Buntes Lichtermeer und tiefe Andacht: Zehntausende beten den Kreuzweg am Kolosseum in Rom

Papst Benedikt: durch das mysterium passionis zum mysterium paschale

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ROM, 7. April 2012 (ZENIT.org). - Im Schein von unzähligen Kerzen und Fackeln wurde am Karfreitag beim traditionellen Kreuzweg am Kolosseum in Rom, der historischen Stätte der Christenverfolgungen im Römischen Reich, der 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu Christi unter Vorsitz von Papst Benedikt XVI. gedacht. Im Mittelpunkt der Meditationen  stand in diesem Jahr die Thematik der Familie. Untreue, Nachlässigkeit, mangelnde Verzeihung und mangelnde Achtung vor dem anderen wurden als Verletzung des ehelichen Versprechens und Sünden gegen das Liebesgebot Christi angesprochen. Aber auch der Scheidungen und Abtreibungen wurde gedacht sowie der vielfältigen Schwierigkeiten von Familien in einer Gesellschaft, wo die Wahrnehmung ihres Wertes zunehmend bedroht ist.

Das Tragen des schwarzen Holzkreuzes entlang der Strecke für jeweils eine Station übernahm zunächst  Kardinalvikar Agostino Vallini, der Stellvertreter des Papstes in der Diözese Rom. Ihm folgten Familien aus Italien, Peru, Irland und dem westafrikanischen Burkina Faso sowie zwei Ordensmänner aus dem Heiligen Land.  Zum Abschluss wurde das Kreuz Benedikt XVI. überreicht, der es hoch erhoben der Menge zeigte. Der Papst hatte die Zeremonie von einem Pavillon auf dem Palatin-Hügel aus kniend verfolgt. Er hielt zum Abschluss des feierlichen Gedenkens der einzelnen Stationen des Leidensweges und Kreuzestodes des Gottessohnes eine kurze Ansprache und erteilte schließlich den apostolischen Segen.

In seiner Ansprache wies der Papst darauf hin, wie sehr das Erfahren von Leid die Menschheit präge und wie oft auch der  Weg der Familien durch Unverständnis, Spaltungen, Sorgen um die Zukunft der Kinder, Krankheiten, Entbehrungen verschiedener Art mühsam und beschwerlich werde. Auch die Unsicherheit über die Zukunft durch Unsicherheit der Arbeit gehöre dazu. Der Kreuzweg sei eine Einladung an alle, „und besonders an die Familien, den gekreuzigten Christus zu betrachten, um die Kraft zu schöpfen zur Überwindung der Schwierigkeiten“, so Benedikt XVI. Das Kreuz Jesu sei das äußerste Zeichen der Liebe Gottes zu jedem Menschen, er sei die überreiche Antwort auf das Bedürfnis jedes Menschen, geliebt zu sein. „Und diese Liebe Christi ist es, an die wir uns wenden müssen, wenn menschliche Schwächen und die Schwierigkeiten die Einheit unseres Lebens und der Familie zu verletzen drohen.“ In Trübsal und Schwierigkeiten sei Christus zugegen, er unterstütze mit seiner Gnade und gebe den Familien Kraft, Opfer auf sich zu nehmen und alle Schwierigkeiten zu überwinden. Der Heilige Vater rief dazu auf, sich der Mutter Christi anzuvertrauen, die ihren Sohn auf dem Leidensweg begleitet habe, die in der Stunde des Todes unter seinem Kreuz stand und die die werdende Kirche ermutigt habe, in der Gegenwart des Herrn zu leben.

In diesem Jahr hatte zum ersten Mal ein Ehepaar die Meditationen verfasst, bei denen die Thematik der Familie im Mittelpunkt stand. Das seit 59 Jahren verheiratete italienische Paar Danilo (91) und Anna Maria Zanzucchi (82) gehört der katholischen Fokolar-Bewegung an. Sie sind die Gründer der Bewegung „Famiglie nove“ (Neue Familien), die den Wert der Familie wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft rücken will.

