Carmine Di Martino in Rimini: „Wissen ist immer ein Ereignis!“

„Wir können ohne viele Dinge leben, aber wir können nicht ohne Sinn zu leben, ohne Wahrheit

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ROM, 31. August 2009 (ZENIT.org). - „Wissen ist immer ein Ereignis“, so Carmine Di Martino beim jährlichen Meeting der Gemeinschaft Comunione e Liberazione (Gemeinschaft und Befreiung) im italienischen Rimini letzter Woche.

„Wissen ist nicht eine Tätigkeit unter vielen, die das menschliche Subjekts vollzieht, sondern es ist die Form seiner Beziehung mit der Wirklichkeit." In ihrem Vortrag erklärte der Philosoph, dass eine „abstrakte Auffassung von Erkenntnis“ grotesk wirken könne, da sie sich „gegen die Vitalität und Kraft des Lebens“ stelle.

„Ohne Wissen gibt es kein einmaliges Ereignis“, so Di Martino. „Die Erfahrung erfordert das Verständnis der Dinge.“ Das Verständnis der Bedeutung der Realität sei nicht eine Ergänzung der jeweiligen Erfahrung, sondern beide gehörten gleich einem „perfekten Synonym“ zusammen. Es gebe keinen „Widerspruch zwischen Wissen und Erfahrung“: Gefühle, die Auswirkungen der Emotionen, Stimmungen gehörten zur „Wahrheit der Person über sich selbst“ und seien nicht nur „Reaktionen und Meinungen“, die von herrschenden Strömungen auch intelligent fabriziert werden könnten.

„Wir können ohne viele Dinge leben, aber wir können nicht ohne Sinn leben, ohne Wahrheit“, betonte Carmine Di Martino . „Trotz all der Verwirrung des modernen Menschen“ stünde „die menschliche Existenz für das dringende Bedürfnis nach Wahrheit und Sinn“.

Mit Blick auf die Worte des hl. Augustinus: „Quid enim fortius quam desiderat veritatem anima?"- „Was will der mächtigsten Mann, wenn er sich nicht nach der Wahrheit sehnt?", hieße „die Wahrheit, Forschung und das Wissen über die Bedeutung der Dinge und der Existenz aufzugeben, das konstitutiv Menschliche aufzugeben“.

Menschliche Erfahrung könne nicht in sich aufgespalten werden, da Erfahrung niemals nihilistisch oder skeptisch sei, auch wenn die jeweilige vorherrschende philosophische Strömung es sein könne. „Wissen ist dramatisch“, denn Wissen seit ein lebhaftes Spiel der Kräfte, ein konkretes Ereignis.

„Wissen und Freiheit sind von Anfang an miteinander verwoben“, bekräftigte Carmine Di Martino. Für den Gründer der Bewegung Gemeinschaft und Befreiung, Luigi Guissani, habe Erfahrung etwas mit einer spielerischen Leichtigkeit im Umgang mit der Realität zu tun gehabt. „Entweder sie gehen offen auf die Wirklichkeit zu, mit den weit aufgerissenen Augen eines Kindes, und sagen ehrlich was Sache ist…, oder sie beginnen sich angesichts der Realität zu verteidigen, mit den Händen schützend vors Gesicht gehalten, um Schäden durch unerwartete oder unerwünschte Ereignisse zu vermeiden.“

Der freie Blick auf die Wirklichkeit erlaube „ein freie Spiel zwischen den Möglichkeiten und befähigt, die Dinge zu so zu lassen, wie sie sind. Es ist eine Form die Anschauung des Seins offen zu lassen, um einfach wahrzunehmen, was ist.“

Die Aussage: „Wissen ist immer ein Ereignis“, die charakteristisch für das Denken von Luigi Giussani sei, befasse sich mit den zentralen Problemen der Erkenntnis: der Natur, den Bedingungen, Faktoren, und der Bedeutung des Wissens. Die Moderne stünde ganz unter dem Zeichen der „Problematisierung" des Wissens, so Carmine Di Martino. Der philosophische Trend heute, wie etwa der Konstruktivismus und Kognitivismus sowie bestimmte Gruppen in den Neurowissenschaften seien geprägt von den Spuren eines tiefen Cartesianismus. Drastisch vereinfacht werde mit Descartes die Welt durch Gedanken definiert, und der Gedanke werde eine „Komponente" der Welt.

Für Luigi Guissani aber habe die Radikalität des phänomenologischen Prinzips Geltung gehabt; er habe erklärt: „Man kann nicht sagen: ‚Herr, Gott des Himmels und der Erde’, wenn nicht aus der Erfahrung", und er habe darauf bestanden: „Eigentlich entgeht einem vieles ohne die Erfahrung“ - ein starker, herausfordernder und aufschlussreicher Satz. „Selbst Gott entgeht ihnen.“