Caritas in veritate: der Königsweg der christlichen Soziallehre

Vorstellung der Sozialenzyklika Benedikts XVI. durch Kardinal Martino im Vatikan

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ROM, 7. Juli 2009 (ZENIT.org).- Die Liebe ist nach Worten von Kardinal Raffaele Martino der Königsweg der Soziallehre der Kirche und müsse im Licht der Wahrheit verstanden werden, die die christliche Verkündigung vorlege. Der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden stellte heute im Vatikan die dritte Enzyklika von Papst Benedikt XVI., Caritas in veritate - Liebe in der Wahrheit, vor.

Kardinal Martino wies darauf hin, dass sich die neue Enzyklika im Kielwasser von Populorum progressio bewege, jener Enzyklika Papst Pauls VI. aus dem 1967, die als Rerum novarum der Moderne bezeichnet werde.

„Die Kirche hat keine technischen Lösungen anzubieten und beansprucht keineswegs, sich in die staatlichen Belange einzumischen“, erklärte Martino mit Worten Benedikts XVI. aus dem Vorwort von „Caritas in veritate“. Dennoch wolle die Kirche hervorheben, so Martino, dass der echte Fortschritt die technische Entwicklung mit dem Potential der Liebe verbinden müsse, um das Böse mit dem Guten zu besiegen.

Der erste Abschnitt der Enzyklika (DIE  BOTSCHAFT VON POPULORUM PROGRESSIO) betone, was bereits Paul VI. im Jahr 1967 herausgearbeitet habe: dass die Entwicklung eine Berufung sei, dass sie aus einem transzendenten Anruf entstehe. Die ganzheitliche menschliche Entwicklung setze die verantwortliche Freiheit der Person und der Völker voraus. Unterentwicklung sei eine Folge mangelnder Brüderlichkeit. Eine globalisierte Gesellschaft für sich genommen lasse zwar näher rücken, mache die Menschen jedoch nicht zu Brüdern und Schwestern.

Das zweite Kapitel der Enzyklika (DIE ENTWICKLUNG DES MENSCHEN IN UNSERER ZEIT) merke an, dass Paul VI. eine differenzierte Sicht von den Problemen seiner Zeit gehabt habe. Im Abstand von 40 Jahren gebe es heute neue Herausforderungen: die Globalisierung, die schädlichen Auswirkungen einer schlecht eingesetzten und darüber hinaus spekulativen Finanzaktivität auf die Realwirtschaft, starke Migrationsströme sowie die unkontrollierte Ausbeutung der Ressourcen der Erde.

Der Reichtum der Welt wachse bei gleichzeitiger Zunahme der Ungleichheit. „Die Aspekte der Krise und ihrer Lösungen wie auch die einer zukünftigen neuen möglichen Entwicklung sind immer mehr miteinander verbunden, sie bedingen sich gegenseitig, erfordern neue Bemühungen um ein Gesamtverständnis und eine neue humanistische Synthese", schreibt Papst Benedikt in seiner Sozialenzyklika (21). Ihm gehe es nun darum, „die Vernunft auszuweiten und sie fähig zu machen, diese eindrucksvollen neuen Dynamiken zu erkennen und auszurichten, indem man sie im Sinn jener ‚Kultur der Liebe’ beseelt, deren Samen Gott in jedes Volk und in jede Kultur gelegt hat“ (33).

Im dritten Kapitel (BRÜDERLICHKEIT, WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG UND ZIVILGESELLSCHAFT) werde betont, dass die Kriterien der distributiven Gerechtigkeit und der sozialen Gerechtigkeit regulative Prinzipien für die Wirtschaft sein sollten, erläuterte Kardinal Martino.

„Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erfüllen. Heute ist dieses Vertrauen verloren gegangen, und der Vertrauensverlust ist ein schwerer Verlust“ (35).  Es bedürfe heute gerechter Gesetze, Formen der Redistribution, die unter der Leitung der Politik stünden, sowie der Werke, die im Geist des „Geschenkes“ wurzelten.

Das vierte Kapitel (ENTWICKLUNG DER VÖLKER, RECHTE UND PFLICHTEN, UMWELT) hebe hervor, dass „die Individualrechte, wenn sie von einem sinngebenden Rahmen von Pflichten losgelöst sind, verrückt werden und eine praktisch grenzenlose und alle Kriterien entbehrende Spirale von Ansprüchen auslösen“ (43).

Damit werde klar, dass das Bevölkerungswachstum nicht die Ersturache für die Unterentwicklung sei. Die Offenheit für das Leben stelle einen sozialen Reichtum dar. Die ethische Dimension sei für das Funktionieren der Wirtschaft grundlegend. Gleiches gelte für den Umweltschutz, den der Papst in einem metaphysischen und anthropologischen Kontext sehe:

