Brennpunkt Sudan – Eindrücke einer Missionarin

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WASHINGTON D.C., 29. August 2007 (ZENIT.org).- In dieser Woche sind drei Ausländer aus dem Sudan ausgewiesen worden. Am Montag erklärte Paul Barker, Direktor von CARE im Sudan, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Behörde des Sudans, die für Humanitäre Hilfe zuständig ist, habe ihm 72 Stunden gegeben, um das Land zu verlassen. Ein offizieller Grund sei nicht genannt worden. Barker sprach die Vermutung aus, dass die Entscheidung mit einer internen E-Mail über die Situation in diesem Land zu tun haben könnte, die er den Mitarbeitern von CARE geschickt habe.



ZENIT hat die US-amerikanische Missionarin Katie Gesto (40) zur Situation der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen im Sudan interviewt. Gesto ging 1992 zum ersten Mal für mehrere Jahre als Entwicklungshelferin in den Sudan. Sie betont, dass Ausweisungen wie die von Barker nichts Ungewöhnliches seien. Zudem berichtet sie über ihren persönlichen Weg der Nachfolge Jesu.

ZENIT: Wie reagierten Sie auf die Ausweisung des Nationaldirektors von CARE aus dem Sudan?

-- Katie Gesto: Ich bin über die Ausweisung nicht überrascht, da ich viele Kollegen gehabt habe, mich eingeschlossen, denen dasselbe angedroht wurde. Es wird erwartet, dass nichtstaatliche Organisationen wie CARE neutral sind, aber, wenn es um die Sicherheit ihrer Leute geht, kann es leicht den Anschein haben, dass sie ihre neutrale Position aufgeben.

Entwicklungshelfer kennen das reale Durcheinander dort, weil sie vor Ort leben und alles mit ihren eigenen Augen sehen. Aber wenn jemand öffentlich – und eine E-Mail wird heute als etwas Öffentliches erachtet – seine Meinung kundtut, wirst er – auch wenn sie auf Tatsachen beruht und wahr ist – möglicherweise des Landes verwiesen.

Meine Freundin wurde fast als „Persona non grata“ (PNG) eingestuft, weil sie einem Kranken aus dem Stamm der Dinka erlaubt hatte, per Flugzeug den Sudan zu verlassen, und nicht einem weniger kranken Shilluk; und zwar, weil sie sich auf dem Territorium der Shilluks befanden. Sie warfen ihr vor, dass sie bestimmte Stämme begünstigen würde, stellten sie für einen Monat unter Hausarrest und drohten ihr, sie zur „Persona non grata“ zu erklären.

Es ist eigentlich alles nicht so kompliziert. Man muss nur wissen, dass alle Entscheidungsträger emotional unberechenbar sind und auf eine Bemerkung, die andere für nicht unbedingt sehr wichtig halten, übermäßig reagieren können.

ZENIT: Sie haben als Missionarin im Sudan gearbeitet. Was zog Sie in eines der möglicherweise gefährlichsten Missionsgebiete der Welt?

-- Katie Gesto: Seit meinem Schulabschluss hörte ich in der Messe immer aufmerksam den Berichten über Priestermissionare und Missionsschwestern zuz. Gott legte schon in diesem frühen Alter den Wunsch in mein Herz, Missionarin zu werden.

Während meiner Hochschuljahre machte ich bei „Campus Crusade for Christ“ mit, und als Katholikin bemühte ich mich um eine echte Freundschaft mit Kommilitonen, die nach Russland und in andere schwierige Länder auf Mission gingen.

Es kam dann so, dass Gott in meinem Herz den Wunsch entfachte, unseren Geschwistern in den verfolgten Ländern zu dienen. Zweifellos steht der Sudan auf dieser Liste.

Ich weiß, dass ich alleine nicht viel tun kann, aber wenn Gott ruft, tut er auch die Arbeit. Bei dieser schönen Arbeit fühlte ich seine Liebe.

ZENIT: Sie erhielten bei Ihrer Tätigkeit keine Unterstützung von bestimmten Gruppen. Wie sind Sie, was Sicherheit und die grundlegenden Bedürfnisse betrifft, zurande gekommen?


-- Katie Gesto: Im Endeffekt gilt für mich und für jeden von uns: „Gott, was möchtest du, das ich tun soll? Wo willst du, dass ich dir diene?“

Nachdem ich ein gutes Gespür für das Land bekommen hatte, denn als Krankenschwester hatte ich für die Hilfsorganisation „Medair“ gearbeitet, spürte ich, dass Gott sich von mir wünschte, direkt einem Bischof zu dienen, da die Bischöfe ja wissen, was die wirklichen Nöte ihrer Leute sind.

