Botschaft Benedikts XVI. zum Welttag der Kranken 2008

„Die Krankenpastoral schöpft aus der Eucharistie“

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WÜRZBURG, 22. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Botschaft, die Papst Benedikt XVI. im Hinblick auf den 16. Welttag der Kranken geschrieben hat. Jener Tag im Jahr, der allen kranken Menschen in besonderer Weise gewidmet ist, wird am 11. Februar, dem Festtag Unserer Lieben Frau von Lourdes, auf diözesaner Ebene begangen.

 

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Liebe Brüder und Schwestern!

1. Am 11. Februar, dem Gedenktag Unserer Lieben Frau von Lourdes, wird der Welttag der Kranken begangen, eine gute Gelegenheit, um über den Sinn des Leidens nachzudenken sowie über die christliche Pflicht, es auf sich zu nehmen, in welcher Situation auch immer es sich darbietet. In diesem Jahr ist dieser bedeutende Jahrestag mit zwei wichtigen Ereignissen für das Leben der Kirche verbunden, wie sich bereits aus dem gewählten Thema „Die Eucharistie, Lourdes und die Krankenseelsorge“ erkennen lässt: dem 150. Jahrestag der Erscheinungen der Unbefleckten Jungfrau in Lourdes sowie der Feier des Internationalen Eucharistischen Kongresses im kanadischen Québec. Auf diese Weise bietet sich eine einzigartige Gelegenheit, die enge Beziehung zu betrachten, die zwischen dem Eucharistischen Geheimnis, der Rolle Marias im Heilsplan sowie den Schmerzen und dem Leid des Menschen besteht.

Die 150 Jahre seit den Erscheinungen von Lourdes laden uns dazu ein, den Blick auf die Heilige Jungfrau zu richten, deren unbefleckte Empfängnis das erhabene und unbegründete Geschenk Gottes an eine Frau darstellt, auf dass sie dem göttlichen Plan trotz der Prüfungen und der Leiden, denen sie begegnen musste, mit festem und unerschütterlichem Glauben voll zustimmen könne. Aus diesem Grund ist Maria ein Vorbild dafür, sich vollkommen dem Willen Gottes zu überlassen: sie hat das Ewige Wort im Herzen aufgenommen und es in ihrem jungfräulichen Schoß empfangen; sie hat Gott vertraut und – mit vom Schwert des Schmerzes durchdrungener Seele (vgl. Lk 2, 35) – nicht gezögert, das Leiden ihres Sohnes zu teilen und auf Golgatha, zu Füßen des Kreuzes, das „Ja“ der Verkündigung zu erneuern. Über die Unbefleckte Empfängnis Marias nachzudenken, bedeutet also, sich von diesem „Ja“ anziehen zu lassen, das sie auf wunderbare Weise mit dem Auftrag Christi, des Erlösers der Menschheit, verbunden hat; es bedeutet, sich von Ihr an der Hand nehmen und führen zu lassen, um dem Willen Gottes das eigene „fiat“ anzubieten, mit dem gesamten, von Freude und von Trauer, von Hoffnungen und Enttäuschungen durchdrungenen Dasein, in dem Bewusstsein, dass die Prüfungen, der Schmerz und die Leiden unsere Pilgerschaft auf Erden sinnvoll machen.

2. Man kann Maria nicht betrachten, ohne von Christus angezogen zu werden, und man kann nicht auf Christus schauen, ohne sofort die Gegenwart Marias wahrzunehmen. Es besteht eine untrennbare Verbindung zwischen der Mutter und dem Sohn, der durch das Wirken des Heiligen Geistes in ihrem Schoß gezeugt wurde, und wir spüren diese Verbindung auf geheimnisvolle Weise im Sakrament der Eucharistie, wie die Kirchenväter und die Theologen schon von den ersten Jahrhunderten an herausgestellt haben. „Das Fleisch, das – vom Heiligen Geist kommend – von Maria geboren ist, ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“, erklärt der heilige Hilarius von Poitiers, während wir im „Sacramentarium Bergomense“ aus dem neunten Jahrhundert lesen: „Ihr Schoß hat eine Frucht erblühen lassen, ein Brot, das uns – als engelhafte Gabe – erfüllt hat. Maria hat dem Heil zurückgegeben, was Eva durch ihre Schuld zerstört hatte.“ Der heilige Petrus Damian schließlich beobachtet: „Diesen Leib, den die seligste Jungfrau hervorgebracht hat, den sie in ihrem Schoß mit mütterlicher Fürsorge gehegt hat, zweifellos diesen Leib, so sage ich, und keinen anderen, empfangen wir jetzt vom heiligen Altar und sein Blut trinken wir als Sakrament unserer Erlösung. Das sagt der katholische Glaube, und das lehrt getreu die heilige Kirche.“ Die Verbindung der heiligen Jungfrau Maria mit dem Sohn, dem Opferlamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, erstreckt sich auf die Kirche, den mystischen Leib Christi. Maria – so bemerkt der Diener Gottes Johannes Paul II. – ist in ihrem ganzen Leben eine „eucharistische Frau“, so dass die Kirche, die auf Maria wie auf ihr Urbild blickt, berufen ist, „sie auch in ihrer Beziehung zu diesem heiligsten Mysterium nachzuahmen“ (Enz. http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_17042003_ecclesia-de-eucharistia_ge.htmlEcclesia de Eucaristia, 53).

