"Bleiben wir mit Jesus vereint"

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 19. Juni

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 620 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf. In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede setzte der Papst die neue dem Geheimnis der Kirche gewidmete Katechesen-Reihe fort. Im Zentrum seiner Betrachtungen stand folgendes Thema: „Die Kirche: Der Leib Christi“.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit besonderen Grüßen an die anwesenden Gruppen von Gläubigen. Anschließend richtete er einen Appell anlässlich des morgen stattfindenden „Welttages der Migranten und Flüchtlinge“ und rief in Anlehnung an den am vergangenen Sonntag begangenen Tag „Evangelium Vitae“ unter anderem zum Zeugnis des „Evangeliums des Lebens“ auf.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem Apostolischen Segen.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

***

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich bei einem weiteren vom 2. Vatikanischen Konzil hervorgebrachten Bild zur Beschreibung des Wesens der Kirche verweilen: jenem des Leibes. Laut dem Konzil ist die Kirche der Leib Christi (vgl. „Lumen gentium, 7).

Ich möchte als Ausgangspunkt einen gut bekannten Text aus der Apostelgeschichte verwenden: die Umkehr des Saulus, der sich dann Paulus nennt und zu einem der größten Evangelisierer wird (vgl. Apg 9,4-5). Saulus ist ein Verfolger der Christen, doch auf seinem Weg in die Stadt Damaskus umstrahlt ihn plötzlich ein Licht vom Himmel her. Er stürzt zu Boden und hört, wie eine Stimme zu ihm sagt: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“  Er antwortet: „Wer bist du, Herr?“ Dieser sagt: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (vgl. V. 3-5). Anhand dieser Erfahrung des hl. Paulus erkennen wir die Tiefe der Einheit zwischen uns Christen und Christus selbst. Nach seiner Himmelfahrt hat Jesus uns nicht als Weisen zurückgelassen, sondern unsere Einheit mit ihm durch das Geschenk des Heiligen Geistes noch mehr vertieft. Laut dem 2. Vatikanischen Konzil hat Jesus, „indem er […] seinen Geist mitteilte, […] seine Brüder, die er aus allen Völkern zusammenrief, in geheimnisvoller Weise gleichsam zu seinem Leib gemacht“ (Kost. Dogm. „Lumen gentium“, 7).

Das Bild des Leibes hilft uns dabei, diese tiefe Verbindung zwischen der Kirche und Christus zu begreifen, die der hl. Paulus besonders eindrucksvoll in seinem „Ersten Brief an die Korinther“ (vgl. Kap. 12) dargestellt hat. Der Leib weckt zunächst Assoziationen zu einer lebendigen Realität. Die Kirche ist keine wohltätige, kulturelle oder politische Vereinigung, sondern ein lebendiger Leib, der in der Geschichte geht und wirkt. Dieser Leib besitzt ein Haupt: Jesus, der uns führt, nährt und stützt. Folgenden Aspekt möchte ich betonen: Wird das Haupt vom übrigen Leib getrennt, so kann der Mensch nicht überleben. Ebenso verhält es sich mit der Kirche: Wir müssen stets in immer innigerer Weise mit Jesus verbunden sein. Doch das ist nicht alles: So, wie es für einen Leib wichtig ist, dass ihn der Lebenssaft durchströmt, damit er lebendig ist, müssen wir es zulassen, dass Jesus in uns wirkt, dass sein Wort uns leitet, dass seine eucharistische Gegenwart uns nährt, beseelt, dass seine Liebe unserer Liebe zum Nächsten Kraft gibt. Und das immer, immer, immer! Liebe Brüder und Schwestern, bleiben wir Jesus vereint, vertrauen wir ihm, richten wir unser Leben nach seinem Evangelium aus, nähren wir uns mit dem täglichen Gebet, dem Hören des Wortes Gottes und der Teilnahme an den Sakramenten.

