Budapester Stadtmission 2007 – neue Akzente in der Evangelisierung Europas

Interview mit Koordiantor Pater Miklós Blanckenstein

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BUDAPEST, 13. September 2007 (ZENIT.org).- Die offizielle Eröffnung der Budapester Stadtmission steht kurz bevor. Nach Wien, Paris, Lissabon und Brüssel wird der Internationale Kongress für Neuevangelisierung am kommenden Sonntag (16. September) in der ungarischen Hauptstadt eröffnet werden und bis Samstag, dem 22. September, andauern.



ZENIT sprach deshalb mit dem Koordinator der Budapester Stadtmission 2007, Miklós Blanckenstein. Der Pastoralvikar der Erzdiözese Esztergom-Budapest und Rektor des Erzbischöflichen Priesterseminars in Esztergom äußerte sich zum Stand der Vorbereitungen. Darüber hinaus erklärte der Priester, welche Hoffnungen mit diesem Ereignis für die Erneuerung des christlichen Lebens in Ungarn verbunden sind.

ZENIT: Budapest gehört zu jenen europäischen Hauptstädten, die sich ebenso wie Wien, Paris, Lissabon und Brüssel für die Stadtmission entschieden haben. Wie ist es dazu gekommen?

Pater Blanckenstein: Eine wichtige Frage in Anbetracht der Tatsache, dass die Initiatoren der Stadtmissionen es sich nicht als Ziel gesteckt hatten, dass zu den vier Hauptstädten, die den Auftakt gemacht haben, noch weitere hinzukämen. Erwartet wurde vielmehr, dass die Idee Gefallen finde und sich neue Vierer- oder bis Fünfergruppen aus anderen Hauptstädten bilden würden. Dies hätte auch gleichzeitig stattfinden können. Es freut mich nun zu sehen, dass interessierte Beobachter dazu nach Budapest kommen werden.

Ihre Frage, wie Budapest in die erste Gruppe von Hauptstädten gekommen ist, ist berechtigt. Unser Oberhirte, Kardinal Peter Erdö, der im Frühjahr 2003 sein Amt antrat, kündigte sogleich eine Mission in den Pfarrgemeinden an. Auf seine Einladung hin gab es viele positive Reaktionen, weil es in einem postkommunistischen Land im Bereich der Glaubensweitergabe sehr viel zu tun gibt.

Ich selbst war im Frühjahr 2003 vor der Wiener Stadtmission in Paris und sprach mit dem damaligen Weihbischof Monsignore D’Ornellas über eine mögliche Einbindung Budapests. Kardinal Lustiger, einer der Hauptinitiatoren, bat unseren Oberhirten, dass sich Budapest der Reihe der Veranstaltungsorte anschließen möge. Kardinal Peter Erdö, der inzwischen Vorsitzender des Rates der Europäischen Bischofkonferenzen ist, antwortete auf diese Anfrage mit Zustimmung. So kam es dazu, dass in Wien nicht nur die Oberhirten von vier, sondern von fünf europäischen Hauptstädten anwesend waren, die sich der Evangelisierung verpflichtet fühlten.

ZENIT: Könnte man den Internationalen Kongress für Evangelisierung sozusagen als missionarische Initiative für Europa begreifen?

Pater Blanckenstein: Ich möchte diese Frage entschieden mit Ja beantworten. Vor kurzem schrieb einer unserer Priesteramtskandidaten eine Diplomarbeit über das Verständnis der Neuevangelisierung in der Lehre von Papst Johannes Paul II. Die Aufgaben sind die Folgenden: Durch das Gebet, das Handeln und das Zeugnis wird eine beständig wachsende Gemeinschaft auf Ebene der Diözese, der Gemeinde und auf andere Ebenen aufgebaut. Es kommt zur Erneuerung der karitativen Einrichtungen. Es wächst der Mut gegenüber den unterschiedlichen Sichtweisen der Mitmenschen. In der Heiligen Schrift und in den Sakramenten lässt sich Christus neu erkennen. Und durch die persönlichen Zeugnisse in der Kultur und im öffentlichen Leben wird gezeigt, dass der Geist auch heute noch ganz konkret wirkt.

Ich könnte mit dieser Aufzählung weiter fortfahren, aber ich glaube, dass sich schon darin das Programm von Papst Johannes Paul II. für das dritte Jahrtausend deutlich zu erkennen gibt. Die durchgeführten Stadtmissionen in den vier Hauptstädten und die bisher im Rahmen der Vorbereitung auf die Budapester Stadtmission gemachten Erfahrungen zeigen in diesen Bereichen reiche und erfreuliche Früchte.

ZENIT: Welche Erfahrungen haben Sie in den letzten Monaten bei der Vorbereitung dieses außergewöhnlichen Netzwerks zur Verwirklichung der Stadtmission gemacht?

Pater Blanckenstein: Die Skeptiker und Neugierigen erkundigten sich immer, ob es Erfolge zu vermelden gibt, ob sich viele in den betroffenen europäischen Großstädten bekehrt haben. Ich kann zwar nicht über mehrere hunderttausend frisch bekehrte Katholiken berichten, aber doch von Interessierten und von einer Aufwertung des Katechumenats.