Die Zeremonie bei den einzelnen Stationen wurde jeweils mit dem „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst“ (Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi; quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum) in lateinischer Sprache begonnen. Es folgten die entsprechende Texte aus dem Evangelium und anschließend die Betrachtungen. Das Gebet bei der einzelnen Etappe schloss mit dem lateinischen Vaterunser und einer Strophe des „Stabat mater“, dem Hymnus über die Schmerzensmutter aus dem 13. Jahrhundert.[jb]

[Wir dokumentieren die Betrachtungen der einzelnen 14 Stationen im Wortlaut der offiziellen deutschen Übersetzung:]

Erste Station: Jesus wird zum Tod verurteilt

(Evangelium nach Johannes,18, 38b-40)

Betrachtung:

Pilatus findet keine besondere Schuld, die man Jesus anrechnen könnte; er weicht dem Druck der Ankläger, und so wird der Nazarener zum Tode verurteilt.  Es ist uns, als hörten wir dich: „Ja, ich bin zum Tode verurteilt worden. Viele, die mich zu lieben und zu verstehen schienen, haben auf die Lügen gehört und mich angeklagt. Sie haben nicht verstanden, was ich sagte. Verraten haben sie mich, vor Gericht gebracht und verurteilt. Zum Tode. Durch Kreuzigung, die schmachvollste Form des Todes.“

Nicht wenige unserer Familienleiden unter der Untreue des Ehepartners, des liebsten Menschen. Wo ist die Freude des Einander-nahe-Seins geblieben, des Lebens im Einklang? Wo ist das Gefühl des Einsseins? Wo ist jenes „für immer“, das man einander versprochen hatte?

Auf dich, Jesus, den Verratenen, schauen und mit dir den Moment leben, in dem die Liebe und die Freundschaft zusammenbrechen, die sich in unserer Zweisamkeit gebildet hatten; im Herzen die Verwundungen des verratenen Vertrauens, der verlorenen Vertrautheit, der entschwundenen Sicherheit verspüren.

Auf dich, Jesus, schauen, gerade jetzt, da ich verurteilt werde von dem, der sich nicht an die Bindung erinnert, die uns einte in der völligen Hingabe unserer selbst.  Allein du, Jesus, kannst mich verstehen, kannst mir Mut geben, kannst mir Worte der Wahrheit sagen, auch wenn ich Mühe habe, sie zu verstehen.  Du kannst mir jene Kraft geben, die mir ermöglicht, nicht meinerseits zu verurteilen, nicht zu erliegen, aus Liebe zu jenen Geschöpfen,
die mich zu Hause erwarten und für die ich jetzt die einzige Stütze bin.

Pater noster…

Stabat mater..

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Zweite Station: Jesus nimmt das Kreuz auf sich

(Evangelium nach Johannes, 19, 16-17)

Betrachtung:

Pilatus liefert Jesus in die Hände der führenden Priester und der Wachleute aus. Die Soldaten legen ihm einen purpurroten Mantel über die Schultern und setzen ihm eine Krone aus dornigen Zweigen aufs Haupt, sie verhöhnen ihn in der Nacht, richten ihn übel zu und geißeln ihn. Am Morgen laden sie ihm dann ein schweres Holz auf, den Kreuzesbalken, an den die Räuber angenagelt werden, damit alle sehen, welches Ende die Übeltäter nehmen. Viele der Seinen flüchten.

Dieses Ereignis von vor 2000 Jahren wiederholt sich in der Geschichte der Kirche und der Menschheit. Auch heute. Der Leib Christi ist es, die Kirche, die geschlagen und verwundet wird, immer wieder neu.

Wenn wir dich so sehen, Jesus, blutend, allein, verlassen, verlacht, dann fragen wir uns:
„Jene Leute, die du so sehr geliebt, mit Wohltaten bedacht und erleuchtet hattest, jene Männer und jene Frauen, sind das nicht vielleicht auch wir, heute? Auch wir haben uns versteckt, aus Angst, mit hineingezogen zu werden, und haben vergessen, dass wir deine Anhänger sind.“

Doch das Schlimmste ist, Jesus, dass auch ich zu deinem Schmerz beigetragen habe. Auch wir Eheleute und unsere Familien. Auch wir haben dazu beigetragen, dir eine unmenschliche Last aufzubürden. Jedes Mal wenn wir einander nicht geliebt, wenn wir uns gegenseitig die Schuld zugeschoben haben, wenn wir einander nicht verziehen und nicht wieder angefangen haben, einander wohlgesinnt zu sein.

Stattdessen hören wir immer wieder auf unseren Hochmut, wollen stets Recht haben, demütigen diejenigen, die uns nahestehen, sogar den, der sein Leben an das unsere gebunden hat. Wir erinnern uns nicht mehr daran, dass du, Jesus, selber zu uns gesagt hast:„Was ihr für einen dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. „Genau das hast du gesagt: „Mir“.

