"Buddy"

Unter einer komödiantischen Oberfläche besitzt der Film von Michael Herbig auch einen ernsthaften Kern um die Umkehr eines oberflächlichen jungen Mannes aus Liebe zu einer Frau

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 418 klicks

Der Fabrikantensohn Eddie (Alexander Fehling) braucht sich ums Geld gar nicht zu sorgen. Den Posten als Vorsitzender des Getränkeunternehmens seines verstorbenen Vaters bekleidet er lediglich pro forma. Für die Geschäfte ist Dr. Martin Küster (Christian Berkel) zuständig, der Eddies Vater am Sterbebett versprochen hatte, sich um das Unternehmen und um Eddie zu kümmern. Letzteres erweist sich allerdings als keine leichte Aufgabe, weil Eddie eigentlich nur das Leben in vollen Zügen genießen will. Eine Image-Kampagne der Firma zur Einführung des neuen Getränkes „energy Ü60“ führt Eddie in ein Altenheim, wo er mit der verantwortungsbewussten Pflegerin Lisa (Mina Tander) flüchtig Bekanntschaft macht. Flüchtig deshalb, weil Lisa die Werbeaktion im Allgemeinen und Eddie im Besonderen aufdringlich und grässlich findet. Die zwei Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein: Auf der einen Seite der verantwortungslose Nichtsnutz, der nur auf Äußerlichkeiten achtet. Auf der anderen Seite die früh verwitwete Mutter, die nicht nur für ihren zehnjährigen Sohn Sammy (Jann-Piet Puddu) sorgt, sondern auch eine aufopferungsvolle Arbeit hat. Keine schlechte Ausgangsbasis für eine Liebeskomödie. Denn bekanntlich ziehen sich Gegensätze an.

Wie es sich für eine solche Komödie gehört, muss jedoch bis dahin allerlei passieren, so etwa der drohende Ruin der Firma. Irgend jemand müsste Eddie wachrütteln, damit er seine Lebensführung endlich ändert. Diese Rolle übernimmt „Buddy“ (Michael Herbig), den Eddie eines Tages in seinem eingebauten Wandschrank entdeckt. Bald stellt Eddie fest, dass er als Einziger Buddy sehen kann: Weder die Polizisten, die der junge Mann ruft, um den Hausfriedensbruch zu melden, noch der Portier des Nobelhauses, in dem Eddie wohnt, sehen seinen neuen Begleiter. Kein Wunder: Buddy stellt sich als Schutzengel in der Ausbildung vor. Damit er nicht als Irrer abgestempelt wird, versucht Eddie, den Eindringling loszuwerden, indem er beispielsweise einen Psychologen konsultiert. Buddy lässt sich jedoch nicht abschütteln. Denn er will aus Eddie einen besseren Menschen machen, wobei der „Schutzengel“ ein merkwürdig großes Interesse daran hat, seinen Schützling ausgerechnet mit Lisa zu verkuppeln.

Mit seinem neuen Spielfilm „Buddy“ betritt Michael Herbig insofern Neuland, als er in seiner sechsten Regiearbeit erstmals eine Liebesgeschichte in den Mittelpunkt stellt. Allerdings verknüpft er sie mit einer klassischen „Buddy-Komödie“ (vom englischsprachigen Ausdruck „Buddy“ abgeleitet, der soviel wie Freund oder Kumpel bedeutet). Ähnlich den Figuren in den Billy Wilder-Filmen, in denen Jack Lemmon und Walter Matthau ein ungleiches Paar darstellten, muss sich irgendwann einmal Eddie mit seinem Schutzengel vertragen. Nicht nur der flügellose Schutzengel in spe erinnert außerdem an „Ist das Leben nicht schön?“ (Frank Capra, 1946). Die Charaktere von „Buddy“ weisen darüber hinaus in ihrer Menschlichkeit und dem Glauben an die Gutheit des Menschen capraeske Merkmale auf.

Verbindet Michael Herbig inhaltlich die Handlung eines Liebes- mit der eines Buddy-Films miteinander, so fügt der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller in Personalunion Elemente aus unterschiedlichen Genres in seinen Film ein. Zur karikaturhaften Darstellung der Firmensitzungen, in dem etwa ein Mitarbeiter stets dem Chef nach dem Mund redet, kommen etwa eine Banküberfallsequenz und eine aufwändig inszenierte Verfolgungsjagd hinzu. Hier oder auch in der Kamerafahrt im Filmvorspann, die schnellgeschnittene Szenen mit Standbildern verbindet, zeigt sich „Buddy“ filmtechnisch auf hohem Niveau.

Um Eddie auf den geraden Weg zu bringen, greift der Schutzengel hin und wieder zum Mikrofon. Als Guildo Horn, Karel Gott oder Steve Wonder verkleidet, stellt Michael Herbig seine parodistischen Fähigkeiten unter Beweis, auch wenn sich diese Szenen teilweise reichlich albern ausnehmen und darüber hinaus eher unzusammenhängend in die Handlung integriert werden. Insofern kann das Drehbuch als nicht ganz gelungen bezeichnet werden. Dass eine Flashmob-Szene zu den Höhepunkten von „Buddy“ gehört, ist allerdings nur folgerichtig.

Die mit einem guten Gespür für Rhythmus inszenierte, mit witzigen Dialogen und teilweise an die Grenze des Slapstick gehender Situationskomik gespickte Komödie schafft interessanterweise doch noch ein Gleichgewicht aus all diesen Elementen, um die Buddy- mit der Liebeskomödie zu verknüpfen. Auch die Darsteller überzeugen: Mina Tander spielt die zunächst etwas überforderte Frau, die aber auch ihren Charme einzusetzen weiß, mit großer Natürlichkeit . Alexander Fehling verkörpert glaubwürdig die Wendung vom Luftikus, der von einer Party in die nächste stolpert, in einen verantwortungsbewussten Mann. Erstmals in seinem Leben lernt Eddie, dass es Ziele gibt, für die sich einzusetzen lohnt. Insofern besitzt Buddy unter der komödiantischen Oberfläche auch einen ernsthaften Kern um die Umkehr eines oberflächlichen jungen Mannes aus Liebe zu einer Frau.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne
Regie: Michael Herbig
Darsteller: Alexander Fehling, Michael Bully Herbig, Mina Tander, Daniel Zillmann, Jann-Piet Puddu, Christian Berkel
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 90 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 6 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 12/2013

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.