Boethius und Cassiodor: Vorbild der kulturellen Begegnung, des Dialogs, der Aussöhnung

Mittwochskatechese von Papst Benedikt XVI.

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ROM, 12. März 2008 (ZENIT.org).- Zwei Vorbilder der kulturellen Begegnung, des Dialogs, der Aussöhnung stellte Papst Benedikt XVI. in der heutigen Mittwochskatechese vor. Es handelt sich um Boethius (* zwischen 475 und 480 in Rom, † zwischen 524 und 526 in Pavia) und Cassiodor (* um 490 in Scylaceum, Kalabiren; † um 580 im Kloster Vivarium bei Scylaceum) vor, die sich in den Jahren nach dem Untergang des Weströmischen Reiches um die Bewahrung und Weitergabe des antiken Kulturerbes bemühten. Beide standen im Mittelpunkt der Geschehnisse in der Zeit des Übergangs von einer alten Kultur zu einer neuen. Boethius starb auf tragische Weise in Folge der im Gefängnis erlittenen Folterungen und wurde zum Symbol aller ungerecht eingekerkerten Menschen.

Cassiodor sah seine Hauptaufgabe in der Pflege des Bildungs- und Kulturguts der Antike. Besondere Wichtigkeit nimmt in Cassiodor das Gebet ein, das sich aus der Schrift und vor allem den Psalmen nährt.

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Boethius (* zwischen 475 und 480 in Rom, † zwischen 524 und 526 in Pavia)

Cassiodor (* um 490 in Scylaceum, Kalabrien † um 580 im Kloster Vivarium bei Scylaceum)

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über zwei Kirchenschriftsteller sprechen, Boethius und Cassiodor, die in Jahren lebten, die zu den kummervollsten des christlichen Westens und dabei besonders der italienischen Halbinsel gehören. Odoaker, König der Heruler, eines germanischen Volksstammes, hatte einen Aufstand geführt und damit dem römischen Westreich ein Ende gesetzt (476); bald darauf aber unterlag er den Ostgoten Theoderichs, die sich für einige Jahrzehnte die Kontrolle über die italienische Halbinsel sicherten.

Boethius, geboren in Rom ungefähr 480 aus dem Adelsgeschlecht der Anicii, trat schon als junger Mann in das öffentliche Leben ein und erlangte bereits im Alter von 25 Jahren den Rang eines Senators. Getreu der Familientradition setzte er sich in der Politik ein, dies in der Überzeugung, dass die tragenden Grundzüge der römischen Gesellschaft mit den Werten der neuen Völker in Übereinkunft gebracht werden könnten.

Und in dieser neuen Zeit der Begegnung zwischen den Kulturen erachtete er es als seine Sendung, diese beiden Kulturen miteinander zu verbinden und zu verschmelzen, die klassisch-römische Kultur mit der im Entstehen begriffenen Kultur des ostgotischen Volkes.

So war er in der Politik auch unter Theoderich tätig, der ihn in den ersten Zeiten sehr schätzte. Trotz dieser politischen Tätigkeit vernachlässigte Boethius seine Studien nicht und widmete sich insbesondere der Vertiefung von Themen philosophisch-religiöser Natur. Er schrieb jedoch auch Handbücher in Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie: alles in der Absicht, die große griechisch-römische Kultur den neuen Generationen, den neuen Zeiten weiterzugeben. In diesem Bereich, das heißt im Einsatz für die Förderung der Begegnung zwischen den Kulturen, setzte er die Kategorien der griechischen Philosophie dazu ein, um den christlichen Glauben vorzuschlagen, auch hier auf der Suche nach einer Synthese zwischen dem hellenistisch-römischen Erbe und der Botschaft des Evangeliums. Gerade deshalb wurde in Boethius der letzte Vertreter der antiken römischen Kultur und der erste Vertreter der mittelalterlichen Intellektuellen erkannt.