Dieser Gedanke führt mich zu einem weiteren Aspekt der Kirche als Leib Christi. Nach dem hl. Paulus wurden wir alle gleich den Gliedern des menschlichen Leibes, die trotz ihrer Unterschiede und ihrer großen Zahl einen einzigen Leib bilden, durch den einen Geist in der Taufe in einen einzigen Leib aufgenommen (vgl. 1 Kor 12,12-13). So existiert in der Kirche eine Vielfalt, eine Verschiedenheit von Aufgaben und Funktionen; anstelle einer platten Uniformität ist ein Reichtum der vom Heiligen Geist verteilten Gaben vorhanden. Dennoch bestehen Gemeinschaft und Einheit: Alle Menschen stehen miteinander in Beziehung und bilden einen einzigen, tief mit Christus verbundenen lebendigen Leib. Bewhalten wir Folgendes in Erinnerung: Teil der Kirche zu sein bedeutet, mit Christus vereint zu sein und von ihm jenes göttliche Leben zu empfangen, das uns als Christen leben lässt. Es heißt auch, in Eintracht mit dem Papst und den Bischöfen zu stehen, die selbst Werkzeuge der Einheit und der Gemeinschaft sind, Eigenheiten und Spaltungen zu überwinden, einander besser zu verstehen, und die Verschiedenheiten und Reichtümer unser aller zu harmonisieren; mit einem Wort: Gott und die Menschen, die an unserer Seite stehen, in der Familie, in der Pfarrei, in den Vereinigungen, mehr zu lieben. Das Leben ist nur möglich, wenn Leib und Glieder vereint sind! Einheit steht immer höher als Konflikte, immer! Wenn Konflikte nicht gut gelöst werden, trennen sie uns voneinander und von Gott. Konflikte können zum Wachstum verhelfen, aber auch zu Spaltungen führen. Lasst uns nicht den Weg der Spaltungen und der Kämpfe untereinander gehen! Lasst uns trotz unserer Unterschiede stets vereint sein: Das ist der Weg Jesu. Die Einheit ist immer höher als die Konflikte. Die Einheit ist eine Gnade, um die wir Gott immer neu bitten müssen, damit er uns vor der Versuchung der Spaltungen, der Kämpfe zwischen uns, der Egoismen und der Verleumdung bewahre. Wie weh die Verleumdung tut, wie weh! Lasst uns niemals über die anderen reden, niemals! Welchen Schaden die Spaltungen zwischen Christen, parteiisches Denken und engherzige Interessen der Kirche zufügen!

Es existieren Spaltungen zwischen uns, aber auch zwischen den Gemeinschaften: Warum sind evangelische, orthodoxe und katholische Christen getrennt? Wir müssen versuchen, Einheit zu schaffen. Dazu möchte ich euch folgende Begebenheit erzählen: Bevor ich heute aus dem Haus gegangen bin, habe ich etwa eine halbe Stunde oder vierzig Minuten lang mit einem evangelischen Pastor gebetet, und wir begaben uns auf die Suche nach der Einheit. Wir Katholiken müssen untereinander und auch mit den anderen Christen beten, damit der Herr uns Einheit schenke, Einheit unter uns. Doch wie soll zwischen den Christen Einheit bestehen, wenn wir als Katholiken und in der Familie nicht dazu fähig sind? Wie viele Familien führen einen Kampf und zerbrechen! Strebt nach der Einheit, der von der Kirche geschaffenen Einheit. Die Einheit stammt von Jesus Christus. Er sendet uns den Heiligen Geist zur Schaffung der Einheit.

Liebe Brüder und Schwestern, wenden wir uns mit folgender Bitte an Gott: Hilf uns, zu stets tief mit Christus vereinten Gliedern des Leibes der Kirche zu werden. Hilf uns dabei, dem Leib der Kirche mit unseren Konflikten, unseren Spaltungen und unserem Egoismus kein Leid zuzufügen. Hilf uns dabei, zu lebendigen Gliedern zu werden, die mit einer einzigen Kraft verbunden sind: der Kraft der durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossenen Liebe (vgl. Röm 5,5).

*

Aufrufe des Heiligen Vaters

Am morgigen 20. Juni 2013 begehen wir den „Welttag der Migranten und Flüchtlinge“. In diesem Jahr sind wir besonders zur Betrachtung der Situation der Flüchtlingsfamilien aufgerufen, die auf der Flucht vor Gewalt, Verfolgung oder schwerer Diskriminierung aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrer politischen Überzeugungen ihr Zuhause und ihre Heimat oft unverzüglich verlassen müssen und sämtliche Güter und Sicherheiten verlieren.

Neben den Gefahren der Reise sind diese Familien oft dem Risiko des Auseinanderbrechens ausgesetzt und werden im Gastgeberland mit anderen Kulturen und Gesellschaften als den eigenen konfrontiert. Wir können nicht unempfänglich für das Schicksal dieser Familien und all unserer sich auf der Flucht befindlichen Brüdern und Schwestern sein: Wir sind dazu aufgerufen, ihnen Hilfe, Verständnis und Gastfreundschaft zu erweisen. Mögen sich überall auf der Welt Menschen und Institutionen ihrer Hilfe annehmen: In ihrem Antlitz spiegelt sich das Antlitz Christi!

Am vergangenen Sonntag feierten wir im Kontext des Jahres des Glaubens Gott als Quell des Lebens, Christus, der uns das das göttliche Leben schenkt, und den Heiligen Geist, der uns in der lebendigen Beziehung als wahre Kinder Gottes erhält. Ich richte nun erneut an alle einen Aufruf zur Annahme und zum Zeugnis des „Evangeliums des Lebens“ sowie zur Förderung und zum Schutz des Lebens in all seinen Dimensionen und all seinen Phasen. Ein Christ sagt Ja zum Leben und zum lebendigen Gott.