„Um die Natur zu schützen, genügt es nicht, mit anspornenden oder einschränkenden Maßnahmen einzugreifen, und auch eine entsprechende Anleitung reicht nicht aus. Das sind wichtige Hilfsmittel, aber das entscheidende Problem ist das moralische Verhalten der Gesellschaft. Wenn das Recht auf Leben und auf einen natürlichen Tod nicht respektiert wird, wenn Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt des Menschen auf künstlichem Weg erfolgen, wenn Embryonen für die Forschung geopfert werden, verschwindet schließlich der Begriff Humanökologie und mit ihm der Begriff der Umweltökologie aus dem allgemeinen Bewusstsein. Es ist ein Widerspruch, von den neuen Generationen die Achtung der natürlichen Umwelt zu verlangen, wenn Erziehung und Gesetze ihnen nicht helfen, sich selbst zu achten. Das Buch der Natur ist eines und unteilbar sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen. Unsere Pflichten gegenüber der Umwelt verbinden sich mit den Pflichten, die wir gegenüber dem Menschen an sich und in Beziehung zu den anderen haben. Man kann nicht die einen Pflichten fordern und die anderen unterdrücken. Das ist ein schwerwiegender Widerspruch der heutigen Mentalität und Praxis, der den Menschen demütigt, die Umwelt erschüttert und die Gesellschaft beschädigt“ (51).

Das fünfte Kapitel (DIE ZUSAMMENARBEIT DER MENSCHHEITSFAMILIE) hebe hervor, dass die Entwicklung der Völker davon abhänge, dass sich alle als eine einzige Menschheitsfamilie begreifen und annehmen. Religionsfreiheit, Dialog unter den Glaubenden sowie internationale Zusammenarbeit - das seien die Themen, die Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang zur Sprache bringe.

„Die christliche Religion und die anderen Religionen können ihren Beitrag zur Entwicklung nur leisten, wenn Gott auch im öffentlichen Bereich mit spezifischem Bezug auf die kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und insbesondere politischen Aspekte Platz findet. Die Soziallehre der Kirche ist entstanden, um dieses ‚Statut des Bürgerrechts’ der christlichen Religion geltend zu machen. Die Verweigerung des Rechts, öffentlich die eigene Religion zu bekennen und dafür tätig zu sein, dass  auch das öffentliche Leben über die Wahrheiten des Glaubens unterrichtet wird, bringt negative Folgen für die wahre Entwicklung mit sich. Der Ausschluss der Religion vom öffentlichen Bereich wie andererseits der religiöse Fundamentalismus behindern die Begegnung zwischen den Menschen und ihre Zusammenarbeit für den Fortschritt der Menschheit. Das öffentliche Leben verarmt an Motivationen, und die Politik nimmt ein unerträgliches und aggressives Gesicht an. Die Menschenrechte laufen Gefahr nicht geachtet zu werden, weil sie entweder ihres transzendenten Fundaments beraubt werden oder weil die persönliche Freiheit nicht anerkannt wird. Im Laizismus und im Fundamentalismus verliert man die Möglichkeit eines fruchtbaren Dialogs und einer gewinnbringenden Zusammenarbeit zwischen Vernunft und religiösem Glauben. Die Vernunft bedarf stets der Reinigung durch den Glauben, und dies gilt auch für die politische Vernunft, die sich nicht für allmächtig halten darf. Die Religion bedarf ihrerseits stets der Reinigung durch die Vernunft, um ihr echtes menschliches Antlitz zu zeigen. Der Abbruch dieses Dialogs ist mit einem schwer lastenden Preis für die Entwicklung der Menschheit verbunden“ (56).

Das sechste Kapitel (DIE ENTWICKLUNG DER VÖLKER UND DIE TECHNIK) merke an, wie die technologische Entwicklung zur Idee verleiten könne, „dass sich die Technik selbst genügt, wenn der Mensch sich nur die Frage nach dem Wie stellt und die vielen Warum unbeachtet lässt, von denen er zum Handeln angespornt wird. Das ist der Grund dafür, dass die Technik ein zwiespältiges Gesicht annimmt. Da sie aus der menschlichen Kreativität als dem Werkzeug der Freiheit der Person hervorgegangen ist, kann die Technik als Element absoluter Freiheit verstanden werden, jener Freiheit, die von den Grenzen absehen will, die die Dinge in sich tragen. Der Globalisierungsprozess könnte die Ideologien durch die Technik ersetzen, die selbst zu einer ideologischen Macht geworden ist und die Menschheit der Gefahr aussetzt, sich in einem Apriori eingeschlossen zu finden, aus dem sie nicht ausbrechen kann, um dem Sein und der Wahrheit zu begegnen.“ (70)

Benedikt XVI. weise darauf hin, dass die soziale Frage in radikaler Weise zu einer anthropologischen Frage geworden sei, „insofern sie die Möglichkeit selbst beinhaltet, das Leben, das von den Biotechnologien immer mehr in die Hände des Menschen gelegt wird, nicht nur zu verstehen, sondern auch zu manipulieren“ (75). Der Papst gehe diesbezüglich auf die Frage der Abtreibung ein, die Manipulation des Lebens, die eugenische Geburtenplanung und die Euthanasie. All diese Praktiken begünstigten eine materielle und mechanistische Auffassung vom menschlichen Leben.

Abschließend halte Benedikt XVI. fest: „Der Humanismus, der Gott ausschließt, ist ein unmenschlicher Humanismus. Nur ein für das Absolute offener Humanismus kann uns bei der Förderung und Verwirklichung von sozialen und zivilen Lebensformen – im Bereich der Strukturen, der Einrichtungen, der Kultur, des Ethos – leiten, indem er uns vor der Gefahr bewahrt, zu Gefangenen von Moden des Augenblicks zu werden“ (78).