Brief von Papst Benedikt XVI. zur 35. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu

„Wie damals erfordert auch heute die Evangelisation eine totales und treues Anhangen an das Wort Gottes“

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ROM, 7. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle deutsche Fassung des Briefes, den Papst Benedikt XVI. dem früheren Generaoloberen der Gesellschaft Jesu, Peter-Hans Kolvenbach SJ, anlässlich der 35. Generalkongregation der Jesuiten in Rom geschrieben hatte.

Die besondere Treue zum Papst, „das unterscheidende Zeichen Eures Ordens“, benötige die Kirche von heute besonders, betonte der Heilige Vater im Hinblick auf die große Aufgabe, „die einzige und unveränderliche Heilsbotschaft, die das Evangelium ist, unseren Zeitgenossen zu übermitteln, die von so vielen unterschiedlichen Stimmen abgelenkt sind – »nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Wort Gottes«, das in jenen wirkt, die glauben.“

Benedikt XVI. beendet sein Schreiben mit folgenden Worten: „Der Fürbitte des heiligen Gründers und aller Heiligen des Ordens und dem mütterlichen Schutz Marias vertraue ich die Generalkongregation und die ganze Gesellschaft an, damit jeder geistliche Sohn des hl. Ignatius »zuerst Gott, dann die Art und Weise dieses Instituts« vor Augen haben möge (Formula Instituti, 1). In diesem Sinne versichere ich Euch meines beständigen Gedenkens im Gebet und erteile Ihnen, verehrter Pater, allen Patres der Generalkongregation und der ganzen Gesellschaft Jesu meinen besonderen Apostolischen Segen.“

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An Pater
PETER-HANS KOLVENBACH, S.I.
SJ Generaloberer der Gesellschaft Jesu

Aus Anlaß der 35. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu ist es mein inständiger Wunsch, Ihnen und allen, die an der Versammlung teilnehmen, meine herzlichsten Grüße zu übermitteln, zusammen mit der Versicherung meiner Zuneigung und meiner ständigen geistlichen Nähe zu Ihnen. Ich weiß, wie wichtig dieses Ereignis, das Sie feiern, für das Leben der Gesellschaft ist, und ich weiß ebenso, mit welch großer Sorgfalt es deswegen vorbereitet wurde. Die Vorsehung gibt jetzt die Möglichkeit, der Gesellschaft Jesu jenen erneuerten asketischen und apostolischen Impuls einzuprägen, der von allen gewünscht wird, so daß die Jesuiten ihre Sendung vollständig erfüllen und die Herausforderungen der modernen Welt in jener Treue zu Christus und seiner Kirche angehen können, die das prophetische Tun des hl. Ignatius von Loyola und seiner ersten Gefährten ausgezeichnet hat.

Der Apostel schreibt an die Gläubigen zu Thessalonich, er habe ihnen das Evangelium verkündet, sie »ermahnt und beschworen, zu leben, wie es Gottes würdig ist, der euch zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit beruft« (1 Thess 2,12), und fügt hinzu: »Darum danken wir Gott unablässig dafür, daß ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Gläubigen, wirksam« (1 Thess 2,13). Das Wort Gottes wird also zuerst »empfangen«, das heißt gehört, und dann, indem es bis ins Herz dringt, »angenommen«, und wer das Wort empfängt, erkennt an, daß Gott durch seinen Gesandten spricht: auf diese Weise wirkt das Wort in den Gläubigen. Wie damals erfordert auch heute die Evangelisation eine totales und treues Anhangen an das Wort Gottes: Anhänglichkeit vor allem an Christus und aufmerksames Hören auf seinen Geist, der die Kirche führt, demütigen Gehorsam gegenüber den Hirten, die Gott zu Führung seines Volkes eingesetzt hat und umsichtigen und offenen Dialog mit den sozialen, kulturellen und religiösen Herausforderungen unserer Zeit. Dies alles erfordert bekanntlich eine intime Gemeinschaft mit Jenem, der uns ruft, seine Freunde und Jünger zu sein, eine Einheit von Leben und Tun, die sich aus dem Hören auf sein Wort, aus Betrachtung und Gebet, aus Distanz zum Denken der Welt und aus einer unablässigen Bekehrung zu seiner Liebe hin speist, damit er, Christus, es ist, der in uns lebt und wirkt. Hierin besteht das Geheimnis des wirklichen Erfolgs im apostolischen und missionarischen Engagement jedes einzelnen Christen, und noch mehr bei denen, die in den direkten Dienst des Evangeliums gerufen sind.

