Brasilien: Der Heilige von Rio Iaco

In der Wildnis mit Schwimmweste und Motorradhelm

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KÖNIGSTEIN, 21. November 2012 (ZENIT.org/KIN). - Am Ende der Welt, mitten im Urwald des Amazonas, bekommt ein alter Missionar Besuch vom Hilfswerk „Kirche in Not". Padre Paolino Baldassarri lebt in der Pfarrei Sena Madureira ganz im Westen Brasiliens. Mit seinen 86 Jahren ist er schon zu Lebzeiten eine Legende: Die Menschen kennen ihn nicht nur als Missionar und Priester, sondern auch als Arzt, Architekt, Naturschützer und Abenteurer.

Für seine Besucher beginnt Padre Paolino ganz von vorne und erzählt, wie es war, als er vor über 40 Jahren als Missionar aus Italien hierherkam. Gleich in der ersten Woche musste er seine „Feuertaufe" bestehen, denn die Malaria hatte ihn erwischt, was damals noch eine wirklich lebensgefährliche Angelegenheit war. Um den armen Europäer aufzumuntern, brachte man ihm „Wein". Der bestand allerdings nicht aus Trauben, sondern aus der bitteren Acai-Frucht. Genießbar war er nur mit reichlich Zucker. Wie durch ein Wunder überlebte Padre Paolino die Krankheit – und die Behandlung.

Doch seine Arbeit gestaltete sich zunächst frustrierend: In den vielen Dörfern entlang des Flusses gab es keine einzige katholische Familie mehr. Verschiedene Sekten hatten in den langen Jahren ohne Priester die katholischen Gemeinden mit falschen Versprechungen auf ihre Seite gezogen. Ausgestattet mit einem einfachen Kanu besuchte Padre Paolino sie alle. Wochenlang war er unterwegs gewesen – mitten im Dschungel. Er hatte ermahnt, ermuntert und verkündigt. Dabei nahm er kein Blatt vor den Mund und erntete nicht nur Lob. Wegen seines Einsatzes gegen die Abholzung des Regenwaldes bekam er zahlreiche Morddrohungen von Großgrundbesitzern.
 
Doch Padre Paolino überlebte. Er brachte Gesundheitsversorgung und Schulbildung in den Urwald; dafür sind ihm die Menschen aller Schichten bis heute dankbar. Aus Italien brachte er Krankenschwestern mit und praktiziert bis heute kostenlos als Arzt. An einem Vormittag behandelt er bis zu 40 Patienten. „Wurmkrankheiten und Malaria sind am häufigsten", sagt er. „Manchmal kommt auch ein Politiker und will von mir wissen, ob ihm der Arzt aus der Großstadt das richtige Medikament verschrieben hat."

Die Pläne für seine Kirche hat Padre Paolino selbst entworfen, die Bauleitung lag ebenfalls bei ihm. So kam es, dass er vom Kirchturm abstürzte und nur überlebte, weil sich sein Habit im freien Fall in einer herausstehenden Stange verheddert hatte. Wahre Legenden wie diese ranken sich viele um den „Heiligen von Rio Iaco", wie seine Gläubigen Padre Paolino nennen.

Der lebenslange Einsatz des Padres hat sich gelohnt: Mittlerweile sind in seinem Gebiet wieder alle Familien katholisch, und die Sekten haben keine Chancen mehr. Auch heute noch unternimmt er gerne Fahrten in die Wildnis – immer mit Schwimmweste und Motorradhelm bekleidet, denn Padre Paolino kann nicht schwimmen. Als sein Bischof Dom Joaquín Pertíñez Fernández ihn begleiten will, ist der schnell außer Atem. „Ich war bald völlig am Ende", gibt der Bischof zu, „aber Padre Paolino wird einfach nicht müde!"

Es ist schwer, Missionare zu finden, die den Anforderungen des Amazonasgebiets gewachsen sind. Für Bischof Joaquín ist klar, dass nur einheimische Priester und Ordensleute mit dieser Umgebung zurechtkommen. Deswegen ist ihm die Ausbildung von Priestern und Ordensleuten vor Ort ein großes Anliegen.

„Kirche in Not" unterstützt die Arbeit von Padre Paolino und seinem Bischof in der Diözese Rio Branco.