Braucht es zum Glück eine kirchliche Heirat?

15. Internationales Seminar „De Processibus Matrimonialibus“ tagt in Potsdam

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Von Dr. Sabine Heidl

POTSDAM, 9. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Braucht es zum Glück eine kirchliche Heirat? Wie wirkt sich die Internetsucht auf die Ehefähigkeit aus? Wie geht man bei Annullierungen von Ehen zweier Nichtkatholiken vor? Diese und viele andere aktuelle Fragen wurden auf dem fünfzehnten internationalen Seminar „De Processibus Matrimonialibus“ (DPM) „Über die Eheprozesse“ in Potsdam referiert und diskutiert.

Das Kanonistische Institut an der deutschen Universität Potsdam hat in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Kirchenrecht, insbesondere für Eherecht, Prozess- und Strafrecht sowie Staatskirchenrecht von Prof. DDr. Elmar Güthoff auch diesmal wieder ein spannendes Programm organisiert, das am 27. und 28. November 2008 in der Universität Potsdam stattfand. Die rund 80 Experten aus Kirchengerichten, Universitäten und anderen Einrichtungen setzten sich in dem Seminar mit praxisrelevanten eheprozessrechtlichen Themen auseinander.

Im Mittelpunkt der zwei Veranstaltungstage standen sechs Vorträge von Kirchenrechtswissenschaftlern, die Stoff für angeregte Diskussionen boten und den gegenseitigen fachlichen Austausch befruchteten.

Unter dem Titel „Internetsucht als Ehenichtigkeitsgrund“ wurde seitens der LMU München die Bedeutung des relativ neuen Phänomens der Internetsucht für die psychische Ehefähigkeit dargestellt. Die Entstehung, die Entwicklung und die Auswirkungen der Internetsucht auf die Psyche wurde hervorgehoben, um hieraus Schlussfolgerungen für die psychische Ehefähigkeit zu ziehen. Die mit der Spiel- und Arbeitssucht vergleichbare Internetsucht wird in Zukunft sicher häufiger zum Gegenstand bei Ehenichtigkeitsverfahren werden.

Mit der Frage, ob es zum Glück eine kirchliche Heirat brauche, beschäftigte sich Prof. Dr. Adrian Loretan aus Luzern im ersten Vortrag des Seminars. Er beleuchtete diese Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wie etwa aus der soziologischen, der historischen und der theologischen Richtung. Der Referent bezog dabei auch weltliche Literatur ein, die die Schwierigkeit nach dem Rahmen partnerschaftlicher Gemeinschaften sehr treffend zu beschreiben vermochte.

Im Anschluss daran wurde das Thema „Die Annullierung von Ehen mit einem oder zwei nichtkatholischen Partnern gemäß Dignitas Connubii“ von DDr. Burkhard J. Berkmann (St. Pölten) referiert. Mit der Frage nach der Anwendung des Kollisionsrechts, das die Instruktion Dignitas Connubii bietet, der Rechtsverbindlichkeit des Ius Divinum für alle Menschen und der Forderung nach weiteren Verträgen zwischen der katholischen Kirche und anderen christlichen und nichtchristlichen Religionsgemeinschaften machte Herr DDr. Berkmann das Publikum auf einen noch weitgehend ungeklärten Bereich des Eheprozessrechts aufmerksam.

Die Neuerungen in Bezug auf das gerichtliche Geständnis in Ehenichtigkeitsprozessen durch die Instruktion Dignitas Connubii veranschaulichte Offizial Dr. Markus Walser aus Vaduz/Liechtenstein anhand eines Vergleichs zwischen den entsprechenden Normen des Codex Iuris Canonici und der Instruktion Dignitas Connubii in seinem Referat „Die Parteierklärungen gemäß DC Art. 177–182, insbesondere die Präzisierungen zum gerichtlichen Geständnis in DC Art. 179 § 2“.

Der tübinger Prof. Dr. Richard Puza widmete sich der schwierigen Frage nach der moralischen Gewissheit, die ein Richter über sein Urteil erlangen muss. Anhand ausgewählter Canones des Codex Iuris Canonici von 1983 und des von 1917 sowie Rota-Ansprachen der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. verdeutlichte er, wie komplex das Erfordernis der moralischen Gewissheit ist, die allen Urteilen zugrunde liegen muss.

Der erste Seminartag wurde durch Kurzreferate zu eheprozessrechtlichen Themen von Studierenden aus München, Bochum, Innsbruck und Tübingen und einem anschließenden Empfang abgerundet.

Am zweiten Tag des Seminars erwartete die Teilnehmer ein sehr interessanter Vortrag von Prof. Dr. Pier V. Aimone aus Fribourg/Schweiz über die kanonische Formpflicht. Der Referent setzte sich eingehend mit der Frage auseinander, ob die kanonische Form nur die Erlaubtheit oder auch die Gültigkeit einer Eheschließung betrifft, gab einen Überblick über die historische Entwicklung und widmete sich schließlich den Dispensmöglichkeiten, exemplarisch verdeutlicht anhand der Regelungen für die Ethnie der Zoltalen in der mexikanischen Provinz von Chiapas, die überwiegend von Indigenes besiedelt ist.

Es ist geplant, alle Referate in der Zeitschrift DPM 15 (2008) zu veröffentlichen.

Das jährlich stattfindende Seminar „De Processibus Matrimonialibus“, das vor vierzehn Jahren von Prof. DDr. Elmar Güthoff gemeinsam mit PD Dr. Karl-Heinz Selge als Fortbildungsveranstaltung für Mitarbeiter der kirchlichen Gerichte ins Leben gerufen worden ist, hat sich im Laufe der Jahre zu einem festen Termin für alle, die sich mit dem Kirchenrecht befassen, weit über den deutschsprachigen Raum hinaus entwickelt, bei dem aktuelle eheprozessrechtliche Fragestellungen, das Entstehen neuer Netzwerke und gegenseitiger wissenschaftlicher Austausch im Vordergrund stehen.