Brüderliche Zurechtweisung

Impuls zum Sonntagsevangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 2. September 2011 (ZENIT.org). - Im Sonntagsevangelium „spricht Jesus zu seinen Jüngern”, aber nicht nur Petrus, Andreas und Philippus, sondern wir alle sind, wie immer, genauso gemeint: Der Herr möchte, dass wir das gleiche tun, was er tun würde, wenn er jetzt an unserer Stelle wäre – im Grunde eine sehr zeitgemäße und ansprechende Form von Interaktion.

Er selber kann nicht mit jedem einzelnen Menschen sprechen (sprechen mit der Absicht, ihm auf seinem Lebensweg Orientierung zu geben), aber wir können es. Freilich sind wir alle, im Gegensatz zu Christus, irrtumsfähig, und es ist schon wichtig, dass wir, wenn wir anderen raten, auch den richtigen Rat geben. Wie wichtig ist also die häufige Lektüre des Evangeliums, denn dort werden uns ständig Anregungen gegeben, was und wie wir reden sollen, um die Menschen, die wir lieben, zu Gott zu führen!

Die Ratschläge, die wir nach den Vorstellungen des Herrn geben können, sind oft sehr einfach. Das Reich Gottes ist nicht den Genies vorbehalten.

Heute regt uns der Herr an, den Bruder (die Schwester) zurechtzuweisen, wenn es nötig ist. Aber sogleich tut sich ein kleines Problem auf: wie steht es mit meiner Absicht? Wenn der andere einen Fehler macht, der womöglich auch noch mich in Mitleidenschaft zieht, wie reagiere ich dann? Werde ich schimpfen, sein Verhalten tadeln, vielleicht sogar in Kauf nehmen, dass er vor anderen blamiert dasteht? Das alles soll nicht sein! Wir hatten uns ja vorgenommen, dem Nächsten zu helfen, nicht ihn zurückzusetzen. Also muss alles weggeschafft werden, was meiner eigenen Person zur Befriedigung dient.

Aus diesem Grunde muss ich selbst zunächst zur Ruhe kommen, niemals im Affekt ihm einen Tadel „verpassen”, denn es darf nicht darum gehen, dass ich mein Mütchen kühle. Wenn der andere etwas getan hat, was mich geärgert hat, muss ich zunächst im Gebet (und das Gebet ist da unerlässlich) den Ärger überwinden. Die natürliche Regung mich zu „rächen” muss eliminiert werden. Allerdings sollte ich auch und gerade dann die sog. brüderliche Zurechtweisung machen, wenn meine Person gar nicht betroffen ist. Danach, ebenfalls im Gebet, sollte ich überlegen, ob ich nicht vielleicht denselben Fehler auch mache.

Und schließlich, wenn ich wieder ruhig bin, sollte ich ihm sagen: „Mein Lieber, du hast das und das gesagt (gemacht, unterlassen o.ä.). Das scheint mir nicht so gut gewesen zu sein (das wird er verstehen, man muss die Handlung nicht total abqualifizieren).  Ich werde außerdem mit ihm unter vier Augen reden, denn sobald ein Dritter oder gar mehrere dabei sind, kann er es nicht annehmen. Und darum geht es ja, dass er die Zurechtweisung annimmt und in Zukunft den Fehler erkennt und unterlässt.

Das scheint mir eine wahre gute Tat zu sein, wirkliche Nächstenliebe, denn die Nächstenliebe hat ja nicht nur zum Inhalt, dem anderen in materiellen Dingen beizustehen (den Hungrigen sättigen, den Kranken besuchen, dem Armen in der Dritten Welt Almosen zu geben), sondern vor allem dazu beizutragen, dass er das „Klassenziel” erreicht, nämlich das ewige Leben.

Es geht nicht darum, die Menschen zu ändern oder gar nach unserem Muster zurecht zu schneidern. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: „Die Menschen ändern sich nicht, sie werden nur besser oder schlechter”. Und genau darum geht es – dass sie besser werden, dass sie in den Tugenden Fortschritte machen und schließlich die wahre christliche Reife erlangen, das „Vollalter Christi”, wie der Apostel sagt. Ein anderer werden muss er (sie) nicht, der Preusse kann Preusse bleiben und der Bayer Bayer. Aber in seinem Denken und Verhalten ständig Verbesserungen suchen – das sollte das Ziel sein.

Was aber auch hier, wie überall gilt, ist die Notwendigkeit der göttlichen Hilfe, der Gnade. Auch das ruft uns Jesus heute in Erinnerung: das Gebet und vor allem das gemeinschaftliche Gebet ruft seine Gegenwart herbei: „Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen”.

Der Herr will sich unser bedienen. Und wenn wir denken, dazu bin ich ungeeignet, dann haben wir in diesen Worten die Gewissheit, dass unsere Schwachheit und Unzulänglichkeit durch seine Gegenwart ausgeglichen wird, die spielend dazu in der Lage ist, die Fehler eines Menschen zu überwinden.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.