Pater noster..

Cuius animam..

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Dritte Station: Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

(Evangelium nach Matthäus, 11, 28-30)

Betrachtung:

Jesus fällt. Die Wunden, das Gewicht des Kreuzes, die ansteigende, holprige Straße. Und das Gedränge der Menschen. Aber nicht nur das hat ihn so entkräftet. Vielleicht ist es die Last der Tragödie, die sich in seinem Leben auftut. Es gelingt nicht mehr, Gott in Jesus zu sehen, in dem Menschen, der sich als so gebrechlich erweist, dass er stolpert und fällt.

Jesus, nachdem du dort, auf jener Straße, mitten unter all diesem Volk, das schreit und lärmt, zu Boden gestürzt bist, erhebst du dich wieder und versuchst, den Aufstieg fortzusetzen. Auf dem Grund deines Herzens weißt du, dass dieses Leiden einen Sinn hat, spürst du, dass du die Last unserer vielen Verfehlungen, unseres Verrates und unserer Schuld auf dich genommen hast.

Jesus, dein Sturz lässt uns leiden, weil wir begreifen, dass wir die Ursache sind; oder vielleicht unsere Hinfälligkeit, nicht nur die physische, sondern die unseres ganzen Seins. Wir möchten niemals fallen; doch dann genügt wenig, eine Schwierigkeit, eine Versuchung oder ein Unglück, und wir lassen uns gehen, und wir fallen.

Wir hatten versprochen, Jesus nachzufolgen, die Menschen, die er uns beigesellt hatte, zu achten und uns um sie zu kümmern. Ja, in Wirklichkeit lieben wir sie, oder wir haben zumindest den Eindruck, dass es so ist. Wenn sie uns genommen würden, würden wir sehr leiden. Doch dann erliegen wir in den konkreten Situationen des Alltags.Wie viele Situationen des Fallens es in unseren Familien gibt! Wie viele Trennungen, wie viel Untreue! Und dann die Scheidungen, die Abtreibungen, das Verlassen des Partners! Jesus, hilf uns begreifen, was Liebe ist, lehre uns, um Verzeihung zu bitten!

Pater noster..

O quam tristis..

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Vierte Station: Jesus begegnet seiner Mutter

(Evangelium nach Johannes, 19, 25)

Betrachtung:

Beim Aufstieg nach Golgota sieht Jesus seine Mutter. Ihre Blicke treffen sich. Sie verstehen einander. Maria weiß, wer ihr Sohn ist. Sie weiß, woher er kommt. Sie weiß, welches seine Sendung ist. Maria weiß, dass sie seine Mutter ist; doch sie weiß auch, dass sie seine Tochter ist. Sie sieht ihn leiden, für alle Menschen von gestern, heute und morgen. Und auch sie leidet.

Jesus, sicher leidest du darunter, dass du deiner Mutter auf diese Weise Leid zufügst.
Aber du musst sie einbeziehen in dein göttliches und schreckliches Erleben. Es ist der Plan Gottes, zum Heil der gesamten Menschheit.

Für alle Männer und Frauen der Welt, aber besonders für uns Familien ist die Begegnung Jesu mit seiner Mutter dort auf dem Weg nach Golgota ein äußerst lebendiges, stets aktuelles Ereignis. Jesus hat auf seine Mutter verzichtet, damit wir, jeder von uns – auch wir Eheleute – eine stets verfügbare und gegenwärtige Mutter hätten. Manchmal vergessen wir das leider. Doch wenn wir darüber nachdenken, werden wir uns bewusst, dass wir uns in unserem Familienleben unzählige Male an sie gewendet haben. Wie sehr ist sie uns nahe gewesen in den schwierigen Momenten! Wie oft haben wir ihr unsere Kinder anempfohlen, haben sie angefleht für deren physische Gesundheit und noch mehr für einen moralischen Schutz!

Und wie oft hat Maria uns erhört, haben wir gespürt, dass sie uns nahe war, um uns mit ihrer mütterlichen Liebe zu trösten. Im Kreuzweg jeder Familie ist Maria das Vorbild des Schweigens, das – obschon unter qualvollem Schmerz – das neue Leben gebiert.

Pater noster..

Quae maerebat..

