Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Weltjugendtag 2011

„Verwurzelt in Christus und gegründet auf ihm, fest im Glauben" (vgl. Kol 2,7)

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ROM, 7. September 2010 (ZENIT.org).- Der Vatikan hat am vergangenen Freitag die Botschaft zum Weltjugendtag 2011 veröffentlicht, der in Madrid unter dem Motto „Verwurzelt in Christus und gegründet auf ihm, fest im Glauben" (vgl. Kol 2,7) stattfinden wird. Papst Benedikt XVI. hat die Endfassung der Botschaft zum Weltjugendtag am 6. August, dem Fest der Verklärung des Herrn, vollendet.

Darin lädt der Papst alle Jugendlichen zu diesem Fest der Geschwisterlichkeit ein - gleich ob gläubig, zweifelnd oder Atheist.

Wir veröffentlichen den vollständigen Wortlaut der Botschaft in einer eigenen Übersetzung.

 

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Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Weltjugendtag 2011

Verwurzelt in Christus und gegründet auf ihm, fest im Glauben" (vgl. Kol 2,7)

Liebe Freunde!

Ich denke oft zurück an den Weltjugendtag in Sydney im Jahr 2008. Dort haben wir miteinander eine Erfahrung von einem großen Fest des Glaubens erlebt, in dem der Geist Gottes kraftvoll gewirkt hat und eine tiefe Gemeinschaft unter den Teilnehmern geschaffen hat, die aus der ganzen Welt gekommen waren. Diese Begegnung wie auch die früheren, trug reiche Früchte in das Leben vieler junger Menschen und in das Leben der ganzen Kirche.

Jetzt freuen wir uns auf den nächsten Weltjugendtag, der im August 2011 in Madrid stattfinden wird. Schon damals im Jahre 1989, einige Monate vor dem historischen Fall der Berliner Mauer, hat diese Wallfahrt der Jugendlichen in Spanien ein Etappenziel gehabt und zwar in Santiago de Compostela. Nun, in einer Zeit, in der Europa seine christlichen Wurzeln dringend wieder entdecken muss, wird unser Treffen in Madrid stattfinden und das Motto haben: "Verwurzelt in Christus und gegründet auf ihm, fest im Glauben" (vgl. Kol 2,7). Ich ermutige Euch, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, die für die Kirche in Europa und für die universale Kirche so wichtig ist. Ich möchte alle jungen Menschen - sowohl diejenigen, die unseren Glauben an Jesus Christus teilen, als auch diejenigen, die zweifeln oder unsicher sind oder gar nicht an ihn glauben, - einladen, diese Erfahrung zu nutzen, die für ihr Leben entscheidend werden kann. Es ist eine Erfahrung des Herrn Jesus, der auferstanden und lebendig ist, und eine Erfahrung seiner Liebe für jeden von uns.

1. An der Quelle Eurer tiefsten Sehnsüchte

In jeder Epoche der Geschichte, auch in unseren Tagen, erleben viele junge Menschen ein tiefes Bedürfnis nach persönlichen Beziehungen, die von Wahrheit und Solidarität geprägt sind. Viele von ihnen sehnen sich danach, verbindliche Freundschaften aufzubauen, die wahre Liebe kennen zu lernen, eine Familie zu gründen, die miteinander vereint bleiben soll, persönlichen Halt und wirkliche Sicherheit zu erreichen, die eine ruhige und glückliche Zukunft sichern sollen. Im Rückblick auf meine eigene Jugend merke ich, dass Stabilität und Sicherheit wahrhaftig nicht die Fragen sind, welche die meisten jungen Menschen im Kopf haben. Gewiss ist es wichtig, einen Job und somit festen Boden unter den Füssen zu haben, doch die Jahre unserer Jugend sind auch eine Zeit, in der wir versuchen, das Meiste aus unserem Leben zu machen. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem daran, dass wir nicht bereit waren, uns mit einem konventionellen bürgerlichen Leben zu begnügen. Wir wollten etwas Grosses, etwas Neues. Wir wollten das Leben selbst in all seiner Pracht und Schönheit entdecken. Natürlich, war das auch durch unsere Situation bedingt.

