des Problems der aus Uganda eingesickerten Lord's Resistance Army (LRA) appellieren die Bischöfe an die Mission der Vereinten Nationen im Kongo und bitten um Schutz für die Zivilbevölkerung. Bereits seit Mitte Dezember kämpfen Soldaten aus Uganda mit kongolesischen und sudanesischen Soldaten gegen die ugandischen LRA-Rebellen, deren Hauptquartier sich in den Wäldern um Garamba befindet. Die LRA stammt ursprünglich aus Norduganda, ist berüchtigt für die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten und hat seit den 1980er Jahren mehrere zehntausend Menschen getötet. Nachdem Ugandas Armee vor fünf Jahren die LRA zunehmend in Bedrängnis gebracht hatte, zog diese sich in die Nachbarländer zurück. Nun ist sie im unzugänglichen, teils dicht bewaldeten Grenzgebiet zwischen Uganda, dem Kongo und Sudan aktiv.

Die östliche Provinz des Kongo war seit September 2008 mehrmals von LRA-Rebellen überfallen worden. Zivilisten wurden getötet oder verstümmelt, ihnen wurden Äxte in den Kopf geschlagen, die Ohren und Nasen abgeschnitten. Seit Dezember wurden mehr als 800 Menschen umgebracht, tausende sind auf der Flucht und irren im Nordkongo umher, wo sie ständig der Gefahr ausgesetzt sind, Rebellen zu begegnen. Etwa 150.000 Flüchtlinge aus dem Kongo fanden seit September Zuflucht im Süden des Sudans.

Unterstützt von US-Militärberatern planten die ugandische und kongolesische Armee die Zerschlagung der LRA. Die Offensive schlug fehl, dem Großteil der LRA-Kämpfer gelang die Flucht. Sie streifen nun in kleinen Gruppen durch die Gegend und attackieren sämtliche Zivilisten, die ihnen in den Weg kommen.

Notwendige Maßnahmen gegen Korruption
In ihrer Stellungnahme beklagen die Kirchenvertreter zudem die allgegenwärtige Korruption. Es sei „Gefahr im Verzug", so die Bischöfe. Die Durchführung beispielhafter Sanktionen sei notwendig. „Wo sind die Finanzreserven des Kongo?", fragen die Bischöfe im Hinblick auf die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise.

Obwohl der Kongo über die größten Naturreichtümer Afrikas verfügt, gehört er zu den ärmsten Ländern der Welt. Hauptursache hierfür sind die mehr als drei Jahrzehnte Misswirtschaft und Korruption durch das diktatorische Mobutu-Regime (1965 bis 1997) und die darauf folgenden schweren kriegerischen Auseinandersetzungen bis in die Gegenwart. Verwaltung und Infrastruktur des Landes sind fast völlig zerfallen, die territoriale Souveränität der Regierung ist insbesondere im Osten des Landes nicht mehr gegeben, zahlreiche Rohstoffe der entsprechenden Provinzen werden von den Nachbarländern Uganda, Ruanda und Burundi ausgebeutet. Das Sozialsystem des Landes zählt zu den schlechtesten der Welt.

42 Prozent der Bevölkerung gehören der römisch-katholischen Kirche an, mehr als 30 Prozent sind Protestanten. „Unser pastoraler Auftrag und unsere prophetische Mission verpflichten uns, alles zu verurteilen, was die Zukunft unserer Nation gefährdet, und eine Botschaft der Hoffnung zu verkünden, die, gestützt auf Christus, unser Volk aufrichtet", so die Bischöfe. Das Kongolesische Volk wird in der Botschaft aufgerufen „auf der Hut zu sein, um alle Pläne zu demaskieren, die gegen unser Land gerichtet sind, und sich mit allen rechtlichen und friedlichen Mitteln gegen jeden Versuch der Balkanisierung und der unerlaubten Nutzung unserer Ressourcen zu wehren. Der Kongo gehört uns, er steht weder unter Bevormundung, noch ist er verkäuflich". Abschließend wird betont: „Wir vertrauen auf Gott, der seinen Kindern die Vorsehung nie fehlen lässt, und werden deshalb unseren Beitrag zum Friedensprozess und zum Zusammenleben unseres Volkes in der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe leisten".

Anfang Mai tritt in Kinshasa ein „Forum der kongolesischen Christen" zusammen. Die 500 Delegierten vertreten alle Bistümer sowie zahlreiche Verbände und NGOs. Hauptthema wird der Aufbau eines dauerhaften Friedens im Kongo sein. Auch über gute Regierungsführung und die Rolle von Christen in einer Demokratie wollen die Delegierten nachdenken. Vor den Wahlen im Jahr 2011 planen sie darüber hinaus eine umfangreiche Kampagne in staatsbürgerlicher Erziehung. Das Forum will diözesane Strukturen aufbauen und bei der Durchführung freier und transparenter Wahlen helfen.