„Bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen“

Predigt von Kardinal Meisner zum 60. Jahrestag der Gründung von „Kirche in Not“

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KÖLN, 7. Februar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am Sonntag zum Auftakt der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen des pastoralen Hilfswerks „Kirche in Not“ im Kölner Dom gehalten hat.



„Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ könne nur „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ bleiben, „wenn die sie tragenden Menschen Frauen und Männer Gottes bleiben“, betonte der Kardinal.

In diesem Sinn forderte er alle Verantwortlichen des internationalen pastoralen Hilfswerks päpstlichen Rechts, das 1947 von Pater Werenfried van Straaten gegründet worden war, dazu auf, den Spuren des Gründers folgend nicht nach dem Grundsatz „Wie du mir, so ich dir“ zu leben, sondern nach dem Grundsatz „Wie Gott mir, so ich dir“.

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Die göttliche Vorsehung führt uns durch die liturgische Leseordnung am heutigen 5. Sonntag im Jahreskreis mitten in den wunderbaren Fischfang hinein (Lk 5,1-11): „Fahrt hinaus auf den See, dort werft eure Netze zum Fang aus“ (Lk 5,4). Besser könnte gar nicht die Geburtsstunde der „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ vor sechzig Jahren umschrieben werden. Am Anfang dieser Bewegung, die übrigens die erste der geistlichen Bewegungen nach dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg ist, steht nicht eine Kommission mit Fachleuten und nicht ein Gremium von Spezialisten, bei denen man sicher alle Fachbereiche hätte berücksichtigen müssen, sodass daraus eine schwerfällige Riesenorganisation geworden wäre. Nein, dann wäre todsicher aus „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ nicht das geworden, was daraus geworden ist.

Am Anfang steht der Ruf des Herrn an einen Jünger Jesu: „Wirf deine Netze aus!“ Es ist uns schon so oft gesagt worden, aber man kann es gar nicht oft genug wiederholen, dass Pater Werenfried kurz nach dem Krieg in einer belgischen Gemeinde zum Weihnachtsfest zu einer Spendenaktion für hungernde Deutsche aufgerufen hat, in der kurz vorher im Krieg deutsche Soldaten Söhne der belgischen Bauern erschossen hatten. Das war menschlich gesehen ein verrücktes Vorhaben. Pater Werenfried ist auch von vernünftigen Menschen davor gewarnt worden. Aber ihn drängte der Ruf Gottes, den Hungernden zu helfen, und darum mutete er seinen Leuten eigentlich Unmögliches zu. Und er hatte Erfolg. Ich meine: Der Herr selbst hat ihm den Speck, die Würste und die Butter bei den Bauern in die Körbe gegeben, wie beim wunderbaren Fischfang die Fische in die Netze.

Jesus fordert Petrus und seine Kollegen auf, die Fischernetze auszuwerfen. Sie hatten schon die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Jetzt kommt dieser Mann aus Nazareth, eine ausgesprochene „Landratte“, und mutet diesen erprobten Seeleuten und Fischer am helllichten Tage zu, die Netze auszuwerfen: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen“ (Lk 5,5).

Das ist doch verrückt: ein solcher Auftrag und seine Befolgung! Aber auch hier ist es Jesus, der die Fische in die Netze der Menschen treibt. Sie können nur die Netze auswerfen. Die Fische führt ihnen Jesus zu – und in welcher Fülle! Das Evangelium sagt: „Und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten“ (Lk 5,6). Am Anfang des wunderbaren Fischfangs stehen ein paar Verrückte, die sich gleichsam von diesem Jesus betören lassen und unmögliche Projekte anpacken.

Am Anfang von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ steht schlicht ein „Verrückter“, der sich von der Stimme des Herrn im Evangelium betören lässt und gerade bei denen sammelt, von denen eigentlich Rache zu erwarten gewesen wäre. Gott verrückt seine Boten aus den Selbstverständlichkeiten menschlicher Vernunft in ein Abenteuer, das aller menschlicher Vernunft Hohn spricht: auf dem See Genezareth mit den Aposteln und in Belgien mit Pater Werenfried. Dieser Gott macht manche Menschen zu Gunsten anderer verrückt.

Seit diesem Anfang mit diesem Abenteurer Gottes sind sechzig Jahre vergangen. Der heilige Augustinus sagt: „Der Anfang geht immer mit.“ Darum ist es gut, dass wir uns zum sechzigsten Geburtstag von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ dieses anfangs vergewissern, denn wer keine Herkunft hat, der hat auch keine Zukunft!

