Chemin Neuf: ein Meilenstein in der Ökumene (Zweiter Teil)

Ignatianische Spiritualität als außergewöhnliches ökumenisches Modell. Interview mit Bettina Peter, der Sprecherin der Gemeinschaft in Berlin

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 306 klicks

Zenit: Chemin Neuf hat seine Fühler auch nach Deutschland ausgestreckt?

Die Gemeinschaft Chemin Neuf wurde 1994 in die Berliner Herz Jesu Gemeinde und 2010 in die katholische Hochschulgemeinde in Bonn berufen. Neben ihrer Tätigkeit in der Gemeinde ist sie durch 10 ökumenische „Net for God“, sogenannte „Netzpunkte“, deutschlandweit in der Gebets- und Bildungsarbeit aktiv. Außerdem bietet sie Wochenenden und Einkehrtage für Studierende und junge Erwachsene und verschiedene Exerzitienwochen in Stille an. Ein wichtiger Zweig ist auch die Familienarbeit mit der sogenannten Kana-Woche für Ehepaare und dem Angebot von regelmäßigen Kleingruppentreffen.

Neben der Gemeinschaft Chemin Neuf gibt es auch den Freundeskreis oder „Bund“ der Gemeinschaft, der die Spiritualität, Anliegen und verschiedene Angebote der Gemeinschaft mitträgt.

Zenit: Ist die multi-religiöse und gleichzeitig atheistische Metropole Berlin eine besondere Herausforderung?

In der Berliner Mitte ist die Herausforderung weniger die Multi-Religiosität, sondern der praktische Atheismus. Berlin ist eine faszinierende Stadt, geprägt vom Leid und vom Glück der Geschichte der letzten 150 Jahre. In den letzten Jahren ist die Stadt aufgeblüht. Besonders die Mitte Berlins zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz strahlt ein Lebensgefühl von Kultur, Liberalität, gegenseitiger Aufmerksamkeit und neuem Chic aus. Doch inmitten des steigenden materiellen Wohlstandes bleibt die Frage nach dem Sinn des Lebens spürbar und die langen Schatten der Vergangenheit sichtbar. Berlin ist geprägt vom Atheismus und Materialismus zweier aufeinanderfolgender Diktaturen. Die Christen sind in der Minderheit. Diese Situation macht das christliche Leben oft schwer, aber sie birgt auch ungeahnte Chancen: ein entschieden gelebter Glaube ist viel selbstverständlicher als im Westen Deutschlands, und die Frage nach dem Glauben wird von vielen in existentieller Weise gestellt. Eine Chance ist, dass der Dialog auf Augenhöhe mit Nicht-Gläubigen Normalität ist und Christen ihn mit zunehmendem Selbstbewusstsein führen. Das Zeugnis derer, die zum Glauben an Jesus Christus finden oder eine Erneuerung in ihrem Glauben erleben, ist stark und lebendig und spricht die Menschen an. Das christliche Zeugnis von Freude, Liebe und Vertrauen tritt einfach im Kontrast zu Gottlosigkeit, Entsolidarisierung, Sinn- und Hoffnungslosigkeit umso deutlicher hervor. Dabei haben wir sehr gute Erfahrungen mit dem Alpha-Kurs, einem Grundkurs über Glaubensfragen, machen können.

Zenit: Wie kam es zu dem Berliner Sankt Adalbert-Projekt? Was ist neu daran? Gibt es schon vergleichbare ökumenische “Wohnmodelle”?

Die Idee zum Projekt Sankt Adalbert entstand, als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass das Ensemble der Torstraße 168 von Hausschwamm befallen war und dringend saniert werden musste. Die Gemeinde Herz Jesu wollte den Ort nicht aufgeben. Sankt Adalbert sollte leben. So wurde das Konzept entwickelt, etwas völlig Neues hier entstehen zu lassen. Die Verbindung eines von einer Kommunität getragenem Studentenwohnheim mit einem öffentlichen Begegnungs- und Bildungszentrum für die Ökumene ist in dieser Form bisher einzigartig. Die Verbindung von evangelisierender Präsenz in der Großstadt, von Pastoral für junge Erwachsene und Ökumene entspricht aber ganz und gar unserem Charisma. St. Adalbert soll ein Ort des Ankommens und Austausches und gleichzeitig auch der Öffnung zur Stadt hin sein - ein Leuchtturm, der authentisch gelebten Glauben weithin ausstrahlt. Wichtig ist uns der Dreiklang „Gebet – Begegnung – Bildung“.