Ein solches Bewußtsein ist sicher bei allen präsent, die an der Kongregation teilnehmen, und es drängt mich, meine Anerkennung auszusprechen für die große Arbeit, die die vorbereitende Kommission im Laufe des Jahres 2007 geleistet hat mit der Prüfung der Postulate aus allen Provinzen und der Erarbeitung der Themen, die angegangen werden müssen. Meine Dankbarkeit möchte ich in erster Linie Ihnen ausdrücken, lieber und verehrter Pater General, der Sie die Gesellschaft Jesu seit 1983 in erleuchteter, kluger und umsichtiger Weise leiten, indem Sie sie im Strom ihres Gründungscharismas zu erhalten suchten. Sie haben, aus objektiven Gründen, mehrmals darum gebeten, von dieser so schweren Bürde befreit zu werden, die Sie mit dem Sinn großer Verantwortlichkeit in einem schwierigen Moment in der Geschichte Ihres Ordens übernommen haben. Ich spreche Ihnen herzlichen Dank aus für den Dienst, den Sie der Gesellschaft Jesu und der ganzen Kirche geleistet haben. Mein Dank gilt auch Ihren engen Mitarbeitern, den Teilnehmern der Generalkongregation und allen Jesuiten auf der ganzen Welt. Alle und jeden einzelnen möge der Gruß des Nachfolgers Petri erreichen, der mit Zuneigung und Anerkennung der vielfältigen und geschätzten apostolischen Arbeit der Jesuiten folgt, und alle ermutigt, auf jenem Weg voranzuschreiten, den der heilige Gründer eröffnet hat und der von einer Unzahl von Mitbrüdern, die der Sache Christi dienten und von denen viele von der Kirche selig- oder heiliggesprochen wurden, weiter begangen wurde. Sie mögen es vom Himmel herab sein, die die Gesellschaft beschützen und unterstützen in ihrer Sendung, die diese in unsrer Zeit, die von so vielen sozialen, kulturellen und religiösen Herausforderungen gekennzeichnet ist, verfolgt.

Wie könnte bei dieser Gelegenheit der gültige Beitrag, den die Gesellschaft dem Tun der Kirche auf verschiedenen Feldern und auf vielerlei Art und Weise anbietet, nicht anerkannt werden? Ein wirklich großer und verdienstvoller Beitrag, den nur der Herr in angemessener Weise vergelten kann! Wie bereits meine verehrten Vorgänger, die Diener Gottes Paul VI. und Johannes Paul II., nehme auch ich gerne die Gelegenheit dieser Generalkongregation wahr, diesen Beitrag hervorzuheben und Eurem Nachdenken einige Erwägungen vorzulegen, die Euch Ermutigung und Stimulus sein können, das Ideal der Gesellschaft immer besser umzusetzen, in voller Treue zum Lehramt der Kirche, wie sie in der folgenden Formulierung, die Euch so vertraut ist, ihren Ausdruck findet: »Kriegsdienst leisten für Gott unter dem Banner des Kreuzes, und allein dem Herrn und der Kirche, seiner Braut, unter dem Römischen Papst, Stellvertreter Christi auf Erden, zu dienen« (Bulle Exposcit debitum). Es handelt sich um eine besondere Treue, die für nicht wenige von Euch in einem Gelübde des unmittelbaren Gehorsams »perinde ac cadaver« gegenüber dem Nachfolger Petri feierlich bestätigt ist. Diese Treue von Euch, die das unterscheidende Zeichen Eures Ordens ausmacht, braucht die Kirche von heute besonders, wo es darauf ankommt, die einzige und unveränderliche Heilsbotschaft, die das Evangelium ist, unseren Zeitgenossen zu übermitteln, die von so vielen unterschiedlichen Stimmen abgelenkt sind – »nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Wort Gottes«, das in jenen wirkt, die glauben.

