Botschaft zum Welttag des Tourismus 2009

Der Tourismus, Feier der Verschiedenheit

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ROM, 6. Juli 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Botschaft des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs zum diesjährigen Welttag des Tourismus.

Der Welttourismustag wird am 27. September begangen und steht diesmal ganz im Zeichen des Respekts vor der Verschiedenheit. Sein Motto „Der Tourismus, Feier der Verschiedenheit"

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Das von der zuständigen Welt-Organisation vorgeschlagene Thema des Welttags des Tourismus 2009: „Der Tourismus, Feier der Verschiedenheit“ öffnet uns Wege der Begegnung mit dem Menschen in seiner Verschiedenheit, in seinem anthropologischen Reichtum.

Die Verschiedenheit ist eine Tatsache, eine Realität, aber sie ist auch, wie uns Papst Benedikt XVI. erinnert, eine positive Gegebenheit, ein Gut und nicht eine Bedrohung oder eine Gefahr, ja er geht sogar so weit, dass er dem Willen Ausdruck gibt: „dass die Menschen nicht nur die Existenz der Kultur des anderen akzeptieren, sondern auch eine Bereicherung zu erhalten wünschen“. (1)

Die Erfahrung der Verschiedenheit ist typisch für die menschliche Existenz, auch weil die Entwicklung jedes einzelnen in unterschiedlichen Etappen erfolgt, wodurch das persönliche Reifen und Wachsen gefördert wird. Es handelt sich um eine progressive Entdeckung, wer und was uns umgibt und uns von der Andersartigkeit des anderen unterscheidet.

In der positiven Bewertung der Verschiedenheit stellt sich ein Paradox heraus: Wenn wir einerseits in dieser Zeit der Globalisierung eine immer größere Annäherung der Kulturen und der Religionen und in den Herzen aller Kulturen das Aufbrechen eines wahren Wunsches nach Frieden feststellen können, so kommt es andererseits zu einem Unverständnis, es gibt Vorurteile und tief verwurzelte Missverständnisse, durch die Schranken aufgestellt und Spaltungen genährt werden. Es ist die Angst in uns vor dem Andersartigen, dem Unbekannten.

Wir müssen uns also bemühen, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Voreingenommenheit in ein gegenseitiges Verstehen und Annehmen umzuwandeln, und dabei auf dem Weg der Achtung, des guten Benehmens und des offenen, konstruktiven und bindenden Dialogs vorangehen.

In diesem Bestreben hat die Kirche eine wichtige Rolle, ausgehend von der festen Überzeugung Papst Pauls VI., der in seiner Enzyklika „Ecclesiam suam“ sagt, dass die Kirche in einen Dialog mit der Welt treten muss, in der sie lebt. „Die Kirche wird Wort, die Kirche wird Botschaft, die Kirche wird Gespräch.“ (2) Ein Dialog ist konstruktiv und ehrlich, wenn er es, um echt zu sein, „vermeidet, dem Relativismus und dem Synkretismus nachzugeben, und beseelt ist von einem ehrlichen Respekt vor dem andern und einem großherzigen Geist der Versöhnung und der Brüderlichkeit“. (3)

In dieser Perspektive ist der Tourismus auch eine Gelegenheit des Dialogs und des Zuhörens, stellt er doch den Kontakt mit anderen Lebensmodellen, anderen Religionen und Ansichten der Welt und ihrer Geschichte her (4) und lädt dazu ein, sich nicht in der eigenen Kultur zu verschließen, sondern sich zu öffnen, sich mit anderen Denk- und Lebensformen auseinanderzusetzen. (5) So darf es nicht verwundern, wenn Extremistengruppen und terroristische Vereinigungen fundamentalistischer Natur den Tourismus als eine Gefahr und einen Tatbestand anzeigen, der zerstört werden muss. Das gegenseitige Kennenlernen wird helfen – so hoffen wir brennend –, eine gerechtere, solidarischere und brüderlichere Gesellschaft zu schaffen.

Die ursprüngliche Erfahrung des Menschen mit der Andersartigkeit wird heute auch in der virtuellen Welt gelebt, einer kosmische Riesenstadt, die ständig jedem angeboten wird. Dank dieser ersten Form des virtuellen, filmischen „Tourismus“ wird die Verschiedenheit aus der Nähe betrachtet und erleichtert so das Näherkommen des fernen Andersartigen. Dies ist der erste Tourismus, der die Verschiedenheit heiligt.

Aber es ist vor allem der als physische Fortbewegung verstandene Tourismus, durch den die natürliche, ökologische, soziale, kulturelle, wirtschaftliche und religiöse Verschiedenheit herausgestellt wird. Er lässt uns aber auch die gemeinsam geleistete Arbeit entdecken, die Zusammenarbeit unter den Völkern, die Einheit der Menschen in ihrer herrlichen und bewegenden Verschiedenheit ihrer Realisierungen.

In der Entdeckung der Verschiedenheit stellen sich jedoch auch Paradoxe und Grenzen ein: Wenn sich der Tourismus ohne eine Ethik der Verantwortlichkeit entwickelt, tritt gleichlaufend die Gefahr in Form der Einförmigkeit und die Schönheit als „fascinatio nugacitatis“ (vgl. Weish 4,12) auf. So geschieht es, zum Beispiel, dass die Einheimischen für die Touristen ihre Tradition darstellen und auf diese Weise die Verschiedenheit als kommerzielles Produkt nur zu Erwerbszwecken anbieten.