Überall sprach man davon, dass die Katholiken sich bewusst geworden seien, dass Gott durch sie wirke und sie begannen gemeinsam zu beten. Die Angesprochenen entdeckten, wie wichtig eine gastfreundliche Gemeinschaft für das gemeinsame Handeln, die Phantasie und für die Eingeladenen ist.

Die Gemeinden und Bewegungen erlebten die Früchte und die Freude der Zusammenarbeit. Viele Priester erkannten, dass sie auf die weltlichen Mitbrüder und -schwestern zählen können und vielen Laien wurde bewusst, dass man nicht die Stelle des Priesters einnehmen muss, sondern die eigene Berufung in einer sich entfaltenden Gemeinde finden kann.

Ebenso wurde überall davon berichtet, dass in einer liberalen, ultrakonservativen, antiklerikalen und marxistischen Umgebung die Wirkung der mutigen und ungewöhnlichen Initiative von den Medien nicht nur – wie gewohnt – Kritik erntete, sondern auch auf Anerkennung stieß.

ZENIT: Der letzte Kongress in Brüssel erreichte besonders viele junge Christen. Welche Chancen sehen Sie nun in Budapest, um jungen Menschen den Glauben anzubieten?

Pater Blanckenstein: Unter jungen Christen verstehe ich die Altersgruppe der 18- bis 35-jährigen Erwachsenen. Der aktive Teil unserer Bewegungen und Gemeinden besteht aus dieser Altersgruppe. Wenn sie ihre Aufgaben gut erfüllen, gibt es für die Kinder und Jugendlichen Orte, an denen sie in den Glauben hineinwachsen können. In der Regel sind es gerade die jungen Christen, die alles bewegen. Sie geben sich am Arbeitsplatz Mühe, sind ihren Partnern treu und entscheiden sich, mehrere Kinder zu haben.

Auf dem Kongress selbst wird man wenige von ihnen treffen, da sie viele Veranstaltungsorte mitgestalten und die dem Glauben offenen Eltern und Kinder ansprechen und empfangen.

Natürlich gibt es auch speziell auf Kinder und Jugendliche zugeschnittene Programme. Die Angebote reichen über den musikalischen, den schauspielerischen bis hin zum sportlichen Bereich. Uns ist bekannt, dass über 90 Kinder- und Familiengruppen sich an den Vorbereitungen beteiligen.

ZENIT: Die Stadtmission als Glaubensfest ist ein geistliches Ereignis. Welche Chancen sehen Sie, dass die Wirkung über diese spirituelle Dimension hinausgeht?

Pater Blanckenstein: Für unsere heutige Welt ist es typisch, einzelne Manager hochzuhalten, was allerdings zu stagnierenden Unternehmen führt. Der Eigentümer bezahlt einen Fachmann, um dadurch einen großen Gewinn zu machen. Entsprechend den Spielregeln der Globalisierung ist der Mensch darin unwichtig – allein sein Nutzen zählt. Infolgedessen wird ein Unternehmen bewusst in den Konkurs geführt oder der Firmenstandort, aufgrund der günstigeren Arbeitskräfte, nach China verlegt.

Die Kirche ist jedoch kein solches Unternehmen. Der erste Schritt ist, dass wir Gottes Handeln Raum geben und mit Freude der Spur seines Wirkens folgen. Der zweite Schritt besteht darin, seinen Unterweisungen in unserem Leben zu folgen.

Wir finden nun die wahre Umkehr, wenn wir uns aktiv Gott überlassen. Es steht in Gottes Geheimnis und Freiheit, wann er was wachsen lässt. Unsere Aufgabe ist es, treu zu sein und zu wagen, mit mutigem Herzen das Leben zu leben, das wir mit der Schöpfung empfangen haben – unabhängig von zeitlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten.

Diese Hoffnung wurde von unserem Kardinal in die Mitte der Stadtmission gestellt. Dafür bin ich dankbar, denn trotz aller Probleme ist die Zeit, in der wir leben und die Welt, in der wir uns bewegen, es wert, angenommen und geliebt zu werden.

Das Evangelisierungsprogramm steht für einen alternativen Aufbau der Gesellschaft, bei der Christus der Ausgangspunkt ist und der Nächste eine wahre Person. Das meint ein „Du“, mit dem ich gemeinsam leben will.

Darauf bin ich gestoßen, als ich als 18-jähriger Seminarist zwei Jahre in der ungarischen Volksarmee verbracht habe. Das war in den Jahren 1965 bis 1967. Ich liebe diese Welt sehr. Es macht mir Mut, dass Gott hier und jetzt ganz konkret Gemeinschaft mit mir haben möchte. Das ist für mich der Kern meines Lebens als Getaufter. Ich danke Ihnen für die Möglichkeit, meine Gedanken bezüglich der Stadtmission weitergeben zu können.