Chemin Neuf: ein Meilenstein in der Ökumene (Erster Teil)

Ignatianische Spiritualität als außergewöhnliches ökumenisches Modell. Interview mit Bettina Peter, der Sprecherin der Gemeinschaft in Berlin

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 446 klicks

Chemin Neuf ist ein junge charismatische Bewegung, die sich dem Dienst an der Einheit der Christen verschrieben hat. Wie die unterschiedlichsten christlichen Konfessionen im Alltag zusammengeführt werden und auch der Dialog mit Nichtchristen gesucht wird, erzählt uns Bettina Peter, die Pressesprecherin des bekannten ökumenischen Zentrums Sankt Adalbert im Herzen von Berlin. Dort ist ein neues Wohnheim speziell für junge Menschen und Studierende geplant (Zenit berichtet).

Zenit: Chemin Neuf empfing im Jahr 2012 den Ökumene-Preis des Ökumenischen Rates Berlin Brandenburg. Dennoch ist diese außergewöhnliche Gemeinschaft wenig bekannt in Deutschland. Wie ist Chemin Neuf überhaupt entstanden?

Die Gemeinschaft Chemin Neuf ist 1973 in Lyon in Frankreich aus einem Gebetskreis entstanden. Sieben junge Leute wollten mehr als ein wöchentliches Treffen. Sie stellten sich die Frage, was es heißt in Gemeinschaft zu leben und zu hören, was Gott ihnen aufs Herz legt. So haben sie das Experiment gewagt zusammen zu leben, zu beten und zu arbeiten - erst mal im Blick auf ein Jahr, aber mit der Offenheit dafür, dass daraus mehr werden kann. Die Gemeinschaft war von Anfang an von Christen verschiedener Kirchen geprägt. Deshalb spielt das Anliegen der Einheit der Christen so eine zentrale Rolle. Die Gemeinschaft Chemin Neuf versteht sich als eine katholische Gemeinschaft mit ökumenischer Berufung.

Zenit: Wieviele Mitglieder hat die Bewegung und wo ist sie besonders verbreitet?

Die Gemeinschaft hat heute rund 2000 Mitglieder in ca. 30 Ländern, darunter z.B. Kanada, die Philippinen, Madagaskar, Kongo, Ungarn, Mauritius, Polen, Italien, England und Schweiz. Am stärksten verbreitet und bekannt ist die Gemeinschaft in ihrem Gründungsland Frankreich.

Zenit: Wie kam es zu der Verbindung von ignatianischer-jesuitischer Spiritualität und ökumenischer Berufung? Was ist das besondere Charisma der Bewegung?

Der Gründer der Gemeinschaft Chemin Neuf, Pater Laurent Fabre, ist Jesuit. So lagen ihm die Schätze der ignatianischen Spiritualität sehr nahe. Gleichzeitig hat er die Erfahrung der „Taufe im Heiligen Geist“ gemacht. Sie ist ein erneutes, bewusst ausgesprochenes „Ja“ zum Heiligen Geist, der in der Taufe empfangen wird. Die Erfahrung der sogenannten charismatischen Erneuerung ist, dass Christus wirklich unsere Herzen aus Stein verwandeln kann und uns zu Geschwistern macht, die entdecken, dass sie Kinder desselben Vaters sind, die ohne Angst Zeugnis geben von der Liebe Gottes für die Welt. Wir glauben an den Heiligen Geist, wollen auf ihn hören und persönlich sowie als Gemeinschaft unter seiner Führung leben. Diese Erfahrung haben in den vergangenen Jahrzehnten Christen aller Konfessionen gemacht, so dass die charismatische Erneuerung in sich ein ökumenisches Phänomen ist.

Die ignatianische Spiritualität ist der Gemeinschaft seit Anfang genauso wichtig. Die Exerzitien und die ignatianische Lehre der geistlichen Unterscheidung strukturieren unser Gebet und unsere Art zu leben und zu handeln: tägliches Lesen und Meditieren des Wortes Gottes, geistliche Begleitung, ignatianische Exerzitien, 30-tägige Exerzitien, die Entscheidung zum Leben des Gehorsams und zur geschwisterlichen Unterordnung, Vereinfachung des Lebensstils wie Teilen der Güter, Erlernen der geistlichen Unterscheidung, Verfügbarkeit für die Mission und den Dienst in Kirche und Welt sowie Engagement für Gerechtigkeit.

Zum Charisma der Gemeinschaft gehört der Dienst für die Einheit – Einheit der Christen, aber auch Einheit der Völker, Einheit der Familien und Einheit der Person! Wir wollen in Freude und Lebendigkeit vom Evangelium Zeugnis geben.