Pater Werenfried, der Anfänger in diesem Wagnis Gottes, ist heimgerufen. Sein Werk ist in unsere Hände gelegt, namentlich all denen, die eine besondre Verantwortung für „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ zu tragen haben. An dieser Stelle kann man nur sagen, was Paulus den Christen schreibt: „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,15), und zwar löscht diesen Geist des Anfangs, dieses Abenteurers, des Wagnisses, der Verrücktheit Gottes nicht aus. Oder an anderer Stelle: „Lasst euch vom Geist entflammen!“ (Röm 12,11).

Lasst nicht die Asche der Alltäglichkeit, des Kummers und mancher Sorgen, das Feuer des Anfangs ersticken. Geistespflege – heute ein unmodernes Wort – ist ein Gebot der Stunde zum sechzigsten Geburtstag von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“. Denn wo dieser Geist lebendig ist, dort wird er für Ihre Gemeinschaft immer wieder Wege finden. Sie müssen am Ball dieses großen Werkes bleiben! Oder wie in unserem Evangelium: Sie dürfen die Netze nicht aus der Hand lassen und müssen sie immer wieder auswerfen!

Wir kennen alle das Wort von Pater Werenfried, das er vielleicht am meisten in seinem Leben gesprochen hat: „Die Menschen sind besser, als wir glauben. Gott ist ganz viel besser, als wir glauben.“ Und darum haben wir immer Grund, die Netze auszuwerfen. Er führt uns die Fische zu, die dicken Fische und auch die kleinen Fische. Wir betreiben heute keine Nostalgie. Sondern wir versichern uns des Ursprungs von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“, damit hier alles in Gegenwart und Zukunft ursprünglich bleibt, kreativ und geisterfüllt.

Die Aposteln sagten damals: Wir haben zwar die ganze Nacht gearbeitet, und es ist unvernünftig, jetzt wieder anzufangen. Aber wir tun es, weil du es sagst. Und der belgische Pfarrer sagte damals zu Weihnachten zu Pater Werenfried: „Die Leute werden Sie steinigen, wenn Sie für die Deutschen sammeln wollen.“ Aber Pater Werenfried hat – wie damals die Apostel – seinem Herzen gehorcht, und beide Male wurden die Gefäße gefüllt: auf dem See die Netze, in Belgien die Körbe. Verlieren wir die Hoffnung nicht: Gott treibt uns die Fische ins Netz. Gott war es doch letztlich, der den Millionenhut des Paters gefüllt hat und noch weiter füllt.

Wir sind immer versucht, uns Gott nach unserem Bild vorzustellen, aber auch unsere Mitmenschen immer in den Dimensionen unserer eigenen Beschaffenheit zu sehen. Und weil wir alle irgendwann nach dem Grundsatz „Wie du mir, so ich dir“ denken und handeln, fällt das Gottesbild und das Menschenbild immer zu eng aus, zu kurzatmig. Deshalb trauen wir Gott und den Menschen auch nichts mehr zu. Darum das mahnende Wort an dieser Stelle: „Gott ist besser, und die Menschen sind besser, als wir glauben.“

Der Apostel Petrus beim Fischfang und der Pater Werenfried beim Betteln haben sich von ihren eigenen Gottes- und Menschenbildern befreien lassen und das Bild Gottes von sich selbst und von Menschen übernommen. Denn schließlich heißt es von Gott, als er den Menschen erschaffen hatte: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ (Gen 1,21). Also war Pater Werenfried mit seinem Slogan theologisch gut auf katholischem Boden. Darum war das Arbeitsklima im wachsenden Werk „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ von einem ungeheuren Gottvertrauen erfüllt. Hier wurde gedacht, gearbeitet und geschrieben, nicht nach dem Grundsatz:„Wie du mir, so ich dir“, sondern:„Wie Gott mir, so ich dir.“ Dieser Gott, der die leeren Netze füllte und unsere leeren Körbe und Taschen mit seinen Gaben erfüllt.

Aus den kleinen Anfängen von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ wuchs ein weltweites Unternehmen Gottes heran, um so viel als möglich von der Fülle Gottes zu sammeln zugunsten der Not der Welt und der Menschen. „Als die Netze wegen der Fülle an Fischer zu zerreißen drohten“, heißt es im Evangelium, „winkten die Apostel ihre Gefährten im anderen Boot heran, sie sollten kommen und ihnen helfen, Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen.“ (LK 5,7) Hier musste Hand in Hand miteinander gearbeitet werden, um den Reichtum zu bergen, damit alle Hungernden satt werden können. Dasselbe gilt für das gemeinsame Werk „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“. Hier braucht man nicht im gleichen Schritt zu marschieren, aber hier haben die Herzen im gleichen Takt zu schlagen und die Hände um der Menschen willen in der gleichen Absicht zu handeln.