Damit das verwirklicht wird, ist es unerläßlich, wie bereits der geliebte Johannes Paul II. die Teilnehmer der 34. Generalkongregation erinnerte, daß das Leben der Mitglieder der Gesellschaft Jesu, wie auch ihre Forschungen in der Lehre, immer von einem wahren Geist des Glaubens und der Gemeinschaft in »demütiger Syntonie mit den Vorgaben des Lehramtes« (Insegnamenti XVIII/1, 1995, pp. 25–32) animiert sei. Ich wünsche von Herzen, daß diese Kongregation das authentische Charisma des Gründers bestätigt, um alle Jesuiten zu ermutigen, die wahre und gesunde katholische Lehre zu fördern. Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre lernte ich die wertvolle Mitarbeit von Jesuiten als Konsultoren und Experten schätzen, die in voller Treue zu ihrem Charisma, in beträchtlicher Weise zur Förderung und zur Rezeption des Lehramts beigetragen haben. Das ist sicherlich keine leichte Aufgabe, besonders, wenn man gerufen ist, das Evangelium in sehr verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten zu verkünden und man einer Vielzahl verschiedener Mentalitäten gegenübersteht. Ich schätze deswegen sehr die Mühe, die in den Dienst Christi gestellt wird, eine Mühe, die fruchtbar ist für das wirkliche Gut der Seelen in dem Maß, in dem man sich vom Heiligen Geist führen läßt und am Lehramt orientiert, entsprechend jenen Schlüsselprinzipien für die kirchliche Berufung des Theologen, wie sie in der Instruktion Donum veritatis dargelegt sind.

Das Werk der Evangelisation der Kirche zählt deswegen sehr auf die Verantwortlichkeit in der Ausbildung, die die Gesellschaft auf dem Feld der Theologie, der Spiritualität und der Mission ausübt. Um der ganzen Gesellschaft Jesu eine klare Ausrichtung zu geben, die Unterstützung ist für eine großzügige und treue apostolische Hingabe, wäre es heute wie noch nie nützlich, wenn die Generalkongregation, im Geist des hl. Ignatius, ihr vollständiges Festhalten an der katholischen Lehre bestätigt, besonders in einigen neuralgischen Punkten, die heute von der säkularen Kultur sehr stark angegriffen werden, wie zum Beispiel das Verhältnis von Christus und den Religionen, einige Aspekte der Theologie der Befreiung sowie verschiedene Punkte der Sexualmoral, besonders, was die Frage der Unauflöslichkeit der Ehe und die Pastoral für die homosexuellen Personen betrifft. Sehr verehrter, lieber Pater, ich bin überzeugt, daß sich die Gesellschaft der historischen Wichtigkeit dieser Generalkongregation bewußt sein wird und, unter der Führung des Heiligen Geistes, noch einmal, wie der geliebte Johannes Paul II. im Januar 1995 sagte, »ohne Zweideutigkeit und ohne Zögern ihren spezifischen Weg zu Gott, wie ihn der hl. Ignatius in den ›Formula Instituti‹ dargelegt hat« bestätigen wird: »die liebende Treue zu Eurem Charisma wird so zur Quelle neuer Fruchtbarkeit werden« (Insegnamenti XVIII/1, 1995, 26). Auch die Worte, die mein verehrter Vorgänger Paul VI. bei anderer Gelegenheit an Euch richtete, sind aktueller denn je: »Wir müssen alle wachsam sein, damit die notwendige Anpassung nicht auf Kosten der fundamentalen Identität oder des essentiellen Charakters des Jesuitseins geht, wie es in der ›Formula Instituti‹ beschrieben ist, wie es die Geschichte und die eigene Spiritualität des Ordens vor Augen stellen, und wie sie die authentische Interpretation der Bedürfnisse der heutigen Zeit zu fordern scheint« (Insegnamenti XII, 1974, 1181f.).

Die Kontinuität der Lehren der Nachfolger Petri zeigt die große Aufmerksamkeit und Sorge, die diese gegenüber den Jesuiten zum Ausdruck bringen, ihre Wertschätzung für Euch und den Wunsch, sich immer auf den wertvollen Beitrag der Gesellschaft für das Leben der Kirche und die Evangelisierung der Welt verlassen zu können. Der Fürbitte des heiligen Gründers und aller Heiligen des Ordens und dem mütterlichen Schutz Marias vertraue ich die Generalkongregation und die ganze Gesellschaft an, damit jeder geistliche Sohn des hl. Ignatius »zuerst Gott, dann die Art und Weise dieses Instituts« vor Augen haben möge (Formula Instituti, 1). In diesem Sinne versichere ich Euch meines beständigen Gedenkens im Gebet und erteile Ihnen, verehrter Pater, allen Patres der Generalkongregation und der ganzen Gesellschaft Jesu meinen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 10. Januar 2008

BENEDICTUS PP. XVI

 

 

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