Boethius: Trost der Philosophie. Ursprung allen Seins

Von Joachim Gruber

| 2214 klicks

WÜRZBURG, 7. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).-Im Jahre 476 nach Christus stürzte der germanische Heerführer Odoaker den letzten römischen Kaiser Romulus, genannt Augustulus, „das Kaiserlein“. Etwa vier Jahre später wurde Anicius Manlius Severinus Boethius geboren, Angehöriger einer Familie, die sich als eine der ersten des stadtrömischen Adels bereits um die Mitte des 4. Jahrhunderts zum Christentum bekannt hat und eineinhalb Jahrhunderte lang höchste Ämter im Westen des römischen Reiches besetzte.



Schon in frühen Jahren war der junge Gelehrte mit einem Grundlagenwissen vertraut, das es ihm ermöglichte, aus den entsprechenden griechischen Vorlagen Handbücher für seine Zeitgenossen zu verfassen, die des Griechischen nur noch beschränkt mächtig waren. Die ersten Arbeiten beschäftigen sich mit den sogenannten Sieben Freien Künsten, also mit jenen Wissenschaften und Kulturtechniken, deren Erlernung und Ausübung in der Antike ein Privileg des freien Mannes waren, nicht des Sklaven oder des Lohnarbeiters, des Banausen. Das System gliederte sich in zwei Teile: Der Dreiweg (Trivium) führte zu den keineswegs im modernen Wortsinn trivialen, aber doch elementaren und grundlegenden Kenntnissen: Die Grammatik lehrte Sprach- und Textverständnis, die Rhetorik vermittelte die Fähigkeit, eine gute Rede auszuarbeiten und vorzutragen, die Dialektik war Grundlage eines jeglichen philosophischen Studiums. Darauf bauten die spezielleren Wissenschaften des Vierwegs (Quadrivium) auf, die Boethius in je einer Schrift dargestellt hat: Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musiktheorie. Nicht zufällig steht die Mathematik am Anfang, entsprechend der Ansicht, dass die Kenntnis der Mathematik das Fundament für alles weitere Wissen schaffe, weil der ganze Kosmos und seine Ordnung auf Zahlen zurückzuführen sei, deren Harmonie auch die Musik abbilde. Sein weiteres wissenschaftliches Programm war ein geradezu übermenschliches Vorhaben, hatte er doch die Absicht, das Gesamtwerk des Aristoteles, soweit es ihm zugänglich war, sowie alle Platonischen Dialoge ins Lateinische zu übersetzen und Kommentare dazu zu verfassen, um zu zeigen, dass beide Philosophen in den meisten Punkten ihrer Philosophie übereinstimmen. Realisiert wurden aber nur Übersetzungen Aristotelischer Schriften und Kommentare dazu. Für das lateinische Mittelalter waren sie Jahrhunderte lang die einzigen zugänglichen Werke des Aristoteles.

Eine dritte Werkgruppe sind seine theologischen Schriften. Durch die Anwendung aristotelischer Kategorien und Schlussverfahren auf theologische Probleme wurde Boethius zum ersten Scholastiker, deren große Vertreter wie Thomas von Aquin seine Texte kommentierten.

Der hochgebildete Boethius erregte das Interesse des Ostgotenkönigs Theoderich, unter dem nach der Ermordung Odoakers für Italien eine dreißigjährige Friedenszeit begann, in der Kunst und Wissenschaft eine neue, späte Blüte erfuhren. Boethius gelangte in höchste Ehren- und Verwaltungsstellen, im Jahre 510 wurde er Konsul und zwölf Jahre später ranghöchster Ministers. In diesem Amt wird er in einen Hochverratsprozess hineingezogen, der seinen tieferen Grund in den Gegensätzen zwischen den einflussreichen Ostgoten am Hofe Theoderichs, dem Senat in Rom und dem Kaiser in Byzanz hatten. Die Anhänger Theoderichs erreichten die Absetzung des Boethius. Vom Amt suspendiert wurde er nach Pavia gebracht, im Sommer 524 zum Tode verurteilt und wahrscheinlich im Herbst 524 hingerichtet.

