Bonaventura, Thomas von Aquin und Franziskus: Papst erklärt die Lehrer des Glaubens

Katechesen von Benedikt XVI. in Buchform

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Von Jan Bentz

ROM, 21. September 2012 (ZENIT.org). – „Selig, die arm sind vor Gott.“ Dieses Zitat aus dem Matthäusevangelium spricht von Menschen, bei denen der Mangel an materiellen Gütern mit einer inneren Demut einhergeht. „Diese innere und äußere Freiheit haben im Spätmittelalter auf konsequenteste Weise die Bettelorden gelebt und verbreitet, von denen die Franziskaner und die Dominikaner besondere Erwähnung verdienen.“ So Joachim Kardinal Meisner in seinem Vorwort zu dem neuen Sammelband der Katechesen von Papst Benedikt XVI. über die großen Denker und Kirchenlehrer, die aus den mittelalterlichen Bettelorden hervorgingen.

Nach der Sammlung der Ausführungen des Papstes über die großen Frauengestalten des Mittelalters [ZENIT berichtete] ist nun erfreulicherweise der Folgeband in gleicher Aufmachung, reich bebildert mit den grandiosen Darstellungen der Heiligen auf Gemälden, Fresken und Wandteppichen, -darunter große Meister wie Fra Angelico-, mit den bedeutenden Männergestalten erschienen.

Nach einer Einführung über die „Bettelorden“ im geschichtlichen Kontext und ihre Bedeutung für Kirche und Gesellschaft stellt das Buch die großen „Sterne“ des Theologenhimmels vor: den hl. Franz von Assisi, den hl. Dominikus, den hl. Antonius von Padua, den hl. Albertus Magnus und mit jeweils drei Kapiteln den größten Franziskanerheiligen Bonaventura und natürlich sein dominikanisches Pendant, den hl. Thomas von Aquin, sowie den sel. Duns Scotus, den großen franziskanischen Marientheologen. Jedes Kapitel entspricht einer Katechese bei den Generalaudienzen mit Papst Benedikt XVI. im Vatikan.

Bei der Figur des hl. Franz von Assisi steht vor allem seine Tätigkeit als Ordensgründer im Vordergrund, aber auch sein tiefer Glaube, der ihn wahrhaftig in einen „alter Christus“ verwandelt habe, „ein lebendiges Abbild Jesu“. Dies habe vor allem durch seine Liebe zu Christus vollzogen, die „auf besondere Weise in der Anbetung des Allerheiligsten Altarsakramentes zum Ausdruck kam“. Franziskus sei ein Vorbild für jeden Priester und auch jeden gläubigen Christen. „Seine Einfachheit, seine Demut, sein Glaube, seine Liebe zu Christus, seine Güte gegenüber allen Männern und Frauen haben ihn in jeder Situation mit Freunde erfüllt“.

Dem hl. Dominikus, einem adeligen Spanier und Gründer des Predigerordens der „Dominikaner“, ist das nächste Kapitel gewidmet. Benedikt spricht bei seinen Ausführungen viele interessante Details aus dem Leben des Heiligen an, beispielsweise sein Vorgehen gegen die häretische Gruppe der Albigenser und seinen missionarischen Eifer. Der Orden sei überaus schnell gewachsen und habe weltliche Güter, Verwaltungen von Höfen und Ladbesitz aufgegeben, um so „mehr Freiheit zu gewinnen, sich dem Studium und der Wanderpredigt zu widmen“. Gerade Dominikus habe für unsere Zeit Vorbildcharakter, da er „wollte, dass sich seine Brüder voller Fleiß und Frömmigkeit dem Studium widmeten; einem Studium, das auf der Basis jedes theologischen Wissens, das heißt, auf der Heiligen Schrift gründet und die von der Vernunft gestellten Fragen achtet.“