Unter diesem Gesichtspunkt ist noch besser zu verstehen, warum sich mit der Verehrung der Seligen Jungfrau Maria in Lourdes ein starker und beständiger Aufruf zur Eucharistie mit täglichen Eucharistiefeiern, mit der Anbetung des Allerheiligsten und der Segnung der Kranken verbindet, der einen der eindringlichsten Momente des Aufenthalts der Pilger bei der Grotte von Massabielle darstellt.

Die Präsenz zahlreicher kranker Pilger in Lourdes sowie freiwilliger Helfer, die sie begleiten, hilft, über die mütterliche und zärtliche Teilnahme nachzudenken, welche die Jungfrau Maria den Schmerzen und den Leiden des Menschen gegenüber zeigt. Verbunden mit dem Opfer Christi, wird Maria, die Mater Dolorosa, die zu Füßen des Kreuzes mit ihrem göttlichen Sohn leidet, von der christlichen Gemeinschaft, die sich um ihre leidenden Mitglieder versammelt, welche die Zeichen der Passion des Herrn tragen, als besonders nahe empfunden. Maria leidet mit denen, die geprüft werden, sie hofft mit ihnen und ist ihr Trost, indem sie ihnen mit mütterlicher Hilfe beisteht. Ist es denn nicht wahr, dass die spirituelle Erfahrung so vieler Kranker dazu drängt, immer besser zu verstehen, dass „der göttliche Erlöser (...) die Seele jedes Leidenden auch durch das Herz seiner heiligsten Mutter erreichen (will), die von allen als erste und am vollkommensten erlöst worden ist“ (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/apost_letters/documents/hf_jp-ii_apl_11021984_salvifici-doloris_ge.html Salvifici doloris, 26)?

3. Wenn Lourdes uns dazu führt, über die mütterliche Liebe der Unbefleckten Jungfrau zu ihren kranken und leidenden Kindern nachzudenken, so wird der nächste Internationale Eucharistische Kongress eine Gelegenheit dazu bieten, Jesus Christus, der im Altarsakrament gegenwärtig ist, anzubeten, uns Ihm als einer Hoffnung anzuvertrauen, die nicht enttäuscht, Ihn als Heilmittel der Unsterblichkeit anzunehmen, das Leib und Seele heilt. Durch sein Leiden hat Jesus Christus die Welt erlöst, durch seinen Tod und seine Auferstehung wollte er als „Brot des Lebens“ auf unserer irdischen Pilgerfahrt bei uns bleiben. „Die Eucharistie, Geschenk Gottes für das Leben in der Welt“ – so lautet das Thema des Eucharistischen Kongresses, welches herausstellt, dass die Eucharistie ein Geschenk ist, das der Vater der Welt durch seinen einzigen Sohn macht, der Mensch geworden und gekreuzigt worden ist. Er versammelt uns um die eucharistische Tafel und ruft in seinen Jüngern eine liebevolle Fürsorge für die Leidenden und die Kranken hervor, in denen die christliche Gemeinschaft das Antlitz ihres Herrn erkennt. Wie ich in dem postsynodalen Apostolischen Schreiben „Sacramentum caritatis“ hervorgehoben habe, „müssen unsere Gemeinden, wenn sie Eucharistie feiern, sich immer bewusster werden, dass das Opfer Christi für alle ist und die Eucharistie darum jeden Christgläubigen drängt, selbst „gebrochenes Brot“ für die anderen zu werden“ (Nr. 88). So werden wir dazu ermutigt, uns in erster Person dafür einzusetzen, den Brüdern zu dienen, vor allem denen, die sich in Schwierigkeiten befinden, da die Berufung jedes Christen wirklich darin besteht, gemeinsam mit Jesus gebrochenes Brot für das Leben der Welt zu sein.

