Botschaft von Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer der 17. Öffentlichen Sitzung der Päpstlichen Akademien

Der Künstler, wie die Kirche, als Zeuge der Schönheit des Glaubens

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VATIKANSTADT, 13. Dezember 2012 (ZENIT.org). – Wir dokumentieren die Botschaft von Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer der 17. Öffentlichen Sitzung der Päpstlichen Akademien in der offiziellen deutschen Übersetzung.

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An den verehrten Mitbruder 
Gianfranco Kardinal Ravasi,
Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur

Ich freue mich, Ihnen anlässlich der jährlich stattfindenden Öffentlichen Sitzung der Päpstlichen Akademien meinen herzlichen Gruß zukommen zu lassen, in den ich gerne den Koordinierungsrat, die Herren Kardinäle, die Bischöfe, Priester, Ordensleute, die Herren Botschafter und alle Teilnehmer einschließe.

Einen besonderen Gedanken richte ich an die Leiter und Mitglieder der Pontificia Academia Latinitatis, die kürzlich mit dem Motu Proprio Latina Lingua von mir eingerichtet wurde, um die Kenntnis, das Studium und den Gebrauch der lateinischen Sprache sowohl in der Kirche als auch in den universitären und schulischen Einrichtungen neu zu stärken. Dieser neuen Akademie wünsche ich von Herzen, dass sie unter der Leitung ihres neuernannten Präsidenten Prof. Ivano Dionigi eine erfolgreiche und fruchtbringende Tätigkeit der Förderung der lateinischen Sprache entfalten kann. Denn diese ist ein wertvolles Vermächtnis der Tradition und privilegierter Zeuge eines kulturellen Erbes, das an die jungen Generationen weitergegeben sein will.

Die Öffentliche Sitzung der Päpstlichen Akademien, die in diesem Jahr von der Päpstlichen Akademie der Schönen Künste und Literatur der Künstler vom Pantheon organisiert wurde, trägt das Thema: „Puchritudinis fidei testis. Der Künstler, wie die Kirche, als Zeuge der Schönheit des Glaubens“, welches das Incipit des Motu Proprio aufgreift, mit dem ich vor kurzem die Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche dem Päpstlichen Rat für die Kultur angeschlossen habe, damit dem wichtigen Bereich der Kulturgüter der Kirche eine entsprechende Aufmerksamkeit und Stellung innerhalb einer umfassenden und durchdachten Sichtweise der Welt der Kultur zukommen kann. Eine organischere Einbeziehung dieses Bereichs in den Auftrag des Dikasteriums wird sicherlich fruchtbare Ergebnisse hervorbringen, auch im Hinblick auf einen immer angemesseneren Schutz sowie eine bewußtere Wertschätzung des außerordentlichen historisch-künstlerischen Erbes des Kirche, das ein beredtes Zeugnis für die Fruchtbarkeit der Begegnung zwischen christlichem Glauben und menschlichem Ingenium ist. Mit ihrem Thema fügt sich diese 17. Öffentliche Sitzung tief in das Jahr des Glaubens ein, dessen Ziel es ist, allen Gläubigen die Kraft und Schönheit des Glaubens vor Augen zu stellen. Dies war, wie ich selbst erleben konnte, das große Bestreben des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils.

Bei der Eucharistiefeier zur Eröffnung des Jahr des Glaubens habe ich erneut die Botschaften des Konzils an die Vertreter verschiedener Personenkategorien überreicht, unter ihnen auch die Künstler. In der tiefgründigen und bedeutsamen Botschaft des Konzils an die Künstler ist der Weg wunderbar zusammengefaßt, den die Kirche des 20. Jahrhunderts vor allem durch das zielstrebige und beständige Wirken des Dieners Gottes Paul VI. eingeschlagen hat, um den Dialog mit der Welt der Kunst wieder aufleben zu lassen, die sich vom Sinnhorizont und der Glaubenserfahrung, wie sie die Kirche vorschlug, immer weiter entfernt hatte. Der vom Zweiten Vatikanischen Konzil bewirkte Impuls zum Dialog wurde dann in anderen ebenso bedeutsamen wie entscheidenden Momenten und Gesten umgesetzt. Der sel. Johannes Paul II. schrieb im Vorfeld des Großen Jubiläums 2000 einen Brief an die Künstler und vertraute damit der Kirche und den Künstlern einen Meilenstein auf dem Weg des Dialogs und der Zusammenarbeit an. Aus diesem bekannten Text möchte ich nur eine Anregung herausgreifen: „Jede echte Form von Kunst ist, jeweils auf ihre Art, ein Zugang zur tiefsten Wirklichkeit des Menschen und der Welt. Als solcher stellt sie eine sehr wertvolle Annäherung an den Glaubenshorizont dar, wo das menschliche Dasein und seine Geschichte ihre vollendete Deutung finden. Genau deshalb mußte ja die Fülle der Wahrheit, wie sie in den Evangelien entfaltet ist, von Anfang an das Interesse der Künstler wecken, die auf Grund ihrer Natur für alles empfänglich sind, was die innere Schönheit der Wirklichkeit offenbart“ (Nr. 6).