Dem hl. Bonaventura sind gleich drei Kapitel gewidmet: als Biograph des hl. Franziskus, als Verteidiger des Glaubens und als Theologe des Guten. Der Heilige, dem das besondere Interesse des Papstes gilt, ist gewissermaßen der „franziskanische Thomas", beide hatten viel gemeinsam. „Sowohl der Franziskaner Bonaventura als auch der Dominikaner Thomas gehörten den Bettelorden an, […] die im 13. Jahrhundert durch ihre geistliche Frische die ganze Kirche erneuerten; beide dienten der Kirche mit Fleiß, Leidenschaft und Liebe; beide starben im gleichen Jahr.“ Sogar auf dem Petersplatz stehen sich beide Heiligen (wie auch die Heiligen Franziskus und Dominikus innerhalb der Basilika) gegenüber. Bonaventuras Theologie habe den „spezifischen Akzent“ des franziskanischen Charismas, nämlich den „Primat der Liebe“. Gerade auch die Inspiration durch die Schriften des Pseudo-Dionysius über die Hierarchie der Engel, das Sehen mit der Vernunft und dem Herzen, und die Kreuzestheologie hätten den Theologen nachhaltig geprägt. „Unser ganzes Leben ist für den heiligen Bonaventura also eine ‚Wanderschaft‘, eine Pilgerreise – ein Aufstieg zu Gott.“

Drei Kapitel sind auch dem hl. Thomas von Aquin zugedacht: Thomas als Philosoph, als Theologe und als Lehrer. In der Philosophie des „Doctor Angelicus“ stehe vor allem der antike Philosoph Aristoteles im Mittelpunkt, dessen Weltanschauung vor und ohne Christus entwickelt worden sei, von Thomas aber mit der Offenbarung Christi in Einklang gebracht werde. Dies sei der Kern des thomistischen Denkens: „Letztlich zeigte Thomas von Aquin, dass zwischen dem christlichen Glauben und der Vernunft eine natürliche Harmonie besteht.“ Von der Theologie steche nicht nur der Inhalt hervor, sondern auch die Methode, mit der sie gelehrt wurde, der Unterscheidung und Synthese von Philosophie und Theologie. Diese Vereinbarkeit stütze sich auf dem Zusammenwirken von Vernunft und Glaube. Gleichbedeutend sei auch die Analogielehre des Dominikaners, „die es uns erlaubt, mit menschlichen Worten über Gott zu sprechen.“ In der Katechese über Thomas als Lehrer stehen vor allem seine theologische „Summe“ und die „Summe wider die Heiden“ im Mittelpunkt. In ihnen werde eine synthetische Sakramenten-Lehre entwickelt und Glaubenssätze dem Credo entsprechend aufgeschlüsselt. Wertvoll und interessant auch die Erläuterungen zum Herrengebet des Vaterunsers, wo Thomas aufzeige, dass das Gebet „alle fünf Merkmale aufweist, die ein gutes Gebet besitzen sollte: vertrauensvolle und ruhige Hingabe, einen angemessenen Inhalt, […] die rechte Ordnung der Bitten, die eifrige Nächstenliebe und die aufrichtige Demut.“

Geschmückt ist der schöne Band mit zahlreichen Darstellungen aus verschiedernen Epochen der jeweiligen Heiligen. So blicken uns Dominikus, Franziskus, Thomas und die vielen anderen aus großen Meisterwerken von Fra Angelico, Botticelli, Raffael, Veronese, Giotto und El Greco an.

Dieser schmucke Band ist für alle Leser empfehlenswert, die die Biographie dieser Lehrer des Glaubens interessiert, gleichzeitig aber etwas über die wichtigsten Kernaussagen ihrer Lehren erfahren möchten. Sicherlich werden viele Leser auch auf den Geschmack gebracht,  das eine oder andere theologische Thema in weitergehendem Studium zu vertiefen. Bei der Betrachtung jeder dieser großen Gestalten enthüllt sich stückweit auch der Glaube und die Weltanschauung des Papstes selber, dessen Theologie gerade für die heutige Zeit von besonderer Bedeutung ist

Buchtipp:
BENEDIKT XVI.
Lehrer des Glaubens – Franziskaner und Dominikaner

Mit einem Vorwort von Joachim Kardinal Meisner
Media Maria Verlag, 145 Seiten, geb., 2012
19,95€