Botschaft des Heiligen Vaters an Ordensobere in Salzburg

Johannes Paul II. an die Vereinigung der Konferenzen der Höheren Ordensoberen (UCESM)

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VATIKAN, 28. November 2001 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen im folgenden die Botschaft des Heiligen Vaters anlässlich der 10 Generalversammlung der UCESM in Salzburg im Originalwortlaut:




An den

Hochwürdigen Pater
Jesús María Lecea Sch. P.
Vorsitzenden der UCESM

1. Zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem die Vereinigung der Konferenzen der Höheren Ordensoberen auf europäischer Ebene ins Leben gerufen wurde. Ziel dieser Union ist es, die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe unter den Höheren Oberen und Oberinnen in den europäischen Ländern zu fördern und die Zusammenarbeit mit den Europäischen Bischofskonferenzen so anzuregen, daß in die einzelnen gesellschaftlichen Gegebenheiten das Zeugnis des Ordenslebens eingebettet wird.

Es ist mir ein Anliegen, euch, liebe Brüder und Schwestern des geweihten Lebens, zum 20. Geburtstag eurer Vereinigung herzliche Glück- und Segenswünsche zu übermitteln. Durch euch sende ich auch liebe Grüße an die Mitglieder eurer Gemeinschaften, die ihr in ganz Europa vertretet. Ich preise den dreifaltigen Gott für all das Gute, das durch die Hochherzigkeit eurer Hingabe und das Zeugnis eures geweihten Lebens zum Wohl seiner Kirche und für das Kommen seines Reiches vollbracht wird: "Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid und welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt" (Eph 1, 16.18).

2. Das Thema eures Treffens geht an die Wurzeln. Es stellt die Frage, welche Perspektive sich den Ordensleuten in Europa am Beginn des dritten Jahrtausends eröffnet. Auf der einen Seite steht der Anspruch, auf den euch die evangelischen Räte von Armut, Keuschheit und Gehorsam verpflichten. Auf der anderen Seite trefft ihr mit eurer Lebensform gerade auf dem alten Kontinent auf Zeitgenossen, die das Evangelium nicht mehr oder noch nicht in seiner Tiefe erfassen. Das Evangelium und die Welt - in diese Pole ist eure Existenz eingespannt. Wie läßt sich diese Spannung lösen?

3. "Gott ist die Liebe", schreibt der Apostel Johannes (1 Joh 4,8): Liebe, die ruft, und Liebe, die sendet. Von der "Quelle der Liebe", die Gott Vater ist, sind die Sendung des Sohnes und die des Heiligen Geistes ausgegangen. Es ist die göttliche Liebe, die durch die Geschichte hindurch Männer und Frauen ruft, sich in besonderer Weise an ihn zu binden. Dieselbe göttliche Liebe ist es, die Menschen sendet, um das Evangelium zu künden. Wie ermutigend ist es, in diesem Zusammenhang den Blick auf die Ordensleute zu richten, die im Lauf der Jahrhunderte am Horizont Europas aufgegangen sind und uns bis heute als "Wolke von Zeugen" (Hebr 12,1) dafür umgeben, daß Christus sich auf diesem Kontinent den Weg bahnen konnte.

4. Um Europa neu zu evangelisieren, gibt es freilich kein Patentrezept. Doch es ist die Liebe, die gerade die Männer und Frauen des geweihten Lebens ihren Zeitgenossen schulden. Das Geheimnis jeder Evangelisierung besteht ja in der Entdeckung, daß die Liebe zu Gott sich in einen Dienst für die Mitmenschen verwandeln muß. Daher ist das gelebte Zeugnis wahrer und reiner Liebe das beste Empfehlungsschreiben, das sich die Ordensleute ausstellen können. Mitunter wird es selbst von denen gelesen und beachtet, denen Jesus Christus fremd ist oder die sich von seiner Kirche entfernt haben.

Deshalb hege ich die Hoffnung, daß das geweihte Leben euch sowohl enger an Gott bindet als auch näher an die Menschen heranführt und auf diese Weise zur Erneuerung der Kirche beiträgt: "Durch die Mission haben wir die Kirche tatsächlich erneuert. Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch die Weitergabe!" (Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 2). Wenn ihr euer Augenmerk auf das glaubwürdige Lebenszeugnis legt, dann tragt ihr ohne Zweifel zur Verjüngung und Verschönerung der Kirche als Braut Christi bei. Gleichzeitig wird euch die beglückende Erfahrung zuteil, daß ihr nicht nur Nachlaßverwalter eines reichen Erbes, sondern Wegbereiter einer Zukunft seid, die der Herr im dritten Jahrtausend der Kirche und euren Gemeinschaften bereiten will.

5. Meine Gedanken möchte ich nicht beschließen, ohne noch auf ein Problem hinzuweisen, das viele von euch bedrückt. Der Mangel an Berufungen und die Überalterung vieler Gemeinschaften können die Versuchung nähren, in Mutlosigkeit zu verfallen oder sich in die eigenen vier Wände einzukapseln. Die Augen vor den Tatsachen zu verschließen, ist sicher kein gangbarer Weg. Doch das Gottvertrauen lehrt uns auch, daß die wahre Wirklichkeit die Zahlen und Statistiken weit übersteigt. Ich hege die Hoffnung, daß ihr mit euren Gemeinschaften immer mehr Felder entdeckt, wo Austausch und Zusammenarbeit geboten sind und sich lohnen. Und wenn euch dunkle Gedanken gefangen nehmen, dann erinnert euch an ein tröstliches Wort, das Jesus einst an seine zweifelnden Jünger gerichtet hat: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben" (Lk 12, 32).

Auf die Fürsprache der Gottesmutter bitte ich Jesus, das Haupt der Kirche, eure guten Bemühungen zu unterstützen und eure Hoffnungen zu erfüllen. Möge er in euren Ordensfamilien das Werk der Gnade vollenden, das er in der Gründung jeder einzelnen einst begonnen hat, damit die Institute des gottgeweihten Lebens und die Gemeinschaften des apostolischen Lebens immer mehr werden, was sie sind: Werkzeuge im Dienst der Neu-Evangelisierung Europas. Mit diesem Wunsch erteile ich euch von ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 17. November 2001

IOANNES PAULUS II

[Originalsprache: Deutsch]