Mit dem Wunsch diesen notwendigen und lebenswichtigen Dialog erneut anzuregen, bin ich selbst am 21. November 2009 in der Sixtinischen Kapelle mit einer großen Zahl von Künstlern zusammengetroffen, um einen eindringlichen Appell an sie zu richten, in dem ich neu den Wunsch der Kirche zum Ausdruck gebracht habe, die Freude der gemeinsamen Reflexion und eines einträchtigen Handelns wiederzufinden, mit dem Ziel, das Thema der Schönheit wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sowohl der kirchlichen Gemeinschaft als auch der Zivilgesellschaft und der Welt der Kultur zu rücken. Die Schönheit, so sagte ich bei jenem eindrucksvollen Anlass, sollte sich in allen künstlerischen Ausdrucksformen wieder behaupten und offenbaren, ohne dabei aber von der Glaubenserfahrung abzusehen, sondern vielmehr in einer offenen und freien Auseinandersetzung mit ihr, um sich von ihr inspirieren zu lassen, und das auch inhaltlich. Die Schönheit des Glaubens kann in der Tat niemals ein Hindernis sein für die schöpferische Gestaltung von künstlerischer Schönheit, denn sie ist in gewisser Weise deren Lebenselixier und letzter Horizont. Denn der wahre Künstler, den die Konzilsbotschaft als „Hüter des Schönen in der Welt“ bezeichnet, kann dank seiner besonderen ästhetischen Sensibilität und seiner Intuition tiefer als andere die dem Glauben eigene Schönheit erkennen und annehmen und sie dann in seiner Sprache zum Ausdruck bringen und mitteilen.

In diesem Sinn können wir also vom Künstler auch als einem – in gewisser Weise privilegierten – Zeugen der Schönheit des Glaubens sprechen. Er kann so durch seinen besonderen und originalen Beitrag an der Berufung und Sendung der Kirche teilnehmen, insbesondere dann, wenn er in den verschiedenen Ausdrucksweisen der Kunst Werke zu schaffen beabsichtigt oder mit ihnen beauftragt wird, die direkt mit der Glaubenserfahrung und dem Gottesdienst, dem liturgischen Handeln der Kirche in Zusammenhang stehen, dessen Zentralität vom Zweiten Vatikanischen Konzil mit dem bekannten Ausdruck „fons et culmen“ (Konstitution Sacrosanctum Concilium, 10) bezeichnet wurde.

Darüber schrieb der junge Priester Giovanni Battista Montini für die erste Nummer der neuen Zeitschrift Arte Sacra, die unter dem Datum Juli/September 1931 herauskam, einen Aufsatz mit dem emblematischen Titel „Über die sakrale Kunst der Zukunft“, in dem er mit großem Weitblick und großer Klarheit das Panorama der sakralen Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts, ihre Tendenzen, Vorzüge und Grenzen, analysiert. Diese Analyse erweist sich im Abstand von Jahrzehnten auch für uns als von außerordentlicher Aktualität und Tiefe. Vor allem wird betont, daß „die sakrale Kunst vor dem großen Problem steht, das Unsagbare auszudrücken“, und deshalb „ist es notwendig, sich mit der Mystik zu befassen und mit der Erfahrung der Sinne einen Widerschein, einen Schimmer des unsichtbaren Lichtes zu erhaschen“. In Bezug auf die Persönlichkeit des christlichen Künstlers, der sich insbesondere in der sakralen Kunst versucht, schreibt er: „Man sieht auch, wie und wo wahre sakrale Kunst entsteht: von einem frommen, gläubigen, betenden, sehnsuchtsvollen Künstler, der in Stille und Güte wacht, in Erwartung seines Pfingsten…

Ich denke, es ist die Aufgabe unserer christlichen Künstler, mit ihren Werken eine Geisteslage vorzubereiten, in der in Christus unsere jetzt zerrissene spirituelle Einheit wieder hergestellt wird; ich meine jene Einheit, die in angemessener Harmonie Eindruck und Ausdruck, die innere und die äußere Welt, Geist und Materie, Seele und Leib, Gott und Mensch versöhnt“ (Arte sacra, I.1, Juli/September 1931, S. 16). Zu Beginn des Jahrs des Glaubens richte ich daher eine herzliche Einladung an alle christlichen Künstler wie auch an alle, die sich dem Dialog mit dem Glauben öffnen, den vom zukünftigen Papst Paul VI. so treffend vorgezeichneten Weg zu gehen und so dafür zu sorgen, dass ihr künstlerischer Weg ein ganzheitlicher Weg werden kann und sich immer leuchtender als solcher zeigt, als ein ganzheitlicher Weg, in den alle Dimensionen der menschlichen Existenz einbezogen sind, so dass diese wirksam die Schönheit des Glaubens an Jesus Christus bezeugt, Bild der Herrlichkeit Gottes, der die Geschichte der Menschheit erleuchtet (vgl. 2 Kor 4,4.6; Kol 1,15).

Als Ermutigung all jener unter den jüngeren Künstlern, die durch ihre künstlerische Suche einen Beitrag zur Förderung und Verwirklichung eines neuen christlichen Humanismus anbieten wollen, und den vom Koordinierungsrat zwischen den Akademien gemachten Vorschlag annehmend, freue ich mich, den Preis der Päpstlichen Akademien, der in diesem Jahr den Künsten und insbesondere den Bereichen Malerei und Skulptur gewidmet ist, ex aequo einer polnischen Bildhauerin, Anna Gulak, und einem spanischen Maler, David Ribes Lopez, zu verleihen. Darüber hinaus möchte ich als Zeichen der Wertschätzung und Ermutigung dem jungen italienischen Bildhauer Jacopo Cardillo die Pontifikatsmedaille überreichen.

Schließlich wünsche ich allen Mitgliedern der Akademien, dass sie in den jeweiligen Arbeitsbereichen einen immer leidenschaftlicheren Einsatz zeigen mögen, auch indem sie die kostbare Gelegenheit des Jahres des Glaubens nützen, und während ich einem jeden dem mütterlichen Schutz der Jungfrau Maria, der Tota Pulchra, Vorbild des Glaubens, anvertraue, erteile ich Ihnen, Herr Kardinal, und allen Anwesenden einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, 21. November 2012, Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem

BENEDICTUS PP XVI