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Fünfte Station: Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

(Evangelium nach Lukas, 23, 26)

Betrachtung:

Vielleicht steht Simon von Zyrene für uns alle, wenn plötzlich eine Schwierigkeit auf uns zukommt, eine Krankheit, eine unvorhergesehene Last, ein manchmal schweres Kreuz. Warum? Warum gerade für mich? Warum gerade jetzt? Der Herr ruft uns, ihm zu folgen; wir wissen nicht wohin und wie.

Das Beste, was man tun kann, Jesus, ist dir nachzugehen, verfügbar für das zu sein, was du von uns verlangst. Viele Familien können das aus ihrer unmittelbaren Erfahrung bestätigen: Es nützt nichts, sich aufzulehnen; es ist besser, Dir ein Ja zu sagen, denn du bist der Herr des Himmels und der Erde. Aber nicht nur deshalb können und wollen wir Ja zu dir sagen. Du liebst uns mit unendlicher Liebe. Mehr als Vater und Mutter, als die Geschwister, die Ehefrau, der Ehemann, die Kinder. Du liebst uns mit einer weitblickenden Liebe, mit einer Liebe, die jenseits von allem, auch von unserem Elend, unser Heil will, dass wir glücklich, für immer bei dir sind.

Auch in der Familie, in den schwierigsten Momenten, wenn eine gewichtige Entscheidung zu fällen ist, werden wir, sofern der Friede in unserem Herzen wohnt und wir aufmerksam zu erfassen suchen, was Gott von uns will, von einem Licht erleuchtet, das uns Einsicht vermittelt und uns hilft, unser Kreuz zu tragen.

Simon von Zyrene erinnert uns auch an die vielen Gesichter von Menschen, die uns nahe waren in den Momenten, in denen ein schweres Kreuz über uns oder über unsere Familie hereinbrach. Er lässt uns an die zahlreichen Freiwilligen denken, die sich in vielen Teilen der Welt großherzig einsetzen, um denen Trost und Hilfe zu bringen, die leiden und in Not sind. Er lehrt uns, uns demütig helfen zu lassen, wenn wir es nötig haben, und auch selber ein Simon von Zyrene für die anderen zu sein.

Pater noster..

Quis est homo..

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Sechste Station:Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

(Aus dem Zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, 4, 6)

Betrachtung:

Veronika ist eine der Frauen, die Jesus nachfolgen, eine, die intuitiv erfasst hat, wer er ist, die ihn liebt und darum leidet, als sie ihn leiden sieht. Nun sieht sie in sein Gesicht, in jenes Gesicht, das so viele Male zu ihrer Seele gesprochen hatte. Sie sieht es verstört, blutend und entstellt, auch wenn es nach wie vor Milde und Demut ausdrückt. Sie erträgt es nicht. Sie will seine Leiden mildern. Sie nimmt ein Tuch und versucht, Blut und Schweiß von diesem Gesicht abzuwischen.

Manchmal hatten wir in unserem Leben die Gelegenheit, Tränen und Schweiß leidender Menschen abzutrocknen. Vielleicht haben wir einem Sterbenskranken in einem Krankensaal beigestanden, einem Einwanderer oder einem Arbeitslosen geholfen, einem Gefangenen zugehört. Und in dem Versuch, ihn innerlich aufzurichten, haben wir vielleicht sein Gesicht abgetrocknet und ihn voll Mitleid angeschaut. Und doch erinnern wir uns nur selten daran, 
dass in jedem unserer notleidenden Brüder du, der Sohn Gottes, dich verbirgst. Wie anders wäre unser Leben, wenn wir uns daran erinnerten! Allmählich würden wir uns der Würde eines jeden Menschen bewusst, der auf der Erde lebt. Jeder Mensch, schön oder hässlich, begabt oder unbegabt, vom ersten Augenblick an im Schoß seiner Mutter oder bereits in vorgerücktem Alter, stellt dich dar, o Jesus. Nicht nur das: Jeder Mitmensch – bist du. Sähen wir dich, entwürdigt und elend dort am Kalvarienberg, würden wir mit Veronika begreifen, dass wir in jedem Menschenwesen dich erkennen können.

Pater noster..

Qui non posset..

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Siebte Station: Jesus fällt zum zweiten Male unter dem Kreuz 

 (Aus dem Ersten Petrusbrief, 2, 24)

Betrachtung:

Zum zweiten Mal fällt Jesus, während er auf dem engen Weg des Kalvarienbergs voranschreitet. Wir erahnen seine körperliche Schwäche nach einer schrecklichen Nacht, nach den Folterungen, die sie ihm zugefügt haben. Vielleicht sind es nicht nur die Misshandlungen, die Erschöpfung und das Gewicht des Kreuzesbalkens auf seinen Schultern, was ihn zu Fall bringt. Auf Jesus liegt eine unermessliche Last, etwas tief Innerliches, das von Schritt zu Schritt immer deutlicher spürbar wird.

