Brasilien: Große Armut, steigende Gewaltbereitschaft und überfüllte Gefängnisse als Herausforderung für die Christen

Interview mit Msgr. Pedro Luis Stringhini, Weihbischof von São Paulo

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BRASILIA, 24. August 2006 (ZENIT.org).- In den vergangenen Monaten ist das Leben der rund 20,5 Millionen Einwohner im brasilianischen Bundesstaat São Paulo unsicherer geworden. Weihbischof Pedro Luis Stringhini, der im Südosten des fünftgrößten Staates der Erde für die Gefängnisseelsorge zuständig ist, führt die drastische Zunahme der kriminellen Delikte und Gewalttaten vor allem auf die drückende Armut zurück. Im Gespräch mit ZENIT sprach der Bischof außerdem über die Situation in den brasilianischen Gefängnissen und die Möglichkeiten, zu Frieden und Gerechtigkeit beizutragen.



Vom 12. bis zum 15. Mai dieses Jahres kam es in 82 Gefängnissen des Bundesstaates São Paulo zu Revolten. Im gleichen Zeitraum registrierte die Polizei im Ballungszentrum 299 kriminelle Delikte, darunter 82 Anschläge auf Autobusse, 56 auf Wohnhäuser von Polizisten und 17 auf Banken.

Diese konzertierten Aktionen gehen auf das Konto des "Primeiro Comando da Capital" ("Erstes Kommando der Hauptstadt") und verstehen sich als Rache für die Verlegung beziehungsweise Isolierung von inhaftierten Mitgliedern dieser kriminellen Organisation in Hochsicherheitsgefängnisse. In den zwei Monaten, die auf die Anschläge folgten, wurden 16 Gefängniswärter getötet.

Eine zweite Welle der Gewalt in São Paulo gab es vom 11. bis zum 14. Juli: Bei mehr als 100 Anschlägen wurden mehr als 10 Menschen getötet und zahlreiche Geschäfte und Polizeistationen geplündert und verwüstet. Über 50 Autobusse gingen in Flammen auf. Die Täter, die offiziell ebenfalls dem "Ersten Hauptstadtkommando" zugeordnet werden, besitzen vollautomatische Waffen, Molotow-Cocktails und Rohrbomben. Ihre Anschläge haben dazu geführt, dass brasilianische Medien laut von "guerra urbana" sprechen, einem "Krieg in der Stadt".

Bis Ende Juli kamen in diesem Jahr bei Polizeirazzien 328 verdächtige Personen ums Leben – 84,27 Prozent mehr Tote bei Polizeiaktionen als im Vorjahr.

Am 7. und 8. August erlebte der Bundesstaat São Paulo eine dritte Welle von Gewalt durch das "Erste Kommando": Bei fast dreihundert Anschlägen wurden Banken ausgeraubt, Tankstellen und Autobusse zerstört, Sicherheitskräfte angegriffen und Gefängnisrevolten in Gang gesetzt.

ZENIT: Der Kriminologe Nilo Batista, Professor für Strafrecht an der juridischen Fakultät der Universität von Río de Janeiro, spricht davon, dass im Bundesstaat São Paulo jeden Monat 700 neue Verurteilte in die Gefängnisse eingeliefert werden. Das bedeutet, dass pro Monat zwei neue Strafanstalten errichtet werden müssten. Wie erklären Sie sich die Zunahme an Verurteilungen?

--Weihbischof Stringhini: In Brasilien herrscht eine sehr große soziale Ungerechtigkeit. Täglich werden die armen Leute ärmer. Das Geld, das eigentlich für soziale Programme verwendet werden sollte oder für Investitionen im Bereich der Erziehung und der Ernährung, wird für die Tilgung der Auslandsverschuldung verwandt. Die Banken verzeichnen hohe Rekordgewinne, aber die Bauern und kleineren Betriebe schließen aus Gründen der Verschuldung ihre Pforten.

In diesem Kontext besitzen 10 Prozent der Bevölkerung 90 Prozent des Kapitals, und 90 Prozent der Bevölkerung teilen die restlichen 10 Prozent unter sich auf. Jugendlichen verlassen mit 14 Jahren die Schule und finden keine Arbeit; oftmals bietet ihnen der Drogenhandel oder der Diebstahl eine Überlebensform. Und so steigt die Zahl der Inhaftieren so hoch an.

ZENIT: Sind wirklich die vielen Inhaftierungen für die explosionsartige Zunahme der Gewalt in São Paulo verantwortlich?

--Weihbischof Stringhini: Wir können das bestätigen. Die Kontrolle über die Lage in den Gefängnissen ist den Behörden mehr und mehr entglitten, so dass viele von den Häftlingen selber kontrolliert werden, über ihre Vertreter. Es ist bedauerlich, dass man zugelassen hat, dass sich das Verbrechen organisieren kann.