Es ist bezeichnend, dass Pater Werenfried sich in der ersten Stunde seines Werkes besonders der Not der Priester in Mittel- und Osteuropa angenommen hat, die unter den schwierigen Bedingen eines staatlich angeordneten Atheismus ihre Arbeit tun mussten. Sie hatten für die Menschen im Einsatz Gottes zu leben und standen dabei nicht selten vor unlösbaren Problemen. In ihre Not hat sich Pater Werenfried gleichsam eingereiht und ihnen – wie der ägyptische Josef – zugerufen: Ich bin Josef, euer Bruder (vgl. Gen 45,3).

Pater Werenfried wusste, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, auch nicht vom Speck der belgischen Bauern. Aber er war überzeugt, dass ohne Priester keine Eucharistie möglich ist. Und wo keine Eucharistie, dort hungert die Kirche aus, dort vertrocknet sie von innen her und vermag den Menschen kein sicheres Weggeleit zu Gott mehr zu geben. Deshalb legte er die Priorität seines Werkes auf die Hilfe für die Priester. Hier sieht man, dass „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ wirklich eine geistliche Bewegung war und ist. Die materiellen Hilfen sollten die Ausbildung von Priestern gewährleisten und die Wirkungsmöglichkeiten der wenigen Priester vervielfältigen durch die Bereitstellung von Fahrrädern und Motorrädern und später dann von Kapellenwagen und Autos. Er wollte die Verkündigung der Priester verstärken durch die Bereitstellung von Katechismen und Bibeln. Darum sind Pater Werenfried und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nie nur und nicht einmal in erster Linie als Geldgeber für geplante Hilfsprojekte verstanden worden, sondern als Fischer im gleichen Schiff, als Mitglaubende in der gleichen Kirche, die die Sorgen anderer zu ihren eigenen Sorgen gemacht haben. Deshalb auch das große Vertrauen, das in diesen Jahren zwischen den Krisengebieten der Welt und dem Werk „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ Gestalt geworden ist.

Wer den sechzigsten Geburtstag feiert, denkt über Vorruhestand und ähnliches nach. Ich möchte ausdrücklich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen Sympathisanten von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ sagen: Für euer Werk gibt es um Gottes und der Menschen Willen keinen Ruhestand und auch keinen Vorruhestand! Ich frage: Sind denn die Notstände und Krisengebiete in unserer Welt geringer geworden? Ist unsere Kirche nicht wirklich fast auf allen Längen- und Breitengraden der Welt eine Kirche in Not? Vergessen wir nicht, dass seit Jahrzehnten die meisten Menschen, die um ihres Glaubens willen ermordet werden, Christen, Priester und Ordensfrauen sind, Frauen und Männer, die haupt- und ehrenamtlich vor Ort für Jesus Christus und die Menschen einstehen.

Kirche ist wirklich in Not. „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ ist heute nicht weniger aktuell als vor sechzig Jahren. Ich habe das öfters schon gesagt: Wenn es sie noch nicht gäbe, müsste man sie eigentlich sofort erfinden! Und vergessen wir weiter nicht, die Ressourcen Gottes sind nicht geringer geworden, wie am Anfang auf dem See Genezareth und dann vor sechzig Jahren in Belgien.

Lassen Sie mich aber nochmals auf eine große Versuchung hinweisen: Werden Sie keine Behörde, die das Geld der Geber für die Nehmer nur verwaltet, sondern bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen. „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ bleibt nur „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“, wenn die sie tragenden Menschen Frauen und Männer Gottes bleiben, die sich nicht dirigieren lassen nach den Grundsätzen vieler: „Was habe ich davon? Was nützt mir das? Was verdiene ich dabei?“ Darum hat gerade „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ so viel Anziehungskraft auch als eine Bewegung der Seelsorge, weil von ihren Worten und Taten die Herzen der Menschen – der Geber und Nehmer – mit Gott in Berührung kommen.

Für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter darf nicht die Spaltung ihres Lebens in privat und öffentlich anstehen, wie das sogar auch Politiker in christlichen Parteien für sich in Anspruch nehmen. Der Mensch ist als Mensch immer derselbe: privat und öffentlich. Das christliche Menschenbild kennt keine derartige Differenzierung. Aber der Herr sagt ausdrücklich: „Wer in den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen“ (Diese redliche Basis ist das Fundament, auf dem seit sechzig Jahren „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ steht).

Das sechzigjährige Jubiläum von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ ist kein Anlass zur Nostalgie, sondern zum Aufbruch. Vergesst eure Wurzeln nicht! Der Anfang geht immer mit! Darum schließe ich mit meiner Gebetsbitte: Wie es war im Anfang – vor sechzig Jahren mit Pater Werenfried und seinen Pionieren -, so auch jetzt – im Jahre 2007 – und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

[Von „Kirche in Not“ veröffentlichtes Original]