Brot, Spiele und der Krieg um das ungeborene Leben

Die Präsidentschaftswahlen in den USA im historischen Kontext

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Von Elizabeth Lev*

Während der letzten Tage vor den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten hat die Unterhaltungsindustrie, die eine Wiederwahl von Präsident Barack Obama befürwortet, – ähnlich einem Beschwörungsritual – immer wieder für die Förderung der „reproduktiven Rechte“ geworben. Stars und alternde Schönheitsköniginnen sind aus der Versenkung aufgetaucht, um auf Stimmenfang für die Wichtigkeit einer „geplanten Elternschaft“ („Planned Parenthood“ – der Welt größter Abtreibungsapparat) zu gehen, um für die Notwendigkeit zu plädieren, dass Empfängnisverhütung steuerlich begünstigt werde (einschließlich der Verwendung von abtreibenden Mittel und Maßnahmen wie Sterilisierung) und um gegen den angeblichen „Krieg“, den die Republikanische Partei „gegen die Frau“ führe, das Wort zu ergreifen.

In einem Land, das tatsächlich vom Terrorismus bedroht wird (siehe der vor kurzem an dem US-Botschafter Chris Stevens verübte Mord), das eine ernsthafte wirtschaftliche Krise durchmacht und im Falle des Wirbelsturms Sandy mit einer natürlichen Katastrophe zu kämpfen hat, erscheint diese Fixierung auf das Thema Sex und Unterhaltung recht grotesk —doch für Kenner der Geschichte klingt das alles seltsam bekannt. Eine ähnliche Kampagne führte im Jahre 70 n.Chr. Kaiser Vespasian durch, als er die Römer mit den Spielen im Kolosseum von den drohenden Flammen, dem Ruin und der Invasion ablenken wollte.

Das Kolosseum, besser bekannt unter dem Namen Flavisches Amphitheater, ist wahrscheinlich das bekannteste Denkmal des Antiken Roms. Millionen von Menschen begeben sich jedes Jahr zu seinen skelettartigen Überresten und erfreuen sich an den Geschichten über Gladiatoren, staunen über seine Größe und stellen sich in der Todesarena neben kostümierten römischen Soldaten auf, um zusammen mit ihnen fotografiert zu werden.

Die Begegnung mit dem Flavischen Amphitheater wäre jedoch – etwa so wie die Begegnung mit den kolossalen Überresten des Tyrannosaurus Rex – wesentlich unangenehmer, wenn es sich heute noch in Funktion befände. Das Gebäude sollte nicht nur der Belustigung dienen, sondern auch dazu, gewisse Lehren zu ziehen.

Das Kolosseum wurde während einer Ära des Kaiserreiches erbaut, in der dieses sehr zerbrechlich war. Nach dem großen Feuer Roms hatte Nero sich nicht nur als seines hohen Titels „Augustus“ unwürdig erwiesen, sondern auch die Stadt ihrer Menschen und ihres Reichtums beraubt. Sein goldenes Haus, das sich inmitten der erstklassigen Grundstücksareale Roms befand, war nur das Tüpfelchen auf dem „i“ gewesen, das die Bevölkerung zur Verzweiflung brachte, die dann rebellierte und den Kaiser zwang, die Stadt zu verlassen, woraufhin er letztlich Selbstmord beging.

Auf diese Weise trat der nächste Kaiser, Vespasian, das Erbe eines Kaiserreichs an, in dem viele aufgebracht waren. Geschäfte waren verloren gegangen, Lebensersparnisse verschleudert und viele Menschen waren umgekommen. Es war in der Tat ein eher schwieriges Geschäft, die Römer davon zu überzeugen, dass das Kaiserreich eine bessere Option war als die kurz zuvor abgeschaffte Republik. Vespasian, dessen größte Gabe wohl darin bestand, sich als „Kaiser des Volkes“ zu geben (in Geschichtsbüchern sind viele bissige Witze von großem Realismus aufgezeichnet, die uns selbst heute noch ein Lächeln abringen), fand einen Weg, die steigende Unzufriedenheit einzudämmen: mithilfe der Unterhaltungsindustrie.

Der Einfall stammte nicht ganz von ihm selbst. Mit der Anklage, es bereite die Grundlage für Rebellionen vor, hatte die Römische Republik das Theater für gesetzeswidrig erklärt, denn demnach schlug es die Tatenlosen mit tragischen Geschichten in Bande, die dazu geeignet waren, Widerspruch heraufzubeschwören. Pompeius der Große fand im Jahre 52 v.Chr. einen Weg, dieses Gesetz zu umgehen, und wurde dadurch zum Liebling des Volkes. Julius Cäsar, der kein Mensch war, der sich einen Vorteil hätte entgehen lassen, beeilte sich, ein weiteres Theater zu bauen, dessen Vollendung er aber nie sehen sollte.

