Brasilien: Bischof Cappio beendet Hungerstreik

Der Kampf um das Überleben des Rio São Francisco soll fortgesetzt werden

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BRASILIA, 21. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Dom Luiz Cappio, Bischof von Barra, erklärte am Donnerstag nach der Abendmesse in Sobradinho, die von Dom José Geraldo, Bischof von Juazeiro, gefeiert worden war, sein Fasten offiziell für beendet. Aus Protest gegen die von der Regierung mit zweifelhaften Methoden in Angriff genommene Umleitung des Rio São Francisco hatte er 23 Tage ohne Nahrungsaufnahme zugebracht. Nach der Bekanntgabe der höchstrichterlichen Entscheidung vom 19.12., die den Bau der Kanalsysteme wieder freigab, war Dom Cappio zusammengebrochen und musste kurzzeitig im Spital Memorial in Petrolina behandelt werden.



Vor über 700 Teilnehmern las Dom Cappio im Rollstuhl sitzend und offensichtlich in guter Verfassung einen Brief an die Menschen im Nordosten des Landes: „Nach diesen 24 Tagen beschließe ich mein Fasten, aber nicht meinen Kampf, der auch unser Kampf ist.“ Er bedankte sich bei allen Anwesenden für ihre Solidarität. Seine Entscheidung wurde mit Freude und mit viel Applaus zur Kenntnis genommen. Seit seiner Einlieferung ins Krankenhaus war seitens seiner Familie sowie von Künstlern und Weggefährten der Wunsch nach einem Ende des Hungerstreiks laut geworden. In den letzten Wochen hat Dom Cappio neun Kilo abgenommen und wiegt nun 63,5 Kilogramm.

Bereits am Mittwoch bekräftigte Präsident Lula vor Journalisten, dass er an der Verwirklichung des Projekts festhalte; es handle sich um das größte Werk seiner Regierung. Das Projekt werde zwölf Millionen Menschen des Nordostens zugute kommen und auch die Zukunft des Flusses garantieren.

Die Gegner des Projekts und Dom Cappio bezweifeln das allerdings und sprechen von Privilegien für die exportorientierte Agro- und Hydro-Industrie.

 

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Brief von Bischofs Luiz Cappio
über das Ende des Fastens gegen die Umleitung des Rio São Francisco

Sobradinho, 20.12.2007

Ankunft des Herrn

„Meine Schwestern und Brüder der Region des São Francisco, des Nordostens und von Brasilien: Paz e Bem! Friede und Wohlergehen!“

Mach die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest! Sag den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung: Er selbst wird kommen und euch erretten. Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, ,auch die Ohren der Tauben sind wieder offen. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. (Jes, 35, 3-6)

Gestern vollendete ich 36 Jahre meines Priesterseins – 36 Jahre im Dienst an den Bewohnern der Favelas von Petropolis (Rio de Janeiro), der Arbeiter an den Stadträndern von São Paulo und dem Volk in den semiariden Gebieten des Nordostens Brasiliens. Gestern sahen wir fassungslos, wie die Mächtigen das Theater der Unterwürfigkeit der Justiz feierten. Gestern, als mir meine Kräfte ausgingen, erfuhr ich wirklich die Hilfe derer, die mir in diesen langen und leidvollen Tagen zur Seite standen.

Aber unser Kampf geht weiter und er hat seine Fundamente dort, wo alles seinen Bestand hat: im Glauben an Gott des Lebens und in der organisierten Vorgangsweise des Volk. Unser weiterer Kampf besteht darin, das Leben des Rio São Francisco und seines Volkes zu garantieren und den Zugang zum Wasser sowie eine wirkliche Entwicklung zugunsten aller betroffener Bevölkerungsteile im gesamten semiariden Gebiet zu gewährleisten, und nicht nur eines Teiles.

Das ist den Einsatz meines Lebens wert, und ich bin glücklich, dass ich mich dazu entschieden habe, als Teil meiner Hingabe an den Gott des Lebens, an das lebendige Wasser, das Jesus ist und das sich denen schenkt, die elendiglich zu leben haben aufgrund von Strukturen der Unterdrückung und des Todes.

Während dieser Tage war es eine große Freude für uns zu sehen, wie das Volk sich erhebt und wie in seinem Herzen die bewusste Kraft der Einheit wieder aufleuchtet, wenn Kinder und Jugendliche Lieder der Hoffnung und Parolen mit erhobenen Händen singen; wenn die Blicke sich in eine Zukunft richten, die wir für unser geliebtes Brasilien ersehnen: eine Zukunft, in der alle – alle ohne irgendwelche Ausnahmen - Brot zu essen, Wasser zu trinken, Land zum Arbeiten, Menschenwürde und Bürgerrecht haben.

Ich habe mit viel Liebe und Hochachtung die Solidarität von jedem von euch, nahe oder entfernt, erhalten. Ich freute mich über die Solidarität meiner Brüder im Bischofsamt, Priestern und Hirten, die auf brüderliche Weise ihr Verständnis der schwerwiegenden Momente, die wir erleben, zum Ausdruck brachten.

Durch ihr mutiges Positionspapier machte uns die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB wieder Hoffnung und gibt sich wieder als das zu erkennen, was sie immer in ihren Blütezeiten gewesen ist: Jesus und seinem Evangelium gegenüber treu, ist sie eine Einrichtung, die sich den großen Anliegen Brasiliens und seines Volkes zuwendet und bei der Verteidigung der Würde der menschlichen Person und der unaufgebbaren Grundrechte klare und entschlossene Positionen einnimmt. Vorrangig stellt sie sich auf die Seite der Armen und Marginalisierten in diesem Land.

Ich habe mit großem Respekt die Appelle meiner Familienangehörigen, Freunde und Schwestern und Brüder vernommen, die mich in diesem Kampf begleiten und die mich stets lebend und im Einsatz für das Leben wollten: im Kampf gegen die Zerstörung unserer Biodiversität, unserer Flüsse, unserer Landsleute und gegen die Arroganz jener, die alles in einen Kaufladen und in Wechselgeld verwandeln wollen. In Sobradinho ist ein wunderbares Gemeinschaftswerk entstanden; wir erleben unvergleichliche Momente der intensiven Gemeinsamkeit und der Ausübung von Solidarität.

Nach diesen 24 Tagen beschließe ich mein Fasten, aber nicht meinen Kampf, der auch der eure ist, der unser Kampf ist. Wir müssen die Debatten ausweiten, die wahren Informationen verbreiten und am Wachsen unserer Bewegung arbeiten, bis wir jenes Projekt des Todes zum Fall gebracht und eine wirkliche Entwicklung für die semiariden Gebiete und den São Francisco erreicht haben.

Euch zuliebe, die ihr mit mir gekämpft habt und den gleichen Weg beschreitet, beende ich mein Fasten. Ich weiß, dass ich mit euch rechnen kann, und ihr könnt auf mich zählen, wenn es darum geht, unsere Schlacht fortzusetzen, damit „alle das Leben haben, und zwar Leben in Fülle“

Dom Frei Luiz Flávio Cappio, OFM
Bischof von Barra-BA

[Artikel und Übersetzung des portugiesischen Originals von Gustav Krammer]