Brief Josef Homeyers, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft

An Wilfried Martens', Präsidenten der Europäischen Volkspartei

| 360 klicks

BRÜSSEL, 28. Oktober 2002 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Brief Josef Homeyers, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, an Wilfried Martens', Präsident der Europäischen Volkspartei.



Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft


Herrn Wilfried Martens
Präsident der Europäischen Volkspartei
Generalsekretariat
67 rue d'Arlon
B-1047 Brussels

Brüssel, 25. Oktober 2002

Sehr geehrter Herr Martens,

Zu Ihrer Wiederwahl zum Präsidenten der Europäischen Volkspartei möchte ich Ihnen von
ganzem Herzen gratulieren. Für die vor Ihnen liegende Wahlperiode, in der Europa vor
historischen Entscheidungen und großen neuen Herausforderungen stehen wird, wünsche ich
Ihnen viel Erfolg und Gottes Segen. Ich würde mich im übrigen freuen, wenn sich die
Kontakte zwischen Ihrer Parteienfamilie und der Kirche auf der europäischen Ebene weiterhin
so reibungslos und künftig noch regelmäßiger gestalten könnten.

Ich darf diesen Brief außerdem zum Anlass nehmen, Ihnen und Ihrer Partei zu dem Dokument
"Eine Verfassung für ein starkes Europa" zu beglückwünschen.

"Das Dokument 'Eine Verfassung für ein starkes Europa', das die Europäische Volkspartei
auf ihrem XV. Kongress in Estoril/Portugal am 18.10.2002 verabschiedet hat, macht
Hoffnung. So ist sehr positiv zu vermerken, dass die Delegierten dem Entwurfstext den
Hinweis auf die moralische Verpflichtung Europas zur Hilfe für die ärmsten Länder und die
daraus erwachsenden Verpflichtungen hinzugefügt haben.

Zwei weitere Ergänzungen, die während des Kongresses erfolgten, sind aus Sicht der Kirche
bemerkenswert. Es ist für mich ermutigend, dass sich Ihre Partei, die die größte politische
Kraft im europäischen Konvent stellt, sowohl für die Anerkennung des religiösen Erbes in der
Präambel einer europäischen Verfassung als auch für den Respekt der Europäischen Union
vor den geistig-religiösen Traditionen in den Mitgliedsstaaten ausgesprochen hat. Unter dem
letzten Punkt verstehe ich auch die Achtung vor dem Status der Kirchen und
Religionsgemeinschaften nach nationalem Recht.

Jetzt wird es darauf ankommen, diese für das Zusammenwachsen der Europäischen Union
sehr bedeutsamen Punkte im Konvent zur Sprache zu bringen und mit klaren Formulierungen
in einem zukünftigen Verfassungsvertrag zu verankern. Gleichermaßen hoffe ich, dass es
auch gelingt, die institutionelle Dimension der Religionsfreiheit ausdrücklich zu bestätigen.
Ich hoffe weiterhin, dass es dem Konvent auch möglich wird, der Erwartung vieler Menschen
nach einem Gottesbezug in einer europäischen Verfassung Rechnung zu tragen. Dabei bin ich
überzeugt, dass für Gläubige wie Nichtgläubige akzeptable Formulierungen gefunden werden
können.

Mit Ihnen fühle ich mich geeint in dem Wunsch, dass alle Bürger in der EU und den
Beitrittsländern sich noch stärker an der Diskussion über die künftige europäische Verfassung
beteiligen. Ich ermutige auch alle Mitglieder des Europäischen Konvents, unabhängig von
ihrer nationalen oder politischen Tradition, sich konstruktiv in der Debatte für die Zukunft des wiedervereinigten Europas zu engagieren.

Mit herzlichen Grüssen und den besten Segenswünschen

Ihr
Josef Homeyer
Bischof von Hildesheim
Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft - COMECE