Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Weltmissionssonntag 2007

Betet für die Ausbreitung des Evangeliums

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ROM, 31. Mai 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der gestern vorgestellten Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum diesjährigen Weltmissionssonntag am 21. Oktober 2007.



Das Dokument steht im Zeichen des Leitworts: „Alle Kirche für die ganze Welt“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Anläßlich des nächsten Weltmissionssonntags möchte ich das ganze Volk Gottes – die Hirten, Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen und Laien – einladen, gemeinsam über die Dringlichkeit und die Bedeutung nachzudenken, die auch in unserer Zeit die Missionstätigkeit der Kirche besitzt. Noch immer erklingen als universaler Ruf und eindringlicher Appell jene Worte, mit denen der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus, bevor er in den Himmel auffuhr, den Aposteln den missionarischen Auftrag anvertraut hat: »Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe«. Und er fügte hinzu: »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,19–20). Bei der Evangelisierungsarbeit, die großen Einsatz erfordert, werden wir von der Gewißheit gestützt und begleitet, daß er, der Herr der Ernte, bei uns ist und ohne Unterlaß sein Volk leitet. Christus ist der unerschöpfliche Quell der Mission der Kirche. In diesem Jahr gibt es darüber hinaus noch einen weiteren Anlaß für einen erneuerten missionarischen Einsatz: Wir begehen nämlich den 50. Jahrestag der Enzyklika Fidei donum des Dieners Gottes Pius XII., durch die die Zusammenarbeit der Kirchen für die Mission »ad gentes« gefördert und ermutigt wurde.

»Alle Kirchen für die ganze Welt«: so lautet das Thema, das für den nächsten Weltmissionssonntag gewählt worden ist. Es lädt die Ortskirchen aller Kontinente ein, sich gemeinsam der dringenden Notwendigkeit bewußt zu werden, der Missionstätigkeit angesichts der vielen und schwerwiegenden Herausforderungen unserer Zeit neuen Auftrieb zu geben. Die Lebensbedingungen der Menschheit haben sich natürlich geändert, und in diesen Jahrzehnten wurden große Anstrengungen unternommen zur Verbreitung des Evangeliums, besonders seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Es bleibt jedoch noch viel zu tun, um dem Missionsauftrag nachzukommen, den der Herr unermüdlich an jeden Getauften richtet. Er ruft weiterhin an erster Stelle die sogenannten Kirchen mit alter Tradition auf, die in der Vergangenheit außer materiellen Gütern auch eine ansehnliche Zahl an Priestern, Ordensmännern, Ordensfrauen und Laien zur Verfügung gestellt und auf diese Weise eine wirksame Zusammenarbeit zwischen den christlichen Gemeinden geschaffen haben. Aus dieser Zusammenarbeit sind reiche apostolische Früchte hervorgegangen, sowohl für die jungen Kirchen in den Missionsgebieten als auch für die kirchlichen Realitäten, aus denen die Missionare stammten. Angesichts des Vordringens der säkularisierten Kultur, die zuweilen immer stärker in die westlichen Gesellschaften einzudringen scheint, sowie auch im Hinblick auf die Krise der Familie, den Rückgang der Berufungen und die fortschreitende Überalterung des Klerus laufen diese Kirchen Gefahr, sich in sich selbst zu verschließen, mit weniger Hoffnung in die Zukunft zu blicken und in ihrem missionarischen Einsatz nachzulassen. Aber gerade dies ist der Augenblick, in dem man sich vertrauensvoll der Vorsehung Gottes öffnen muß, der sein Volk niemals verläßt und der es durch die Kraft des Heiligen Geistes zur Erfüllung seines ewigen Heilsplanes führt.

Der Gute Hirt fordert auch die Kirchen, die erst in jüngerer Zeit das Evangelium empfangen haben, dazu auf, sich großherzig der »missio ad gentes« zu widmen. Auch wenn sie in ihrer Entwicklung nicht wenigen Schwierigkeiten und Hindernissen begegnen, so sind diese Gemeinden doch ständig im Anwachsen begriffen. In einigen gibt es glücklicherweise sehr viele Priester und geweihte Personen, von denen nicht wenige trotz des Bedarfs »in loco« dennoch entsandt werden, um ihren pastoralen und apostolischen Dienst anderswo auszuüben, dies auch in den Ländern, die schon seit langer Zeit evangelisiert sind. Auf diese Weise erleben wir einen von der Vorsehung bestimmten »Austausch der Gaben«, der dem ganzen mystischen Leib Christi zugute kommt. Ich wünsche von Herzen, daß die missionarische Zusammenarbeit vertieft und die Möglichkeiten und Charismen eines jeden genutzt werden. Außerdem ist es mein Wunsch, daß der Weltmissionssonntag dazu beitrage, allen christlichen Gemeinschaften und jedem Getauften immer stärker zu Bewußtsein zu bringen, daß der Aufruf Christi, sein Reich bis zum äußersten Ende der Erde zu verkünden, universal ist. »Die Kirche ist ihrer Natur nach missionarisch, da der Auftrag Christi nicht bedingt und äußerlich ist, sondern das Herz der Kirche betrifft. Daraus folgt, daß die gesamte und jede einzelne Kirche zu den Völkern gesandt ist«, schreibt Johannes Paul II. in der Enzyklika Redemptoris missio. Die jungen Kirchen sollen »selber möglichst bald tatsächlich an der universalen Mission der Kirche teilnehmen und Missionare aussenden, die in aller Welt das Evangelium verkünden, selbst wenn sie in ihrem eigenen Bereich noch unter Priestermangel leiden« (Nr. 62).