In dieser Zeit der Anklage entsteht „Der Trost der Philosophie“, die „Philosophiae Consolatio“, ein Dialog zwischen Boethius und der Philosophie, die zu Beginn des Dialogs dem in Lethargie verharrenden Philosophen als weibliche Gestalt erscheint, ausgestattet mit symbolträchtigen Attributen. Ihre Therapie beginnt mit der Diagnose: Die gegenwärtige Lethargie des Patienten steht im Gegensatz zu seiner früherer Forschertätigkeit und er hat vergessen, worin sein wirkliches Wesen besteht. Aber er wird sich daran erinnern, wenn er zuvor die Philosophie erkannt hat. Dazu trocknet sie die Tränen des Kranken und wischt seine Augen ab, „die trübe sind von der Umwölkung durch irdische Dinge“. In einer dichten Reihe von Bildern, Metaphern und Gesten erschließt der Autor auf meisterhafte Weise Gedanken des späten Platonismus: Die Begegnung mit der irdischen Welt führt dazu, dass der Mensch sein eigenes Wesen und seine Bestimmung vergisst. Umnebelt lebt er in einem Zustand, in dem die Affekte, nicht die Vernunft, Tun und Denken bestimmen. Erst wenn dieser Nebel weggewischt ist und die irdischen Dinge auf ihre wirkliche und letzten Endes unwichtige Bedeutung reduziert sind, wird der Mensch mit Hilfe der Philosophie in die Lage versetzt, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen. Gipfel, Quelle, Anfang und Ursprung allen Seins ist das Eine, das identisch ist mit Gott, mit höchster Qualität und höchstem Glanz. In stufenweiser Entfernung davon ordnet sich die geistige, seelische und materielle Welt. Entfernung vom Einen bedeutet Vielheit, aber auch Verlust an Sein, an Güte, an Licht, Zunahme der Affekte gegenüber Verstand und Vernunft, Zurücktreten des Geistigen hinter dem Materiellen. Der Ort des höchsten Einen ist die wahre Heimat der Seele. Auf diesen Grundvorstellungen beruht der dialogische Heilungsprozess mit dem Ziel, die Dinge der Welt hinter sich zu lassen und zur Erkenntnis der Wahrheit fähig zu werden, um sich dem Einen, also Gott wieder anzunähern und um schließlich durch die Teilhabe am Göttlichen selbst göttlich zu werden.

Die „Consolatio Philosophiae“ ist das spirituelle Testament des Boethius, das in seiner Form eine Summe der antiken literarischen Möglichkeiten in Prosa und Poesie darstellt. Die Prosapartien des fünfteiligen Gesprächsdramas sind regelmäßig unterbrochen durch 39 Gedichte in 28 verschiedenen Metren; sie zeigen zum Teil hohe poetische Qualität; Elegie und Lehrgedicht, Hymnus und lyrische Formen sind zu finden, daneben Dialog und Lehrvortrag, Verteidigungsrede und dramatische Szenerie. Zugleich ist die „Consolatio“ eine Summe antiken Philosophierens. Dabei erweist sich der Autor in seinem Nachdenken über das Wesen des Menschen als Humanist im besten Sinne, und das in einer Welt, die immer wieder alles daran setzt, die Humanität zu zerstören. So hat dieser Text durch die Zeiten hindurch stets seine Leser gefunden. Die Rezeption der Consolatio in den Nationalsprachen in Form von Übersetzungen, Bearbeitungen und Anverwandlungen beginnt beispielsweise im Englischen mit König Alfred und setzt sich fort mit Chaucer und Königin Elisabeth I. und vielen anderen literarischen Größen ersten Ranges. In der Klosterschule von St. Gallen bearbeitet Notker der Deutsche um das Jahr 1000 den Text und schafft damit einen Markstein in der Entwicklung der althochdeutschen Schriftsprache.

Kein Teil der „Consolatio“ hat aber die Leser stets stärker angezogen als das Gebet im Zentrum des Werkes. Darin wird am Ende der Antike noch einmal die Prägnanz und Klarheit des lateinischen Hexameters und damit die klassische Hymnenform mit zentralen Vorstellungen des Platonismus erfüllt. Philosophia spricht zu Gott: „Vater, verleih meinem Geist, den erhabenen Sitz zu ersteigen,/ Gib ihm zu schauen die Quelle des Guten, gib du ihm wieder/ inneres Licht, dass er auf dich richte die Augen des Geistes./ Scheuche die irdischen Nebel, zerstöre die wuchtenden Lasten,/ Leuchte du auf mit deinem Glanz; denn du bist das Helle,/ du die selige Ruh für die Frommen, dich schauen ist Ende,/ Ursprung, Führer, Lenker und Weg und Ziel du in einem.“

Der Zusammenklang von Platonismus und christlichen Gedanken ist evident. Boethius, der Christ, suchte jedoch in seiner existentiellen Not Trost in der platonischen Philosophie, aber in einer Weise, die auch der Christ akzeptieren konnte. Die Rechtfertigung des Glaubens durch die Macht der Gedanken hat er in seiner „Consolatio“ in überzeugender Weise dargestellt.

– Boethius: Trost der Philosophie. Verlag Artemis & Winkler 2006, 211 Seiten, ISBN-13: 978-3760841182, EUR 19,90

– Von Prof. Joachim Gruber gibt es auch einen Kommentarband zum Buch bei De Gruyter, 2006, 520 Seiten, EUR 128.–

[Teil 10 der Reihe „50 Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 2. Februar 2008]