Boyhood

Film des amerikanischen Regisseurs Richard Linklater über die Kindheit eines Jungen, gedreht in der Art einer Langzeitdokumentation und ausgezeichnet mit den Silbernen Bären für die Beste Regie bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen, ist ein Juwel

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 342 klicks

Im Jahre 2002 begann der 1960 geborene Regisseur Richard Linklater mit den Dreharbeiten für einen Film über die Kindheit eines Jungen. In der Art einer Langzeitdokumentation, jedoch nach einem fiktionalen, selbst verfassten Drehbuch, sollten sich die Darsteller und die Filmemacher für jeweils drei oder vier Drehtage etwa einmal im Jahr treffen. Linklater begleitete Mason (Ellar Coltrane) und seine „Patchworkfamilie“ von 2002 bis 2013. Nach 39 Drehtagen in elf Jahren entstand der nun im Kino startende „Boyhood“, der von Masons Einschulung bis zum Ende der High School und seinem Einzug ins College mit 18 Jahren erzählt.

Beim diesjährigen Berlinale-Wettbewerb wurde „Boyhood“ zum einhelligen Favoriten sowohl der Kritiker als auch des Publikums. Die Internationale Jury verlieh den Goldenen Bären jedoch einem anderen Spielfilm. Richard Linklater erhielt „nur“ den Silbernen Bären für die Beste Regie. Außerdem wurde „Boyhood“ mit dem „Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost“ sowie mit dem von der Jury der „AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater“ verliehenen Preis für den besten Film des Wettbewerbs ausgezeichnet.

Am Anfang von „Boyhood“ lebt der sechsjährige Mason mit seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) und seiner um zwei Jahre älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs) zusammen. Der von der Familie getrennt lebende Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) führt ein verspätetes Hippie-Leben in Alaska. Die Handlung beginnt mit einer einschneidenden Veränderung im Leben Masons und seiner Schwester: Die Mutter hat sich entschieden, mit ihren Kindern nach Houston zu ziehen. Genau zu diesem Zeitpunkt kehrt allerdings ihr lange abwesender Vater in ihr Leben zurück.

In den kommenden zwölf Jahren wird Mason in wechselnden Familienkonstellationen leben, nachdem seine Mutter einen alleinerziehenden Vater mit zwei Kindern im Alter von Mason und Samantha heiratet. Jahrelang leben die vier Kinder wie Geschwister zusammen. Als sich Mutter Olivia auch von ihrem, dem Alkohol zusprechenden zweiten Mann trennt, müssen sich Samantha und Mason von ihren „Geschwistern“ auf Nimmerwiedersehen verabschieden – einer der emotionalsten Augenblicke in „Boyhood“. Auch wenn einige Zeit später Masons Vater eine neue Frau findet und er weiterhin ein „Wochenendvater“ bleibt, ist er für Mason eine wichtige Bezugsperson. Die Höhen und Tiefen einer Kindheit in einer Patchworkfamilie zeugen von der Sehnsucht nach der intakten Familie. Im letzten Dialog Masons mit seinem Vater erwidert denn auch der nunmehr 18-Jährige auf die Aussage seines Vaters „Eure Mutter hätte mit mir nachgiebiger, geduldiger sein sollen“: „Das hätte mir die betrunkenen A... gespart.“

Beständig in Masons Leben bleibt über die unbeständigen Familienkonstellationen hinweg die Fürsorge seiner Mutter, die sich immer wieder im Alltag bewährt, sowie die Liebe des Vaters, wenn auch aus einer gewissen Entfernung. Richard Linklater verzichtet dabei auf „tiefgründige“ Dialoge. Aufschlussreich nimmt sich dabei etwa das Vater-Sohn-Gespräch aus, in dem Mason Sr. den Jungen darüber aufklärt, dass es so etwas Magisches wie Elfen gar nicht gibt. Dafür weist er seinen Sohn auf das Wunder der Wale hin: Die im Meer lebenden großen Säugetiere seien eigentlich genauso außergewöhnlich, ja magisch wie Fantasiegeschöpfe. Ähnlich Mason entdeckt der Zuschauer in „Boyhood“ das Außergewöhnliche im Alltag neu. In Linklaters Film ist alles einfach, alltäglich, gewöhnlich im besten Sinn. Linklater gelingt es jedoch, aus diesen alltäglichen Szenen und Dialogen etwas Wesentliches herauszudestillieren.

Um den Fortgang der Zeit zu verdeutlichen, lässt der Regisseur immer wieder – manchmal etwas plakativ – Orientierungshilfe in seinen Film einfließen: Vom Irakkrieg über das Erscheinen von „Harry Potter und der Halbblutprinz“ und der „Twillight“-Bücher bis zum Obama-Wahlkampf und der Erfindung des iPhones. „Boyhood“ ist auch ein Film über die Zeit, über das Verrinnen der Zeit und darüber, wie ein Spielfilm diese Zeit und das Hingleiten der Zeit einfängt, ja „versiegelt“ – um den bekannten Ausdruck von Andrej Tarkowskij zu gebrauchen. Im Gegensatz zu Filmen, die einen solchen Zeitbogen mit Hilfe mehrerer Darsteller spannen, sind es in „Bodyhood“ dieselben Schauspieler Ellar Coltrane und Lorelei Linklater, die sich parallel zu ihren Figuren Mason und Samantha entwickeln. Wenn auch hier ebenfalls Brüche festzustellen sind, weil die einzelnen Episoden von „Bodyhood“ im Abstand von einem Jahr gedreht wurden, und sich 13- oder 15-Jährige in einem Jahr überaus verändern, so haftet dem Film eine Authentizität an, die sich mit wechselnden Besetzungen kaum hätte herstellen lassen. Dies gilt ebenso für die Erwachsenen: Auch Patricia Arquette und Ethan Hawke haben sich im Laufe dieser Jahre äußerlich verändert, was ihren Figuren zugutekommt. Zwar erzählt Linklater nach einem Drehbuch die Geschichte einer frei erfundenen Familie. „Boyhood“ versprüht jedoch eine selten im Kino gesehene Wahrhaftigkeit.

Obwohl in „Boyhood“ nichts Spektakuläres geschieht, oder vielleicht gerade deshalb, verfolgt der Zuschauer während der zweidreiviertel Stunden gebannt die Entwicklung eines Mittelschichtsjungen aus den ländlichen Vereinigten Staaten (der Film spielt in Texas), der langsam erwachsen wird. In „Boyhood“ wandelt Richard Linklater Jean Cocteaus geläufige Definition des Kinos – „dem Tod bei der Arbeit zusehen“ – ab: Sein Film schaut dem Leben bei der Arbeit zu. Ein Filmjuwel!

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Filmische Qualität: Funf Sterne
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater
Land, Jahr: USA 2014
Laufzeit: 163 Minuten
Genre: Familienfilme
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --

im Kino: 6/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.