Während der Nazidiktatur und des Krieges waren wir sozusagen durch die herrschenden Machtstrukturen "eingesperrt". Deshalb wollten wir ausbrechen, uns öffnen, um die gesamte Bandbreite menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten zu erleben. Ich denke, dass dieser Drang, aus dem Gewöhnlichen auszubrechen, zu einem gewissen Grad jeder Generation anhaftet.

Der Wunsch, etwas Grosses jenseits des Alltags zu finden, mehr als nur einen sicheren Arbeitsplatz, eine Sehnsucht nach etwas wirklich Grossem, gehört zum Jungsein dazu. Ist das einfach nur ein leerer Traum, der verblasst, wenn wir älter werden? Nein! Alle Männer und Frauen sind für etwas Grosses geschaffen, für die Unendlichkeit. Alles andere wird nie genug sein. Der hl. Augustinus hat recht, wenn er sagt: "Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir". Der Wunsch nach einem grossartigen, sinnvollen Leben ist ein Zeichen dafür, dass Gott uns geschaffen hat und wir sein "Profil" in uns tragen.

Gott ist Leben, und deshalb strebt jedes Geschöpf nach dem Leben. Weil der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, tut er dies auf eine einzigartige und besondere Weise, wenn er nach Liebe, Freude und Frieden strebt. So können wir sehen, wie absurd es ist zu denken, dass wir wirklich erst dann richtig leben können, wenn wir Gott aus unserem Leben verbannen! Gott ist die Quelle des Lebens. Gott beiseite zu lassen, heisst, uns von dieser Quelle zu trennen, und was dann unvermeidlich wird, uns der endgültigen Erfüllung und Freude zu berauben: "Ohne den Schöpfer, schwindet die Kreatur ins Nichts" (Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes, 36).

In einigen Teilen der Welt, vor allem im Westen, neigt die heutige Kultur dazu, Gott aussen vor zu lassen und den Glauben als eine rein private Frage zu betrachten, die ohne jede Relevanz für das Leben der Gesellschaft ist. Obwohl die der Gesellschaft zugrunde liegenden Werte aus dem Evangelium stammen. Werte wie die Würde des Menschen, die Solidarität, die Arbeit und die Familie. Man bemerkt eine gewisse "Gottesfinsternis", eine Art Gedächtnisverlust und oft genug eine krasse Ablehnung des Christentums und eine Leugnung des Schatzes, den unser Glaube darstellt. All dies stellt ein hohes Risiko dar, dass wir hier kurz davor stehen, unsere tiefste Identität zu verlieren.

Aus diesem Grund, liebe Freunde, ermutige ich Euch, Euren Glaubensweg intensiv zu leben, den Glauben an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Ihr seid die Zukunft der Gesellschaft und der Kirche! Wie der Apostel Paulus an die Christen von Kolossae schrieb, ist es wichtig, Wurzeln, ein solides Fundament zu haben! Dies gilt vor allem heute. Viele Menschen haben keine stabilen Bezugspunkte, auf die sie ihr Leben aufbauen können, und so bleiben sie schliesslich am Ende zutiefst verunsichert. Die wachsende Mentalität des Relativismus, die zunehmend um sich greift und für die es keine Wahrheit und absoluten Bezugspunkte gibt, schenkt keine wahre Freiheit, sondern Unsicherheit, Verwirrung und blinden Konformismus den augenblicklichen Launen gegenüber. Als junge Menschen habt Ihr das Recht, von den Generationen, die Euch vorangehen, feste Bezugspunkte zu erhalten, die Euch helfen, Entscheidungen zu treffen, und auf die ihr Euer Leben aufbauen könnt: wie eine junge Pflanze, die solide Unterstützung braucht, bis sie tiefe Wurzeln geschlagen hat und zu einem kräftigem Baum wird, der Früchte bringen kann.

