Bleibt Geburtenrate stabil?

Wie Politik die Regeln der Logik außer Kraft setzt

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ROM, 28. September 2012 (ZENIT.org/IDAF). ‑ Das Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF) hat die Interpretation statistischer Erhebungen durch das Bundesfamilienministerium als offensichtlich unseriös bezeichnet. Es handle sich nicht um Information, sondern um zurechtgebogene Erfolgsmeldungen, die die tatsächlichen Zustände verschleierten und klaren, politischen Zielen dienten:

„In seiner jüngsten Pressemitteilung teilt das Bundesfamilienministerium zunächst mit, dass die Geburtenrate 2011 laut Statistischem Bundesamt im Vergleich zum Vorjahr (leicht) gesunken sei. Unmittelbar darauf heißt es: Die ‚Anzahl der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren geht zwar kontinuierlich zurück. Währenddessen ist aber die Geburtenrate stabil geblieben‘. Hier ist ein Widerspruch: Kann die Geburtenrate gleichzeitig sinken und stabil bleiben? Die Geburtenrate bezieht sich auf die hochgerechneten Geburten pro Frau, die absolute Anzahl der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren ist in ihr schon berücksichtigt. Die Entwicklung der Zahl von Frauen im sogenannten ‚gebärfähigen‘ Alter ist für die Interpretation der Geburtenraten belanglos. Wichtig ist die Zahl der potentiellen Mütter für die absoluten Geburtenzahlen. Denn noch immer gilt: ‚Kinder, die nicht geboren werden, können später auch keine Kinder bekommen.‘ Aus dem Mütterschwund folgt quasi-automatisch ein weiterer Rückgang der Geburtenzahlen. Das hat sich mittlerweile im politisch-medialen Betrieb herumgesprochen: Sobald das Statistische Bundesamt sinkende Geburtenzahlen meldet, verweisen Kommentatoren fast schon reflexartig auf sinkende Mütterzahlen. Leider ist das Versatzstück ‚Mütterschwund‘ hier, wo es um die Geburtenrate geht, deplatziert. Der Missgriff wirft ein erhellendes Schlaglicht auf die Methoden von Teilen der Bundesregierung: Auf seriöse, sachlich korrekte Information kommt es nicht an –‚Erfolgsgeschichten‘ werden gebraucht.

Zweckoptimismus gehört zur ‚déformation professionelle‘ der Politik. Schattenseiten der Wirklichkeit blenden etliche Politiker gerne aus und reagieren zudem übellaunig, wenn sie jemand beleuchtet. Die Diskussion um den Geburtenrückgang zeigt dies prototypisch: Den Demographen, die seit den 1970er Jahren dessen Folgen vorrechneten, warfen sie vor, ‚Horrorszenarien‘ vom ‚Aussterben der Deutschen‘ zu verbreiten. Erkenntnisse zu den Kosten einer alternden Gesellschaft waren unerwünscht, was die Wissenschaftler schmerzhaft zu spüren bekamen: Sie erhielten wenig Mittel und führten lange ein ‚Aschenputteldasein‘ am Rande des öffentlichen Betriebs. Um die Jahrtausendwende änderte sich das Bild: Titelgeschichten wie die ‚Baby-Lücke‘ und das ‚Land ohne Lachen dokumentierten ein neues Interesse an der Demographie. Einer breiten Öffentlichkeit wurde nun bewusst, dass der Jugendschwund die soziale Sicherheit und Wohlfahrt gefährdet. In Ostdeutschland begannen Kommunen wegen sinkender Bevölkerungszahlen ganze Stadteile abzureißen. Genannt wurde das bezeichnenderweise ‚Stadtumbau‘ - Schrumpfung passte einfach nicht zum politischen Glauben an Wachstum und Fortschritt.

Wer als Politikberater gefragt sein will, muss dieses Weltbild stützen und deshalb  die vermeintlichen ‚Chancen‘ des demografischen Wandels herausstellen. Das haben inzwischen auch die meisten Demographen verinnerlicht: Sie hüten sich vor allzu ‚pessimistischen‘ Szenarien und zeigen sich vorsichtig-optimistisch: So prognostizieren Forscher der Max-Planck-Gesellschaft schon seit Jahren einen baldigen Wiederanstieg der Geburtenrate auf etwa 1,6 Kinder pro Frau. Für eine solche Wende spricht aus ihrer Sicht, dass die jüngeren Frauenjahrgänge vom Ausbau der Kinderbetreuung profitierten. Diese Botschaft kam gut an ‑ in den Medien und auch bei der Bundesregierung, die mit einer ‚nachhaltigen‘ Familienpolitik ‚mittelfristig‘ einen Anstieg der Geburtenrate auf 1,7 Kinder pro Frau bewirken wollte. Unbeeindruckt von solchen Hoffnungen verharren die Geburtenraten auf dem seit Mitte der 1970er Jahre üblichen niedrigen Niveau. Woran das liegt, steht für den Mainstream in Forschung, Medien und Politik außer Frage: Es gebe immer noch viel zu wenig Ganztagsbetreuung für Kinder ‑ vor allem in den ‚Tagesrandzeiten‘ und den Ferien fehle es noch an passenden Angeboten. Eine möglichst geschlossene ‚Betreuungskette‘ soll die ‚Vereinbarkeit‘ von Fulltime-Job und Kindern für beide Eltern gewährleisten. Das Credo lautet: Wenn Kinder kein ‚Hindernis‘ mehr für die Erwerbstätigkeit von Müttern sind, dann gibt es in Deutschland wieder mehr Nachwuchs. Warum diese Polit-Magie nicht funktioniert, lässt sich aus dem jüngsten ‚Monitor Familienleben‘ der Bundesregierung erschließen: Fehlende Betreuungsmöglichkeiten rangieren dort bei Kinderlosen an letzter Stelle der möglichen Gründe gegen Kinder. An der Spitze der Hemmnisse zur Erfüllung des Kinderwunsches stand dagegen das Fehlen eines ‚passenden‘ Partners. Solche unerfreulichen Zeichen einer grassierenden Singularisierung verdrängen Politiker gern ‑ zu schmerzhaft zeigen sie ihnen die Grenzen ihrer Gestaltungsmacht. Wissenschaftler indes sollte der Wunsch nach ‚Erfolgsgeschichten‘ eigentlich nicht davon abhalten, nach den wahren Gründen für den Kinderschwund zu forschen.“