Wir sehen dich wie einen beliebigen armen Menschen, der in seinem Leben einen Fehler gemacht hat und nun dafür bezahlen muss. Und du scheinst keine körperliche oder geistige Kraft mehr zu haben, den neuen Tag anzutreten. Und du fällst. Wie wir uns in dir wiedererkennen, Jesus, auch in diesem neuerlichen Sturz aus Erschöpfung! Du aber stehst wieder auf, du willst es schaffen. Für uns, für uns alle, um uns den Mut zu geben, wieder aufzustehen. Wir sind schwach, aber deine Liebe ist größer als unsere Mängel, sie kann uns immer aufnehmen und verstehen. Unsere Sünden, die du dir aufgeladen hast, erdrücken dich, aber deine Barmherzigkeit ist unendlich viel größer als unsere Armseligkeit. Ja, Jesus, dank dir erheben wir uns wieder.


Wir haben Fehler gemacht. Wir haben uns von den Versuchungen der Welt einfangen lassen, vielleicht für das Aufflackern einer Befriedigung, um zu hören, dass wir noch für jemanden begehrenswert sind, dass jemand sagt, er habe uns gern, er liebe uns sogar. Manchmal fällt es uns sogar schwer, die übernommene Verpflichtung zur ehelichen Treue aufrechtzuerhalten. Wir haben nicht mehr die Frische und den Elan von früher. Alles ist eine ständige Wiederholung, jede Handlung erscheint beschwerlich; es kommt der Wunsch auf, auszubrechen. Doch wir versuchen, uns wieder zu erheben, Jesus, ohne der größten aller Versuchungen nachzugeben, nämlich der, nicht zu glauben, dass deine Liebe alles vermag.

Pater noster..

Pro peccatis..

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Achte Station: Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem

(Evangelium nach Lukas, 23, 27-28)

Betrachtung:

In der Menschenmenge, die ihm folgt, ist eine Gruppe Jerusalemer Frauen: Sie kennen ihn. Als sie ihn in dieser Lage sehen, mischen sie sich unter die Menge und gehen hinauf nach Golgota. Sie weinen. Jesus sieht sie, er begreift ihr Gefühl des Mitleids. Und sogar in diesem tragischen Augenblick möchte er ein Wort hinterlassen, das über das bloße Mitleid hinausgeht. Er möchte, dass in ihnen – in uns – nicht nur Mitleid herrsche, sondern eine Umkehr des Herzens, die eingesteht, sich verfehlt zu haben, die um Verzeihung bittet und mit der ein neues Leben beginnt.

Jesus, wie oft schließen wir die Augen aus Überdruss oder aus Unwissenheit, aus Egoismus oder aus Furcht und wollen uns der Wirklichkeit nicht stellen! Vor allem beziehen wir uns nicht selber ein, wir engagieren uns nicht, um am Leben und an den Bedürfnissen unserer nahen und fernen Mitmenschen in tiefgreifender und aktiver Weise Anteil zu nehmen.

Wir leben weiter bequem dahin, verwerfen das Böse und die, die es tun, ändern aber nicht unser eigenes Leben und lassen es uns persönliche nichts kosten, dass die Dinge sich ändern, das Böse überwunden und Gerechtigkeit hergestellt  wird. Oft bessern sich die Situationen nicht, weil wir uns nicht dafür eingesetzt haben, dass sie geändert werden. Wir haben uns zurückgezogen, ohne jemandem etwas Böses anzutun, aber auch ohne das Gute zu tun, das wir hätten tun können und sollen. Und irgendjemand bezahlt vielleicht auch für uns, für unsere feige Abwesenheit. Jesus, mögen diese deine Worte uns wachrütteln, uns ein wenig von jener Kraft geben, welche die Zeugen des Evangeliums bewegt, oft bis zum Martyrium, Väter oder Mütter oder Kinder, die mit ihrem Blut, vereinigt mit dem deinen, dem Guten in der Welt den Weg geöffnet haben und auch heute noch öffnen.

Pater noster..

Eia, Mater, fons..