2. Verwurzelt in Christus und gegründet auf Ihn

Um die Bedeutung des Glaubens im Leben der Gläubigen zu betonen, möchte ich mich mit jedem der drei Begriffe beschäftigen, die der Hl. Paulus verwendet: "Verwurzelt und gegründet in Christus, fest im Glauben" (vgl. Kol 2,7). Wir können drei Bilder unterscheiden: "gepflanzt", das lässt an einen Baum und die Wurzeln denken, die ihn nähren; "gegründet" bezieht sich auf den Bau eines Hauses, "fest" zeigt das Wachstum physischer oder moralischer Stärke an. Diese Bilder sind sehr reich. Bevor ich auf sie Bezug nehme, möchte ich darauf hinweisen, dass alle drei Begriffe im ursprünglichen Text in grammatikalischer Hinsicht im Passiv stehen. Dies bedeutet, dass es Christus selbst ist, der die Initiative übernimmt, die Gläubigen zu verwurzeln, aufzubauen und zu festigen.

Das erste Bild ist das eines Baumes, der dank seiner Wurzeln fest eingepflanzt ist, und so aufrecht steht und ihm Nahrung gibt. Ohne diese Wurzeln, würde er vom Wind weggeweht werden und sterben. Was sind unsere Wurzeln? Selbstverständlich sind unsere Eltern, unsere Familien und die Kultur unseres Heimatlandes sehr wichtige Elemente unserer persönlichen Identität. Doch die Bibel offenbart ein weiteres Element. Der Prophet Jeremia schrieb: "Gesegnet der, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte" (Jer 17,7-8). Wurzeln zu haben, bedeutet für den Propheten, sein Vertrauen auf Gott zu setzen. Von ihm erhalten wir unser Leben. Ohne ihn können wir nicht wirklich leben. "Gott gab uns das ewige Leben, und dieses Leben ist in seinem Sohn" (1 Joh 5,11). Jesus selbst sagt uns, dass er unser Leben ist (vgl. Joh 14,6).

Folglich ist der christliche Glaube nicht nur eine Frage der Annahme, dass bestimmte Dinge wahr sind, sondern vor allem eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus. Er ist eine Begegnung mit dem Sohn Gottes, der unserer ganzen Existenz neuen Schwung schenkt. Wenn wir eine persönliche Beziehung mit ihm pflegen, offenbart uns Christus unsere wahre Identität; in der Freundschaft mit ihm, wächst unser Leben hin zu seiner vollständigen Erfüllung. Wenn wir jung sind, gibt es einen Moment, an dem sich jeder von uns fragt: Welchen Sinn kann mein Leben haben? Welche Aufgabe und Richtung sollte ich anpeilen? Dies ist ein sehr wichtiger Moment, und er kann uns vielleicht für einige Zeit Kopfzerbrechen bereiten. Wir beginnen uns zu fragen, welche Arbeit für uns passend sein könnte, welche Form von Beziehungen wir aufbauen sollten, welche Freundschaften gepflegt werden sollten ... An dieser Stelle denke ich noch einmal an meine eigene Jugend zurück. Ich war mir irgendwie schon sehr früh bewusst, dass der Herr mich zu einem Priester werden lassen wollte. Dann später, nach dem Krieg, als ich endlich im Seminar war und mich an der Universität auf dem Weg zu diesem Ziel befand, musste ich mir diese Gewissheit zurückerobern. Ich habe mich gefragt: Ist das wirklich mein Weg? Ist das wirklich der Wille Gottes für mich? Vermag ich ihm wirklich treu zu bleiben und ihm völlig zur Verfügung zu stehen, in seinem Dienst? Eine Entscheidung wie diese fordert auch einen bestimmten Kampf. Es kann nicht anders sein. Aber dann kam die Gewissheit: Das ist das Richtige! Ja, der Herr will mich und er gibt mir Kraft. Wenn ich auf ihn höre und mit ihm vereint bin, vermag ich wirklich, ich selbst zu werden. Was zählt, ist nicht die Erfüllung meiner Wünsche, sondern sein Wille. Auf diese Weise wird das Leben authentisch.