Die erfolgreiche demagogische Ader der ersten Kaiser hinterließ Vespasian nicht unbedarft, denn er wusste, dass das Volk ihm schneller willfährig würde, indem er ihm Unterhaltung– was man im Kaiserreich als „munera“ oder „Geschenke“ bezeichnete – gab, als wenn er an Menschenliebe und Pietät (zwei unter den Römern hoch geschätzte Eigenschaften) appellieren würde.

Der römische Dichter Juvenal – ein Zeuge der ersten Jahre des Kolosseums – hatte einen klaren Blick dafür, dass sich die moralischen Grundlagen des Kaiserreiches im Schwanken befanden. In seiner 10. Satire heißt es mit klagender Stimme:

„Die Öffentlichkeit hat sich schon seit langem der ihr obliegenden Sorgen entledigt; das Volk, das einst Befehlsschaften, Anwaltsposten, Legionen und vieles mehr verlieh, gibt sich damit nicht länger ab und sehnt sich nur gierig nach zwei Dingen: Brot und Spiele!“

So sah Rom zur Zeit des Vespasian aus, ein Volk, das sich nur um die eigenen Wünsche kümmerte, das das Wohl der Nation und seiner edleren Tätigkeiten ignorierte und nur danach strebte, gefüttert und amüsiert zu werden. In dieser Welt konnte ein Gladiator wie Spartakus, dessen Kühnheit in der Arena mit der Fähigkeit, die politischen Geschicke zu leiten, verglichen wurde, sich erheben und das Volk mitreißen.

Unser modernes Zeitalter wirft zwar keine verurteilten Verbrecher und Kriegsgefangene in den Ring, um sie dort zum Amüsement der Allgemeinheit sterben zu lassen, doch dank der Filmindustrie und der Videospiele wird dieser Hunger des Menschen noch immer vollauf gestillt.

Wie die Zeit der Römer siehtg unsere Zeit im Sex die beste Form von Unterhaltung, die ungezügelten Fähigkeit, Lust zu spüren, ganz gleich wann und wie man will. Scheinbar friedlicher als die Mörder in der Arena ermutigt eine über Bord gehende Sexualität die Menschen dazu, einander zum Amüsement auszubeuten, und tut dies unter dem Vorwand, es handele sich um einen harmlosen Zeitvertreib – solange beide Teilnehmer einverstanden sind. Der Philosoph Seneca, der die Spiele noch vor der Zeit des Kolosseums anschaute, hatte schon verstanden, wie ein wenig „harmlose Unterhaltung“ das Volk verwandeln würde. Er schrieb:

„Nichts wirkt zerstörerisch auf einen guten Charakter, als wenn er die eigene Zeit mit irgendeinem Spektakel totschlägt. Laster schleichen sich dadurch ein, dass sie ein Lustgefühl auslösen. Was meinen Sie, weshalb ich Ihnen sage, dass ich persönlich von einer Show habgieriger, ehrgeiziger und mit einer größeren Neigung zum Luxus zurückkehre?”

Papst Benedikt XVI. hat die zwanghafte Beschäftigung mit der Sexualität als eine Art Wirklichkeitsflucht bezeichnet, die mit der Drogenabhängigkeit zu vergleichen ist. In seinem Buch „Licht der Welt“ weist der Heilige Vater im Zusammenhang mit dem Thema Sextourismus und Drogenabhängigkeit darauf hin, dass der Westen ein Bedürfnis nach diesen „Drogen“ empfindet, denn er hat „eine Sucht nach Glück entwickelt, die sich nicht mit den Dingen, so wie sie sind, zufrieden geben kann… Darin sind außerordentlich zerstörerische Prozesse am Werk, die ihren Ursprung in der Arroganz und der Langeweile sowie der falschen Freiheit der Westlichen Welt haben.“

Ein heidnischer Philosoph und ein katholischer Theologe sollten also im Einklang stehen?

Doch fordern diese modernen Spiele keine Opfer? Zieht sich wirklich keiner eine Verletzung zu? In der Arena warfen die Römer dem Pöbel wenigstens abgeurteilte Verbrecher zur Vergnügung vor, Männer, die gegen das Kaiserreich gekämpft oder seine Gesetze in schwerwiegenden Dingen überschritten hatten. In den Augen des römischen Volkes hatten diese Menschen, indem sie die Befehlsgewalt und Ordnung des Kaiserreichs herausgefordert hatten, ihren Wert als menschliche Wesen verloren.