4. Es scheint daher eindeutig, dass die Krankenpastoral gerade aus der Eucharistie die geistige Kraft schöpfen muss, die notwendig ist, um dem Menschen auf wirksame Weise beizustehen und ihm zu helfen, den heilbringenden Wert seines Leidens zu verstehen. Wie der Diener Gottes Johannes Paul II. in dem bereits zitierten Apostolischen Schreiben „Salvifici doloris“ geschrieben hat, sieht die Kirche in allen leidenden Brüdern und Schwestern Christi gleichsam vielfältige Träger der übernatürlichen Kraft Christi (vgl. Nr. 27). Auf geheimnisvolle Weise mit Christus vereint, wird der Mensch, der mit Liebe und fügsamer Hingabe an den göttlichen Willen leidet, ein lebendiges Opfer für das Heil der Welt. Mein verehrter Vorgänger hat weiter erklärt: „Je mehr der Mensch von der Sünde bedroht ist, je drückender die Strukturen der Sünde sind, welche die heutige Welt in sich trägt, umso größer ist die Ausdruckskraft, die das menschliche Leiden besitzt, und umso dringender fühlt die Kirche die Notwendigkeit, sich um des Heiles der Welt willen an die menschlichen Leiden zu wenden“ (ebd.). Wenn also in Québec die Eucharistie als Geschenk Gottes für das Leben in der Welt betrachtet wird, so wird am Welttag des Kranken in einer idealen geistigen Parallele nicht nur die tatsächliche Teilhabe des menschlichen Leidens am Heilswerk Gottes begangen, sondern es können auch in gewissem Sinne seine kostbaren Früchte gekostet werden, die denen, die glauben, verheißen werden. So wird der Schmerz, der im Glauben angenommen wird, die Pforte, um Zugang zum Geheimnis des erlösenden Leidens Jesu zu erhalten und um mit Ihm zum Frieden und zur Glückseligkeit seiner Auferstehung zu gelangen.

5. Während ich meinen herzlichen Gruß an alle Kranken richte, sowie an diejenigen, die auf verschiedene Weise für sie sorgen, lade ich die diözesanen Gemeinschaften und die Pfarrgemeinden dazu ein, bei der Feier des nächsten Welttags der Kranken das glückliche Zusammentreffen des 150. Jahrestags der Erscheinungen Unserer Lieben Frau in Lourdes mit dem Internationalen Eucharistischen Kongresses besonders hervorzuheben. Es möge eine Gelegenheit darstellen, die Bedeutung der Heiligen Messe, der Eucharistischen Anbetung und der Verehrung der Eucharistie hervorzuheben und dafür zu sorgen, dass die Kapellen in den Gesundheitseinrichtungen das pulsierende Herz werden, in dem Jesus sich dem Vater unablässig für das Leben der Menschheit hingibt. Auch die Austeilung der Eucharistie an die Kranken, die auf würdige Weise und im Geist des Gebets erfolgt, bedeutet eine wahre Stärkung für alle, die unter irgendeiner Form von Krankheit zu leiden haben.

Der nächste Welttag der Kranken möge außerdem eine gute Gelegenheit darstellen, um auf besondere Weise den mütterlichen Schutz Marias für alle anzurufen, die unter einer Krankheit leiden, sowie für alle, die im Krankendienst und in der Krankenpastoral tätig sind. Ich denke vor allem an die in diesem Bereich tätigen Priester, sowie an die Ordensleute, an die freiwilligen Helfer und an alle, die sich mit tätiger Hingabe dafür einsetzen, den Kranken und Bedürftigen leiblich und seelisch zu dienen. Sie alle vertraue ich Maria an, der Mutter Gottes und unserer Mutter, der Unbefleckten Empfängnis. Möge Sie jedem helfen, zu bezeugen, dass Christus, der durch seine Auferstehung den Tod besiegt und uns das ewige Leben geschenkt hat, die einzige gültige Antwort auf den Schmerz und das Leid des Menschen ist. Mit diesen Gefühlen erteile ich allen von Herzen meinen besonderen apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 11. Januar 2008

Benedictus PP. XVI

[Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 22. Januar 2008]