ZENIT: Ist der Vorschlag prominenter Regierungsvertreter, mehrere und bessere Hochsicherheitsgefängnisse zu errichten und größere bewaffnete Polizeitrupps auf die Straße zu schicken, die beste Lösung?

--Weihbischof Stringhini: Das könnte auch als eine Form von Ausweichmanöver betrachtet werden, die solche Konflikte nur zusätzlich schüren, aber die Probleme an sich nicht lösen helfen. Solange es keine konstruktive Politik der Arbeitsplatzbeschaffung gibt, der Beseitigung von sozialer Ungleichheit, der Investition in die Erziehung und Ausbildung der Kinder, einer besseren Wahl von Bestrafungsmethoden, solange gibt es keine andere Lösung als die der Härte und der Unterdrückung – und somit eine stetig wachsende Zahl von Gefangenen.

Anstatt härter und mit mehr Gewalt vorzugehen, sollte die Polizei besser den Überwachungsdienst der Kriminalpolizei verstärken, um auf diese neuen Verbrechen vorzubeugen. Das sollte sie tun und nicht andauernd hinter Straftätern nachjagen, die die Unsicherheit in der Bevölkerung nach jedem Anschlag vergrößern.

ZENIT: Wie sieht der Alltag eines Häftlings aus?

--Weihbischof Stringhini: Wir haben ein Problem mit den Plätzen. Dem Bundesstaat São Paulo fehlen 30.000 Plätze. Zusätzlich wurden bei den letzen Aufständen mindestens vier Gefängnisse komplett zerstört, und die Inhaftierten (rund 4.000) verfügen nun noch nicht einmal mehr über die minimalen Grundbedingungen an Hygiene und Sicherheit. Sie können keinen Besuch empfangen, schlafen unter freiem Himmel, und in Araraquara haben sie beispielsweise fast einen Monat auf dem Boden geschlafen.

Die Gefängnisinsassen erfahren jetzt härtere Bedingungen: Überprüfungen durch die Stoßtrupps der Militärpolizei kommen regelmäßig vor, und Gewaltanwendung ist dabei schon fast ein fester Bestandteil.

ZENIT: Ist das brasilianische Haftsystem in der Lage, zur Rehabilitierung der Kriminellen beizutragen?

--Weihbischof Stringhini: Es gibt nur wenige Erfahrungen in Brasilien, wo so etwas wirklich funktioniert, aber es gibt sie.

ZENIT: Was kann die Kirche mit ihrer Gefängnisseelsorge bewirken?

--Weihbischof Stringhini: Es gibt rund 3.500 freiwillige Gefängnisseelsorger in der Gefangenenpastoral. Die Gefängnisseelsorge versucht durch ihre wöchentlichen Besuche, Christus in der Gefängniswelt gegenwärtig zu machen und den Inhaftierten und Gefängniswärtern ein Wort der Freundschaft und des Entgegenkommens zu bringen.

Die Gefängnisseelsorge versorgt darüber hinaus jedes Gefängnis mit einer Form von Sozialdienst und überprüft, ob die Bürgerrechte respektiert werden. Was die Menschenrechte angeht, übermittelt sie entsprechende Beobachtungen an die entsprechenden staatlichen Dienststellen, appelliert an die UNO, an Amnesty International, an den Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte usw. Die Gefängnisseelsorge besorgt auch rechtlichen Beistand für die Inhaftierten und humanitäre beziehungsweise materielle Unterstützung für die Familienangehörigen der Gefangenen.

ZENIT: Was könnte der Christ angesichts der Zunahme der Gewalt konkret tun?

--Weihbischof Stringhini: Für den Frieden beten und jenseits von allem Hass und jeder Rache Versöhnung, Brüderlichkeit und Entgegenkommen fördern. Die Evangelisierung, das persönliche Zeugnis des Christen und der christlichen Gemeinschaft, Sozialprojekte sowie die Bewusstseinsbildung der Kirche, all das sind positive Faktoren, die innerhalb einer individualistischen Gesellschaft, die sich zur Durchsetzung ihrer Ziele scheinbar der Gewalt bedient, zum Aufbau einer Kultur des Friedens und einer neue Mentalität beitragen können.

Für all diejenigen, die für Gerechtigkeit und Frieden arbeiten, war das Referendum über die Entscheidung zur Aufrüstung eine Niederlage. Eine ganz praktische Form, zum Frieden beizutragen, ist die freiwillige Mitarbeit in der Gefangenenseelsorge und die Teilnahme an ihren Veranstaltungen. Es ist auch wichtig, dass sich jeder Christ mit seinem Wahlrecht als Bürger bei Wahlen bewusst überlegt, wer ihn vertreten soll.