Blue Jasmine

Mit Cate Blanchett in der Hauptrolle einer luxusverwöhnten Ehefrau, kehrt Woody Allen nach einer "europäischen Phase" mit seinem neuesten Film in die Vereinigten Staaten zurück

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 235 klicks

Nachdem sich im letzten Jahrzehnt Woody Allens Filme hauptsächlich in europäischen Metropolen – so etwa „Macht Point“ (2005) in London, „Midnight in Paris“ (2011) in Paris und „To Rome With Love“ (2012) in Rom – abspielten, kehrt der New Yorker Regisseur für seinen nun im deutschen Kino anlaufenden Film „Blue Jasmine“ in die Vereinigten Staaten zurück. Allen siedelt seinen 44. Spielfilm in 44 Jahren abwechselnd in San Francisco (Haupthandlung) und New York (Rückblenden) an. 

Im Flugzeug von der Ost- in die Westküste sitzt eine ununterbrochen sprechende Frau in mittleren Jahren: Jasmine (Cate Blanchett) zieht zu ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins) nach San Francisco, womit sie einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben setzen will. Ihre elegante Erscheinung kontrastiert mit der schäbigen Gegend und der kitschigen Wohnung, in der ihre (Adoptiv-)Schwester lebt. Wie nun in Rückblenden erzählt wird, führte Jasmine bislang ein Leben im Luxus an der Seite des reichen Geschäftsmanns Hal (Alec Baldwin), den sie sehr jung geheiratet hatte. Als aber Hal wegen illegaler Finanzgeschäfte festgenommen wurde, hat nicht nur Ziehsohn Danny (Alden Ehrenreich) den Kontakt abgebrochen. Auch Jasmine steht nun vor dem finanziellen Nichts. Die Ereignisse haben ihr außerdem psychisch ganz schön zugesetzt. Dennoch zeigt sie sich entsetzt über Gingers Freund Chili (Bobby Cannavale), den sie für einen Loser hält.

Was soll nun Jasmine mit ihrem Leben anfangen? Ginger schlägt ihr vor, es im Bereich Inneneinrichtung zu versuchen – dies würde zu ihrem vornehmen Stil passen. Um aber den dazu nötigen Computer-Kurs bezahlen zu können, nimmt Jasmine eine Stelle als Sprechstundengehilfin beim Zahnarzt Dr. Flicker (Michael Stuhlbarg) an. Mit den Patienten kommt sie wie sonst mit anderen Menschen nicht besonders gut zurecht. Schlimmer wird die Situation in der Praxis allerdings, als der Doktor ihr eindeutige Avancen zu machen anfängt. Denn den bieder angezogenen Zahnarzt mag Jasmine gar nicht. Im Gegensatz zu dem Diplomaten Dwight (Peter Sarsgaard), den sie auf derselben Party kennenlernt, bei der Ginger Bekanntschaft mit dem Tontechniker Al (Louis C.K.) macht. Auch Dwight ist von Jasmine fasziniert. Der Diplomat mit politischen Ambitionen schlägt ihr bald vor, ihn zu heiraten und mit ihm nach Wien zu gehen, wo er eine Stelle in der Botschaft antreten soll. Nun könnte für Jasmine erneut ein Leben in der High Society beginnen. Der große BMW sowie das große Haus, das Dwight gerade erworben hat und das an Jasmines ehemaliges Haus in New York erinnert, deuten als Statussymbole eine möglichen Neuanfang an. In diesem Augenblick aber entscheidet sich Jasmine zu einer verhängnisvollen Lüge.

Bereits der Song „Blue Moon“, der als Leitmotiv über dem Film steht, weist auf die melancholische Stimmung in „Blue Jasmine“ hin. Cate Blanchett spielt die tragische Figur ähnlich Radha Mitchell in Woody Allens „Melinda und Melinda“ (2004), wenn auch auf ungleich intensivere Art. Wie Melinda muss auch Jasmine einen Schicksalsschlag verkraften. Der Unterschied besteht indes darin, dass Jasmine die Realität einfach nicht anerkennen will. Obwohl die Verhaftung ihres Mannes sie auf den harten Boden der Wirklichkeit geworfen hat, schaut sie weiterhin auf ihre Schwester und deren Freund von oben herab. Zwar wird Jasmines Egozentrik von der ersten Szene im Flugzeug an spürbar. In ihrer preiswürdigen Darstellung schafft es aber Cate Blanchett, dass der Zuschauer mit ihr mitempfindet. 

Zwar bricht sich in „Blue Jasmine“ immer wieder der Humor Bahn, vor allem in den Szenen, in denen Jasmine mit ihrer ausgesuchten Kleidung und ihren Diva-Allüren unter den eher proletenhaften Freunden ihrer Schwester völlig deplatziert wirkt – dass sie in keinem Augenblick zu einer Karikatur verkommt, ist dem bei aller Tragik doch zurückgenommenen Spiel Cate Blanchetts zu verdanken. Diese Art Humor charakterisierte Woody Allen selbst vor Jahren folgendermaßen: „Es gibt nicht so etwas wie das Tragische und das Komische – alles ist tragisch. Die einen Menschen sehen das Leben als Tragödie und halten Tragödien aus, andere sehen das Leben so tragisch, dass sie darüber Witze machen.“ Genau diese Mischung aus tragischen und komischen Momenten macht die besondere Qualität der besten Filme des New Yorker Regisseurs aus. Damit schließt er an einen Film an, der als der atmosphärisch dichteste und wohl dramatischste Woody-Allen-Film seit der Jahrhundertwende gilt: „Macht Point“ (2005). Beide Filme verbindet es, dass ihre jeweilige Hauptfigur gar keine Läuterung erfährt. In „Macht Point“ spielen eine Reihe Zufälle eine wichtige Rolle. Auch in „Blue Jasmine“ führt ein Zufall dazu, dass das zum Greifen nahe neue Glück Jasmines letztlich scheitert. Der Unterschied ist allerdings gewaltig: Setzt sich in „Match Point“ am Ende der Zynismus durch, so verhindert in „Blue Jasmine“ gerade die letzte Wendung, dass der neue Woody-Allen-Film eine zynische Richtung einschlägt. Dadurch wird allerdings auch deutlich, dass schlussendlich nicht der Zufall für die Konsequenzen im Leben Jasmines verantwortlich gemacht werden kann. Ihre Tragik besteht vielmehr gerade darin, dass sie die Wahrheit, insbesondere die Wahrheit über sich selbst, verdrängt. 

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Filmische Qualität:  Vier Sterne
Regie: Woody Allen
Darsteller: Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Peter Sarsgaard, Louis C.K. Bobby Cannavale, Andrew Dice Clay, Michael Stuhlbarg
Land, Jahr: USA 2013
Laufzeit: 98 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: Dim Kino: 11/2013 

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.