Ich trat sodann mit einem katholischen Bischof im Sudan in Verbindung und bot mich an, indem ich ihm erklärte: „Ich finde fünf Freiwillige, wir kommen selbst für unseren Unterhalt auf und kommen und wirken dort, wo immer Sie wollen.“

Nun gut: Zwei Jahre vergingen bis zum Abschluss meines Masters, und ich fand niemanden. Also zog ich im Glauben los, und diente in dieser Diözese zwei Jahre lang, zusammen mit zwei Priestern aus Uganda und einigen Ordensschwestern, die in dort der Umgebung lebten.

Ich war sehr glücklich und wuchs ungeheuer – sowohl im Spirituellen, als auch durch die Erfahrungen mit den Leuten.

ZENIT: Es war in Afrika, wo Sie Ihre Berufung schließlich geklärt haben. Wie war Ihre Gebetserfahrung in der doch gefährlichen Umgebung, besonders als Sie um Ihr Leben fürchten mussten?

-- Katie Gesto: Ich bin seit dem Beginn meines Dienstes im Sudan, das war 1996, innerlich enorm gewachsen. Es ist ein Segen, an einem Ort leben zu dürfen, an dem man nie weiß, ob man überhaupt nach Hause zurückkehren wird.

Ich bin dafür durch meinen vieljährigen Pflegedienst vorbereitet worden und, soweit ich es von mir sagen kann, bin ich bereit, heute zu sterben, wenn Gott es so will. Wie ein Freund von mir, der ein Missionar in Somalia ist, sagt: „Ich hoffe nur, dass Sie gut schießen können.“

Einmal sagte man mir, dass ein Kommandant mich habe töten wollen, weil ich dem Bischof erklärt hatte, dass ich bei ihm eine gewisse Unaufrichtigkeit vermutete. Das hat mich schon nervös gemacht.

Ein besessener Mann jedoch, der einige Leute in unserem Dorf aufgespießt hatte und mich nicht gerade mochte, machte mich noch nervöser, da er gerade neben dem Haus wohnte, in dem ich alleine schlief. Aber nach einigen Tagen voll schlafloser Nächte sagte ich: „Genug jetzt! Jesus, du bist stärker als jene Kräfte! Schenke mir die Gnade, dir jene Ängste zu übergeben.“

In den meisten Fällen störten mich diese Drohungen nicht allzu sehr, besonders nachdem der verrückte Mann in weite Ferne gezogen war und der Kommandant sich beruhigt hatte!

Aber die Bereitwilligkeit, für unseren Glauben zu sterben, ist eine Gnade, für die wir beten können und die wir empfangen können. Für die meisten von uns geschieht das nicht physisch, aber für alle von uns geschieht es geistlich, wenn wir uns dahin entwickeln möchten, wie Jesus zu sein, der das Martyrium erlitten hat.

Im Sudan war ich vor allem wegen des Mangels an Ablenkungen in der Lage, meinen Ruf, eine geweihte Jungfrau zu werden, klar zu hören; da gab es nur mich und den Herrn. Ich durfte erkennen, dass Gott mir erlaubte, mit ihm im Gebet besondere Zeiten zu verbringen und frei zu sein, eben dahin gesandt zu werden, wohin er mich führen wollte, und ein tief bräutliches Verhältnis zu ihm zu entwickeln.

ZENIT: Was braucht das sudanische Volk in Ihren Augen am meisten?

-- Katie Gesto: Einheit; zu lernen, wie man einander respektiert, und Heilung von den Traumata der Vergangenheit.

Der mehr als vier Jahrzehnte lange Krieg hat gute kulturelle Werte und den Sinn für die Würde als Personen zerstört. Die Menschen haben gelernt, häufig eben nur für sich selbst zu kämpfen. Das hat der Korruption, Stammeskämpfen, der Hexerei und anderen schädlichen Dingen Tür und Tor geöffnet.

Wenn sie durch das Evangelium lernen, sich auf ganz einfache Weise für einander zu interessieren, werden sie geheilt, und dann werden sie auch ihre Kinder ausbilden, besonders ihre Mädchen, die eine Ausbildung so nötig haben.

Wenn diese Entwicklung anhält, werden sie dann hoffnungsvoll als Gemeinschaft zusammenarbeiten, um Kirche und Kultur aufzubauen und für einander auch wirtschaftlich zu sorgen.

ZENIT: Was war nach Ihrer Rückkehr in die USA und nach Ihrer Zeit in Afrika beim Übergang zurück ins alltägliche Leben am schwierigsten?

-- Katie Gesto: Zeit. Jeder ist in solch einer Hast und sorgt sich um unbedeutende Sachen. Es fehlt an Einfachheit, weil dauernd Geld für nutzlose Sachen ausgegeben wird.

Die Leute scheinen keine Zeit für Unterhaltungen zu haben, für das Lachen oder einfach „zu sein“. Ich muss echt auf mich aufpassen, um nicht in diese Raserei hineingerissen zu werden.

All diese Ablenkungen sickern in mich hinein, und ich muss schon daran arbeiten, ein Klima zu schaffen, das innere Stille fördert – damit ich mit Jesus „sein“ kann. Das anzugehen war in Afrika viel einfacher.