So wie die Wurzeln einen Baum fest im Boden gepflanzt halten, schenken die Fundamente eines Hauses ihm lang anhaltende Stabilität. Durch den Glauben sind wir auf Jesus Christus (vgl. Kol 2, 7) gegründet so wie ein Haus auf sein Fundament. In der Heilsgeschichte gibt es viele Beispiele von Heiligen, die ihr Leben auf das Wort Gottes gegründet haben. Der erste ist Abraham, unser Vater im Glauben, der Gott gehorchte, als er ihn darum gebeten hatte, seine angestammte Heimat zu verlassen und sich auf den Weg in ein unbekanntes Land zu machen. "Abraham hat Gott geglaubt, und es wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet, und er wurde Freund Gottes genannt" (Jak 2,23). Auf Jesus Christus gegründet sein, bedeutet auf den Ruf Gottes konkret zu antworten, sein Vertrauen auf ihn zu setzen und sein Wort in die Praxis umzusetzen. Jesus selbst tadelte seine Jünger: "Warum nennst du mich 'Herr, Herr', und tust nicht, was ich dir sage?" (Lk 6, 46) Und mit Bezug auf das Bild vom Hausbau erklärte er: "Ich will euch zeigen, wem ein Mensch gleicht, der zu mir kommt und meine Worte hört und danach handelt. Er ist wie ein Mann, der ein Haus baute und dabei die Erde tief aushob und das Fundament auf einen Felsen stellte. Als nun ein Hochwasser kam und die Flutwelle gegen das Haus prallte, konnte sie es nicht erschüttern, weil es gut gebaut war" (Lk 6,47-48).

Liebe Freunde, baut Euer eigenes Haus auf Felsen, wie der Mann, der "tief gegraben hat". Versucht jeden Tag, dem Wort Christi zu folgen. Hört auf Ihn als wahren Freund, mit dem Ihr Euren Lebensweg teilen könnt. Mit Ihm an Eurer Seite findet Ihr Mut und Hoffnung, wenn Ihr mit Schwierigkeiten und Problemen konfrontiert werdet. So könnt ihr auch Enttäuschungen und Rückschläge überwinden. Ständig werden Euch leichtere Entscheidungen angeboten werden, aber Ihr selbst werdet schon merken, dass diese letztlich trügerisch sind und keine Gelassenheit und Freude schenken. Nur das Wort Gottes kann uns den wahren Weg zeigen und nur der Glaube, den wir erhalten haben, ist das Licht, das auf unserem Weg leuchtet. Seid dankbar für diese geistlichen Gaben, die Ihr von Euren Familien erhalten habt. Strebt danach, verantwortungsbewusst auf den Ruf Gottes zu antworten und im Glauben zu wachsen. Glaubt nicht denen, die Euch sagen, dass Ihr die anderen nicht braucht, um Eurer Leben zu gestalten! Sucht Euch Unterstützung im Glauben bei denen, die Ihr schätzt, und im Glauben der Kirche. Dankt dem Herrn, dass Ihr ihn geschenkt bekommen habt und er Euch zu eigen geworden ist!

3. Fest im Glauben

Der Brief, aus dem diese Worte entnommen wurden, ist vom hl. Paulus geschrieben worden, um auf ein bestimmtes Anliegen der Christen in der Stadt Kollosso zu reagieren. Diese Gemeinschaft wurde durch den Einfluss von bestimmten kulturellen Trends bedroht, so dass die Gläubigen vom Evangelium abkamen. Unser eigener kultureller Kontext, liebe Jugendliche, ist nicht anders als jener der alten Kolosser.

Tatsächlich ist in dem kulturellen Kontext, in dem wir heute leben, eine extrem säkularistische Denkströmung weit verbreitet, die Gott aus dem Leben der Menschen und der Gesellschaft ausschliessen möchte und so versucht ein "Paradies" ohne ihn zu schaffen. Doch die Erfahrung lehrt uns, dass eine Welt ohne Gott zur "Hölle" wird: Es herrschen Egoismus und Spaltungen in den Familien, Hassgefühle zwischen Menschen und Völkern, Mangel an Liebe, Freude und Hoffnung vor. Im Gegenteil, dort wo Menschen und Völker die Präsenz Gottes annehmen, ihn in der Wahrheit anbeten und seine Stimme hören, dort wird eine Kultur der Liebe konkret aufgebaut, in der die Würde eines jeden respektiert wird und die Gemeinschaft wächst, mit den Früchten, die dies mit sich bringt.

Doch einige Christen lassen sich vom Säkularismus verführen oder werden von religiösen Strömungen angezogen, die sie vom Glauben an Jesus Christus weit entfernen. Es gibt andere, die zwar nicht diesen Verlockungen nachgeben, aber ihr Glaube ist erkaltet, mit unvermeidlichen negativen Auswirkungen auf ihr moralisches Leben.

