"Captain Phillips"

In diesem Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle gelingt es Regisseur Greengrass einen Einstieg in das Verständnis des Gesamtkomplexes der somalischen Piraterie zu liefern

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 387 klicks

Die Handlung des Spielfilms „Captain Phillips“ von Paul Greengrass basiert auf wahren Begebenheiten: Im April 2009 kaperten somalische Piraten das US-amerikanische Frachtschiff „Maersk Alabama“. Den Piraten gelang es, den 53-jährigen Kapitän Richard Phillips in ihre Gewalt zu bringen. Nachdem sein wagemutiger Fluchtversuch gescheitert war, wurde er von einer Sondereinheit der amerikanischen Streitkräfte befreit. Ein Jahr später verarbeitete der Frachtschiffskapitän seine Erlebnisse in dem autobiographischen Buch „A Captain’s Duty“ (Deutsch: „Höllentage auf See “), das für das Drehbuch von Billy Ray als Grundlage diente. Dennoch erzählt der Film nicht nur aus der Sicht von Richard Phillips. Auf für eine Hollywood-Großproduktion eher außergewöhnliche Art versucht „Captain Phillips“ auch die Sicht der Somalier darzulegen.

So folgt auf die Reise von Richard Phillips (Tom Hanks), der am 28. März 2009 von seiner Frau Andrea (Catherine Keener) zum Flughafen gebracht wird, eine Sequenz in einem Fischerdorf in Somalia, wo Bewaffnete einfache Fischer dazu zwingen, Schiffe zu kapern. Mit einer sehr bewegten Handkamera schildert Regisseur Paul Greengrass, wie die Piratencrew zusammengestellt wird. Parallel zum Auslaufen des unter amerikanischer Flagge fahrenden Containerschiffs „Maersk Alabama“ aus dem Hafen von Oman Richtung Mombasa zeigt Greengrass, wie sich die Besatzung des Piratenboots formiert. Nachdem der Motor eines zweites Schiffs streikt, verfolgt das Frachtschiff ein kleines Boot mit vier jungen Somaliern an Bord: Muse (Barkhad Abdi) ist zwar der Anführer. Seine Stellung wird aber immer wieder vom hitzköpfigen Najee (Faysal Ahmed) in Frage gestellt. Der 17-jährige Bilal (Barkhard Abdirahman) wird von Zweifeln geplagt, ob dieser Job richtig ist. Der ruhige Steuermann Elmi (Mahat M. Ali) vervollständigt die Crew.

Obwohl Richard Phillips dank eines cleveren Tricks einen ersten Angriff abwehren kann, lassen die Piraten nicht locker. Mit einem draufgängerischen Vorstoß schaffen sie es, von ihrem kleinen Boot aus an Bord des riesigen Frachters zu kommen. Der Kapitän bietet den Piraten das im Tresor lagernde Bargeld an. Für Muse sind jedoch 30.000 Dollar lediglich ein Almosen. Ihm geht es um ein Lösegeld in Höhe von Millionen Dollar, die er von der Reederei zu erpressen hofft. Im Laufe der Auseinandersetzung gelingt es der Crew, einen Piraten in ihre Gewalt zu bringen. Auf dem Weg zum Rettungsboot nehmen die Angreifer jedoch Kapitän Phillips als Geisel. Damit beginnt ein Nervenkrieg zwischen den Geiselnehmern und der amerikanischen Navy, die einen Zerstörer samt Kampfhubschrauber und einer SEAL-Spezialeinheit entsendet.

Obwohl der Ausgang bekannt ist, gelingt Regisseur Paul Greengrass eine spannungsreiche Erzählung. Im Gegensatz zu seinen Action-Thrillern „Die Bourne Verschwörung“ (2004) und „Das Bourne Ultimatum“ (2007) setzt er nicht auf schnellgeschnittene Sequenzen, sondern teilweise auf ganz lange Einstellungen: Kameramann Barry Ackroyd bietet schöne Bilder des Frachtschiffes vom Auslaufen aus dem Hafen bis hin zu den Totalen auf dem Meer. Diese kontrastieren mit den klaustrophobisch wirkenden Aufnahmen im engen Rettungsboot, in dem sich die Handlung vorwiegend abspielt. Die nervöse Kamera spiegelt die für beide Seiten nervenzerreißende Lage wider. Mit einem beachtlichen Gespür für Rhythmus schafft Regisseur Greengrass ein austariertes Gleichgewicht zwischen den Actionsequenzen und dem psychologischen Duell zwischen dem Kapitän und seinen Geiselnehmern.

Denn „Captain Phillips“ stellt nicht die Rettungsaktion durch die Navy SEAL in den Mittelpunkt, sondern die Konfrontation zwischen Tätern und ihrem Opfer. Dazu bedient sich das Drehbuch einer scharfsinnigen Zeichnung der Hauptfiguren: Kapitän Richard Phillips ist kein übermenschlicher Held. Sein Handeln wird vom Streben nach einer gewaltfreien Beilegung des Konflikts bestimmt. Muse wird nicht eindimensional als Schurke, sondern als Rädchen in einem komplexen Mechanismus dargestellt: „Auch ich habe einen Chef.“ Trotz aller Action lebt deshalb „Captain Phillips“ von der schauspielerischen Leistung seiner Protagonisten. Tom Hanks spielt einmal mehr den durchschnittlichen Menschen, der in einer Ausnahmesituation über sich hinauswächst. Einen besonderen Höhepunkt erreicht seine Darstellung, als er am Schluss in der Krankenstation zusammenbricht. Nicht minder beeindruckend nimmt sich aber auch Barkhad Abdi in seiner ersten Filmrolle aus. Abdi spielt verschiedene Gemütszustände auf besonders eindringliche Weise. Trotz aller Gewaltbereitschaft verkörpert er Muse mit einer menschlichen Komponente, die dem Zuschauer seine Figur nahebringt. Auch die seine Verzweiflung ausdrückenden, weit aufgerissenen Augen des jüngsten Piraten Bilal tragen zu einer nuancierten Schilderung der Ereignisse bei.

Zwar kann ein zweistündiger Film, der sich auf die Auseinandersetzung zwischen den zwei Hauptfiguren konzentriert, die Hintergründe der somalischen Piraterie kaum beleuchten. So bleiben die Stammesältesten, die im Zwischenfall vermitteln sollen, sowie die Fischer rekrutierenden Warlords im Hintergrund, ohne dass ihre Rolle verdeutlicht wird. Dennoch gelingt es Regisseur Greengrass, in knappen Dialogen einen Einstieg in das Verständnis des Gesamtkomplexes zu liefern.

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Filmische Qualität: Vierundhalb Sterne
Regie: Paul Greengrass
Darsteller: Tom Hanks, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman, Fayal Ahmed, Michael Chernus, David Warshofsky, Corey Johnson, Catherine Keener
Land, Jahr: USA 2013
Laufzeit: 134 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: G +
im Kino: 11/2013

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.