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Neunte Station:Jesus fällt zum dritten Male unter dem Kreuz 

(Evangelium nach Lukas, 22, 28-30a)

Betrachtung:

Der Weg bergauf ist kurz, aber Jesu Schwäche ist extrem. Er ist erschöpft, körperlich, aber auch geistig. Er spürt, wie der Hass der Oberen, der Priester und der Menge auf ihm liegt, die anscheinend ihre aufgestaute Wut über vergangene und gegenwärtige Unterdrückung an ihm auslassen wollen. Als suchten sie eine Revanche, indem sie Jesus gegenüber ihre Macht zur Geltung bringen.

Und du fällst, Jesus, fällst zum dritten Mal. Du scheinst zu erliegen. Doch siehe, mit äußerster Anstrengung erhebst du dich und nimmst den schrecklichen Weg nach Golgota wieder auf.
Sicherlich erleiden viele unserer Mitmenschen in aller Welt schreckliche Prüfungen, weil sie dir folgen, Jesus. Sie steigen mit dir hinauf nach Golgota und mit dir fallen sie sogar unter den Verfolgungen, die sich seit zweitausend Jahren gegen deinen Leib, die Kirche, richten.

Mit diesen unseren Brüdern und Schwestern wollen wir innerlich unser Leben, unsere Gebrechlichkeiten, unser Elend, unsere kleinen und großen täglichen Leiden darbringen. Oft leben wir betäubt vom Wohlstand, ohne uns mit aller Kraft zu bemühen, uns wieder zu erheben und die Menschheit wieder zu erheben. Doch wir können wieder aufstehen, weil Jesus die Kraft gefunden hat, wieder aufzustehen und den Weg wieder aufzunehmen.

Auch unsere Familien sind ein Teil dieses zerfaserten Gewebes, gebunden an ein Leben in Wohlstand, der zum Sinn des Lebens selbst wird. Unsere Kinder wachsen heran: Versuchen wir, sie mit Nüchternheit, Opfer und Verzicht vertraut zu machen. Bemühen wir uns, ihnen ein erfülltes gesellschaftliches Leben zu geben in den Sport-, Vereins- und Erholungszentren, aber ohne dass diese Aktivitäten nur eine Weise sind, den Tag zu füllen und alles zu haben, was man sich wünscht.

Darum, o Jesus, müssen wir auf deine Worte hören, für die wir Zeugnis ablegen wollen:
„Selig die Armen, selig die Gewaltlosen, selig die Friedenstifter, selig, die leiden um der Gerechtigkeit willen …“

Pater noster..

Fac ut ardeat..

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Zehnte Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt  

(Evangelium nach Johannes, 19, 23)

Betrachtung:

Jesus ist in den Händen der Soldaten. Wie jeder Verurteilte wird er ausgezogen, um ihn zu demütigen, ihn bis zum einem Nichts zu erniedrigen. Die Gleichgültigkeit, die Verachtung und die Nichtbeachtung der Menschenwürde verbinden sich mit der Gier, der Habsucht und dem Eigeninteresse: „Sie nahmen Jesu Kleider.“

Dein Untergewand, Jesus, war ohne Naht. Das zeigt die Fürsorge, die deine Mutter und die Menschen, die dir folgten, für dich hatten. Jetzt bist du entkleidet, Jesus, und empfindest die Beklommenheit derer, die in der Gewalt von Menschen sind, die keine Achtung vor der Person haben.

Wie viele Menschen haben unter diesem Mangel an Achtung vor der Person, vor der eigenen Privatsphäre gelitten und leiden noch darunter! Manchmal haben vielleicht auch wir nicht die Achtung, die der persönlichen Würde derer gebührt, die an unserer Seite stehen, indem wir die uns Nahestehenden „besitzen“ – den Sohn oder den Ehemann oder die Ehefrau oder den Verwandten, den Bekannten oder den Unbekannten. Im Namen unser vermeintlichen Freiheit verletzen wir die der anderen: Wie viel Unbekümmertheit gibt es, wie viel Nachlässigkeit in den Verhaltensweisen und in der Art einander zu begegnen!

Jesus, der sich in dieser Weise dem Blick der damaligen Welt und dem Blick der Menschheit aller Zeiten aussetzen lässt, erinnert uns an die Größe der menschlichen Person, an die Würde, die Gott jedem Mann und jeder Frau verliehen hat und die nichts und niemand verletzen dürfte, denn sie sind nach dem Bild Gottes gestaltet. Uns ist es aufgetragen, die Achtung vor dem Menschen und seinem Leib zu fördern. Insbesondere uns Eheleuten kommt die Aufgabe zu, diese zwei grundlegenden und untrennbaren Wirklichkeiten – die Würde und die völlige Selbsthingabe – miteinander zu verbinden.