Der Apostel Paulus erinnert die Glaubensgeschwister, die von Ideen beeinflusst wurden, die dem Evangelium fremd sind, an die Kraft von Christi Tod und Auferstehung. Dieses Geheimnis ist die Grundlage unseres Lebens und das Zentrum des christlichen Glaubens. Alle Philosophien, die es ausser Acht lassen und es als "Torheit" (1 Kor 1,23) betrachten, geraten im Hinblick auf die grossen Fragen, die tief in den Herzen der Menschen verborgen sind, an ihre Grenzen. Als Nachfolger des Apostels Petrus möchte ich Euch deshalb ebenfalls im Glauben stärken (vgl. Lk 22,32). Wir glauben fest daran, dass Jesus Christus sich selbst am Kreuz hingegeben hat, um uns seine Liebe zu erweisen. Mit seinem Leiden trug er unsere Leiden, er nahm unsere Sünden auf sich, um für uns Vergebung zu erwirken und um uns mit Gott, dem Vater, zu versöhnen. So öffnete er für uns den Weg zum ewigen Leben. So wurden wir von allem befreit, was unser Leben am ärgsten belastet: die Sklaverei der Sünde. So können wir jeden Menschen lieben; auch unsere Feinde, und wir können diese Liebe mit den Ärmsten unserer Brüder und Schwestern und allen, die sich in Schwierigkeiten befinden, teilen.

Liebe Freunde, das Kreuz erschreckt uns oftmals, weil es eine Absage an das Leben zu sein scheint. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall! Es ist Gottes Ja zur Menschheit, der höchste Ausdruck seiner Liebe und die Quelle, aus der das ewige Leben fliesst. Tatsächlich ist aus dem Herzen Jesu, das am Kreuz durchbohrt worden ist, dieses göttliche Leben geströmt. Es steht immer all denjenigen zur Verfügung, die ihre Augen auf den Gekreuzigten zu richten wagen. Ich kann Euch nur einladen, das Kreuz Jesu zu umarmen, das Zeichen der Liebe Gottes als Quelle des neuen Lebens. Ohne Jesus Christus, der gestorben und auferstanden ist, gibt es keine Rettung! Er allein kann die Welt vom Bösen befreien und das Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe, das wir alle anstreben, wachsen lassen.

4. Im Glauben an Jesus Christus, ohne ihn gesehen zu haben

Im Evangelium finden wir eine Beschreibung der Glaubenserfahrung des Apostels Thomas, der das Geheimnis vom Kreuz und der Auferstehung Christi angenommen hat. Thomas war einer der zwölf Apostel. Er folgte Jesus und war Augenzeuge seiner Heilungen und Wunder. Er hörte seine Worte und er erlebte mit Bestürzung den Tod Jesu. Als der Herr am Osterabend den Jüngern erschien, war Thomas nicht anwesend. Als er erfuhr, dass Jesus lebendig war und sich gezeigt hatte, erklärt Thomas: "Wenn ich nicht die Male der Nägel in seinen Händen sehe, und wenn ich meine Finger nicht in die Male der Nägel legen kann und meine Hand nicht in seine Seite, glaube ich nicht" (Joh 20,25).

Wir würden auch gerne in der Lage sein, Jesus zu sehen, mit ihm zu sprechen und seine Anwesenheit noch stärker fühlen. Für viele Menschen ist es heute schwierig geworden, einen Zugang zu Jesus zu finden. Es gibt so viele Vorstellungen von Jesus, die im Umlauf sind und einen wissenschaftlichen Anspruch erheben, aber letztlich von der Grösse und der Einzigartigkeit seiner Person ablenken. Deshalb ist in mir nach vielen Jahren des Studiums und der Reflexion, die Entscheidung gereift, etwas von meiner persönlichen Begegnung mit Jesus durch das Schreiben eines Buches zu vermitteln. Es sollte auf diese Art und Weise anderen helfen, den Herrn zu sehen, zu hören und zu berühren, durch den Gott zu uns gekommen ist, um sich zu erkennen zu geben. Jesus selbst war es, der zu Thomas, als er eine Woche später wieder seinen Jüngern erschien, sagte: "Lege deinen Finger hierher und sieh meine Hände. Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite. Zweifle nicht, sondern glaube" (Joh 20,27).