Zenit: Die unterschiedlichsten christlichen Kirchen, die Katholiken, Protestanten, Anglikaner und Orthodoxe (wieder) zusammenzuführen scheint die größte Herausforderung zu sein?

Die größte Herausforderung ist Jesus heute in allem, was wir sind, zu folgen. Wenn wir das tun und uns so Gott nähern, nähern wir aus verschiedenen Kirchen uns auch einander in Liebe und Demut. Ein zentraler Vers für die Gemeinschaft Chemin Neuf ist das Gebet Jesu aus dem Johannesevangelium (Johannes 17,21): „alle sollen eins sein [...], damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“. Einheit ist also kein Selbstzweck, sondern soll dazu dienen, dass wir erkennen, wer Jesus ist. Die frohe Botschaft des Glaubens auf eine authentische und treffende Art weiterzugeben, die die Herzen berührt, ist die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.

Zenit: In der Konstitution der Gemeinschaft heißt es, dass die Mitglieder zusammen leben, beten und evangelisieren, ohne ihre eigene konfessionelle Identität aufzugeben. Worin liegt die gemeinsame Spiritualität? Gibt es einen interreligiösen Dialog?

Von Anfang an ist die Gemeinschaft durch die Begegnung von Geschwistern unterschiedlicher christlicher Konfessionen geprägt. In der Tat leben die Mitglieder ihre konfessionelle Identität und engagieren sich beispielsweise in den Ortsgemeinden ihrer jeweiligen Konfession, wo sie sonntags den Gottesdienst besuchen. Die gemeinsame Spiritualität hat ihre Wurzeln einerseits in der ignatianischen Tradition und andererseits in der Erfahrung der Charismatischen Erneuerung.

Der interreligiöse Dialog ist uns ebenfalls wichtig, in erster Linie mit den Juden, dann auch mit den Muslimen. Ein herausragender Ort dieser Begegnung ist das große Zentrum „Maria von Nazareth“ in unmittelbarer Nähe zur Verkündigungsbasilika in Nazareth.

Zenit: Ein auffallendes Merkmal ist die Gemeinschaft von Familien und zölibatären Schwestern und Brüdern. Welche Rolle nehmen die Zölibatären ein?

Ein Merkmal der Gemeinschaft Chemin Neuf ist ohne Zweifel das gemeinsame Leben und Engagement von Ehepaaren und zölibatären Brüdern und Schwestern.

Die Ehepaare leben in „Lebensgemeinschaft“, das heißt in einem Haus der Gemeinschaft, oder in „Stadtviertelgemeinschaft“, das heißt in demselben Stadtviertel. In beiden Fällen hat jede Familie einen Ort für sich, nämlich eine Wohnung oder ein Haus, damit die Privatsphäre der Familie und des Ehepaares gewahrt bleibt.

Obwohl das Engagement in der Gemeinschaft nur die Ehepaare und nicht ihre Kinder betrifft, sind diese oft die Ersten, die von dem geistlichen Weg ihrer Eltern profitieren. So sind sie oft frohe Zeugen dafür, dass Geschwisterlichkeit unter Menschen verschiedener Altersgruppen, Kulturen und christlicher Konfessionen möglich ist. Die meisten verheirateten Mitglieder der Gemeinschaft üben einen Beruf aus und sind auf vielerlei Art und Weise in der Welt aktiv.

Bei den apostolischen Aufgaben teilen sich Ehepaare und zölibatäre Geschwister die Verantwortung. So sind in der Gemeinschaft Laien und Zölibatäre bei Gebet und Arbeit im gemeinsamen Dienst des Evangeliums vereint.

Zenit: Welche sind die Berührungspunkte im Alltag?

Der Alltag in den Häusern der Gemeinschaft Chemin Neuf ist durch das gemeinsame Gebet strukturiert: morgens persönliches Gebet und Laudes, Eucharistiefeier (meist mittags), abends Vesper und stilles Gebet bzw. Eucharistische Anbetung. Die zölibatären Geschwister stehen, ganz wie die Ehepaare, im Dienst der Exerzitienhäuser, der Pfarrgemeinden, der Studentenwohnheime, der verschiedenen Veranstaltungen und der Schulungszentren, die von der Gemeinschaft geleitet werden.

Zenit: Wie viele Zölibatäre gibt es?

Zur Gemeinschaft gehören mehr als 300 Brüder und Schwestern, die im Zölibat für das Reich Gottes engagiert sind: rund 150 Priester oder Brüder auf dem Weg zur Priesterweihe und 150 Schwestern. Diese zölibatären Geschwister leben die evangelischen Räte der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, die in ihren Konstitutionen verankert sind.

Der zweite Teil des Interviews folgt am Freitag, dem 14. März.