Heute sind diejenigen, die für die Gelüste der Bürger hingeopfert werden, völlig unschuldig: Es sind ungeborene Kinder. Wie gern wir sie auch trennen würden, Sexualität und Menschenleben sind immer noch miteinander verwoben. Doch nach der brutalen Agenda der „reproduktiven Rechte“ werden die Ungeborenen wie die abgeurteilten Verbrecher Roms behandelt – als etwas Geringeres als Menschen, als ein unerwünschtes Nebenprodukt von Schlafzimmergeschichten. Jeder US-amerikanische Steuerzahler bezahlt hiermit uneingeschränkte Abtreibungsmaßnahmen und eine Empfängnisverhütung, die abtreibende Mittel beinhaltet, und führt somit Krieg gegen unschuldiges Leben. In Vespasians Amphitheater war der Zutritt zu den Spielen frei, ein Geschenk, das der großherzige Kaiser mit der Beute von militärischen Feldzügen finanzierte, doch auf dem Kampfplatz der Abtreibung wird jeder US-Amerikaner, der für seine Familie arbeitet, für des Kaisers unsaubere Kupplergeschäfte zur Kasse gebeten.

Es gibt natürlich viele Fälle, in denen man aufgrund von gewissen Härten, von Gewalt und sehr schwierigen Situationen, Zuflucht in Abtreibung und Verhütung sucht, doch Planned Parenthood ist nicht zu einem 4-Milliarden-Dollar-Geschäft geworden, weil es Frauen zu Diensten steht, die der Vergewaltigung und der Blutschande zum Opfer gefallen sind. Die Abtreibungslobby hat die Obama-Kampagne mit 12 Millionen Dollar unterstützt, und Cecile Richards, die Präsidentin von Planned Parenthood, hat sich vom Amt beurlauben lassen, um rund um die Uhr für Obama zu werben.

Wenn diejenigen, die das Recht zur Abtreibung fördern, dieselben sind, die sexuell provokative Unterhaltung produzieren, dann unterstützen sie damit jedenfalls nicht Opfer von Vergewaltigung. Die Playboy Stiftung, die als großer Spender für Planned Parenthood ausgewiesen ist, tut dies nicht aus Sorge um die Opfer von Vergewaltigung und Blutschande, sondern sucht damit die unerwünschten Konsequenzen des zügellosen Lebensstils auszulöschen, den sie fördert. Ein Fernsehkanal, der den ersten Wahlgang mit dem Verlust der Jungfräulichkeit vergleicht, scheint mit dem Kurs jener Leute mithalten zu wollen, die den Versuch anstellen, junge Menschen bis in die Wahlkabinen hinein zu locken.

Leider hat unter den Stars wie Scarlett Johansson und Eva Longoria, auch Meryl Streep erklärt, dass der Kreuzzug gegen eine Förderung von Planned Parenthood und für die Schaffung von gesetzlichen Beschränkungen gegen die Abtreibung einem „Krieg gegen die Frau“ gleichzusetzen sei. Sie steht da wie ein moderner Spartakus, der dazu bereit ist, andere für eine schlecht überlegte und böse endende Sache zu gewinnen. Tatsächlich haben sich zahlreiche Schauspieler und Schauspielerinnen zugunsten der ganz und gar freizügigen Position der gegenwärtigen Regierung gegenüber der Abtreibung ausgesprochen.

Wenn die Römer und Griechen sich auch von den Spielen verführen ließen, so waren sie jedoch nie so dumm, den Worten eines Schauspielers Glauben zu schenken. Das griechische Wort für Schauspieler „hypocrites“ wurde – wenigstens von den griechisch sprechenden Autoren des Neuen Testaments – dahingehend verstanden, dass es jemanden bezeichnete, in dem Wort und Tat sich nicht decken. Schauspieler werden dafür bezahlt, dass sie uns glauben machen, sie seien Außerirdische oder Engel, Präsidenten oder Prostituierte. In der Tat spielen viele moderne „hypocrites“ unter den eigenen Fans den herausgeputzten edlen Künstler, doch woanders bieten sie nur Zahnpasta für Habichte und Spirituosen in Werbeplakaten an. Sind dies jedoch die Menschen, die für US-Amerikaner ein Beispiel in Bezug auf die Entscheidungen sein sollten, die das Los ihrer Kinder und Kindeskinder angehen?

In der antiken Welt meldeten sich Gelehrte und Philosophen zu Wort, um die Verrücktheit der Regime, die ihr Volk mit Brot und Spielen manipulierten, zu brandmarken. In unserer eigenen „Schönen Neuen Welt“, brauchen wir solche Anwälte der Vernunft mehr denn je.

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*Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension in ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]