Auch wir können greifbar Kontakt mit Jesus aufnehmen und unsere Hand, sozusagen auf die Spuren seiner Passion legen, auf die Male seiner Liebe. In den Sakramenten nähert er sich auf besondere Weise und gibt sich für uns hin. Liebe Jugendliche, Jesus in der Eucharistie zu "sehen" und zu "treffen", wo er gegenwärtig ist und uns so nahe kommt, dass er sogar Nahrung für unseren Weg wird. Das Sakrament der Busse ist der Ort, wo der Herr uns seine Barmherzigkeit offenbart und uns immer seine Vergebung gewährt. Erkennt und dient Jesus in den Armen, den Kranken, und in unseren Brüdern und Schwestern, die in Schwierigkeiten sind und Hilfe brauchen.

Baut einen persönlichen Dialog im Glauben mit ihm auf; lernt ihn durch die Lektüre des Evangeliums und des Katechismus der Katholischen Kirche kennen; sprecht mit ihm im Gebet; habt Vertrauen zu ihm. Er wird Euch nie enttäuschen. "Der Glaube ist eine persönliche Bindung des Menschen an Gott und zugleich, untrennbar davon, freie Zustimmung zu der ganzen von Gott geoffenbarten Wahrheit" (KKK, Nr. 150).

So könnt Ihr zu einem reifen und festen Glauben, einer Grundlage kommen, die nicht einfach auf religiösen Gefühlen oder auf einer vage Erinnerung an den Katechismus, den sie als Kind gelernt haben, basiert. Ihr werdet fähig, Gott zu erkennen und authentisch in Einheit mit ihm zu leben, wie der Apostel Thomas, der seinen festen Glauben an Jesus mit den Worten bekannte: "Mein Herr und mein Gott!"

5. Getragen vom Glauben der Kirche, um Zeugen zu sein

Jesus sagte zu Thomas: "Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh 20,29). Ich muss an den Weg der Kirche denken, der auf den Glauben der Zeugen gründet: auf den Glauben der Apostel. Unser persönlicher Glaube an Christus, der aus dem Dialog mit ihm entsteht, ist gebunden an den Glauben der Kirche: Wir sind keine einzelnen Gläubigen, sondern sind durch die Taufe Mitglieder dieser grossen Familie, und es ist der Glaube, zu dem sich die Kirche bekennt, der uns Sicherheit im persönlichen Glauben schenkt.

Das Credo, das wir jeden Sonntag in der Messe bekennen, schützt uns vor der Gefahr des Glaubens an einen Gott, der ein anderer ist, als der von Christus geoffenbarte: "Jeder Glaubende ist so ein Glied in der grossen Kette der Glaubenden. Ich kann nicht glauben, wenn ich nicht durch den Glauben anderer getragen bin, und ich trage durch meinen Glauben den Glauben anderer mit." (Katechismus der Katholischen Kirche, 166). Lasst uns immer dem Herrn für das Geschenk der Kirche danken; sie hilft uns sicher im Glauben voranzuschreiten, der uns das wahre Leben schenkt (vgl. Joh 20,31).

In der Geschichte der Kirche haben die Heiligen und Märtyrer immer aus dem glorreichen Kreuz Christi die Kraft geschöpft, um Gott bis zur Selbsthingabe ihres eigenes Lebens treu zu sein. Im Glauben fanden sie die Kraft, ihre Schwächen und alle Widrigkeiten zu überwinden. In der Tat ist es so, wie der Apostel Johannes sagt: "Wer ist es, der die Welt besiegt, wenn nicht derjenige, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?" (1 Joh 5,5)

Der Erfolg, der aus dem Glauben heraus geboren wird, ist die Liebe. Wie viele Christen waren und sind lebendige Zeugen der Kraft des Glaubens, der in der Liebe zum Ausdruck kommt: Sie sind Stifter des Friedens, Förderer der Gerechtigkeit, Inspiration für eine humanere Welt, eine Welt nach dem göttlichen Plan; sie engagieren sich in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens mit Kompetenz und Professionalität und tragen wirkkräftig zum Wohl aller bei.