Sein gewiss bekanntestes Werk ist das De consolatione philosophiae, welches er im Gefängnis verfasste, um seiner ungerechten Haft einen Sinn zu geben. Er war nämlich der Verschwörung gegen den König bezichtigt worden, da er die Verteidigung eines Freundes vor Gericht übernommen hatte, des Senators Albinus. Dies aber war ein Vorwand: in Wirklichkeit hatte der Arianer und Barbar Theoderich den Verdacht, dass Boethius mit dem byzantinischen Kaiser Justinian sympathisierte. In der Tat wurde er vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, um am 23. Oktober 524 im Alter von nur 44 Jahren hingerichtet zu werden. Gerade aufgrund seines dramatischen Endes kann er aus seiner inneren Erfahrung her auch zum heutigen Menschen und dabei vor allem zu den vielen sprechen, die aufgrund der Ungerechtigkeit, die in weiten Teilen der „menschlichen Gerechtigkeit" gegeben ist, dessen Schicksal erleiden. Im Gefängnis sucht er in diesem Werk den Trost, er sucht das Licht, er sucht die Weisheit. Und er sagt, dass er es gerade in dieser Situation verstanden habe, zwischen den vermeintlichen Gütern - im Gefängnis vergehen diese - und den wahren Gütern wie der wahren Freundschaft zu unterscheiden, die im Gefängnis nicht vergehen. Das höchste Gut ist Gott: Boethius lernte - und er lehrt es uns -, nicht dem Fatalismus zu verfallen, der die Hoffnung auslöscht. Er lehrt uns, dass nicht das Schicksal herrscht; es herrscht die Vorsehung, und diese hat ein Antlitz. Mit der Vorsehung kann man sprechen, da die Vorsehung Gott ist. So bleibt ihm auch im Gefängnis die Möglichkeit des Gebets, des Gesprächs mit dem, der uns rettet. Gleichzeitig bewahrt er auch in dieser Situation den Sinn für die Schönheit der Kultur und ruft die Lehre der großen antiken griechischen und römischen Philosophen in Erinnerung wie Platon, Aristoteles - er hatte damit begonnen, diese Griechen auf Latein zu übersetzen -, Cicero, Seneca und auch Dichter wie Tibull und Vergil.

Die Philosophie im Sinne der Suche nach der wahren Weisheit ist nach Boethius das wahre Heilmittel der Seele (Buch I). Anderseits kann der Mensch die wahre Glückseligkeit einzig in der eigenen Innerlichkeit erfahren (Buch II). Daher gelingt es Boethius einen Sinn zu finden, indem er an seine persönliche Tragödie im Licht eines Weisheitstextes des Alten Testaments (Weish 7,30-8,1) denkt, den er zitiert: „Über die Weisheit siegt keine Schlechtigkeit. Machtvoll entfaltet sie ihre Kraft von einem Ende zum andern und durch durchwaltet voll Güte das All" (Buch III,12: PL 63, col. 780). Das so genannte Gedeihen der Schlechten offenbart sich somit als eine Lüge (Buch IV) und es wird das glückliche Wesen der adversa fortuna sichtbar. Die Schwierigkeiten des Lebens offenbaren nicht nur, wie sehr letzteres vergänglich und von kurzer Dauer ist, sondern sie erweisen sich sogar nützlich, um die echten Beziehungen zwischen den Menschen auszumachen und zu erhalten. Die adversa fortuna erlaubt es nämlich, die falschen Freunde von den wahren zu unterscheiden und lässt verstehen, dass für den Menschen nichts wertvoller ist als eine wahre Freundschaft. In fatalistischer Manier eine Situation des Leidens zu akzeptieren ist gefährlich in einem absoluten Sinn, fügt der Gläubige Boethius hinzu, da „es an der Wurzel die Möglichkeit des Gebets und der theologalen Hoffnung beseitigt, die die Grundlage der Beziehung des Menschen mit Gott sind" (Buch V, 3: PL 63, col. 842).

Das Schlussplädoyer von De consolatione philosophiae kann als eine Synthese der gesamten Lehre angesehen werden, die Boethius an sich selbst und an all jene richtet, die sich in denselben Umständen wie er befinden sollten. So schreibt er im Gefängnis: „Widersteht also dem Laster, übt immer die Tugend, erhebt die Seele in gerechter Hoffnung, und richtet demütige Gebete zum Himmel empor! Wollt ihr euch nicht absichtlich dagegen verschließen, so müsst ihr erkennen, dass in der Tat eine zwingende Notwendigkeit für euch besteht, euch dem Guten zuzuwenden, denn ihr lebt und ihr handelt vor den Augen eines allsehenden Richters" (Lib. V, 6: PL 63, col. 862)

Jeder Häftling, aus welchem Grund auch immer er ins Gefängnis gekommen ist, kann ahnen, wie schwer diese besondere menschliche Situation ist, vor allem dann, wenn diese wie im Falle des Boethius durch die Folter zutiefst unmenschlich geworden ist.