50 Jahre nach dem historischen Aufruf meines Vorgängers Pius XII. in der Enzyklika Fidei donum zu einer Zusammenarbeit der Kirchen im Dienst an der Mission möchte ich noch einmal bekräftigen, daß die Verkündigung des Evangeliums auch weiterhin Aktualität und Dringlichkeit besitzt. In der bereits zitierten Enzyklika Redemptoris missio erklärte Papst Johannes Paul II. seinerseits: »Die Sendung der Kirche ist umfassender als die ›communio zwischen den Kirchen‹; sie muß sich … auch und vor allem von ihrem ausgesprochenen Missionscharakter bestimmen lassen « (Nr. 64). Der missionarische Einsatz bleibt daher, wie bereits mehrmals betont, der vorrangige Dienst, den die Kirche der heutigen Menschheit schuldet, um den kulturellen, sozialen und ethischen Veränderungen Orientierung zu geben und sie zu evangelisieren; um den Menschen unserer Zeit, die in vielen Teilen der Welt durch weit verbreitete Armut, durch Gewalt und durch die systematische Verweigerung der Menschenrechte gedemütigt und unterdrückt sind, das Heil Christi anzubieten.

Dieser universalen Sendung kann sich die Kirche nicht entziehen; sie hat für sie verpflichtende Kraft. Da Christus den Missionsauftrag in erster Linie Petrus und den Aposteln anvertraut hat, kommt er heute vor allem dem Nachfolger Petri zu, den die göttliche Vorsehung als sichtbares Fundament für die Einheit der Kirche erwählt hat, sowie den Bischöfen, die sowohl als Mitglieder des Bischofskollegiums als auch als Hirten der Teilkirchen (vgl. Redemptoris missio, 63) unmittelbar für die Evangelisierung verantwortlich sind. Ich wende mich daher an die Hirten aller Kirchen, die der Herr zur Führung seiner einen Herde bestellt hat, daß sie die Sorge um die Verkündigung und die Verbreitung des Evangeliums miteinander teilen. Eben diese Sorge war es, die vor 50 Jahren den Diener Gottes Pius XII. dazu drängte, die missionarische Zusammenarbeit den Anforderungen der Zeit besser anzupassen. Vor allem im Hinblick auf die Evangelisierungsperspektiven bat er die Gemeinden, die schon sehr früh das Evangelium empfangen hatten, Priester zur Unterstützung der neu gegründeten Kirchen auszusenden. So rief er ein neues »Missionssubjekt« ins Leben, das nach den ersten Worten der Enzyklika den Namen »Fidei donum« erhielt. Er schrieb in diesem Zusammenhang: »In Anbetracht der unzähligen Schar unserer Kinder, die – vor allem in den Ländern alter christlicher Tradition – am Gut des Glaubens teilhaben, und der noch größeren Menge derjenigen, die immer noch in Erwartung der Heilsbotschaft sind, verspüren wir den brennenden Wunsch, euch, verehrte Brüder, zu ermutigen, mit Eifer das heilige Anliegen der Ausbreitung der Kirche in der Welt zu unterstützen.« Und er fügte hinzu: »Möge Gott es gewähren, daß infolge unseres Appells der missionarische Geist tiefer in die Herzen aller Priester eindringe und durch ihren Dienst alle Gläubigen entflamme« (AAS XLIX 1957, 226).

