Brief von Professor Mokrani, einem bekennenden Muslim, an seinen ermordeten Freund P. Ragheed Aziz Ganni

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ROM, 9. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung des Briefes, den Professor Adnam Mokrani posthum an seinen irakischen Freund Pfarrer Ragheed Aziz Ganni geschrieben hat.



P. Ragheed, der sieben Jahre in Rom studierte hatte, fiel am Dreifaltigkeitssonntag zusammen mit drei seiner Gehilfen in der nordirakischen Stadt Mosul einem Mordanschlag zum Opfer. Sein muslimischer Freund Mokrani unterrichtet an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.

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Im Namen des Anteil nehmenden und barmherzigen Gottes

Ragheed, mein Bruder!

Ich bitte Dich um Vergebung, dass ich nicht bei Dir war, als jene Kriminellen das Feuer gegen Dich und Deine Brüder eröffnet haben. Die Kugeln, die Deinen reinen und unschuldigen Leib durchdrangen, haben auch mein Herz und meine Seele durchdrungen.

Du warst einer der ersten Menschen, die ich in Rom kennen lernte. Wir begegneten uns in den Sälen des Angelicum, und in der Cafeteria der Universität tranken wir einen Cappuccino. Deine Unschuld, Deine Freude und Dein reines und sanftes Lächeln, das Dich nie verließ, haben mich tief beeindruckt.

Ich sehe Dich stets lächelnd vor mir, voller Freude und Lebenslust. Ragheed bedeutet für mich die Unschuld in Person - eine weise Unschuld, die das Leid der betrübten irakischen Bevölkerung in ihrem Herzen trägt. Ich kann mich noch an jene Zeit erinnern, als über den Irak eine Embargo verhängt wurde und Du mir in der Mensa der Universität sagtest, dass der Preis eines einzigen Cappuccino den Tagesbedarf einer irakischen Familie decken würde.

Du sagtest das so, als würdest Du Dich schuldig fühlen, so weit entfernt zu sein von Deinem verfolgten Volk, nicht in der Lage, an seinem Leid teilzunehmen...

Tatsächlich kehrtest Du in den Irak zurück, und zwar nicht nur um an den Leiden und dem Schicksal Deines Volkes teilzuhaben, sondern auch, um Dein Blut zu vergießen – zusammen mit dem Blut von Tausenden von Irakern, die täglich ermordet werden. Niemals werde ich den Tag Deiner Priesterweihe [13. Oktober 2001, Anm. d. Red.] in der Universität Urbaniana vergessen… Mit Tränen in den Augen sagtest Du mir: „Heute bin ich für mich gestorben“ (...).

Das waren schwierige Worte. Ich habe sie nicht sofort verstanden; oder vielleicht habe ich sie auch nicht so ernst genommen, wie ich es hätte tun sollen... Aber heute – durch Deinen Märtyrertod – habe ich diesen Satz verstanden... Du bist in Deiner Seele und in Deinem Leib gestorben, um in Deinem Geliebten, in Deinem Lehrer, erhöht zu werden, und damit Christus in Dir erhöht würde - trotz des Leids, der Schmerzen, des Chaos und der Raserei.

Im Namen welches Gottes des Todes haben sie Dich umgebracht? Im Namen welches Heidentums haben sie Dich gekreuzigt? Wussten sie wirklich, was sie taten?

Oh Gott, wir bitten nicht um Rache oder Vergeltung. Wir bitten Dich um den Sieg: den Sieg der Gerechtigkeit über die Falschheit, des Lebens über den Tod, der Unschuld über den Verrat, des Blutes über das Schwert...

Dein Blut wurde nicht umsonst vergossen, lieber Ragheed, denn mit ihm hast Du den Boden Deines Landes gesegnet. Und vom Himmel her wird Dein sanftes Lächeln weiterhin die Dunkelheit unserer Nächte erhellen und uns einen besseren Morgen verkünden.

Ich bitte Dich um Vergebung, Bruder, dass die Lebenden, wenn sie einander begegnen, meinen, dass ihnen alle Zeit der Welt zur Verfügung stünde, um miteinander zu reden, einander zu besuchen und ihre Gefühle und Gedanken miteinander zu teilen. Du hast mich in den Irak eingeladen... Ich habe von diesem Besuch geträumt, davon, Dein Haus zu sehen, Deine Eltern, Dein Amt... Es kam mir niemals in den Sinn, dass es Dein Grab wäre, das ich eines Tages besuchen würde, oder dass es die Verse meines Korans wären, die ich für den Frieden Deiner Seele aufsagen würde...

Eines Tages, vor Deiner ersten Reise, die Du nach einer langen Zeit der Abwesenheit in den Irak unternommen hast, begleitete ich Dich, um Souvenirs und Geschenke für Deine Familie zu kaufen. Du sprachst mit mir über Deine zukünftige Arbeit: „Ich würde den Menschen gern unter der Prämisse vorstehen, dass die Nächstenliebe vor der Gerechtigkeit kommt“, so sagtest Du.

Es war nicht leicht für mich, Dich mir als einen „kirchlichen Richter“ vorzustellen... Heute haben Dein Blut und Dein Märtyrertod für Dich gesprochen: ein Urteil der Treue und der Geduld, ein Urteil der Hoffnung entgegen allen Leids, ein Urteil des Überlebens trotz des Todes, trotz allem.

Bruder, Dein Blut wurde nicht umsonst vergossen, und der Altar Deiner Kirche war keine Maskerade... Du hast Deine Aufgabe mit tiefer Ernsthaftigkeit bis zum Ende erfüllt, mit einem Lächeln, das niemals ausgelöscht wird ... niemals.

Dein Dich liebender Bruder,

Adnam Mokrani
Rom,4. Juni 2007
Professor für Islamische Studien am Institut für das Studium der Religion und Kultur,
Päpstliche Universität Gregoriana


[ZENIT-Übersetzung aus dem Englischen]