Besonders absurd ist dann die Lage dessen, der gleich dem Boethius, den die Stadt Pavia in der Liturgie als Märtyrer des Glaubens anerkennt und feiert, nur wegen seiner Ideale sowie seiner politischen und religiösen Überzeugungen zu Tode gefoltert wird. Boethius, Symbol einer immensen Zahl von Menschen, die zu allen Zeiten und in allen Breitengraden ungerechterweise gefangen gehalten werden, bildet in der Tat einen objektiven Einstieg zur Betrachtung des geheimnisvollen Gekreuzigten von Golgatha.

Ein Zeitgenosse des Boethius war Marcus Aurelius Cassiodorus, ein in Scylaceum um das Jahr 485 geborener Kalabrier, der in hohem Alter in Vivarium um das Jahr 580 starb. Als Mann von gehobenem gesellschaftlichem Stand widmete auch er sich wie wenige andere dem politischen Leben und dem kulturellen Engagement im römischen Westen seiner Zeit.

Die wohl einzigen, die mit ihm in diesem doppelten Interesse auf eine Stufe gestellt werden können, waren der bereits erwähnte Boethius und der künftige Papst von Rom, Gregor der Große (590-604).

Im Bewusstsein der Dringlichkeit, nicht das gesamte menschliche und humanistische Erbe, das sich in den goldenen Jahrhunderten des Römischen Reichs angesammelt hatte, in Vergessenheit geraten zu lassen, arbeitete Cassiodor großherzig und auf höchster politisch-verantwortlicher Ebene mit den neuen Völkern zusammen, die die Grenzen des Reichs überschritten und sich in Italien niedergelassen hatten.

Auch er war ein Vorbild der kulturellen Begegnung, des Dialogs, der Aussöhnung. Die geschichtlichen Umstände gestatteten es ihm nicht, seine politischen und kulturellen Träume zu verwirklichen, die eine Synthese zwischen der römisch-christlichen Tradition Italiens und der neuen gotischen Kultur anstrebten. Jene selbigen Umstände überzeugten ihn jedoch davon, dass die monastische Bewegung, die sich in den christlichen Gebieten behauptete, von der Vorsehung bestimmt war. Er beschloss, sie zu unterstützen und setzte all seine materiellen Reichtümer und seine geistlichen Kräfte für sie ein.

Er entwickelte die Idee, gerade den Mönchen die Aufgabe anzuvertrauen, das immense kulturelle Erbe der Antike wiederzugewinnen, zu bewahren und den Nachkommen zu überliefern, damit es nicht verloren gehe. Dazu gründete er Vivarium, ein Kloster, in dem alles derart organisiert war, dass die intellektuelle Arbeit der Mönche als sehr wertvoll und unverzichtbar angesehen wurde. Er verfügte, dass auch jene Mönche, die keine intellektuelle Ausbildung hatten, sich nicht nur um die materiellen Arbeiten und den Ackerbau kümmern sollten, sondern auch um die Transkription der Handschriften, um so dabei zu helfen, die große Kultur den künftigen Generationen zu überliefern. Und dies ohne Nachteil für den geistlichen, monastischen und christlichen Einsatz und für die karitative Tätigkeit den Armen gegenüber. In seiner Lehre, die sich über verschiedene Werke verteilt, vor allem aber in der Abhandlung De anima und in den Institutiones divinarum litterarum formuliert ist, nimmt das Gebet (vgl. PL 69, col. 1108), das sich aus der Heiligen Schrift und insbesondere aus dem eifrigen Umgang mit den Psalmen (vgl. PL 69, col. 1149) speist, eine stets zentrale Stellung als für alle notwendige Nahrung ein. Hier ein Beispiel, wie dieser so sehr gelehrte Kalabrier seine Expositio in Psalterium einleitet: „Nachdem ich in Ravenna die Beanspruchungen durch die politische Laufbahn zurückgewiesen hatte, die vom widerlichen Geschmack der weltlichen Sorgen gezeichnet war, nachdem ich in den Genuss des Psalters gekommen war, eines vom Himmel als wahrer Honig für die Seele gekommenen Buches, stürzte ich mich begierig wie ein Dürstender ohne Unterlass in die Arbeit, es auszuforschen, um mich gänzlich von jener heilsamen Süße durchdringen zu lassen, da ich der zahllosen Bitterkeiten des aktiven Lebens überdrüssig war" (PL 70, col. 10).

Die Suche nach Gott, die nach seiner Betrachtung strebt, so merkt Cassiodor an, bleibt der bleibende Zweck des monastischen Lebens.

Er fügt jedoch hinzu, dass mit Hilfe der göttlichen Gnade (PL 69, col. 1131.1142) ein besserer Genuss des offenbarten Wortes durch den Gebrauch der wissenschaftlichen Errungenschaften und der kulturellen „profanen" Mittel erlangt werden kann, die schon die Griechen und Römer besaßen (vgl. PL 69, col. 1140).