Wir danken dem Herrn für die überreichen Früchte, die aus dieser missionarischen Zusammenarbeit in Afrika und in anderen Gebieten der Welt hervorgegangen sind. Zahllose Priester haben ihre Heimatgemeinden verlassen und ihre apostolische Kraft in den Dienst von Gemeinden gestellt, die manchmal gerade erst entstanden waren, in armen Gegenden und in Entwicklungsgebieten. Unter ihnen sind nicht wenige Märtyrer, die mit dem Zeugnis des Wortes und mit dem apostolischen Einsatz ihr Leben geopfert haben. Und wir dürfen auch nicht die vielen Ordensmänner, Ordensfrauen und Laienmitarbeiter vergessen, die sich zusammen mit den Priestern dafür aufgeopfert haben, das Evangelium bis an alle Enden der Erde zu verbreiten. Der Weltmissionssonntag möge Gelegenheit bieten, im Gebet an diese Brüder und Schwestern im Glauben zu denken, ebenso wie an jene, die sich weiterhin auf dem weiten Feld der Mission aufopfern. Bitten wir Gott, daß ihr Vorbild überall neue Berufungen sowie ein erneuertes missionarisches Bewußtsein im christlichen Volk hervorrufe. In der Tat entsteht jede christliche Gemeinde als missionarische Gemeinde, und die Liebe der Gläubigen zu ihrem Herrn wird auf der Grundlage ihres Mutes zur Evangelisierung bemessen. So könnten wir sagen, daß es sich für die einzelnen Gläubigen nicht mehr einfach darum handelt, an der Evangelisierungstätigkeit mitzuwirken, sondern daß sie sich selbst als Protagonisten und Mitverantwortliche der Mission der Kirche fühlen sollen. Diese Mitverantwortlichkeit bringt es mit sich, daß die Gemeinschaft unter den Gemeinden und die gegenseitige Hilfe zunehmen, sei es in bezug auf das Personal – Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen und freiwillige Laien –, sei es zur Nutzung der heute notwendigen Mittel zur Evangelisierung.

Liebe Brüder und Schwestern, der Missionsauftrag, den Christus den Aposteln anvertraut hat, betrifft uns wirklich alle. Der Weltmissionssonntag soll daher eine günstige Gelegenheit sein, uns diese Tatsache stärker ins Bewußtsein zu rufen und gemeinsam geeignete Wege der Spiritualität und Ausbildung zu erarbeiten, die die Zusammenarbeit unter den Kirchen und die Vorbereitung neuer Missionare für die Verbreitung des Evangeliums in unserer Zeit fördern. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, daß das Gebet der erste und wichtigste Beitrag ist, den wir für die Missionstätigkeit der Kirche zu leisten aufgerufen sind. Der Herr sagt: »Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden« (Lk 10,2). Bereits vor 50 Jahren schrieb Papst Pius XII. seligen Angedenkens: »Vor allem also betet, verehrte Brüder, betet mehr. Denkt an die großen geistlichen Nöte vieler Völker, die noch so weit entfernt sind vom wahren Glauben oder die jeglicher Hilfe entbehren, um im Glauben zu verharren « (AAS, a.a.O., S. 240). Er rief dazu auf, mehr Messen für die Missionen zu feiern, und sagte, daß »das dem Wunsch des Herrn entspricht, der seine Kirche liebt und sie überall auf der Welt verbreitet und blühend sehen will« (ebd., S. 239).

Liebe Brüder und Schwestern, auch ich erneuere diese Einladung, die aktueller ist denn je. In jeder Gemeinde möge der gemeinsame Ruf an »Unseren Vater im Himmel« ergehen, auf daß sein Reich auf die Erde komme. Ich appelliere besonders an die Kinder und an die Jugendlichen, die stets zu großherzigem missionarischem Elan bereit sind. Ich wende mich an die Kranken und die Leidenden und rufe den Wert ihrer geheimnisvollen und unverzichtbaren Mitarbeit am Heilswerk in Erinnerung. Ich bitte die geweihten Personen und besonders diejenigen in den Klausurklöstern, ihr Gebet für die Missionen zu verstärken. Durch den Einsatz eines jeden Gläubigen möge sich das geistliche Netz des Gebetes zur Unterstützung der Evangelisierung in der ganzen Kirche ausbreiten. Die Jungfrau Maria, die mit mütterlicher Fürsorge den Weg der Kirche in ihren Anfängen begleitet hat, möge unsere Schritte auch in diesem unserem Zeitalter leiten und für uns ein neues Pfingsten der Liebe erwirken. Sie möge uns vor allem bewußt machen, daß wir alle Missionare sind, also vom Herrn gesandt, um seine Zeugen zu sein in jedem Augenblick unseres Lebens. Die »Fidei donum«-Priester, die Ordensmänner, Ordensfrauen und Laienmitarbeiter, die an den Vorposten der Evangelisierung tätig sind, sowie diejenigen, die sich auf verschiedene Weisen der Verkündigung des Evangeliums widmen, versichere ich eines täglichen Gedenkens im Gebet, und ich erteile allen von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am Hochfest Pfingsten, 27. Mai 2007


BENEDICTUS PP. XVI

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