Zenit: Wie muss man sich den Alltag in den konfessionell gemischten Wohngemeinschaft vorstellen? Was sind die Ziele?

Man muss schauen, was mit den Tagesabläufen der Einzelnen möglich ist, aber gemeinsame Mahlzeiten über die Woche hinweg sollen Teil des Alltags werden. Verbindlich wird ein Abend der Woche für ein gemeinsames Abendessen und Programm vorgesehen sein. Außerdem gehören drei Wochenenden und eine Einkehrwoche zum Engagement für das Jahr in der Wohngemeinschaft.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Angebote, am Gebetsleben der Gemeinschaft Chemin Neuf teilzunehmen, ob beim eher liturgischen Morgenlob oder in der freieren Form des charismatischen Gebetsabends. Die Studierenden erhalten auch das Angebot der geistlichen Begleitung, was einen Gesprächsraum für Ihre Fragen und Anliegen öffnet.

Ziel ist es, die jungen Erwachsenen auf ihrem Weg der Glaubensfragen zu begleiten oder sie in ihrem schon bestehenden Glauben zu stärken und tiefer zu führen. Die Pädagogik der ignatianischen Spiritualität ermöglicht eine ausgewogene Förderung der Persönlichkeit im Geist von Solidarität und Gemeinschaft. Ignatius war es wichtig, ideale Bedingungen für das Wirken Gottes zu schaffen. Das Wort Gottes sollte den Einzelnen persönlich berühren können. So hilft Ignatius uns heute, die Menschen einen Weg der individuellen Reifung gehen zu lassen und sie zur Übernahme von Verantwortung zu befähigen.

Zenit: Für das aufwendige Umbauprojekt von Sankt Adalbert haben Sie immerhin die Schirmherrschaft von Kardinal Kasper und dem ehemaligen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse gewinnen können! Wird das Vorhaben von der katholischen Kirche unterstützt?

Ja, sogar mit großem Wohlwollen. Kardinal Woelki, der Erzbischof von Berlin, war schon mehrmals in Sankt Adalbert und hat sich sehr positiv für das Projekt ausgesprochen. Auch Weihbischof Dr. Matthias Heinrich hatte bei unserer Auftaktveranstaltung Ende Januar ermutigende Worte und glaubt fest daran, so seine Worte, dass dieses Projekt vom Heiligen Geist inspiriert wurde. Auch das Bonifatiuswerk fördert unser Projekt.

Zenit: Wie sehen die Beziehungen zur protestantischen Kirche aus?

Besonders in Berlin haben wir enge Kontakte zur evangelischen Landeskirche, aber auch zu vielen Freikirchen. Wichtig ist uns auch der Austausch im ökumenischen Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“.

Zenit: Im Jahr 2000 wurde das Gebetsnetzwerk, die internationale ökumenische Fraternität, ins Leben gerufen und zählt heute 1000 “Netzpunkte” weltweit. Chemin Neuf setzt also auch auf die neuen Kommunikations-Medien bei seiner Evangelisierungs- und Friedensarbeit?

Auf jeden Fall. In unserer Jugendarbeit spielen die sozialen Netzwerke eine große Rolle, beispielsweise um zu unserem  Sommerjugendfestival „Welcome to Paradise“ in der Abtei Hautecombe in den französischen Savoyen einzuladen. Und in dem Fall mit „Net for God“, den Sie ansprachen, ist es ein echter Segen, dank der modernen Möglichkeiten die Filme mit Zeugnissen vom Wirken Gottes und Gebetsimpulsen in so viele Sprachen und Länder übermitteln zu können.

Frau Peter, wir bedanken uns für das Gespräch.

Der erste Teil des Interviews erschien gestern, am Donnerstag, dem 13. März.