Pater noster..

Sancta mater..

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Elfte Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

(Evangelium nach Johannes, 19, 18-19)

Als sie zu dem Ort gelangt sind, der „Golgota“ heißt, kreuzigen die Soldaten Jesus. Pilatus lässt eine Inschrift anbringen: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“, um ihn lächerlich zu machen und die Juden zu demütigen. Doch ohne es zu wollen, bescheinigt diese Inschrift eine Wirklichkeit: das Königtum Jesu, des Königs eines Reiches, das weder räumliche noch zeitliche Grenzen hat.

Wir können das Leiden Jesu während der blutigen und extrem schmerzhaften Kreuzigung nur erahnen. Hier begegnet man dem Mysterium: warum lässt sich Gott, der aus Liebe zu uns Mensch geworden ist, an einen Balken nageln und unter entsetzlichen  körperlichen und geistigen Qualen von der Erde erhöhen?

Aus Liebe. Aus Liebe. Es ist das Gesetz der Liebe, das dazu führt, das eigene Leben für das Wohl des anderen hinzugeben. Das bestätigen jene Mütter, die sogar den Tod gewagt haben, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Oder jene Eltern, die ein Kind im Krieg oder in Terroranschlägen verloren haben und sich entscheiden, sich nicht zu rächen.  

Jesus, auf Golgota stehst du für uns alle, für alle Menschen von gestern, heute und morgen.
Am Kreuz hast du uns gelehrt zu lieben. Jetzt beginnen wir, das Geheimnis jener vollkommenen Freude zu verstehen, von der du beim Letzten Abendmahl zu den Jüngern sprachst. Du hast vom Himmel herabsteigen müssen, ein Kind werden, dann ein Erwachsener, und endlich auf Golgota leiden müssen, um uns mit deinem Leben zu sagen, was die wahre Liebe ist.

Indem wir dich dort oben am Kreuz betrachten, lernen auch wir als Familie – Eheleute, Eltern und Kinder – einander zu lieben und unter uns jene Aufnahmebereitschaft zu schätzen und zu pflegen, die sich selbst hinschenkt und die weiß, dass sie dankbar angenommen wird. Die zu leiden vermag und die es versteht, das Leiden in Liebe zu verwandeln.

Pater noster..

Tui Nati vulnerati..

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Zwölfte Station: Jesus stirbt am Kreuz 

(Evangelium nach Matthäus, 27, 45-46)

Jesus hängt am Kreuz. Stunden der Angst, entsetzliche Stunden, Stunden unmenschlicher körperlicher Leiden. „Mich dürstet“, sagt Jesus. Und es wird ihm ein mit Essig getränkter Schwamm an den Mund gehalten.

Plötzlich ein Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gotteslästerung? Der Verurteilte ruft mit den Worten des Psalms? Wie kann man einen Gott akzeptieren, der schreit, der klagt, der nicht einsieht, nicht versteht? Den menschgewordenen Sohn Gottes, der das Empfinden hat, von seinem Vater verlassen zu sterben?

Jesus, bis zu diesem Punkt bist du einer von uns, einer mit uns geworden – ausgenommen die Sünde! Menschgewordener Sohn Gottes, du hast dich so weit in uns hineinversetzt, dass du, der Heilige schlechthin, unsere Situation der Sünder, der Entfernung von Gott, die Hölle der Gott-losen durchlebt hast. Du hast das Dunkel erfahren, um uns das Licht zu schenken. Du hast die Trennung erlebt, um uns die Einheit zu schenken. Du hast den Schmerz angenommen, um uns die Liebe zu hinterlassen. Du hast das Ausgeschlossensein empfunden, verlassen und zwischen Himmel und Erde hängend, um uns in das Leben Gottes aufzunehmen.

Ein Geheimnis legt sich um uns, wenn wir jeden Schritt deiner Passion nacherleben. Jesus, du hältst nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern wirst in allem arm, um uns reich zu machen.

„In deine Hände lege ich meinen Geist.“ Wie hast du es nur geschafft, Jesus, in diesem Abgrund der Verzweiflung dich der Liebe des Vaters anzuvertrauen, dich ganz in ihn hineinsinken zu lassen, in ihm zu sterben? Nur auf dich schauend, nur mit dir können wir den Tragödien, den Leiden der Unschuldigen, den Demütigungen, den Schmähungen, dem Tod entgegentreten.