Die Nächstenliebe, die aus dem Glauben kommt, brachte sie dazu, ein konkretes Zeugnis durch ihre Worte und Taten zu geben. Christus ist nicht ein Schatz für uns allein, er ist der wertvollste Schatz, den wir haben, einer, der mit anderen geteilt werden soll. Seid Zeugen der christlichen Hoffnung auf der ganzen Welt: Es gibt viele, die sich danach sehnen, diese Hoffnung zu empfangen!

Vor dem Grab seines Freundes Lazarus, der vier Tage zuvor gestorben war, sagte Jesus zu dessen Schwester Martha, bevor er den Toten wieder zum Leben erweckte: "Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen" (vgl. Joh 11, 40). Wenn Ihr glaubt, werdet auch Ihr es verstehen, euren Glauben jeden Tag zu leben und zu bezeugen; Ihr werdet zum Werkzeug werden, um die anderen Jugendlichen den Sinn und die Freude des Lebens wieder finden zu lassen, die der Begegnung mit Christus entwachsen.

6. Auf dem Weg zum Weltjugendtag in Madrid

Liebe Freunde, einmal mehr lade ich Euch ein, am Weltjugendtag in Madrid teilzunehmen. Ich erwarte jeden von Euch mit grosser Freude. Jesus Christus möchte, dass Ihr durch die Kirche fest im Glauben gegründet seid. Die Entscheidung, an Jesus Christus zu glauben und ihm zu folgen, ist nicht leicht. Sie wird durch unser persönliches Versagen und durch die vielen Stimmen, die uns verleiten wollen, einfachere Wege zu wählen, behindert. Lasst Euch nicht entmutigen. Vielmehr sucht die Unterstützung der christlichen Gemeinde, die Unterstützung der Kirche! Bereitet Euch in diesem Jahr sorgfältig auf das Treffen in Madrid mit den Bischöfen, Priestern und Jugendleitern in Euren Diözesen, Pfarrgemeinden, Vereinigungen und Bewegungen vor. Die Qualität unserer Begegnung wird vor allem von unserer spirituellen Vorbereitung abhängig sein: Von unserem Gebet, unserem gemeinsamen Hören des Wortes Gottes und unserer gegenseitigen Unterstützung.

Liebe Jugendliche, die Kirche hängt von Euch ab! Sie braucht Euren lebendigen Glauben, Eure Nächstenliebe und Eure kreative Energie und Eure Hoffnung. Eure Präsenz erneuert und verjüngt die Kirche; sie schenkt ihr neue Kraft. Deshalb sind die Weltjugendtage eine Gnade, nicht nur für Euch, sondern für das gesamte Volk Gottes.

Die Kirche in Spanien bereitet sich aktiv darauf vor, Euch zu empfangen und diese froh machende Erfahrung des Glaubens mit Euch zu teilen. Ich danke den Diözesen, Pfarreien, Gebetsstätten, Ordensgemeinschaften, kirchlichen Vereinigungen und Bewegungen und allen, die hart an der Vorbereitung dieses Ereignisses arbeiten. Der Herr wird nicht versäumen, Euch seinen Segen zu schenken.

Möge die Jungfrau Maria Euch auf diesem Weg der Vorbereitung begleiten. In der Botschaft des Engels empfing sie das Wort Gottes mit Glauben. Es war im Glauben, dass sie all dem, was Gott in ihr vollbringen wollte, zugestimmt hat. Durch die Verkündigung ihres "fiat", ihres "Ja", empfing sie das Geschenk der Liebe, das Geschenk einer immensen Liebe, die sie dazu brachte, sich ganz Gott hinzugeben. Möge sie für jeden von Euch Fürsprache einlegen, so dass Ihr beim kommenden Weltjugendtag im Glauben und in der Liebe wachsen möget.

Ich versichere Euch meines väterlichen Gedenkens in meinen Gebeten und erteile Euch von Herzen meinen Segen.

Aus dem Vatikan, 6. August 2010, dem Fest der Verklärung des Herrn

BENEDICTUS PP XVI

 

[ZENIT-Übersetzung des Italienischen Originals durch Angela Reddemann © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana]