Caravaggio: Meister der spirituellen Wirkung

Faszinierende Visionen

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Von Nicki Schaepen*

ROM, Montag, 2. Mai 2011 (ZENIT.org). –Die Feierlichkeiten, die das vierhundertste Todesjahr Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571‑1610) würdigten und vielleicht in der großen Retrospektive in der Scuderie in Rom ihren Höhepunkt fanden [1], sind noch nicht abgeschlossen. Gleich zwei Ausstellungen in Rom befassen sich gegenwärtig mit dem bedeutenden Maler: Archiv von Rom, Palazzo Venezia.

Die Caravaggioforschung hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz besonders deutlich profiliert. Neben die unzähligen Monographien über sein Werk, traten spezielle Auseinandersetzungen aus den verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Aufsehen erregte 1999 eine kleine Ausstellung in Boston, die unter dem Titel „Saints and Sinners" [2] sich dem Phänomen der wesentlich von Caravaggio beeinflussten, wenn nicht initiierten Helldunkelmalerei des Frühbarock widmete, und zwar im Kontext jenes Spannungsverhältnisses, das sich im Zeitalter der Konfessionalisierung durch eine erheblichen religiösen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Transformationsprozess abgezeichnet hatte.

Zudem wurde Caravaggios sakrale Malerei in den letzten Jahren vermehrt unter dem Blickwinkel jesuitischer Bildtheorie betrachtet. In welcher Weise, stellte man die Frage, habe sich des hl. Ignatius von Loyolas Weise der geistlichen Betrachtung und Beschauung ausgewirkt auf die Bildrhetorik des Malers [3].

Ein wunderbares Beispiel hierfür sind die drei um 1599‑1602 entstandenen Gemälde der Contarelli-Kapelle in San Luigi de Francesi zu Rom, welche die Bekehrung, die Inspiration und das Martyrium des hl. Matthäus zum Thema haben und nun Gegenstand einer Ausstellung im Palazzo Venezia sind.

Hat man das Glück, vor diesen Gemälden zu stehen, ohne von künstlicher Beleuchtung gestört zu werden, was angesichts der vielen Touristen, die immer wieder Münzen in die Beleuchtungsmaschine werfen, schwierig ist, so wird man verblüfft sein, welch unerhört spirituelle Wirkung Caravaggios Gemälde auf den Betrachter auszuüben vermögen. Erscheint es nicht als ein Widerspruch, möchte man fragen, eine Kapelle, die kaum über eine Lichtquelle verfügt, ausgerechnet mit solchen Werken auszustatten, die in der Manier des Chiaroscuro gehalten sind, also vornehmlich von dunklen Tönen bestimmt und von stark belichteten Akzenten kontrastiert werden? Würde man nicht vielmehr eine hellfarbene Palette erwarten, die es dem Betrachter erleichterte, im Dunkel des Kapellenraums auch die vielen Details ausmachen zu können, die sich auf der Leinwand vor seinem Auge entfalten?

Doch Caravaggio spricht hier anders zu uns. Zunächst vermag man kaum etwas zu erkennen, nur schemenhafte Konturen, die sich im diffusen Nebel des Halbdunkels manifestieren, dann beginnt man vielleicht wie in einem Traum zu ahnen, dass hier und dort menschliche Züge sich auftun und schließlich, ganz unerwartet, treten mit einem Mal die Figuren der Gemälde in unheimlich beeindruckender Plastizität aus dem diffusen Dunkel der Kapellenwände hervor und strahlen dem Betrachter um so deutlicher und eindrucksvoller, ja fast unheimlich, entgegen. Man hat den Eindruck, als „schaute" man die Szenerien gleichsam mit dem inneren Auge. Ja, man könnte meinen, man habe eine Einleuchtung, eine Vision. In diesem Moment des Erkennens stellt sich gleichsam das Tremendum eines ungeheuren Vorgangs ein, der nicht mehr aufhören will, ein Rezeptionsvorgang, in dem sich fast schon metaphysische Prozesse vollziehen, die sich durch die ungeheuerliche Materialität der Darstellung gleichsam wieder entziehen.

Die Ausstellung im Palazzo Venezia befasst sich eingehend mit der Malweise Caravaggios und bezieht hier neueste Untersuchungsergebnisse mit ein. Der Besucher erhält so ungewohnte Einblicke in den Schaffens- und Arbeitsprozess des Malers und vermag durch großformatige Infrarot-Reflektographien gleichsam unter die Malschichten zu sehen. Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Oktober 2011 zu sehen. Nähere Informationen finden sie hier.


* Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.


[1] Caravaggio. Rome, Scuderie del Quirinale, 20 February - 13 June 2010, ed. by Claudio Strinati. The National Committee for the Celebrations of the Fourth Centenary of Caravaggio's Death 1571 - 1610, Milan 2010.

[2] Saints and Sinners: Caravaggio & the Baroque image; [Dieser Veröffentlichung wird zusammen mit der Ausstellung Saints and Sinners: Caravaggio and the Baroque Image, des Charles S. and Isabella V. McMullen Kunstmuseums veröffentlicht, Boston College, February 1 to May 24, 1999] / edited by Franco Mormando. - Chestnut Hill, Mass. [u.a.] : McMullen Museum of Art, Boston College [u.a.], c1999.

[3] Vgl. Anm. 1, Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Würzburg 42006. Valeska von Rosen, Caravaggio und die Grenzen des Darstellbaren: Ambiguität, Ironie und Performativität in der Malerei um 1600, Berlin 2009.