Jesus durchlebt seinen Tod als Geschenk für mich, für uns, für unsere Familie, für jeden Menschen, für jede Familie, für jedes Volk, für die ganze Menschheit. In dieser Tat wird das Leben neu geboren.

Pater noster..

Vidit suum..

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Dreizehnte Station:Jesus wird vom Kreuz abgenommen und
in den Schoß seiner Mutter gelegt

(Evangelium nach Johannes, 19, 38)

Betrachtung:

Maria sieht, wie ihr Sohn, der Sohn Gottes und auch ihr Sohn, stirbt. Sie weiß, dass er unschuldig ist, aber er hat die Last unserer Trostlosigkeit auf sich genommen. Die Mutter gibt den Sohn hin, der Sohn gibt die Mutter hin. An Johannes, an uns.

Jesus und Maria – eine Familie, die auf Golgota die äußerste Loslösung erlebt und erleidet. Der Tod trennt sie oder scheint sie zumindest zu trennen, eine Mutter und einen Sohn mit einer unvorstellbaren zugleich menschlichen und göttlichen Verbindung. Aus Liebe schenken sie diese hin. Beide überlassen sich dem Willen Gottes.

In den Abgrund, der sich im Herzen Marias aufgetan hat, tritt ein anderer Sohn ein, der die gesamte Menschheit vertritt. Und die Liebe Marias zu einem jeden von uns ist die Fortsetzung der Liebe, die sie zu Jesus gehabt hat. Ja, denn in den Jüngern sieht sie sein Gesicht. Und sie lebt für sie, um sie zu unterstützen, ihnen zu helfen, sie anzutreiben, sie zur Erkenntnis der Liebe Gottes zu führen, damit sie sich in ihrer Freiheit an den Vater wenden.

Was sagen mir, uns, unserer Familie diese Mutter und dieser Sohn auf Golgota? Vor dieser Szene kann jeder nur betroffen innehalten. Erahnen, dass diese Mutter, dieser Sohn uns ein einmaliges, unwiederholbares Geschenk machen. In ihnen finden wir nämlich die Fähigkeit, unser Herz zu weiten und unseren Horizont so zu öffnen, dass er alles umfasst.

Dort auf Golgota neben dir, Jesus, der du für uns gestorben bist, empfangen die Familien die Gabe Gottes: das Geschenk einer Liebe, die ihre Arme bis ins Unendliche ausbreiten kann.

Pater noster..

Fac me tecum..

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Vierzehnte Station: Jesuswird ins Grab gelegt  

(Evangelium nach Johannes, 19, 41-42)

Tiefes Schweigen umhüllt den Kalvarienberg. Johannes bezeugt in seinem Evangelium, dass der Ort Golgota sich in einem Garten befindet, wo es ein noch unbenutztes Grab gibt. Genau dorthinein legen die Jünger Jesu seinen Leib.

Jener Jesus, den sie Schritt für Schritt allmählich als menschgewordenen Gott erkannt haben, ist dort, ein Leichnam. In nie gekannter Einsamkeit fühlen sie sich verloren, wissen nicht, was sie tun, wie sie sich verhalten sollen. Es bleibt ihnen nichts, als sich gegenseitig zu trösten, einander Mut zu machen, eng zusammenzurücken. Doch genau da reift in den Jüngern das Moment des Glaubens, der Erinnerung an das, was Jesus gesagt und getan hatte, als er in ihrer Mitte war, und was sie damals nur teilweise verstanden hatten.

Dort beginnen sie, Kirche zu sein, in Erwartung der Auferstehung und der Ausgießung des Geistes. Bei ihnen ist die Mutter Jesu, Maria, die der Sohn dem Johannes anvertraut hatte. Sie versammeln sich in ihrer Gruppe, mit Maria, um sie herum. In Erwartung. In Erwartung, dass der Herr sich offenbart.

Wir wissen, dass jener Leib nach drei Tagen auferstanden ist. So lebt Jesus nun für immer und begleitet uns, Er selbst, auf unserer irdischen Reise, in Freud und Leid.

Jesus, gib, dass wir einander lieben. Damit wir dich wieder in unserer Mitte haben,
jeden Tag, wie du selbst verheißen hast: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen.“

Pater noster..

Quando corpus..

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