Brandmüller: "Das II. Vatikanische Konzil ist noch weit davon entfernt, im Leben der Kirche verwirklicht zu werden"

Gespräch mit dem langjährigen Präsidenten des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften anlässlich der Erscheinung seines neuen Buches

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 585 klicks

Eine Reise durch die Jahrhunderte für ein Verständnis der Welt und der Kirche von heute. So könnte eine kurze Zusammenfassung des neuen, von LEV herausgegebenen Bandes lauten, in dem die in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlichten Schriften des Kardinals Walter Brandmüller gesammelt sind. In dem mit „Eventi eloquenti. L’agire della Chiesa nella storia“ (Sprechende Ereignisse. Das Wirken der Kirche in der Geschichte) betitelten Werk thematisiert der Kardinal und langjährige Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften Pontifikate, Konzile, Exkommunikationen und Konklaven. Auf diese Weise entsteht ein Bild von der Kirche und ihrer Mission sowie von der „konkreten Realität“ jenseits der weit verbreiteten Vorstellung davon. Anlässlich der Publikation des Werkes führte ZENIT ein Gespräch mit Brandmüller.

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Eminenz, erzählen Sie uns von den in Ihrem Buch erwähnten „sprechenden Ereignissen“. Worum handelt es sich dabei?

Kard. Brandmüller: Dazu zählen sehr viele; beispielsweise die Beziehung zwischen Kirche und Kunst, die Anwesenheit von Jan Hus beim Konzil von Konstanz, Martin Luthers Besuch in Rom im Jahr 1510 beim Konzil in Trient, die Beziehung zwischen Galileo Galilei und der Kirche; ebenso aber auch die Rolle der katholischen Kirche im kommunistischen Deutschland und jene der deutschen Päpste, um nur einige zu nennen.

Welchen Zweck erfüllt dieser Querschnitt durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte heute?

Kard. Brandmüller: Meines Erachtens dürfte dieses Buch heutzutage von keinem großen Erfolg gekrönt sein. Das Hauptinteresse der Mehrzahl der Menschen – und dabei stellen auch die leitenden Gremien der Kirche keine Ausnahme dar – gilt heute der Gegenwart, bzw. der Zukunft. Dabei wird die Notwendigkeit eines Studiums der Kirchengeschichte anerkannt, doch über die Dringlichkeit einer Beschäftigung mit dieser Disziplin herrscht kein breiter Konsens. Viele vergleichen sie dagegen mit einem „Antiquitätenhändler“, der zwar interessante Dinge zu bieten hat, von erbaulichen und zuweilen merkwürdigen und vergnüglichen Begebenheiten berichtet, aber alles in allem wenig hilfreich ist, um die Probleme von heute zu lösen. Hört man das nicht vielerorts? Dieser Gedanke ist symptomatisch für weit verbreitete philosophische Irrlehren wie den Utilitarismus und den Pragmatismus. Dabei handelt es sich um wahrhaft zerstörerische geistige Strömungen, vor allem wenn sie in das theologische Denken und in die pastorale Praxis Eingang finden.

In der Einleitung Ihres Buches ist zu lesen: „Die Kenntnis der konkreten Vergangenheit der Kirche befähigt zur Wahrnehmung ihrer vitalen Realität …“. Lassen sich gewisse Problematiken, Herausforderungen oder – wenn man sie so nennen möchte – Mängel der Kirche von heute im Lichte der Vergangenheit lösen?

Kard. Brandmüller: Ja, in der Tat. Im Laufe der Geschichte verwirklicht die Kirche ihr Wesen. Letztendlich erschließt sich uns das Wesen einer Entität nur aus ihrem Wirken heraus. Daher lässt sich das Wesen der Kirche nicht ohne die Betrachtung ihrer Verwirklichung im Verlauf der Geschichte begreifen.

Haben Sie im Zuge Ihrer Studien einen sich durch alle diese Jahrhunderte ziehenden roten Faden erkennen können?

Kard. Brandmüller: Es zeigt sich immer der gleiche rote Faden: die unverfälschte Mission der Kirche, d.h. die authentische Verbreitung der Wahrheit des Evangeliums und der Gnade Christi unter den Menschen aller Jahrhunderte mittels der Sakramente. Die Art und Weise der kirchlichen Erfüllung dieser Mission zeigt sich, wenn die Ergebnisse der Geschichtsforschung ernsthaft zur Kenntnis genommen werden.

Vertritt die Geschichtsforschung den Standpunkt, dass die Kirche ihre Mission stets zur Gänze erfüllt habe?

Kard. Brandmüller: Ja, mehr oder weniger! (lacht). Diese Entwicklung verläuft nicht homogen. Es gab Zeiten wesentlicher Leistungen im Bereich der Religion, aber auch Zeiten des Verfalls. So ist das Leben …

Wie beschreiben Sie aus Ihrer Perspektive eines Historikers beispielsweise den gegenwärtigen Moment unter dem Pontifikat von Franziskus für die katholische Weltkirche?

Kard. Brandmüller: Als Historiker beschäftige ich mich mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart. Im Augenblick ist alles in Bewegung, alles ist offen … Meine Berufskollegen der Zukunft werden darüber ein Urteil abgeben.

Wie definieren Sie im Rückblick auf die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil diese für das Leben der Kirche so bedeutenden vergangenen 50 Jahre?

Kard. Brandmüller: (Lacht) Dazu gäbe es sehr viel zu sagen … Das Buch enthält eine von mir durchgeführte Studie, die sich insbesondere mit den post-konziliaren Interpretationskonflikten befasst. Diese Jahrzehnte waren sicherlich – allzu stark – durch Probleme gekennzeichnet, die größtenteils noch einer Lösung harren.

War daran auch das „Konzil der Medien“ beteiligt, von dem Benedikt XVI. gesprochen hat?

Kard. Brandmüller: Ja, dieses hat auch dazu beigetragen, wobei es sich jedoch um kein charakteristisches Merkmal des Zweiten Vatikanums handelt. Auch im Falle des Ersten Vatikanischen Konzils haben die damaligen Zeitungen ungenaue Meldungen verbreitet und eine zentrale Rolle gespielt.

Worauf sind die Entstellungen der konziliaren Lehren also zurückzuführen?

Kard. Brandmüller: Möglicherweise auf eine falsche Auffassung des Wesens der Kirche. Die Definition der Kirche als in der Geschichte gegenwärtiger mystischer Christus, als human-göttliche Realität führt sicherlich zu einer anderen Interpretation des Konzils. Ein ökumenisches Konzil wie das Zweite Vatikanum entspricht der Verwirklichung des obersten Lehramtes der Kirche, dessen Dokumente von entscheidendem Wert für die Kirche sind. Vielerorts wurde es allerdings lediglich als historische, menschliche, soziologische, politische usw. Realität betrachtet, interpretiert und dargestellt.

Waren 50 Jahre für das Verständnis und die Verwirklichung der Konzilslehren daher nicht ausreichend?

Kard. Brandmüller: Nein. Das Zweite Vatikanische Konzil ist noch weit davon entfernt, im Leben der Kirche verwirklicht zu sein. Die Dokumente bedürfen vor Ihrer Umsetzung noch eines eingehenderen Studiums.

Ist die Hypothese der Eröffnung eines 3. Vatikanischen Konzils durch Papst Franziskus Ihrer Meinung nach plausibel?

Kard. Brandmüller: Möglich ist alles, aber das glaube ich nicht … Jedenfalls sollten wir nicht über die Zukunft sprechen. Wie gesagt, bin ich ein Historiker und beschäftige mich lieber mit der Vergangenheit.