Das alles verlangt ein großes Bemühen seitens der Besucher wie auch der aufnehmenden Einheimischen, eine Haltung der Öffnung, der Achtung, der Nähe, des Vertrauens zu entwickeln, so dass im Wunsch, dem Anderen in der Achtung seiner persönlichen, kulturellen und religiösen Verschiedenheit zu begegnen, die Öffnung zum Dialog und zum Verständnis erwächst. (6)

Die Verschiedenheit gründet im Geheimnis Gottes. Das schöpferische Wort steht am Ursprung des Reichtums der Arten von Lebewesen, wobei derjenige/diejenige, die er als sein „Ebenbild und Gleichnis” schuf, in besonderer Weise hervorgehoben ist. Dieses biblische poetische Wort ist das der Verschiedenheit, Begründerin der Identität jedes Geschöpfes, denn er, der Schöpfer, ist es, der als erster die Schönheit/Güte all dessen bewunderte, was er gemacht hat (vgl. Gen 1). Gott ist auch die wunderbare Kraft, Anfang der Einheit aller Verschiedenheiten, die darin ausgedrückt werden, dass „jedem aber die Offenbarung des Geistes geschenkt wird, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,7). Beim Betrachten der Verschiedenheit entdeckt der Mensch die Zeichen des Göttlichen in den Spuren des Menschlichen. Für den Gläubigen öffnet die Gesamtheit der Verschiedenheit Wege, um sich der unendlichen Größe Gottes zu nähern. Für uns kann der Tourismus als mögliches Phänomen der Heiligung der Verschiedenheit christlich sein, ein offener Weg zum kontemplativen Bekenntnis.

Gott vertraut also der Kirche die Aufgabe an, in Jesus Christus durch den Geist eine neue Schöpfung zu schaffen, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat. Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen und in Christus den ganzen Schatz der menschlichen Verschiedenheit zusammenzufassen (vgl. Eph 1,9-10), den die Sünde in Trennung und Konflikte verwandelt hat (7), damit sie im Pfingstgeist zur Gründung einer neuen Gesellschaft beiträgt, in der die verschiedenen Sprachen und Kulturen nicht mehr wie nach Babel unüberwindbare Grenzen darstellen, sondern wo gerade diese Verschiedenheit es möglich macht, eine neue Art der Verständigung und der Gemeinschaft zu verwirklichen. (8)

Dies sind Gedanken, welche jene ermutigen können, die in dieser spezifischen Seelsorge des Tourismus arbeiten und sich besonders für diejenigen einsetzen, die durch dieses Phänomen in irgendeiner Weise leiden. Es handelt sich ja um ein Zeichen unserer Zeit, die von positiven Aspekten geprägt ist, die wir bereits bei der kürzlich begangenen Feier des 40. Jahrestags der Veröffentlichung des Direktoriums „Peregrinans in terra“ hervorgehoben haben.

Möge der Atem Gottes jede Fremdenfeindlichkeit, jede Diskriminierung, jeden Rassismus besiegen und die zusammenführen, die fern von einander sind, in der Betrachtung der Einheit/Verschiedenheit einer von Gott gesegneten menschlichen Familie. Es ist der Geist, der in Einheit und Frieden, in Harmonie und in gegenseitigem Anerkennen vereint. In Ihm ist Ordnung und Güte in den sieben Schöpfungstagen. Trete er ein in diese geplagte Menschheitsgeschichte, auch dank des Tourismus.

Aus dem Vatikan, 24. Juni 2009.

X Antonio Maria Vegliò
Präsident

X Agostino Marchetto
Erzbischof Sekretär

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(1) Benedikt XVI., Botschaft anlässlich des Studientags zum Thema „Kultur und Religion im Dialog”, organisiert vom Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog und vom Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur, 3. Dezember 2008. Auf derselben Linie drückte sich Papst Johannes Paul II. aus: „Sich der Realität der Verschiedenheit zu entfremden - oder, was schlimmer ist -, zu versuchen, diese Verschiedenheit auszulöschen, bedeutet, sich die Möglichkeit zu verschließen, das Geheimnis des Menschenlebens in seiner Tiefe zu ergründen. Die Wahrheit über den Menschen ist das unabänderliche Kriterium, nach dem alle Kulturen beurteilt werden; jede Kultur aber hat etwas über die eine oder andere Dimension dieser komplexen Wirklichkeit zu lehren Daher kann die von manchen so bedrohlich empfundene Verschiedenheit mit Hilfe eines achtungsvollen Dialogs zur Quelle werden, das Geheimnisses der menschlichen Daseins tiefer zu verstehen“ (Ansprache an die Generalversammlung der UNO zum 50. Jahresstag ihrer Gründung, 5. Oktober l995, Nr. 10).
(2) Paul VI., Enzyklika Ecclesiam suam, 6. August 1964, Nr.67 AAS LVI (1964) S.639.
(3) Benedikt XVI., Botschaft anlässlich des Studientags zum Thema „Kultur und Religion im Dialog”, 1c.
(4) Vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für Die Migranten und Menschen Unterwegs, Instruktion Erga migrantes caritas Christi (Die Liebe Christi zu den Migranten), 3. Mai 2004, Nr. 30 AAS XCVI (2004) S. 778.
(5) “As children of their own culture, travellers, tourists, take off for the encounter/clash with children of another culture. If they start a dialogue with it, they agree to let themselves be questioned by the element that can enrich their intellectual, spiritual and cultural patrimony. This may lead them to put up for question some behaviors, a priori, considerations and even beliefs that influence their everyday lives”. (Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Schlussdokument des IV. Europäischen Treffens über Tourismus-Seelsorge, 29.-30. April 2009, Nr. 34).
(6) Vgl. Benedikt XVI., Botschaft zum Welttag des Tourismus, 16. Juli 2005.
(7) Vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für Die Migranten und Menschen Unterwegs Instruktion Erga migrantes caritas Christi ( Die Liebe Christi zu den Migranten),1.c., Nr 102.
(8) Ebd. Nr. 89.