Persönlich widmete sich Cassiodor ohne besondere Kreativität den philosophischen, theologischen und exegetischen Studien, wobei er allerdings auf die Intuitionen achtete, die von ihm bei den anderen geschätzt wurde.

Er las mit Achtung und Verehrung vor allem Hieronymus und Augustinus. Von letzterem sagte er: „In Augustinus liegt derartig großer Reichtum, dass es mir unmöglich erscheint, etwas zu finden, das nicht schon umfangreich von ihm behandelt worden ist" (vgl. PL 70, col. 1). Hieronymus zitierend ermahnte er hingegen die Mönche des Vivarium: „Die Siegespalme erringen nicht allein jene, die bis zum Vergießen des Blutes kämpfen oder die in der Jungfräulichkeit leben, sondern auch all jene, die mit der Hilfe Gottes die Laster des Leibes bezwingen und den rechten Glauben bewahren. Damit ihr aber, stets mit der Hilfe Gottes, leichter die Herausforderungen der Welt und ihrer Verlockungen besiegen könnt und dabei gleichzeitig in ihr als ständig unterwegs seiende Pilger bleibt, versucht vor allem, euch der Heil bringenden Hilfe zu versichern, die der erste Psalm eingibt, welcher empfiehlt, Tag und Nacht das Gesetz des Herrn zu betrachten. Der Feind wird nämlich keine Bresche finden, um euch anzugreifen, wenn eure ganze Aufmerksamkeit in Christus gesammelt ist" (De Institutione Divinarum Scripturarum, 32: PL 69, col. 1147).

Dies ist eine Mahnung, die wir auch für uns gilt und so angenommen werden kann. Auch wir leben nämlich in einer Zeit der Begegnung der Kulturen, der Gefahr der Gewalt, die die Kulturen zerstört, und des Einsatzes, der notwendig ist, um die großen Werte weiterzugeben und die neuen Generationen den Weg der Versöhnung und des Friedens zu lehren. Diesen Weg finden wir, wenn wir uns auf den Gott von menschlichem Antlitz ausrichten, den Gott, der sich uns in Christus offenbart hat.

[
Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich zwei Gestalten der Kirche vorstellen, die sich in den Jahren nach dem Untergang des Weströmischen Reiches um die Bewahrung und Weitergabe des antiken Kulturerbes bemühten: Boethius und Cassiodor. Boethius, der um 480 in Rom geboren wurde und aus dem vornehmen Geschlecht der Anicier stammte, schlug früh die politische Laufbahn ein. Durch seine religiösen und philosophischen Studien, in denen er eine Harmonie zwischen dem hellenistisch-römischen Erbe und der Botschaft des Evangeliums herzustellen suchte, wurde er zu einem bedeutenden Vermittler zwischen Antike und Mittelalter. Tragisch ist sein früher Tod: Von König Theoderich des Hochverrats verdächtigt, wurde Boethius 524 unschuldig hingerichtet. Während der Haft verfaßte er sein berühmtes Werk De consolatione philosophiae, eine philosophische Trostschrift. Das wahre Glück besteht für Boethius in der Bekämpfung der Laster, der Pflege der Tugenden und im Streben nach Gott, dem höchsten Gut des Menschen.

Cassiodor wurde um 485 in Kalabrien geboren; auch er war zunächst politisch aktiv. Nach seiner Abkehr von der Politik gründete er das Kloster „Vivarium", dessen Hauptaufgabe in der Pflege des Bildungs- und Kulturguts der Antike bestand. So widmeten sich die Mönche vornehmlich dem Studium, dem Kopieren und der Erhaltung alter Schriften. In Cassiodors eigenen Werken nimmt das Gebet, das sich aus der Heiligen Schrift und insbesondere aus den Psalmen nährt, eine zentrale Stellung ein.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Mit Freude heiße ich alle deutschsprachigen Besucher dieser Generalaudienz willkommen. Unter ihnen grüße ich besonders die Teilnehmer an der Tagung der Internationalen Stiftung Humanum. Im Schauen auf Jesus Christus, der in seinem Kreuzestod alles Leid der Welt auf sich genommen hat, finden wir Halt und Trost. Er führt uns zum wahren Heil, und Ihm wollen wir unser Leben anvertrauen. Der Herr schenke euch seine Gnade.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Orginals; © Copyright 2008 - Libreria Editrice Vaticana]